Duell der Giganten - Österreich vs. Schweiz

100 Tage vor Anpfiff der Fußball-Europameisterschaft ist es höchste Zeit für ein Wirtschafts-Match gegen Co-Gastgeber Schweiz. So viel vorweg: Wir spielen die Eidgenossen natürlich an die Wand. Aber gewinnen wir am Ende auch? Eine streng wissenschaftliche Betrachtung von der Seitenlinie.

Der Schweizer Hotelier, Kolumnist und Ex-Präsident der Sozialdemokraten, Peter Bodenmann, erzählt sein Wien-Erlebnis, das er vor einigen Jahren hatte, immer wieder auch seinen Landsleuten: Nicht mehr über die schläfrigen, mäßig hellen Österreicher werden jetzt Witze gemacht, sondern über die Eidgenossen, die irgendwie den Anschluss an die Globalisierung verpasst haben. Hingegen „gibt es in der Schweiz keine Österreicher-Witze mehr“, behauptet der Querdenker aus dem Wallis: Nach einem vergleichenden Blick aufs Nachbarland ist angesichts Swissair-Pleite und aktueller Banken-Troubles im eigenen Land vielen die Spucke weggeblieben.
Klar doch, Bodenmann hebt die Österreicher in den Himmel, damit er die eigenen Landsleute schelten kann. Doch 100 Tage vor Beginn der gemeinsam ausgetragenen Fußball-Europameisterschaft ist auch so die ernsthafte Frage zu stellen, wer auf dem Spielfeld der Ökonomie den stärkeren Zug zum Tor hat, wer der bessere Chancenverwerter ist, kurz: wer das Wirtschafts-Match Österreich – Schweiz gewinnt. Wir haben uns neben namhafte Schweizer Österreich-Experten auf die Tribüne gesetzt – und ein schnelles Duell mit überraschenden Spielzügen gesehen.

Noch vor Absingen der Hymnen steht es schon 0:3 für die Nachbarn.
In Sachen Einkommen, Arbeitslosigkeit und Inflation haben die Eidgenossen seit jeher die Nase vorne (siehe Statistik-Kas­ten). Der Hattrick ist aber das Ergebnis vergangener Glanzpartien – die Überlegenheit des Schweizer Systems ist schlicht einem Zeitvorsprung zu verdanken, stellt Dionys Lehner trocken fest. Der Generaldirektor der Linz Textil muss es wissen, schließlich war er Initiator einer breit angelegten Industriegeschichte Österreichs und lebt so nebenbei als Schweizer seit 34 Jahren in Österreich. „Österreich ging mit dem Staatsvertrag 1955 ins Rennen, die Schweiz mit der Bundesverfassung 1848. Die Null­eichung liegt über hundert Jahre auseinander“, sagt Lehner.

Doch glücklich ist, wer auch so etwas vergisst – von der Last der Geschichte haben sich die Österreicher bekanntlich noch nie unterkriegen lassen. Prompt fällt der Anschlusstreffer. Unser Wirtschaftswachstum war nämlich nicht nur 2007 mit 3,4 versus 2,3 Prozent deutlich höher, sondern auch in vielen, vielen Jahren davor. Seit der Jahrtausendwende ist das heimische Bruttoinlandsprodukt um 22 Prozent gewachsen, das der Schweizer dagegen nur um 15 Prozent. Nur echte Miesepeter wie der 15 Jahre in Österreich geschulte Werber Geri Aebi (siehe nächste Seite) relativieren den Wachstumsvorsprung mit dem Hinweis, „dass Österreich doch einigen wirtschaftlichen Nachholbedarf hatte“.

Wir sagen: Treffer ist Treffer: 1:3
Gegenangriff: Die Treiber des Wachstums sind im flächenmäßig halb so kleinen Alpenland die multinationalen Konzerne – in dieser Spitzendisziplin sind die Schweizer ungeschlagen. „Da sind wir nach wie vor weltweit führend“, meint selbst Fundamentalkritiker Bodenmann. Zähle und schreibe sechs Schweizer Unternehmen sind größer als Österreichs 20-Milliarden-Euro-Umsatzkaiser OMV: Nestlé, Novartis, Roche, Glencore, ABB und Adecco. Thomas Mathis, Finanzchef von Roche Austria, begründet das auch mit der Bollwerk-Positionierung seines Landes: „Die Schweiz hat es verstanden, durch ihren politischen Drang nach Unabhängigkeit ein Image der gewissen Exklusivität aufzubauen.“

Allerdings: Die größten helvetischen Wirtschaftsbetriebe wurden ausgerechnet von österreichischen Trainern in Höchstform gebracht. Zehn Jahre etwa coachte der Kärntner Peter Brabeck-Letmathe den Nahrungsmittelmulti Nestlé, und der Salzburger Roche-Boss Franz B. Humer (siehe auch „trendRevue“ auf Seite 28) hat es soeben geschafft, im Inner-Schweizer Duell der Pharmagiganten den ewigen Konkurrenten Novartis zu überholen. Nach Rücksprache mit dem Linienrichter entscheidet der trend-Referee: Ein Treffer für schiere Größe drüben, einer für die geborgte Managementleistung herüben.

