Eine Auszeit kann Ihrer Karriere dienen – und Ihr Wohlbefinden steigern

Es ist eine Entscheidung, die Mut erfordert, gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten. Wer den Schritt dennoch wagt und eine längere Auszeit nimmt, profitiert von dieser Erfahrung auch in seinem Job. Aber auch schon ein kurzes Time-out kann Wunder wirken, denn das Wohlbefinden steigt.

Die Muschel wird ihn immer an diese besondere Zeit erinnern. Auf der kleinen Insel Moorea in der Südsee kaufte Markus Dallinger, 35, seiner Ehefrau in einem der Lädchen eine grünlich-schwarz schimmernde Perle als Anhänger für ihre Kette. Als Dank erhielt er vom Inhaber die dazugehörige Muschel, akkurat abgeschliffen und lackiert. Diese packte er zusammen mit seinem vollgeschriebenen Tagebuch und 2300 Fotos auf seiner Digitalkamera in den Koffer, um sie nach dem Ende seiner Reise mit zurück nach Österreich zu nehmen. Hier liegt sie nun vor ihm auf dem Konferenztisch des Computerherstellers Hewlett-Packard am Wienerberg, wo er seit seiner Rückkehr wieder arbeitet, und wirkt fremd in dieser nüchternen Büroatmosphäre. Das merkt auch Dallinger und muss lächeln, als er die Muschelgeschichte erzählt und davon, wie „kitschig schön“ die Südsee ist mit ihrem türkisblauen Wasser vor langen Sandstränden.

Markus Dallinger, Vertriebsmanager bei HP, hat das realisiert, wovon viele träumen. Er hat als Angestellter eine berufliche Auszeit von sechs Monaten genommen, um zusammen mit seiner Frau Claudia, 32, die Welt zu bereisen. Im Februar sind die beiden nach Thailand aufgebrochen, haben anschließend die entspannte Lebensweise der Neuseeländer schätzen gelernt, um dann in Australien zu erleben, wie die Sonne den heiligen Berg Uluru in orange-rotes Licht taucht, bevor sie ihre Reise nach einem Abstecher in die Südsee auf der hawaiischen Insel Maui beendeten.

„Wir haben uns einen Traum erfüllt“, sagt der Weltenbummler, der seit September wieder bei HP arbeitet. Die Muschel bewahrt er zu Hause in einer Vitrine auf, aber als Hintergrundbild auf seinem Handy hat er ein Südsee-Foto von sich und seiner Frau gespeichert. „Dass wir so viel Zeit miteinander verbringen konnten, hat uns noch mehr verbunden. Davon werden wir bis ins hohe Alter zehren“, meint Dallinger.

Der Traum von der Auszeit ist einer, den viele träumen. Sein Reiz liegt in den Unmengen von Zeit, die er verspricht. Ein Auszeitler kann in Wochen, in Monaten planen und ähnelt damit einem Lottogewinner, der plötzlich nicht mehr nur tausend Euro, sondern mehrere Millionen auf dem Konto hat.

Doch statt Glück wie für einen Lottosechser braucht der Aussteiger auf Zeit vor allem Mut. Denn was wird der Chef zu seinem Ansinnen sagen? Wie wirkt sich die Beurlaubung auf die Karriere aus? Und was denken Freunde – und erst recht die Familie? Es gibt sicherlich tausend gute Gründe, die dagegensprechen, sich zeitweise allen beruflichen Verpflichtungen zu entziehen. Doch wer den Schritt wagt, wird belohnt – mit Erfahrungen, die sein Leben bereichern, in manchen Fällen gar verändern. Das erzählen auch die Langzeitpausierer, die der trend ausfindig gemacht hat. Sie verabschiedeten sich für einige Wochen, für ein Jahr, manche gar für immer von ihrem Job.

Vorbilder finden Auszeitpioniere in Prominenten. „Ich bin dann mal weg“ lautet der Titel des Buchs von Hape Kerkeling, dem deutschen Entertainer, der vor einigen Jahren nach einem Hörsturz zu einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela aufbrach. Während sich Kerkeling für zwei Monate dem TV-Trubel entzog, verabschiedete sich der ehemalige deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg gleich für zwei Jahre. Diese verbringt er seit seinem Rücktritt aus der Bundespolitik fernab der Heimat an der Ostküste der USA, um Abstand von der Plagiatsaffäre um seine Dissertation zu gewinnen. Der bekannteste österreichische Karenzler ist Armin Wolf. Er nutzte die neun Monate, die ihn der ORF von seinen Moderationspflichten entband, um seinen Horizont zu erweitern. In Berlin machte er an einer Kaderschmiede für Kreative einen MBA.

