Ein Fädenknüpfer und SPÖ-Personalreserve:
Der neue Siemens-General Wolfgang Hesoun

Der neue Siemens-General Wolfgang Hesoun gilt als effizienter Fädenknüpfer, geschmeidiger Machtmensch – und als SPÖ-Personalreserve. Die geschrumpfte Österreich-Tochter des deutschen Weltkonzerns muss er vor allem in Osteuropa voranbringen. Und davon will er sich auch von einer ­hässlichen Schmiergeldaffäre aus seiner Zeit als Porr-Manager nicht abhalten lassen.

Von Bernhard Ecker

Ein langes Gespräch mit Wolfgang Hesoun ist wie eine angenehme Bootsfahrt auf einem gemächlich dahinplätschernden Fluss. Im Plauderton wird da über die vorbeiziehende Wirtschaftslandschaft gesprochen, über Familie und Geschäft, über die bevorstehende Ballsaison und Ausgrabungen in der Türkei. Taucht doch einmal eine Stromschnelle auf, lässt sich der neue Siemens-Generaldirektor nichts anmerken – nur an kleinen Gesten kann man erkennen, wann er sich unbehaglich zu fühlen beginnt: Dann greift er sich etwa kurz an den Ehering, und sein pointiertes Lachen nach längeren Gesprächspassagen fällt eine Spur lauter als sonst aus.

Um eine unangenehme Frage, die derzeit ganz Österreich beschäftigt, kommt man bei so einem Gespräch nicht herum: „Wos woar sei Leistung?“ Gemeint sind die tieferen Gründe für jene 880.000 Euro, die Walter Meischberger, der Spezi von Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser, von der Porr erhalten haben soll, ohne selbst angeben zu können, wofür genau. „Ich weiß es nicht“, sagt der ehemalige Porr-Boss Hesoun dann unverändert freundlich. Bei der Einvernahme im Bundeskriminalamt hat er sich, wie fast alle anderen Porr-Manager auch, auf Anraten der Anwälte der Aussage entschlagen. Dass in den Protokollen der abgehörten Meischberger-Telefonate ein Porr-Vorstand namens H. eine Schlüsselrolle spielt, kommentiert Hesoun so: „Ich kenne auch nur die geschwärzten Akten und weiß, dass ich es nicht bin. Allzu viele H.s im Porr-Vorstand gab es aber nicht“ – ein Hinweis auf den ehemaligen Vorstandskollegen und späteren ÖBB-Chef Martin Huber, mit dem Hesoun nie konnte. Dann signalisiert ein kräftiger Lacher, dass das Thema nun bitte abzuschließen sei.

Denn heute steht der HTL-Ingenieur an der Spitze eines Unternehmens, das einen großen Schmiergeldskandal schon aufgearbeitet und sich dann eine weiße Weste übergezogen und eine grüne Zukunft gemalt hat. Als seine nunmehrige Vorgängerin Brigitte Ederer Mitte 2010 überraschend nach München in den Siemens-Konzernvorstand aufrückte, war Hesoun ebenso überraschend zur Stelle. Der propagierte Imagewandel des Technologieriesen Siemens zur Green Company mit Schwerpunkt auf umweltfreundliche Technologien reizte ihn, der aus der Porr Umwelttechnik kommt. Und nach 150 Tagen Einarbeitungszeit ist Hesoun nun endgültig sicher, den richtigen Schritt gesetzt zu haben: „Stahlwerke, Energie, Lokomotiven – das Portfolio bei Siemens ist viel breiter, und das macht richtig Spaß.“

Auf den ersten, nüchternen Blick sieht der Wechsel vom 19. Stock des Porr-Turms in der Wiener Absbergstraße in den zwölften Stock der Siemens City in Floridsdorf wie ein Abstieg aus: Der Baukonzern ist zuletzt umsatzmäßig an der Siemens Österreich AG vorbeigezogen, die sich von der einst stolzen Softwaresparte trennen musste. Vor zehn Jahren war die Siemens mit über vier Milliarden Umsatz noch auf dem sechsten Platz der trend-TOP-500 gelegen – 13 Ränge vor der Porr. Heute rangiert sie an 22. Stelle.

Keiner klagt über den realen Bedeutungsverlust kenntnisreicher als Langzeit-General Albert Hochleitner, heute Aufsichtsrat: „Siemens ist schmaler, aber auch sehr viel zentralistischer geworden.“ Die in München und Erlangen sitzenden Vorstände der drei zentralen Sektoren sind längst die wahren Machthaber im traditionsreichen Konzern.