Neuer Stand also 2:4
„Halt!“, rufen jetzt die Schlachtenbummler auf der anderen Seite. „Jemanden wie Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann könnt ihr nicht vorweisen. Auf wirklich neutralem Boden, im großen Deutschland, setzt sich echte Schweizer Managergröße durch und nicht österreichisches Schmähführertum.“
Dieser Einwurf wird sich gleich noch als taktischer Fehler herausstellen. Denn in Sachen Managerexport ist Rot-Weiß-Rot derzeit kaum zu schlagen.
Herr Ackermann? Der wurde interna­tional eher unter der Rubrik Massenentlassungen bei Rekordgewinnen abgespeichert und ist als in der Schweiz ausgebildeter Banker keine größere Sensation an der Spitze der größten deutschen Bank als es, nur so ein Beispiel, Harti Weirather an der Spitze des deutschen Skiverbandes wäre.

Bei Weitem spektakulärer sind österreichische Manager in echten bundesrepublikanischen Heiligtümern: die beiden Ober­österreicher Wolfgang Mayrhuber, der die deutsche Lufthansa seit bald fünf Jahren zu immer noch spektakuläreren Flughöhen führt, und Paul Achleitner, seit 2000 Finanzvorstand des Münchner Versicherungsriesen Allianz. Der Kärntner Peter Löscher, der bei dem von Schmiergeldskandalen gebeutelten Münchner Industrieriesen Siemens vor einem halben Jahr den wohl unmöglichsten Managementjob im großen Nachbarland angetreten hat. Von Ferdinand Piëch und dem, was er in jüngster Zeit bei Porsche und VW bewirkt hat, wollen wir an dieser Stelle gar nicht mehr sprechen.

Linz-Textil-Chef Lehner ortet sogar noch weitere Reserven: „Die OMV-Chefs Wolfgang Ruttenstorfer und Gerhard Roiss können Sie problemlos auch in die USA oder nach Deutschland setzen. Das österreichische Management genießt interna­tional Respekt.“ Und er hat eine historisch fundierte Erklärung dafür: „Das Erbe des Aristokratischen – eloquentes Auftreten, gute Kinderstube – ist in einer globalisierten Welt plötzlich wieder von Bedeutung.“

Sorry, Nachbarn, das war eindeutig. Nur noch 3:4
Jetzt laufen wir zur Höchstform auf, und das ist gut so: Denn bei den Exporten wird das Spiel entschieden. Nichts bringt die internationale Wettbewerbsfähigkeit besser zum Ausdruck als das Können, Produkte und Dienstleistungen aus dem eigenen Land auch anderen Ländern zu verhökern. Die Schweiz, mit ihren beeindruckenden Multis traditionell eine Exportnation, ist hier der Papierform nach kaum zu bezwingen. Werden Spritzgussmaschinen und Eisenbahnschienen gegen Swatch und Toblerone eine Chance haben? Oder ist Red Bull, rein global gesehen, eh längst trendiger als Nespresso? Die vorläufigen Zahlen für 2007 zeigen die Schweiz knapp voran, mit umgerechnet 119 Milliarden Euro Ausfuhren gegenüber 114 Milliarden der Ösis. Auch das relative Wachstum (plus 11,2 Prozent) lag eine Spur über dem österreichischen (plus 9,8 Prozent), der Handelsbilanz-Überschuss betrug sogar das Achtfache.

Okay, 3:5.
Doch Tor, wem Tor gebührt. Die Aufbauarbeit zwischen Neusiedler- und Bodensee war zweifelsohne im letzten Jahrzehnt die beeindruckendere. 1990 exportierten österreichische Betriebe gerade einmal die Hälfte des Schweizer Warenwerts. Seitdem betrug der Zuwachs 245 Prozent. Nestlé & Co legten dagegen nur halb so stark, um exakt 118 Prozent, zu – und die starken letzten Jahre waren auch der relativen Abwertung des Schweizer Frankens zuzuschreiben, die natürlich den dortigen Exporteuren nutzt. Fairplay schaut anders aus.

Und dennoch gibt es kleine Nadelstiche ins Innerste des Schweizer Exportherzens. Der Markenrechtsstreit des burgenländischen Schokoladenherstellers Hauswirth gegen den Giganten Lindt & Sprüngli ist als „Osterhasenkrieg“ bekannt geworden, auch wenn er noch immer nicht entschieden ist. Seltsam anmutend ist auch der dreiste Versuch der Kärntner Uhrenfirma Jacques Lemans, bei der Basler Uhrenmesse den gro­ßen Schweizer Namen wie Patek Philippe, Rolex oder Swatch etwas entgegenzuhalten. Das ist aber noch gar nichts gegen die Geschichte mit dem Käse. Schon seit 2001 nämlich übertrifft der Auslandsabsatz von heimischem Bergkäse & Co den Export von Appenzeller, Emmentaler & Co aus der Schweiz. 2007 lagen wir mit 87.000 Tonnen schon fast um fünfzig Prozent über dem Schweizer Käs.