Bildungszeit

Noch bilden die Aussteiger auf Zeit ein überschaubares Grüppchen. Sicher ist aber: Das Interesse an dieser Form der flexiblen Arbeitszeitgestaltung wird in den nächsten Jahren zunehmen. Damit rechnen die Human-Resources-Manager international tätiger Unternehmen. „Ich glaube, dass das Thema an Bedeutung gewinnen wird, da gerade die jüngeren, gut qualifizierten Mitarbeiter großen Wert auf eine ausgewogene Work-Life-Balance legen“, sagt Karina Schmid, Personalerin beim oberösterreichischen Faserhersteller Lenzing.

Und je weiter das Rentenalter in Zukunft ansteigt, umso wichtiger wird es sein, Auszeiten einzuplanen, um jobtauglich zu bleiben. „Innerhalb von 45 Jahren, die ein Arbeitsleben künftig dauern kann, ändern sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen massiv. Es wird daher notwendig sein, in der Mitte dieser Phase standardisiert eine weitere Qualifizierung einzuführen“, sagt Sonja Marchhart, Personalchefin bei der Baumarktkette Baumax.

Für Bildungshungrige hat die Politik bereits 1998 das Modell der Bildungskarenz geschaffen. Dieses bietet die Möglichkeit, eine Zeit lang aus dem Job auszuscheiden, um zu studieren, eine Ausbildung zu machen oder sich anderweitig beruflich fortzubilden. In den ersten zehn Jahren wurde dieses Modell kaum in Anspruch genommen. Erst nach Reformen in den Krisenjahren 2008 und 2009 stiegen die Teilnehmerzahlen. Heuer werden mehr als 11.200 Österreicher auf Bildungskarenz gehen, das sind 0,3 Prozent der Beschäftigten.

Einer von ihnen ist Witold Klajnert, Teilnehmer am Executive-MBA-Programm der WU Wien. Dass der 32-Jährige seinen Job als IT-Manager beim Medizinproduktehersteller Mölnlycke in Wien für ein Jahr zugunsten eines Studiums aufgab, lag auch an seinem bisherigen Karriereverlauf. Im Jänner 2009 hatte sich für ihn die Möglichkeit ergeben, ins polnische Bialystok in der Nähe der weißrussischen Grenze zu gehen und dort die Übernahme eines Mitbewerbers zu begleiten. Eine Chance, die Klajnert gerne wahrnahm, erlaubte sie ihm doch, anderthalb Jahre in dem Land zu leben, aus dem seine Eltern kommen – und obendrein gut zu verdienen.

Auf die erfolgreiche Zeit in Polen folgte allerdings in Wien die Ernüchterung. Dort konnte ihm Mölnlycke nach seiner Rückkehr keinen adäquaten Job anbieten. „Was sollte ich also tun?“, fragte er sich und fand die Lösung in der einjährigen Bildungskarenz, die er mit seinem Chef vereinbarte. Das war für beide Seiten von Vorteil: Das Unternehmen erspart sich in dieser Zeit die Personalkosten, weil das Arbeitsmarktservice ein Weiterbildungsgeld zahlt, und Klajnert kann seine Karrierechancen verbessern. „Im Mai werde ich den MBA abschließen. Ich erwarte mir, dass ich damit ins mittlere bis hohe Management aufsteigen werde.“

Zeit für sich

Sich berufliches Wissen anzueignen ist aber nur einer von vielen Gründen, warum sich jemand eine Auszeit nimmt. Einige wollen ihre privaten Träume verwirklichen, andere sehnen sich nach einer Pause von dem permanenten Jobstress. Thomas Höhne, 58, selbstständiger Rechtsanwalt in der Kanzlei Höhne, In der Maur & Partner in Wien, erinnert sich noch genau an seine miese Gemütslage vor seinem Ausstieg auf Zeit: „Ich hatte damals weder ein Burn-out noch sonst irgendwas, mir ging nur alles auf die Nerven. Der Job war mir aber zu wichtig, als dass ich ihn nicht noch den Rest meines Lebens hätte weitermachen wollen. Also wusste ich: Jetzt musst du erst einmal raus.“

Eine Auszeit zu nehmen ist in seiner Branche allerdings eher unüblich. „In einigen Anwaltskanzleien hat es für hochgezogene Brauen gesorgt, als bekannt wurde, dass ich ein Sabbatical machen will. Dies steht zwar in einigen Partnerverträgen, wurde bis dahin aber nur von wenigen in Anspruch genommen“, erzählt Höhne, der die Auszeit nutzte, um sich treiben zu lassen und die Welt zu bereisen. Heute arbeitet er wieder in seinem alten Job – und dies mit deutlich mehr Elan.