Auch eine höhere Gage als bei der Porr, wo sie bei knapp unter einer Million Euro gelegen haben dürfte, ist für Hesoun nicht drin: „Ich verdiene nicht mehr als davor.“

Bigger Business.
Und doch dreht er nun bei Siemens Österreich „ein viel größeres Rad mit höherem Sozialprestige“, wie Brigitte Ederer, heute Aufsichtsratschefin der Österreich-Tochter, meint. Denn Hesoun managt nicht nur Österreich, sondern auch einen Verbund aus 19 Ländern in Zentral- und Osteuropa sowie die Türkei und Israel. Eine Region mit 8,8 Milliarden Euro Umsatz und 40.000 Mitarbeitern, davon 8500 in Österreich. „Dort zu wachsen ist unser zentraler Wunsch“, gibt Ederer vor. „Die Vorwärtsstrategie in Zentral- und Osteuropa, dieses Riesentrumm zu integrieren, wird sein Hauptjob.“

Die großen Schnitte – Siemens Österreich hat heute um 500 Mitarbeiter weniger als vor zehn Jahren – sind im Moment zwar passé. Ob in Zukunft aber wirklich wieder mehr Offensive angesagt ist, bleibt unsicher. Hochleitner erklärt: „Hesoun muss versuchen, eine dem Umsatz entsprechende Wertschöpfung in Österreich zu sichern. Das wird auch seine Hauptaufgabe in den Ländern des CEE-Clusters sein.“ Kritischer Nachsatz: „Ob dies ohne Ergebnisverantwortung wirklich möglich ist, sei dahingestellt.“ Ederer versprüht – verständlicherweise – Zweckoptimismus: „Hesoun hat jetzt wieder mehr Spielraum als ich, positiv zu gestalten.“

Am 1. Juni 2010 war Ederer bei einem Vortrag des damaligen UniCredit-Chefs Alessandro Profumo „zufällig“ neben Hesoun zu sitzen gekommen und hatte ihm prompt Job-Avancen gemacht. „Ich habe mir gedacht: Der geht sicher nicht von der Porr weg“, gesteht sie heute. Doch schon eine Woche später begab sich Hesoun auf den Weg nach Erlangen, wo er Personalvorstand Siegfried Russ­wurm und Konzernboss Peter Löscher traf. Und obwohl Ederer eine zweite Person nominiert hatte, war insbesondere Russwurm von Hesoun sofort beeindruckt.

Seine Veränderungsbereitschaft rührte aber nicht nur von der Aussicht her, Siemens-General zu werden. Die komplizierte Eigentümerstruktur der Porr, die von einem Syndikat zwischen dem Tiroler Haustechniker Klaus Ortner und der Bank-Austria-nahen B&C-Holding kontrolliert wird, machte Hesoun laut Insidern schon länger zu schaffen. Vor allem in Sachen Kapitalerhöhung, die er vehement forderte, soll er sich die Zähne ausgebissen haben. „Die eine oder andere kleine Spannung mit der B&C hat es in der Vergangenheit da wohl gegeben“, konzediert Ortner, dem nachgesagt wird, dass er über Hesouns Wechsel nicht unglücklich ist – er betreibt gemeinsam mit Siemens ein Haustechnik-Joint-Venture, das er absichern will.

Die Geschäftspartner bleiben somit großteils gleich, bloß werden es mehr. Deshalb ortet der Siemens-Chef auch „eine gewisse Intensivierung“ der Netzwerkpflege in seinem neuen Job. Das liegt in der Natur des Geschäfts: Auftraggeber sind Politiker, Bahnmanager, Energiebosse. Nach Jänner-Events wie dem Sauschädelessen bei Raiffeisen-General Christian Konrad und dem Flughafen-Empfang bereitet sich Hesoun allmählich auf die Ballsaison vor: Neben Philharmonikerball, Techniker Cercle und Opernball sind dieses Jahr auch Opern-Redoute in Graz und Jägerball Pflicht. Nach Eigendefinition ist er aber „kein Society-Hengst. Wenn ich Zeit investiere, dann soll es Sinn machen.“ Seinen Fünfziger hat Hesoun vor einem Jahr dezent im Porr-Turm gefeiert. Ziel­gerichtet, effizient und freundlich sei er bei Gesellschaftsanlässen unterwegs, sagen die, die ihn dort treffen. „Er ist jedenfalls nicht der Typ, der bis drei Uhr Früh bleibt“, so Ortner.

Industriemann.
Bei Tageslicht ist ihm die Industriellenvereinigung (IV) die wichtigste Plattform, dort folgte er am 20. Jänner Ederer als Leiter des Energieausschusses. In der IV Wien fungiert er seit zwei Jahren als Vizepräsident. Albert Hochleitner, lange Zeit an der Spitze der IV Wien, hat den Porr-Mann Hesoun dort als „sehr gescheiten Burschen mit einer schnellen Auffassung und klaren Entscheidungen“ kennen gelernt. IV-Wien-Präsident Georg ­Kapsch lobt ihn einen „Pragmatiker mit Handschlagqualität“.