Toller Spielzug, 4:5!
Und jetzt nutzen wir die allgemeine Verblüffung zu einem Überraschungsangriff und sagen ganz einfach: Banken. Vermeintlich unverwüstliche Vorzeige-Großbanken wie die UBS und die Credit Suisse haben sich in den letzten Monaten als höchst anfällig für die Viren des modernen Finanzkapitalismus gezeigt. Über 20 Milliarden Franken musste allein die UBS im letzten Jahr unter dem Titel Hypothekenkrise abschreiben, was in Österreich schon allein deshalb nicht passieren konnte, weil Raiffeisen, Erste Bank & Co ihr Geld vor allem für den Aufkauf osteuropäischer Filialbanken verwendet haben. Warum haben die Eidgenossen das Going East verabsäumt? Dionys Lehner spricht von einem „analytischen Manko“ seiner Landsleute, auch wenn Kollege Bodenmann eine genetische Erklärung für die Austro-Erfolge am Balkan und anderswo hat: „Ihr habt das Ungenaue ja im Blut. Die Schweizer halten so etwas ja nicht aus.“ Einerlei: Ungenau getroffen ist auch getroffen.

Ausgleich zum 5:5!
Auftritt Ronny Pecik, Georg Stumpf und Mirko Kovats. Dass das inzwischen zum Duo geschrumpfte Wiener Investorentrio vor zwei Jahren nach Schweizer Industrieperlen à la Oerlikon oder Sulzer gegriffen hat, war für viele Schweizer ein ebenso ­großer Schock wie das Grounding der Swissair im Jahr 2001. Große Schweizer Gegenangriffe gibt es nicht zu vermelden, die Swiss­com ist beim versuchten Kauf der Telekom Austria schon 2003 spektakulär abgeblitzt. Laut Jürg Schweri, seit 13 Jahren Generalsekretär der Handelskammer Schweiz-Österreich in Wien, ist die Lektion aus der Causa Pecik angekommen: „Die Schweizer haben nun verstanden, dass man auch die Österreicher für voll nehmen muss.“

Was für ein 6:5!
Nun folgt ein schneller Schlagabtausch. Stichwort Umweltmusterland: Laut Peter Bodenmann sind innovative „grüne“ Technologien längst keine Schweizer Errungenschaft mehr: „Bei Windenergie oder Passivhaussystemen seid ihr inzwischen besser als wir.“

Spielstand: 7:5
Da kommt ein rascher Gegenstoß, und es heißt nur mehr 7:6
Laut OECD schafft es die Schweiz immer besser, Migranten in den ausgetrockneten Arbeitsmarkt zu schleusen – nicht gerade eine Spezialdomäne der Österreicher. Und schon sind die 90 Minuten um.
Bleibt noch in der Nachspielzeit die Frage zu klären, wer denn nun wirklich die schöneren Berge, die weicheren Betten, das unverfälschtere Lächeln hat. Die Nagelprobe: Wessen bezaubernde Landschaften und Städte locken mehr Gäste aus den neuen Tourismus-Hoffnungsländern Russland und Indien an?
Bei den indischen Gästen ist das Match entschieden: Sowohl mit absolut höheren Zahlen als auch höheren Zuwachsraten dokumentiert die Schweiz seit Langem, dass sie mit ihrer Bollywood-Strategie – indische Schmachtfilme, gedreht auf Schweizer Berggipfeln – Betten in der Sommersaison mit immer mehr Gästen vom Subkontinent füllen kann. Hingegen kommen die vornehmlich im Winter reisenden Russen lieber nach Kitzbühel, Lech & Co: Mit 360.000 Nächtigungen allein im Jänner und Feb­ruar 2007 schafften die österreichischen Hoteliers das Dreifache ihrer Schweizer Kollegen.

Wir geben bei aller gebotenen Objektivität beide Treffer: 8:7
Natürlich könnten wir hier noch viel über Budgetdefizit, Beitrag des Militärs zum Bruttoinlandsprodukt oder den Wertschöpfungsfaktor Heidi im Vergleich zu „Sound of Music“ sprechen. Auch über das in der Linzer Werft gebaute Schiff „Panta Rhei“, dessen Jungfernfahrt auf dem Zürichsee aufgrund technischer Mängel nun schon zweimal verschoben werden musste – ein Umstand, der das sich aufhellende Österreich-Bild bei den Nachbarn derzeit wieder etwas eintrübt.

Doch kurz vor dem Schlusspfiff eines trefferreichen, fast ausgeglichenen Spiels bleibt doch am ehesten im Netz hängen, was Österreich-Beobachter Bodenmann im Wallis festgehalten hat: „Es gibt keine Österreicher-Witze mehr.“ Außer beim Fußball.
Endstand 9:7

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