Energie. 'Here Comes the Sun'

Angst vor steigenden Strompreisen? Ein Sonnenkraftwerk am Dach macht unabhängig. Nach jahrelangem Nischendasein beginnt die Fotovoltaik zu boomen.

Die einen kaufen sich Ferraris, wenn sie viel Geld haben. Andere machen einen auf Aussteiger. Marcel Brenninkmeyijr jedoch investierte eine Milliarde Euro in Windkraft- und Fotovoltaikanlagen. Die Brenninkmeyijrs sind die Schweizer Eigentümer der Modehandelskette C&A, eine der reichsten Familien Europas, beinharte Rechner – und Öko­freaks? Ersteres ganz sicher. Marcel Brenninkmeyijr hatte den richtigen Riecher, als er 2001 ambitionierten Jungmanagern schlappe zehn Millionen Euro in die Hand drückte und sagte: Gründet die Firma Good Energies und macht was Zukunftsorientiertes. Denn was damals noch Spinnerei war, dürfte eben jetzt zum Durchbruch gelangen: Nach der Windkraft erlebt derzeit die Fotovoltaik, also die Umwandlung des Sonnenlichts in elektrischen Strom, den Beginn eines gewaltigen Booms. Dank (europaweit) großzügiger Fördermodelle, sinkender Produktionskosten und des gleichzeitigen Preisanstiegs fossiler Energien kippt die Wirtschaftlichkeitsrechnung in Richtung Solarenergie, die lange Zeit als hoffnungslos überteuerte Stromgewinnungsform galt. Vor allem für Privathaushalte, wo die Vorteile der dezentralen Energieproduktion bereits jetzt voll ausgespielt werden können. Good Energies hat als Finanz­investor bisher mehr als eine Milliarde Euro in die Fotovoltaikbranche investiert, demnächst kommt die nächste Milliarde. Chief Investment Officer Sven Hansen: „Wir hatten nie gedacht, dass das so groß wird.“

Die Gründe für den Boom sind schnell erklärt. Neben den tatsächlich länderweise sehr unterschiedlichen Fördermodellen wurden vor allem die Anlagenelemente in den vergangenen Jahren schneller billiger, als es viele vorhergesagt hatten. Und es ist absehbar, dass viele der bisher noch begrenzenden Faktoren in Kürze auch noch wegfallen werden. Es geht dabei weniger um die energetische Effizienz der Technologie als um die Konsolidierung der am Markt tätigen Firmen. Immer größere Unternehmen glauben den Prognosen der Experten: Die deutsche Bosch-Gruppe etwa (270.000 Mitarbeiter, 46 Milliarden Euro Umsatz) kaufte vor Kurzem den Thüringer Solarzellenhersteller Ersol Solar um eine Milliarde Dollar. Die französische Schneider Electric (112.000 Mitarbeiter, 13,7 Milliarden Euro Umsatz) verhandelt derzeit um einen kanadischen Wechselrichterhersteller.
Auch die Engpässe beim zur Herstellung erforderlichen Rohstoff durch die explosionsartig gestiegene Nachfrage sollten bald der Vergangenheit angehören. Zum einen werden bereits Solarzellen ohne Silizium (organische Solarzellen) oder mit wenig Silizium (Dünnschichttechnologie) eingesetzt. Zum anderen werden schon im Jahr 2009 mehrere größere Fabriken in Asien mit der Siliziumproduktion beginnen – ein Garant für fallende Preise für die Endkunden. Nur zum Vergleich der Dimensionen: Heute wird zur Herstellung von Fotovoltaikzellen weltweit mehr Silizium verwendet als in der gesamten Halbleiterindustrie (Computer). Diese Entwicklungen rücken die Herstellungskosten von Sonnenstrom in kalkulierbare Bereiche von rund 30 Cent je Kilowattstunde, bereits im Jahr 2010 rechnet die Branche mit 20 Cent.

Das liegt zwar noch deutlich über den derzeitigen Gestehungskosten für normalen Strom – die werden aufgrund der Knappheit fossiler Grundenergieträger (Erdöl, Erdgas) unaufhaltsam steigen. Mitte September etwa hatten die heimischen Stromversorger die Öffentlichkeit dezidiert auf weitere Preissteigerungen im Jahr 2009 vorbereitet. Das ist relativ leicht vorhersagbar: Im Jahr 2007 etwa kauften Verbund, EVN & Co den heute gelieferten Strom damals noch um etwa fünf Cent je Kilowattstunde (Grundlast) ein. Zuletzt allerdings (Ende August 2008) explodierte der Preis für diese Forwards (also Lieferung 2009) auf bis zu neun Cent für Grundlast, Spitzenstrom bis auf 13 Cent.

Vor allem aber: Rechnet man die bei Normalstrom notwendigen Kosten für Stromnetze und die anfallenden Gebühren und Steuern hinzu, ist für viele Endverbraucher der Umstieg auf Fotovoltaikstrom schon jetzt eine lohnende Alternative. Haus­besitzer können mit einem Fotovoltaikkraftwerk am Dach ihren zukünftigen Strombedarf auf Dauer „hedgen“, das heißt, sie können den Strompreis zumindest auf jetzigem Niveau einfrieren – vorsichtig gerechnet. Michael Pierer, Vorstand der Oekostrom AG: „Unsere Kunden rennen uns die Türen ein.“ Die ersten Energie­versorger wie die niederösterreichische EVN oder die Oekostrom AG haben dazu bereits Modelle entwickelt. Sie sehen die Fotovoltaik ernsthaft als Entlastung für den Netzbetrieb. Immerhin produziert eine Solarzelle begehrten Spitzenstrom, also um die Mittagszeit, wenn der Stromverbrauch im Netz am größten ist.

