"Eine Blase wie in den USA sehe ich nicht":
Rothensteiner zu Schulen, Hypo & mehr

Walter Rothensteiner, Generaldirektor der Raiffeisen Zentralbank und als Obmann der Bankensektion der WKO oberster Interessen-vertreter seiner Branche, über die Gefahr einer zweiten Blase, die Schuld der Schulen am mangelnden Verständnis der Österreicher für den Kapitalmarkt und das Schicksal der Hypo Alpe-Adria. Interview: Thomas Martinek

Interview: Thomas Martinek

trend: Es wird schon wieder vor einer neuen Wirtschaftskrise gewarnt. Ist das Thema „Blase Nummer zwei“ ein Medienhype oder doch eine echte Bedrohung?
Rothensteiner: In unserem aktuellen Geschäft merken wir nichts davon. Aber ich schließe natürlich nicht aus, dass irgendwelche findigen Amerikaner schon wieder auf die Idee gekommen sind, man könnte doch etwas Neues erfinden. Nach meinem Wissen ist es auch noch nicht verboten, ein Special Purpose Vehicle (Unternehmen zum Auslagern von Risiko; Anm. d. Red.) zu gründen, dort 100.000 Kredite für Eigentumswohnungen von Leuten, die kein Geld haben, hineinzupacken und das wieder weiter­zuverkaufen. Und dem allen verleihen Ratingagenturen noch ein AAA-Rating. Diese Dinge gehören schön langsam wirklich abgestellt.

Aber mit dem Geld, das zur Rettung der Wirtschaft nach der Krise 2009 in den Markt gepumpt worden ist, wird ja schon wieder munter drauflosspekuliert.
Das stimmt natürlich für Österreich so nicht. Die jetzt bei Banken vorhandenen Mittel sind zu einem guten Teil aus staatsgarantierten Anleihen gekommen. Und die brauchen Banken dazu, um auslaufende Anleihen zurückzuzahlen. Das ist keine Spekulation mit staatlichem Geld, vielmehr führen die Institute dafür eine Garantiegebühr an die Republik ab.

Aber das niedrige Zinsniveau, das im Augenblick herrscht, lädt ja gerade dazu ein, so genannte Carry Trades zu machen. Also billige Kredite aufzunehmen und damit zu spekulieren. Genau jene Investmentbanken, die vor zwei Jahren mit diesen Geschäften die Blase zum Platzen gebracht haben, die machen das schon wieder in gleichem, wenn nicht in größerem Ausmaß.
Ich kann nur sagen, wir in der RZB haben dieses Thema nicht. Ich glaube auch, dass wir es in Österreich nicht in größerem Ausmaß haben, aber was von weiter westlich kommt, da bin ich mir schon nicht mehr so sicher.

Weltweit wird in Wirtschaftsmedien schon wieder vor einer Blase gewarnt.
Es kann natürlich nie schaden, vor einer Bubble zu warnen. Weil das dazu führt, dass die Leute bei Anlageformen, bei denen sie sich nicht auskennen und die ihnen von irgendwelchen windigen Anlageberatern empfohlen werden, nicht hingreifen.

Aber das machen doch die Berater der Banken genauso …
Ich kann nicht ausschließen, dass im Bankbereich nicht auch der eine oder andere Vermögensberater unterwegs ist, der Kunden riskante Produkte aufs Aug drücken will. Das ist aber die Ausnahme und nicht die Regel. Bei den Raiffeisenbanken gibt es außerdem keine Abschlussprovisionen, bei denen der Berater auch noch Geld bekommt, wenn er dem Kunden so ein faules Papier verkauft.

Müssten Banken nicht genau deshalb vor einer neuen Blase warnen?
Wenn ich überzeugt bin, ich verkaufe meinem Anleger keinen Blödsinn, brauche ich ihn auch nicht zu warnen.
Wenn heimische Banken nicht warnen, wer soll denn warnen?
Das könnte die FMA machen. Aber die warnt nur in bescheidenem Ausmaß, wenn wirklich jemand betrügerisch unterwegs ist. Da könnte es den einen oder anderen Fall noch geben.

Aber es geht ja nicht nur um echten Betrug, sondern darum, dass auf den Finanzmärkten schon wieder mit hochriskanten Papieren spekuliert wird, ohne dass hinter dem Gewinn, der daraus entsteht, eine reale wirtschaftliche Entwicklung steckt. Nehmen wir die Wiener Börse. Die hat heuer eine sensationelle Entwicklung gezeigt, obwohl wir mitten in der Krise stecken. Ist das alles auf fundamentale Daten zurückzuführen?
Das ist schwer zu sagen. Zum Beispiel war der Kurs der Raiffeisen International heuer schon unter 13 Euro, wir waren davor aber auch schon bei knapp 124 Euro, und jetzt sind wir bei zirka 45. Begründen kann man das kaum.

Dann haben Spekulanten also 60 Prozent Gewinn in einem Jahr gemacht. Wie erklärt man das jemandem, der nur ein Sparbuch mit 0,5 Prozent hat und sich über Spekulanten ärgert?
Da muss ich bei Adam und Eva anfangen. Denn in den Schulen erfolgt keine ausreichende Ausbildung unserer Jugend. Die Vermittlung von Wissen in Wirtschaftsthemen ist in unseren Schulen gleich null. In Wahrheit müsste einer, der heute aus der Haupt- oder der Mittelschule kommt, wissen, wie sich Aktien bewegen, was eine Börse macht, was die wesentlichen Wertpapierthemen sind. Diese Kenntnis haben die aber nicht. Und dann laufen sie einem windigen Anlageberater in die Hände, und der verkauft ihnen etwas Hochriskantes. Dann haben diese Leute einen Schweizer-Franken-Kredit, der mit Junkbonds besichert ist. Und nachher sind sie sauer, weil sie mehr für den Kredit zurückzahlen müssen, weil kein Tilgungsträger mehr vorhanden ist.

