Ein Plädoyer für die Primärliteratur:
<i>Von Helmut A. Gansterer</i>

Manager und Unternehmer sollten ihre Vorliebe für Sekundärliteratur bremsen. Eine Wiederentdeckung der Originale brächte mehr Freude und mehr Erfolg.

Vor Jahren schrieb ein kluger, vielleicht auch gebildeter deutscher Mann namens Dietrich Schwanitz das Buch „Alles, was man wissen muss“. Es wurde ein Riesenerfolg. Mit Recht, was Einfall und Marketing betrifft. Eine gute Idee ist eine Idee, deren Zeit gekommen ist.
Aber was genau war diese Idee? Aus der Vogelschau betrachtet, schrieb Schwanitz Tertiärliteratur. Er verdichtete Sekundärliteratur, die schon eine Verdichtung der Originalliteratur war. Er dampfte Eingedampftes ein. Am Ende – obgleich das Buch dick und teuer war – blieb viel zu wenig übrig. Man erkannte dies allerdings erst, wenn man Themen suchte, die einem vertraut waren. Da kam dann schnell Entsetzen auf: „Das soll alles sein, was man darüber wissen muss?“

Das Buch brachte dem Autor viel Geld. Es gab sogar, wenn ich mich richtig erinnere, eine nachgeschobene DVD und Versuche, das Prinzip des Minimalwissens auf Fachgebiete auszudehnen, etwa Musik. Die Kohle sei dem Autor vergönnt. Der Ruf, etwas Wichtiges geschaffen zu haben, nicht. Das Buch ist so nahrhaft und vitaminreich wie ein erzähltes Mittagessen.

Moderne Irrtümer
Schieben wir Schwanitz beiseite. Sogar mit einem ­gewissen Dank. Denn er schärfte den Blick für zwei, drei moderne Irrtümer, die den Geist unserer Gesellschaft unterhöhlen.

Irrtum 1: Leicht fassliche Raffungen ersetzen die originalen Texte wichtiger Denker.

Irrtum 2: Originalquellen sind eine Last; sie sind langatmig, detailverliebt und schlecht geschrieben.

Irrtum 3: Man muss beim Wissen nicht allzu genau sein; man muss es nicht einmal parat haben; es genügt, zu wissen, wo man nachschauen kann.

Vor allem die Manager und Unternehmer lieben diese drei Punkte. Sie verheißen ihnen wertvollen Zeitgewinn. Es wäre verantwortungslos, ihnen diese Illusion zu lassen. In allen drei Punkten ist zu widersprechen. Als Beispiele wähle ich die Fächer Nationalökonomie und Philosophie, die früher als wichtige Wissensgrundlage für Wirtschaftsführer galt, besonders auch für die Banker alten Schlages, als sie noch Bankiers hießen.

Schumpeter und Nietzsche nicht zusammenfassbar
Keine Zusammenfassung kann etwa die Originaltexte von Joseph A. Schumpeter und Friedrich Nietzsche ersetzen. Aus beider Herren Schriften kann kein Destillat gefertigt werden, das besser ist als das Ursprungsprodukt. Wissenschafter sind keine Vogelbeeren, die man mit Gewinn in Edelbrände verwandeln kann. Das geht zunächst schon inhaltlich nicht. Durch Raffung gehen zu viele Details verloren. Manager, die Schumpeter nur aus der Sekundärliteratur kennen, nennen ausschließlich „die schöpferische Zerstörung“ als Zentralbegriff des weltberühmten Österreichers. Das taugt aber bestenfalls, um in einem abendlichen Hotelbargespräch mit übermüdeten Managern auf den Putz zu hauen. Schon die Frage, was Schumpeter damit genau gemeint habe, führt gewöhnlich in verlegene Stille. Die Sekundärliteratur erzählt nicht, wie faszinierend er von der Notwendigkeit „neuer Kombinationen“ sprach. Und nichts von seinen Denkfehlern und Niederlagen in anderen Feldern der Volkswirtschaft.