Kulturfrage

Einen Sabbatical-Passus im Vertrag zu haben, das ist bei Angestellten in der Regel nicht vorgesehen. Sie sind hier von der Gunst ihres Arbeitgebers abhängig. Denn einen gesetzlichen Anspruch auf eine Auszeit gibt es nicht. Dabei handhaben Unternehmen das Thema höchst unterschiedlich. „Wie mit Auszeiten umgegangen wird, hängt stark von der Unternehmenskultur ab“, sagt der Grazer Soziologe Rainer Loidl.

Eine Variante, die etwa der Faserhersteller Lenzing oder auch das Beratungsunternehmen Accenture anbieten, ist der unbezahlte Urlaub. In dieser Zeit entfällt allerdings nicht nur das Gehalt, sondern auch die Versicherungen sind komplett aus der eigenen Tasche zu bezahlen. Leichter lässt sich eine Auszeit finanziell umsetzen, wenn Unternehmen die Pläne unterstützen. Individuelle Sabbatical-Pakete bietet etwa HP seinen Mitarbeitern an. Personalchefin Evelin Mayr schränkt aber ein: „Das ist etwas, was man Leuten anbietet, bei denen man Potenzial sieht oder die viel für das Unternehmen geleistet haben.“ Sie selbst hat schon öfter mit dem Gedanken gespielt, ihn aber zuletzt zugunsten eines berufsbegleitenden MBA-Studiums verworfen. Dabei wüsste sie genau, was in der freien Zeit zu tun wäre: „Ich sammle altägyptische Stoffe, und diese würde ich gerne katalogisieren.“

Spezielle Programme haben nur wenige Unternehmen. Dazu gehört die Erste Bank. Im Krisenjahr 2008 entwickelt, bietet sie unter dem Titel „Kurz-Sabbaticals“ mehrere Varianten eines Ausstiegs auf Zeit an. Diese funktionieren alle nach dem gleichen Prinzip: Die Mitarbeiter verzichten eine Zeit lang auf einen Teil ihres Gehalts. Das angesparte Geld erhalten sie dann in ihrer Auszeit, die zwischen einem und vier Monaten dauern kann. Da sich das Sabbatical zudem unbürokratisch beantragen lässt – es ist lediglich das Okay des Vorgesetzten einzuholen –, wird es mittlerweile aus ganz unterschiedlichen Gründen in Anspruch genommen. Während sich die dafür zuständige Personalreferentin Paulina Reimann-Tonkli einen Monat freinahm, um ihre Hochzeit in Ungarn zu planen, wollte sich Gabi Schüttbacher, Mitarbeiterin der internen Kommunikation, auf ihr Master-Studium konzentrieren.

Beide Mitarbeiterinnen kehrten nach der Auszeit in ihren alten Job zurück. Das ist nicht selbstverständlich, vor allem bei längeren Abwesenheiten. Markus Dallinger, der vor seiner sechsmonatigen Weltreise als Vertriebsmanager bei HP tätig war, arbeitet dort heute als Vertriebscoach. „Man muss sich der Konsequenzen bewusst sein, die ein solcher Schritt mit sich bringt“, sagt er.

Konsequenzen, die nur wenige Manager zu tragen bereit sind. Das geht aus einer Studie des Hernstein Instituts für Management und Leadership hervor. Danach können sich 79 Prozent der befragten Führungskräfte nicht vorstellen, eine Auszeit zu nehmen. Ein Ergebnis, das nicht überrascht. Denn Menschen in Führungspositionen sind karriereorientiert und möchten in Unternehmen etwas bewegen und weiterentwickeln. Sich zeitweise, möglicherweise sogar ausschließlich zum eigenen Vergnügen aus dem Job zu verabschieden passt nicht zum Selbstbild – und ist auch nicht akzeptiert, meint Martin Mayr, Chef des Personalberaters Inventa in Wien.