Mit Verlaub, es waren aber die Banken, die sich mit hochriskanten ­Derivatprodukten eingedeckt haben und seit dem September 2008 Milliarden damit verloren haben. Und der Steuerzahler hat das Gefühl, er muss für etwas bezahlen, das er nicht verschuldet hat.
Die RZB war’s nicht, und die Frage ist: Was ist die Alternative?

Sie meinen ein Zusammenbruch des internationalen Bankensystems?
(Nickt schweigend.)

Aber die Steuerzahler und Anleger haben das Gefühl, dass nicht nur sie hochkomplizierte Investmentprodukte nicht verstehen, sondern dass viele der Millionenboni kassierenden Investmentbanker selbst nicht genau ­wissen, wie ihre Produkte funktionieren.
Dem würde ich absolut beipflichten. Dort gibt es genauso menschliche Fehler. Das ist leider jahrelang gut gegangen, weil die Börsen moderat gestiegen sind und man da den Leuten fast alles verkaufen konnte.

Die RZB ist im asiatischen Raum stark engagiert. Es heißt, dass die Bedrohung einer zweiten Blase besonders von China ausgeht. Dort herrscht ein gewaltiger Bauboom. Für die Expo 2010 in Shanghai wird eine Unmenge Geld in die Wirtschaft gesteckt. Die Situation in China, in Asien ist doch ähnlich wie in den USA vor ein paar Jahren?
In Asien ist die RZB nur ergänzend zum Heimmarkt in Österreich und Zentral- und Osteuropa tätig. Einer Blase wären wir daher nur eingeschränkt ausgesetzt. Ich glaube, viele sagen, den Rest der Welt hat es schon erwischt, jetzt kann nur noch Asien drankommen. Ich war vor Kurzem in Singapur. Das Wachstum dort ist zwar im ersten Quartal um 17 Prozent eingebrochen, aber im zweiten Quartal wieder um 20 Prozent gestiegen. Aber Singapur ist eine Ausnahme. Ich schließe nicht aus, dass aus dem asiatischen Raum noch etwas kommt. Manchmal habe ich den Eindruck, die Krisen kommen in gewissen Reihenfolgen. In Asien war schon länger nichts. Die letzte Krise war dort 1998. Aber so eine riesige Blase wie die, die wir von Amerika hereinimportiert bekommen haben, sehe ich im Moment nicht.

Gesetzt den Fall, es kommt doch zum Platzen einer zweiten Blase, wer soll das dann bezahlen? Es gibt ja kein Geld mehr.
Also gesetzt den Fall … Deshalb habe ich auch keine Eile bei der vorzeitigen Rückzahlung von Staatsgeldern. Da zahle ich lieber noch ein Jahr lang Zinsen, um wirklich sicher zu sein. Wenn es tatsächlich noch eine zweite Krise gibt, bin ich mit der RZB in ­einer Position, wo mir nichts passieren kann. Bisher kam es nicht dazu, aber wenn die ganze Welt zusammenbricht, sind wir ohnehin alle verloren.

Welche Maßnahmen wurden getroffen, um so eine Krise zu verhindern?
Wir haben uns bis oben hin mit Kapital eingedeckt, das hätten wir sonst nicht getan, weil das ja einen nicht geringen Teil des Ergebnisses kostet. Und man hat gesehen, was Basel II wirklich bewirkt. Auch deshalb müssen wir jetzt mit den Kunden wesentlich stringentere Gespräche über ihre Bonität führen.

Und was ist aus der von allen Banken geäußerten Forderung nach unabhängigen Ratingagenturen geworden?
Als Bank habe ich das Problem, dass uns die Agenturen alle paar Monate einstufen. Da kann ich nicht so leicht zu denen sagen, ihr seid zum Krenreiben. Damit muss die Europäische Kommission beginnen.

Der Deutsche-Bank-Chef Ackermann hat einen Rettungsfonds für Banken gefordert. Er meint, der Staat sei bei systemischen Banken der Aktionär der letzten Instanz. Würden Sie dem zustimmen?
Ich kann mich damit nicht anfreunden.

Und wie soll es bei der Hypo Alpe-Adria weitergehen? Soll der Zukunftsfonds angegriffen werden, oder soll die Republik helfen?
Ich bin nur dafür, dass der Staat Geld aus dem Bankenpaket einsetzt, wenn es mit der Aussicht geschieht, dass es verzinst zurückbezahlt wird. Ist das nicht der Fall, muss der Staat überlegen, ob er nicht eingreift und die Herrschaft übernimmt. So wie er es bei der Kommunalkredit getan hat.

Das heißt, die Hypo Alpe-Adria soll verstaatlicht werden?
Wenn nicht verzinst zurückgezahlt wird, muss in Staatsanteile gewandelt werden, damit der Steuerzahler etwas für sein Geld bekommt. Aber zu sagen, ich zahle keine Zinsen und weiß nicht, ob ich das Geld zurückzahlen kann, das ist schon eine Zumutung.

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