Engpass Fachkraft: Landesflucht

Woher auch immer österreichische Firmen ihre Facharbeiter aus dem Osten holen wollen – aus Polen sicher nicht. Die seltsame Kombination aus Wirtschaftsboom und Exodus hat im größten der neuen EU-Länder den Arbeitsmarkt leer gefegt.

Anfang Juni erschienen vier polnische Lackierer bei Rudolf Zwinger und drohten mit Emigration. „Erst haben sie über ihre schlechten Arbeitsplätze geklagt. Darauf haben wir sofort ihre Lackierboxen erneuert“, erzählt der hemdsärmelige Steirer, der als Abteilungsleiter in der mechanischen Fertigung des Elektromotorenherstellers ATB in Tarnow nahe Krakau für 240 Mitarbeiter verantwortlich ist. „Dann haben sie gesagt, sie gehen nach England oder Irland, wenn wir ihnen nicht mehr zahlen.“ Den großspurigen Lohnforderungen konnte Zwinger nicht nachkommen. Drei der vier gingen tatsächlich.

Es war nicht der erste Fall von Gruppenkündigung im südpolnischen Werk, das zum Reich des österreichischen Industriellen Mirko Kovats gehört. Um den Druck zu erhöhen, tauchen die Arbeiter meist im Team auf, schildert Zwinger, der gegen die Flexibilität seiner Fachkräfte meist machtlos ist: „Die Polen hält hier nichts. Viele haben hier gerade einmal 30-Quadratmeter-Wohnungen.“

Dabei sind die Auftragsbücher von ATB voller denn je, Zwinger ringt um jede einzelne Kraft in der Aluminiumbearbeitung oder Gusstechnik. „Wir haben jetzt Schwierigkeiten, alle Aufträge termingerecht abzuwickeln“, klagt er.

Exodus. Innerhalb eines Jahres ist der Arbeitsmarkt Polens auf den Kopf gestellt worden. Seit dem EU-Beitritt des 38-Millionen-Einwohner-Landes, das vor drei Jahren noch unter einer Arbeitslosenrate von fast 20 Prozent stöhnte, sind nach offiziellen Angaben 600.000, nach Schätzungen aber über zwei Millionen Polen ausgewandert, vornehmlich in jene EU-Länder, die ihre Arbeitsmärkte für die neuen Europäer geöffnet haben: Großbritannien, Irland, Niederlande, aber auch Norwegen. Von „Klein-Warschau“ spricht man schon in manchen Vierteln von Den Haag, London oder Dublin, wo sich die neuen Bürger als Blumenhändlerinnen oder Busfahrer, als Bauarbeiter oder Zimmermädchen verdingen.

„Es ist schon erstaunlich, wenn man heute durch die Straßen von Kattowitz geht“, wundert sich Heinz Pascher, polnischer Projektmanager von FAB, dem in Linz beheimateten Verein zur Förderung von Arbeit und Beschäftigung, in der polnischen Industriestadt. „Bei jedem zweiten Restaurant oder Geschäft sieht man ein Schild, dass jemand eingestellt wird. Das war vor zwei Jahren noch undenkbar.“ Paschers Projekt ist eigentlich dazu da, nach Vorbild österreichischer Arbeitsstiftungen beschäftigungslos gewordenen Menschen aus den restrukturierten Industrieriesen der Region neue Orientierung auf dem Arbeitsmarkt zu geben, etwa durch Schulungen. Inzwischen verlagert sich der Schwerpunkt rapide vom so genannten Outplacement, dem Umschulen durch Herausnehmen aus dem Arbeitsprozess, zum Implacement, der Umqualifizierung im laufenden Betrieb: Denn auch Pascher hat erlebt, wie Schulungsteilnehmer zwischendurch nach England oder Irland abgehauen sind. Pascher: „Wir hoffen dann eben, dass sie zurückkommen.“

Emigration trotz Boom. Wirtschaftsflüchtlinge kann man diese Emigranten nicht nennen: Als Folge des Investitionsbooms, ebenfalls eine Folge des Beitritts zur Europäischen Union, hat das Land der Kaczynski-Zwillinge auch seine Wirtschaftsdaten auf Hochglanz gebracht: Über sechs Prozent soll das Wachstum dieses Jahr betragen, kein anderes EU-Land dieser Größe bringt es auf diese Dynamik. Die Arbeitslosenquote wird noch diesen Sommer unter die 10-Prozent-Marke fallen.

