"Ein kluger Chef entlässt niemanden":
Swatch-Boss Nicolas Hayek im trend-Talk

Warum Swatch-Boss Nicolas Hayek mit Magna beim Opel-Kauf kooperieren möchte, keine Mitarbeiter kündigt und eine weltweite Gewerkschaft der Unternehmer gründet.

Von Thomas Martinek

trend: Welche Auswirkungen hat die derzeitige Krise auf den Swatch-Konzern? Hayek: Ich bin zuerst Schweizer, dann Europäer und drittens Swatch-Group-Uhrmacher. Auf die Schweiz hat die Krise riesige Auswirkungen, teilweise positive, teilweise negative. Positiv ist, dass wir das Bankgeheimnis lockern werden gegen unehrliche Bankberater und Kunden.

trend: Und der negative Teil? Der negative Teil ist, dass wir alle Milliardenverluste erleiden mussten. Und zwar, weil die Finanzwirtscha_ , aufgrund der Probleme an der Wall Street, bei der Realwirtscha_ vieles kaputt gemacht hat. Die Schweiz hat der Großbank UBS 42 Milliarden Schweizer Franken (27 Milliarden Euro) geben müssen, um sie abzusichern, um faule Papiere zu kaufen, die die Herren in ihrer Gier erworben haben, damit sie mehr Bonus bekommen – mit unserem Geld.

trend: Und von der Warte eines Europäers aus betrachtet? Wir sind da in der Schweiz noch glimp_ ich davongekommen. In Österreich ist es schlimmer, weil viele Banken auch in Osteuropa investiert haben, und die Chance, dass sie ihr ganzes Geld zurückbekommen, scheint eher beschränkt zu sein. In Deutschland ist es noch schlimmer, weil dort die Automobilindustrie, die einen Großteil des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, stark betro_ en ist.

trend: Wie betrifft die Finanzkrise die Realwirtschaft? Die Auswirkungen sind stärker als von uns erwartet. Am Anfang haben wir gemeint, diese Finanzwirtscha_ soll weit von uns entfernt Geld verlieren, wir machen einfach weiter. Aber wir haben vergessen, dass rund 75 Prozent aller Autokäufer in Europa ihren Wagen auf Kredit kaufen. Aber wenn sie keinen Kredit mehr bekommen, dann kaufen sie kein Auto. Und das Resultat sieht man jetzt. Wenn die Autoindustrie steht, steht alles. Das wird noch lange andauern.

trend: Wie geht es Ihnen als Uhrenmacher? Die Auswirkungen sind stark, aber nicht so schlimm wie mit Autos, wie oben erwähnt. Die Uhrenindustrie ist zwar stark betro_ en, aber nicht so enorm wie die Maschinen- und Automobilindustrie.

trend: Die Automobilindustrie wird nur überleben, wenn sie sich auch verändert. Wie schätzen Sie die Chancen für Elektroautos ein? Die Leute wollen kein Auto mehr kaufen, das so viel Benzin verbraucht. Sie wollen ein anderes, aber für den gleichen Preis und die gleiche Leistung. Ein Elektroauto mit einer der besten gegenwärtig vorhandenen Batterien ist erstens teurer, und es hat zweitens eine Reichweite von maximal 150 bis 170 Kilometern. Um die Batterie wieder zu laden, braucht es viele Stunden. An einer ökologisch sinnvollen und nicht zu teuren Lösung arbeiten wir jetzt.

trend: Wie sieht die aus? Ihr Magazin wird von allen unseren wichtigen Konkurrenten gelesen, Sie erwarten doch nicht, dass ich alle Arbeiten verrate. Übrigens, der Magna-Opel-Deal ist sinnvoll …

trend: Wie ist das zu verstehen? Wollen Sie sich an dem Deal beteiligen? Wenn Magna, mit der wir am Smart gearbeitet haben, irgendeine Hilfe will, dann ja, aber bis jetzt haben sie noch nicht gefragt.

trend: Zurück zum Uhrenmacher, zur Uhrenindustrie. Menschen, die sich eine Breguet leisten können, denen ist die Krise egal, und eine Swatch ist wiederum so günstig, dass sich die Leute sagen, die leiste ich mir noch. Wieso trifft die Krise dann Ihren Konzern doch? Uns, bei der Swatch Group, geht es gar nicht so schlecht und besser als den meisten anderen in der Uhrenindustrie. Deshalb haben wir auch ganz klar deklariert, wir entlassen keinen Mitarbeiter. Unsere 24.000 Leute bleiben bei uns.

trend: Das heißt, schlecht geht’s nur den anderen? Schlimm ist die Entwicklung in den USA. Die Uhrenmarken, die dort den größten Markt- und Umsatzanteil – in einigen Fällen bis zu 40 Prozent – haben, verzeichnen natürlich massive Verluste. Die Umsätze sind in den letzten sechs Monaten in den USA um 50 bis 70 Prozent eingebrochen. Der Rückgang des Umsatzes der Swatch Group weltweit gegenüber 2008 beträgt weniger als 15 Prozent. In der gesamten Uhrenindustrie hat es hingegen einen Rückgang um 27,2 Prozent seit Jahresbeginn gegeben.