Es sei denn, Manager werden Väter und ziehen sich deswegen zeitweise aus ihrem Job zurück. Mayr selbst kennt zwei Führungskräfte, die gerade in Karenz sind. Um darüber öffentlich zu reden, scheint die Zeit in der Privatwirtschaft aber noch nicht reif zu sein. Daran hat anscheinend auch Ex-Sozialminister Erwin Buchinger mit seinen medienwirksamen Auftritten als superglücklicher Vollzeit-Papa nichts ändern können.

Dabei ist es keineswegs so, dass Manager komplett auf selbst gestaltete Pausen verzichten müssten. Sie planen sie nur zu anderen Zeitpunkten ein, nämlich nicht während eines Jobs, sondern bevor sie einen neuen antreten. Eine längere Reise, eine Weiterbildung stehen dann auch bei vielen von ihnen auf dem Programm.

Es gibt aber auch Auszeitgeschichten, die sich nicht so leicht erzählen lassen. Dazu gehört die von Christa Langheiter. Acht Jahre arbeitete sie als TV-Redakteurin beim ORF. Dann streikten plötzlich Geist und Körper und zwangen sie zu einer Ruhepause. Die Diagnose nach endloser Odyssee: Burn-out. Was als vorübergehende Auszeit geplant war, wurde schließlich zu einem endgültigen Abschied aus dem Mediengeschäft. Ihre Geschichte hat Langheiter als Buch mit dem Titel „Mut zur Auszeit“ veröffentlicht, um mit ihren Erfahrungen Betroffenen zu helfen. Denn Burn-out ist längst kein Problem des Einzelnen mehr. Laut einer Studie der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA) sind hierzulande eine Million Menschen Burn-out-gefährdet.

Wer das persönliche Gespräch sucht, kann Langheiter auch in ihrer Praxis aufsuchen. Dort berät sie Menschen, die mit dem Gedanken an eine Auszeit spielen, sei es, weil sie ihre Träume verwirklichen oder mal die Pausentaste drücken wollen. „Ein Ausstieg auf Zeit kann helfen, die eigene Situation neu zu beurteilen“, hebt sie als wesentlichen Vorteil dieses Modells hervor. Im stressigen und durchgetakteten Joballtag bleibt dafür in der Regel keine Zeit.

Das kann Ines Omann nur bestätigen. Die 39-Jährige klinkte sich Anfang 2009 für neun Monate aus ihrem Job als Leiterin des Bereichs nachhaltige Lebensqualität am Forschungsinstitut SERI– Sustainable Europe Research Institute – aus. Die ersten vier Monate verbrachte sie auf einem Permakultur-Bauernhof in der Schweiz, wo sie erfuhr, wie anstrengend es ist, nahezu alle Lebensmittel, die man isst, selbst herzustellen. Sie buk dort Brot, half bei der Heuernte oder hackte Holz für den Herd. Danach flog sie weiter nach Brasilien, wo sie in einem der ärmsten Viertel von Jacobina, einer 80.000-Einwohner-Stadt nordwestlich von Salvador, in Schulen aushalf.

„Je länger die Auszeit andauerte, umso klarer wurde mir, dass mein Job doch Sinn macht. Es braucht die Grundlagen, die Konzepte, die ich im SERI erarbeite, um einen nachhaltigen Lebensstilwandel einzuleiten“, so Omann. Und auch noch eine weitere Erkenntnis nahm sie mit in die Heimat: „Ich kann zwar ganz gut praktisch arbeiten, aber meine Stärke liegt in der Theorie“, so die promovierte Volkswirtin.

Ob sie irgendwann nochmals eine Auszeit nehmen wird, kann Omann derzeit nicht sagen. Das, so meint sie, hängt dann auch von den dann geltenden Rahmenbedingungen ab. Diese scheinen sich zumindest für eine Berufsgruppe bereits zu verbessern. Junge Spitzenabsolventen der Jura-Fakultäten sind derzeit so begehrt, dass sich die deutsche Kanzlei Mayer Brown ein besonderes Bonbon einfallen ließ: Sie wirbt mit 50 Tagen Jahresurlaub – und eröffnet neuen Mitarbeitern damit die Chance, eine längere Auszeit bereits aus dem eigenen Zeitbudget zu bestreiten. Und je mehr solche Modelle es gibt, desto weniger wird die Auszeit eine Frage des Muts – auch in wirtschaftlich unsicheren Zeiten.

Von Martina Forsthuber und Vanessa Voss

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