Das ist zwar noch immer ein hoher Wert – doch gute Professionisten sind fast nicht mehr zu kriegen. Der Stellenmarkt für qualifizierte Arbeiter, aber auch für Ärzte und Erntehelfer, ist völlig ausgetrocknet. Viele ausländische Firmen, die auch wegen der Aussicht auf gut ausgebildetes, billiges Personal nach Polen gekommen sind, hat diese Entwicklung kalt erwischt. „Am meisten fehlt es bei uns an Schlossern, Mechanikern, Zimmerern, Tischlern und Schweißern“, ächzt Gernot Moitzi von der Personalservice-Tochter des Linzer Industrie- und Gebäudetechnikspezialisten MCE, der in Krakau tätig ist. Die Rekrutierungsschlacht wird brutal geführt, die Abwerber sind professionell organisiert, erzählt Moitzi: „Uns betrifft das Problem täglich. Vor Kurzem kam eine englische Maschinenbaufirma hierher, die 20 Leute, vor allem Schlosser im Anlagenbau, mit Preisen abwarb, die das Vierfache des lokalen Niveaus bedeuten.“

Weil die Firmen kaum eine andere Wahl haben, müssen sie schlicht tiefer in die Tasche greifen, damit die Besten bleiben. Wer clever pokert, kann dann mit einem Nettolohn von 1000 Euro aufwärts rechnen, sagt Moitzi und malt ein drastisches Bild: „Die Preise für qualifizierte Arbeiter steigen wöchentlich.“

Und das ist nicht nur im fachkräftemäßig völlig ausgedünnten Südpolen der Fall, in dem besonders viele österreichische Firmen angesiedelt sind. Auch im strukturschwachen Norden kämpfen Unternehmer und Manager mit diesem völlig neuartigen Problem.

Kollektive Glückssuche. Stefan Leitl zum Beispiel führt ein Mineralwolle-Werk der österreichischen Isoroc-Holding in Nidzica, einem 15.000-Einwohner-Städtchen in der Woiwodschaft Ermland-Masuren, 130 Kilometer nördlich von Warschau. Die Arbeitslosigkeit ist dort mit über 20 Prozent eine der höchsten des Landes, die Mobilität traditionell gering, „Fremde“ war bis vor Kurzem ein Fremdwort: Der 30-jährige Sohn von Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl – neben Alexander Maculan und der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich Gesellschafter der Isoroc – ist selbst der einzige Ausländer in der Stadt.

Und doch herrscht neuerdings das Motto: Wer eine Arbeit hat, sucht eine noch bessere Arbeit. Leitl hat in dem 170-Mitarbeiter-Betrieb bisher rund 15 Fachkräfte ziehen lassen müssen, vor allem junge, ungebundene Schweißer und Elektriker. „Es gibt jetzt eine kollektive Sehnsucht, das Glück im Ausland zu machen“, beobachtet er, der sogar eine sich verstärkende Dynamik wahrzunehmen glaubt. „Die Emigration beruht auf dem Multiplikatoreffekt: Der Schwager ist in Dublin, der Nachbar in London, der Freund in den Niederlanden.“

Auch Isoroc muss deshalb bei der Gage drauflegen. Leitl: „Wir versuchen zu reagieren, indem wir ein Bonussystem eingeführt haben, mit dem wir die Beschäftigten am Ergebnis beteiligen, was im Schnitt zu 20 bis 25 Prozent mehr Lohn geführt hat.“ Mit Investitionen am Standort – in eine Werkserweiterung – wollen die Österreicher überdies demonstrieren, dass sie nicht nur aufs Geldscheffeln, sondern aufs nachhaltige Wirtschaften aus sind.