Daneben spielt auch der sozialdemokratische Wirtschaftsverband eine Rolle. In dem vom niederösterreichischen Landeshauptmann-Stellvertreter Sepp Leitner (SPÖ) ins Leben gerufenen Verein PRO Niederösterreich betätigt sich der in Brunn am Gebirge wohnende Manager seit zwei Jahren überdies als wirtschaftspolitischer Grundsatzdenker. „Er ist ein echter Industriepatriot, wobei er nicht in nationalen, sondern eher in zentraleuropäischen Grenzen denkt“, charakterisiert ihn Austria-Wirtschaftsservice-Chef Johann Moser in dieser Rolle. „Er sieht immer den Beitrag eines Unternehmens für die Gesellschaft, etwa welche Wertschöpfung es zum Wohlfahrtssystem liefern kann. Das haben in der heutigen Zeit nicht mehr viele Manager.“

Die Nähe zur SPÖ ist nicht zu leugnen – sie beginnt schon beim Namen. Sein Onkel Josef, Sozialminister von 1990 bis 1995 und davor Chef der Baugewerkschaft, war für den jungen Ingenieur ein produktiver Diskussionspartner: „Ich habe stets aus Sicht der Wirtschaft argumentiert, dadurch waren wir natürlich nicht immer einer Meinung.“ Ironie des Arbeitslebens: Der seinerzeitige Pressesprecher des Onkels, Harald Stockbauer, ist heute auch Wolfgang Hesouns Sprachrohr. Der Partei ist der heutige Siemens-General übrigens nie beigetreten, Gewerkschaftsmitglied ist er hingegen bis heute. Als SPÖ-Personalreserve sieht sich Hesoun nur bedingt: „Ich war immer sehr klar im Neinsagen.“ Ederer, die vor ihrem Siemens-Leben SPÖ-Finanzstadträtin in Wien war, meint, „dass er sicher nicht so eine politische Pflanze ist wie ich“. Hesoun weiß jedenfalls perfekt, wie Betriebsräte ticken. Nach den blutigen Jahren der Ära Ederer wird er von den Siemens-Betriebsräten bisher äußerst wohlwollend registriert. So schwärmt Zentralbetriebsratschef Fritz Hagl von einem Abendessen für 200 Siemens-Jubilare Anfang Oktober im Wiener Messepalast: „Er ist aufgestanden und hat gesagt: ‚Jetzt bin ich gerade einmal einen Monat hier und Sie 40 Jahre – was soll ich Ihnen über Siemens ­erzählen?‘ Diese Ehrlichkeit ist extrem gut angekommen.“

Schattenseiten.
In der Porr hat Hesoun allerdings auch extrem polarisiert. Nicht wenige Mitarbeiter der Hochbau-Sparte werfen ihm Ungerechtigkeit vor: Hesoun hatte unter Pöchhacker den Tiefbau verantwortet, als Generaldirektor hievte er Tiefbau-Leute in wichtige Managementfunktionen der anderen Bereiche. „Hesoun kennt nur Schwarz und Weiߓ, sagt ein Ex-Porrianer, „wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn. Und er ist extrem nachtragend.“ Deshalb zählt zu seinen Intimfeinden auch der damalige Hochbau-Vorstand Martin Huber, der 2004 ÖBB-Chef wurde. Die wechselseitige Abneigung der beiden – Mentor Pöchhacker spricht sarkastisch von „keiner heißen Liebe“ – könnte nun in der Porr-Schmiergeldaffäre einen neuen Tiefpunkt finden.

Zumeist wird Hesoun als ruhig und rational erlebt, ein „besonders angenehmer Zeitgenosse“, beschreibt ihn Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer. Aber nicht immer bleibt sein Grundmodus freundlich. Johann Moser: „Er ist ein extrem besonnener Mensch, es gibt aber Reizschwellen, wo er dann aufhüpft und emotional wird: etwa wenn lange um den heißen Brei herumgeredet wird.“

Privat setzt der Siemens-Boss seit Jahrzehnten auf maximale Beständigkeit: Seine Frau Brigitte, eine medizinisch-technische Assistentin, hat er mit 17 kennen gelernt. Der Skiurlaub wird nach Möglichkeit im Nassfeld verbracht, Tirol und Italien stehen ebenfalls auf der touristischen Tagesordnung. Auch das Politikinteresse geht in die nächste Generation: Sohn Benedikt studiert Politikwissenschaften. „Meine Familie ist die Rückzugsebene, wo man nicht in ständiger Verteidigungs- und Aufmerksamkeitsposition sein muss“, sagt Hesoun. Nachsatz des Managers: „So etwas kann man aber nicht planen, da muss man Glück haben.“

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