So gesehen sind die sieben Cent je KWh , die die EVN für die Einspeisung von Solarstrom aus Privatanlagen bietet, nicht viel – Spitzenstrom an den Strombörsen kostet rund das Doppelte. Der Staat, der mit Förderungen bei erneuerbaren Energieformen etwa im Biomassebereich sonst nicht wirklich geizt, lässt für den Fotovoltaikboom hingegen wenig springen. Bei der Formulierung des neuen Ökostromgesetzes (seit Sommer 2008 in Kraft) wurden im Wirtschaftsministerium offenbar das Potenzial und das Interesse der Stromkunden für Fotovoltaik schwer unterschätzt. So war etwa die gesamte für das Jahr 2008 eingeplante Investitionsförderung für Privatanlagen innerhalb von 15 Minuten nach Beginn der Aktion vergeben – denn es kamen gerade einmal acht Millionen Euro zur Vergabe.

Die heimische Fotovoltaikindustrie jedenfalls kommt aus dem Staunen über die geringen Förderungen nicht mehr heraus. Manfred Heidegger, Geschäftsführer der Tiroler Firma Solon Hilber, die eines der weltgrößten Solarkraftwerke in Deutschland gebaut hat: „Weltweit hat die Fotovoltaik den Durchbruch geschafft – in Österreich hat der Wirtschaftsminister eine Chance verpasst.“ Nicht dass Heidegger Förderungen brauchen würde. Seine Firma hatte im Jahr 2004 gerade mal mit einer Million Euro Umsatz begonnen, und nur vier Jahre später sind es 180 Millionen. Exportanteil: 99 Prozent. Der Boom gilt für die ganze Schar heimischer Betriebe aus der Fotovoltaikbranche. Sei es etwa die Firma Iso­volta (Constantia-Konzern), die die Kunststofflaminate produziert, in die die Fotozellen eingegossen werden, oder die Firma Fronius, die sich zum Weltmarktführer für Wechselrichter entwickelt hat. Auch die Kärntner Firma Kioto – sie stellt Solarmodule her, die auch bei schwacher Lichteinstrahlung genug Stromausbeute liefern – kommt mit dem Produzieren nicht mehr nach. Vertriebsleiter Robin Hirschl: „Das Geschäft läuft hervorragend – allerdings nur außerhalb Österreichs.“ Oder die Firma Ertex-Solar, sie kons­truiert hochmoderne durchscheinende Fassadenelemente mit integrierten Fotovoltaikzellen. Geschäftsführer Martin Aichinger: „Der Boom zischt Österreich links und rechts an den Ohren vorbei. Wir sind ein Entwicklungsland, weil die Politik die Entwicklung vollkommen verschlafen hat.“

Volkswirtschaftlich gesehen würde sich eine stärkere Anschubfinanzierung in Österreich durchaus rechnen, behauptet jedenfalls der Chef des Dachverbands für Fotovoltaik in Österreich, der frühere EU-Abgeordnete Hans Kronberger: „Wir überweisen jährlich elf Milliarden Euro für den Ankauf von Strom ins Ausland – da sind ein paar Millionen für die Entwicklung einer energietechnischen Unabhängigkeit mehr als gut investiert.“ Allzu hohe Förderungen, auf allzu lange Zeit garantiert, wären allerdings eher ein Klotz am Bein der Entwicklung der Fotovol­taikindustrie. Denn die durchaus bereits erkennbaren Rationalisierungspotenziale werden so lange nicht wahrgenommen, solange sich die Investition in Fotovoltaikanlagen nur der Förderungen wegen rechnet. Q-Cells, einer der größten Solarzellenhersteller der Welt, weiß bereits genau, wo rund 50 Prozent der Herstellungskosten eingespart werden können.

Wenn die Entwicklung so weitergeht , und daran zweifelt innerhalb der Fotovoltaikbranche so gut wie niemand mehr, braucht es die Förderungen in Kürze gar nicht mehr. Im sonnigen Süden Europas erwartet man innerhalb der nächsten zwei Jahre bereits die so genannte „Netzparität“, das heißt, Strom aus Fotovoltaik­anlagen kann ohne Förderungen mit Strom der herkömmlichen Energieversorger preislich mithalten. In Mitteleuropa sollte es noch rund fünf Jahre dauern. Denn die Möglichkeiten sind selbst in Österreich mit einer mittleren Sonneneinstrahlung gewaltig. In einer Studie von Arsenal-Research wird der Fotovoltaik ein realisierbares Entwicklungspotenzial auf jährlich 23 MWh zugeschrieben. Zum Vergleich: Das wäre das Zehnfache der jetzigen Biomassenutzung oder beinahe zwei Drittel der jetzigen Großwasserkraftwerke. In Bayern etwa – mit durchaus vergleichbaren klimatischen Bedingungen – werden bereits zwei Prozent der gesamten Strommenge aus Fotovoltaikanlagen hergestellt. In Österreich sind es derzeit 0,02 Prozent.

Von Markus Groll

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