Engpass Fußball-EM. Wer auf schnelle Besserung hofft, irrt. Polen steht mit den Vorbereitungen auf die Fußball-Europameisterschaft 2012, die es gemeinsam mit der benachbarten Ukraine austragen wird, der nächste Infrastrukturschub unmittelbar bevor: Straßen müssen für das gigantische Sportspektakel ebenso gebaut werden wie neue Stadien. Dazu braucht es tausende Bauarbeiter zusätzlich. „Das vertieft die Probleme“, gesteht Nicole Ziegler, Sprecherin des Baukonzerns Strabag. Die Österreicher wollen etwa mit der Forcierung von unbefristeten Dienstverträgen, höheren Sozialleistungen und der „Schaffung eines positiven Betriebsklimas“ (Ziegler) darauf reagieren. Der Konkurrent Porr wollte übrigens zu der Frage, wie stark die Auswirkungen der Arbeitskräfteknappheit auf das operative Geschäft in Polen sind, nicht Stellung nehmen.

Hoffnungen setzt die Baubranche auf Arbeitserleichterungen für weißrussische, ukrainische und russische Arbeiter. Seit 20. Juli gilt eine Verordnung, die es möglich macht, Fachkräfte aus diesen Ländern ohne gesonderte Arbeitserlaubnis für drei Monate ins Land zu holen. Der Mangel werde durch diese „Prinzipien des freien Marktes“, hofft Strabag-Sprecherin Ziegler, verringert.

Diese Rechnung dürfte ebenso wenig aufgehen wie die Annahme österreichischer Firmen, den heimischen Fachkräftemangel durch Sonderregelungen für Ostarbeiter überbrücken zu können. Thorsten Leipert vom Warschau-Büro der österreichischen Wirtschaftsanwaltskanzlei enwc schätzt, dass schon jetzt 300.000 Ukrainer illegal in Polen arbeiten, „mit Löhnen zwischen fünf bis acht Zloty pro Stunde (entspricht 1,50 bis zwei Euro, Anm.) auf die Hand“. Arbeiter in Sankt Petersburg erhielten aber jetzt schon bis zu 1000 Dollar monatlich am Bau – also das Dreifache. „Das wird spätestens 2012 zum Problem“, meint Leipert, der den polnischen Arbeitsmarkt ausführlich studiert hat: „Die Ukrainer werden dann in der Ukraine bleiben und dort für russische Baufirmen arbeiten.“ Anders formuliert: Die eigenen Leute sind in den Westen emigriert, und die nachgerückten billigen Ostarbeiter werden in den Osten gehen, wo sie ebenfalls besser verdienen können. In der Mitte liegt Polen.

Das ist keineswegs ein Drohszenario, sondern in Teilbereichen schon Realität. Eine Fact-Finding-Mission von MCE-Managern in die Ukraine ergab, „dass die Ukrainer in Russland oder Norwegen zu Preisen arbeiten, die längst über dem westeuropäischen Niveau liegen“, erzählt Moitzi. „Die Ukrainer gehen lieber in andere westliche Länder, wo sie höhere Löhne als in Polen bekommen“, bestätigt auch Barbara Beck, Europa-Chefin des Personaldienstleisters Manpower. Beck sieht den Kampf um die besten Facharbeiter immer weiter in den Osten wandern. „Wir sehen im Baubereich jetzt Anstrengungen seitens der polnischen Regierung, von Indien und dem Rest Asiens Arbeiter zu holen“ (siehe Interview auf Seite 86).