Läse man etwa das angenehm handliche UTB (UTB = Uni-Taschenbücher für Wissenschaft, eine Kooperation von vierzehn Fachverlagen) namens „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“, erführe man darin verblüfft, dass Schumpeter, obgleich Professor an der liberalen Harvard-Universität, den Sozialismus für überlebensfähiger hielt als die Wettbewerbswirtschaft. Nur das Original gibt auch einen Begriff vom inneren Feuer und dem bildhaften Schreibstil Schumpeters. Er hatte schriftlich und mündlich das Talent zum faszinierenden Vortrag. Das war freilich Voraussetzung für seine US-Karriere. Als in Österreich noch die Regel galt, ein wissenschaftliches Werk müsse für das dumme Volk unverständlich sein, um fachlich akzeptiert zu werden, wurde in den angelsächsischen Ländern längst Klarheit gefordert.

Nietzsche auf zwei Seiten?
Endgültig anmaßend jeder Versuch, Friedrich Nietzsche auf zwei Seiten zu komprimieren. Seine schreiberische Brillanz wird dabei automatisch geschändet. Es mag sinnvoll sein, seine Original-Faszination mit einem authentischen Beispiel zu illustrieren. Am Balkon meines Zimmers im legendären ägyptischen Oberoi-Hotel las ich erstmals Nietzsches „Fröhliche Wissenschaft“. Die Lektüre war derart fesselnd, dass ich den Besuch der Sphinx und der Pyramiden, die in meinem Blickfeld lagen, beinahe der Lektüre geopfert hätte. Nietzsche ist nur die Spitze eines Phänomens, nicht die Ausnahme: Fast alle Originale der großen Wissenschafter sind beglückend. Sie sind auch kein Zeitverlust. Sie vermitteln eine besondere Kraft, die hilft, die „verlorene Zeit des Lesens“ wieder einzuholen. Das gilt selbst für die Werke des Grantscherbens Arthur Schopenhauer und trotz aller gedanklichen Irrtümer auch für Karl Marx’ „Das Kapital“. Und gilt erst recht für das Meisterwerk „Wohlstand der Nationen“ von Adam Smith, das den trend-LeserInnen und mir weltanschaulich näher sein dürfte.

Finde-Wissen darf Spontan-Wissen nicht ersetzen
Ein eigenes, kurzes Kapitel verdient die groteske Auffassung, man brauche kein Spontan-Wissen mehr, nur noch ein Finde-Wissen. Man müsse lediglich wissen, wo nachzublättern sei. Das war schon gefährlich, als papierene Enzyklopädien noch eine Rolle spielten. In Google-Zeiten ist es noch zehnmal gefährlicher. Man kann Geschäftspartner im privaten Umgang nur mit sofort abrufbarem Wissen bezaubern. Lächerlich, vor jedem Satz „schnell mal“ im Internet zu surfen. Das gliche jenen unsäglichen Witzeerzählern, die von Spickzetteln die Pointen ablesen.

Die hier verächtlich gemachte Sekundärliteratur kennt eine Unterart, die ich schätze und pädagogisch für wertvoll halte. Jene, die uns die Philosophen und Nationalökonomen zunächst menschlich näherbringt, um über die faszinierende Person das Interesse für ihre Werke zu wecken. Das funktioniert ausgezeichnet. Es entspricht dem Motto des trend-Gründungs-Chefredakteurs Jens Tschebull: „Nichts interessiert Menschen so wie andere Menschen.“ Die Philosophen betreffend, war Wilhelm Weischedels „Die philosophische Hintertreppe“ eine Pioniertat (dtv 30020), heute güns­tig zu ergänzen durch die Vorlesungsmitschriften von Konrad Paul Liessmann, die auch als Hörbuch zu kaufen sind (siehe Liessmann/Internet). Nationalökonomische Pendants: „Die großen Ökonomen“ (eine Serie der Wochenzeitung „Die Zeit“, gebunden bei Schäffer-Poeschel) und „Klassiker der Ökonomie“ (von Michael Hüther, ein Wirtschafts-Blatt-­Taschenbuch).
Man erfährt in diesen verdienstvollen Kompendien viel über die Spleens der Denker und über ihre Werke, die man anschließend im Original lesen sollte. Erst dann kann von echtem Wissen die Rede sein.

Von Helmut A. Gansterer

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