trend: Sie verkaufen weniger, entlassen keine Leute. Wo sparen Sie dann? Wir verkaufen nicht viel weniger. Von den minus 27,2 Prozent der Uhrenindustrie entfällt die Hälfte auf uns. Wenn wir die Hälfte mit minus 14,5 Prozent sind, dann heißt das, dass der Rest der Uhrenindustrie um etwa 50 Prozent geschrumpft ist. Das heißt wiederum, einigen der anderen geht es wesentlich schlechter.

trend: Okay, aber irgendwo müssen Sie trotzdem einsparen. Ein Unternehmer denkt ganz anders als ein Manager, der glaubt, seine Kosten stecken hauptsächlich im Personal. Also schmeißt er zehn Leute raus. Die kosten im Jahr je 70.000. Und wenn er 100 rausschmeißt, hat er schon sieben Millionen gespart, und wenn er tausend rausschmeißt, sogar 70 Millionen. Und die Börse honoriert das sofort, und – buff! – die Aktien gehen in die Luft. Aber das ist die falscheste Sache, die man machen kann.

trend: Wie geht es klüger? Wenn Sie ein komplexes Unternehmen haben, mit Produktion und allem, was dazugehört, dann stecken die höchsten Kosten nicht so sehr in Ihren Mitarbeitern, außer wenn Sie sehr arbeitsintensiv sind. Viele Kosten stecken im Material. Das sind bei uns normalerweise zwischen 25 und 30 Prozent. Logistik ist auch kostspielig. Dann kommt die EDV. Und natürlich der Ausschuss und so weiter. Wenn Ihre Firma gut arbeitet, machen Sie zwei bis vier Prozent Ausschuss, wenn sie schlecht arbeitet, zwölf Prozent. Schon alleine von zwölf auf vier Prozent zu reduzieren, spart Ihnen in einer Firma wie unserer Millionen.

trend: Ich gehe davon aus, Sie sind schon eine sehr effiziente Firma. Wenn Sie ein kluger Chef sind, der analytisch denken kann, dann finden Sie immer Bereiche, in denen Sie Kosten senken können, die nicht das Personal sind. Und bei uns ist das auch so: Wir akzeptieren vorübergehend eine Gewinnreduzierung, die uns später viel mehr Wachstum erlaubt. Deshalb entlassen wir auch niemanden.

trend: Worin besteht für Sie der Unterschied zwischen einem eigentümergeführten, nicht gelisteten Unternehmen und einem börsennotierten Konzern? Das lesen Sie auf unserem Jahresbericht, da steht drauf: Dieser Bericht ist nicht gemacht für Finanzjongleure (lacht). Er ist nicht für die Madoffs. Der Eigentümer als Unternehmer denkt langfristig und sichert die Zukunft des Unternehmens. Die Börsenmentalität sucht sofort Gewinnmaximierung, manchmal auf Kosten der Zukunft.

trend: Die Gier der Finanzindustrie hat das alles losgetreten? Nicht die Gier der Finanzindustrie, die Gier vieler Menschen. Es gibt noch einige Menschen, auch in der Finanzindustrie, die solide und effizient sind.

trend: Sind Sie der Meinung, dass sich durch diese Krise etwas verändern wird? Wird es in der Wirtschaft einen Paradigmenwechsel geben? Zuerst war ich dieser Meinung. Ich habe mir gedacht, Gott sei Dank, jetzt können wir der Wall Street, diesen mächtigen Finanzjongleuren einmal sagen: Stopp! Hört auf! Und die Regierungen werden mitmachen. Weil viele unserer Regierungen und Minister sind abhängig von den Banken. Aber jetzt habe ich diese Hoffnung verloren.

trend: Warum? Vor sechs Monaten hat es geheißen, Investmentbanking ist tot, das darf man nicht mehr erlauben. Und heute hat die Citi Bank wieder Milliardengewinne im Investmentbanking bekannt gegeben. Und dann hat man gesagt, die englische Bank Barclays und eine andere Bank werden jetzt zusammengelegt und sind damit die größte Investmentbank der Welt. Gott sei Dank, sie ist die größte! Die müssen wir jetzt auf den Knien anbeten! Und noch vor sechs Monaten hat man gesagt, man darf es nicht zulassen, dass Banken so groß werden, dass sie uns alle gefährden, „too big to fail“ … Sie sehen also, menschliche Gier und Dummheit haben keine Grenzen.

trend: Wir haben also nichts daraus gelernt? Ein amerikanischer Professor hat eine Studie gemacht über alle Krisen der letzten 700 Jahre. Und alle Leute haben nach jeder Krise gesagt: Wir haben davon gelernt. Aber ein oder zwei Jahre später war alles vergessen. Die menschliche Gier war immer noch da. Und leider wird das jetzt das Gleiche sein. Obama will in Amerika einen Haufen Änderungen machen. Aber die Wall Street lehnt sich massiv dagegen auf. Also ich hoffe, dass wir etwas verbessern können, aber ich glaube nicht, dass wir das schaffen.

trend: Hayek gibt sich geschlagen? Natürlich nicht! Deshalb werde ich jetzt unter anderem auf eine Internationale der Unternehmer setzen – und einiges mehr.

trend: Wie soll die aussehen? Das wird eine Gewerkschaft sein. Ich werde versuchen, alle guten Unternehmer der Welt zusammenzubringen. Dann haben wir wesentlich mehr Macht, um Druck auf die Regierungen auszuüben, um zu vermeiden, dass die Börse und Finanzwirtschaft die Realwirtschaft wieder dominiert, was wieder zur Krise führen wird.

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