Ostakademien. Aber einige Unternehmen wollen nicht länger darauf warten, ob und wann die Politik ihnen das Wirtschaften erleichtert – und nehmen das Heft selbst in die Hand. Neben Lohn- und Gehaltserhöhungen starten demnächst auch firmeneigene Ausbildungsprogramme, die die Mitarbeiter stärker an das Haus binden und entsprechend weiterqualifizieren sollen. In Polen ist dieses Betätigungsfeld weitgehend unbekannt, erst ausländische Firmen importieren entsprechende Konzepte.

Otto Hirsch, dessen Malerwerkstätte aus Leonding so etwas wie ein Ostpionier unter den Gewerbebetrieben ist, bereitet gerade eine eigene Aus- und Weiterbildungsinitiative vor, deren „Denkzentrale“ im südpolnischen Jelena Gora sein soll, wo sich Hirschs Polen-Niederlassung befindet. Sein Konzept: den Mitarbeitern, vom Maler bis zum späteren Partner in einer lokalen Niederlassung, eine klare Entwicklungsperspektive zu bieten.

Die Hirsch-Akademie wird nicht stationär sein, sondern auch in anderen Ostniederlassungen der Malerwerkstätte tätig werden. „Seminarorte werden Warschau, Sankt Petersburg, Bukarest etc. sein“, schwebt dem Unternehmer vor, der sich auch vorstellen kann, die Akademie anderen Berufsgruppen aus dem Baunebengewerbe, etwa Fliesenlegern oder Gipskartonbauern, zu öffnen. „200 bis 250 Leute im Jahr sollten da schon durchlaufen“, lacht Hirsch mit unerschütterlichem Optimismus. Mit der Business School in Nowy Sadz hat er sich schon einen Kooperationspartner angelacht, der das Seminar-Know-how einbringen soll – und das Know-how, wie man EU-Förderungen anzapft.

Eine Art Akademie plant auch Moitzi von der MCE ab Anfang 2008, nicht nur für firmeninterne Zwecke, sondern auch für externe Firmen. Die drei- bis viermonatigen Kurse sollen wie WIFI-Kurse angelegt sein und die ärgste Not auf dem Personalmarkt lindern.

Auf die Zusammenarbeit mit Ausbildungsanbietern setzt Karl Hala, in Wien geborener Direktor des Hotel Inter-Continental in Warschau. Auch er hat in den letzten Jahren sehen müssen, wie immer mehr Personal, „vom Zimmermädchen bis zur Rezeptionistin“, ins Ausland, vor allem nach Großbritannien, weggegangen ist. „Wir müssen mehr Trainee- und Praktikumsplätze anbieten“, versucht er nun in einem ersten Schritt, selbst Nachwuchs heranzuziehen.

Dass alle diese Initiativen auch bedeuten, womöglich für die Konkurrenz auszubilden, ist den Österreichern in Polen bewusst. Malermeister Hirsch: „Das nehme ich in Kauf. Denn wenn wir das Problem nicht lösen können, werden wir in Polen scheitern. Es ist eine Notwendigkeit, die aus unserer täglichen Arbeit heraus entsteht.“

Er geht davon aus, dass es vor allem die kritischen Jahre zu überbrücken gilt: 2015, predigt Hirsch seit Langem, werde es in ganz Europa kaum mehr Gefälle bei Preisen, Löhnen und Qualitäten geben. MCE-Mann Moitzi ortet jetzt schon, dass Nettolöhne über 1000 Euro, wie sie schon vereinzelt bezahlt werden, es manchen polnischen Facharbeitern in der Emigration „interessant erscheinen lassen zurückzukommen“.

Rudolf Zwinger in Tarnow wirft dagegen einen skeptischen Blick auf zwei seiner jungen Arbeiter, die an den Kupferspulen für die großkalibrigen Motoren hantieren. Nachdenklich und eingedenk der Erfahrungen in den letzten Monaten sagt er: „Wir wissen nicht, wann die nächste Lohnforderung kommt. Das ist ein Fass ohne Boden.“

VON BERNHARD ECKER

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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