Drei Schicksalsfragen zum Euro: Welche
Sorgen um die Währung berechtigt sind

Währungen. Zerbricht die Eurozone und können wir ausscheiden? Droht die Hyperinflation? Stürzt der Euro ins Bodenlose?

Von Franz C. Bauer

Boulevardzeitungen verfügen bisweilen über ein untrügliches Gefühl für das, was nicht passiert. Dankbare Themenlieferanten für Nonsens-News sind Krankheiten („Killergrippe“ – der Schweinegrippe-Impfstoff verrottet jetzt als Sondermüll) oder Wetterkapriolen und deren Folgen („Jahrhundertsommer“ ereignen sich ebenso wie „Jahrhunderthochwasser“ mit interessanter Regelmäßigkeit alle paar Jahre). Vor rund einem halben Jahr reihte sich der Euro in die Liste jener Ereignisse, die Schlagzeilen liefern, deren Bezug zur Realität nur mit extensiver Strapazierung des Vorstellungsvermögens herzustellen ist. Von einem Euro, der die „Weltbörsen in Panik“ versetzt, ist auf Titelseiten die Rede, Fragen wie „Ist der Euro noch zu retten?“ oder „Zerbricht der Euro?“ zählen noch zu den milderen Versionen der verkaufszahlengetriebenen Fantasie.
Faktum ist: Griechenland hat bereits vor seinem Eintritt in die Währungsunion Budgets manipuliert – etwas weniger verständnisvoll könnte man auch formulieren: gefälscht – und seine Schulden unter tatkräftiger Mithilfe der US-Investmentbank Goldman Sachs verschleiert. Tatsache ist auch, dass die Eurostaaten Italien, Spanien und Portugal ebenfalls gröbere Probleme mit ihren Schulden und den laufenden Budgetdefiziten haben. Aber: Wird der Euro daran zerbrechen?

Austritt ausgeschlossen. „Schon rein rechtlich ist das vollkommener Unsinn. Der Euro kann nicht zerbrechen, weil laut Lissabon-Vertrag und allen Nachfolgeverträgen ein Ausscheiden gar nicht möglich ist“, erklärt Ewald Nowotny, Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank. Weder kann ein Land die Währungsunion verlassen, noch kann es von den übrigen Mitgliedern verstoßen werden. Wer einmal dabei ist, bleibt das für alle Zeiten. Also eine Einbahnstraße ohne Umkehrmöglichkeiten? „Es gibt schon eine theoretische Möglichkeit: Laut Lissabon-Vertrag hat jedes Land das Recht, aus der EU auszutreten. Da aber nur EU-Mitglieder dem Euroraum angehören dürfen, wäre ein Austritt aus der EU gleichbedeutend mit einem Verlassen der gemeinsamen Währung“, erklärt Nowotny. Die zumindest denkmögliche Variante, dass ein Land kurzzeitig aus der EU aussteigt, nur um damit den Euro loszuwerden, und eine Woche später den Wiederaufnahmeantrag stellt, hält der ehemalige Wirtschaftsprofessor aber für „reine Spekulation“.

Stefan Griller, Vorstand des Forschungsinstituts für Europafragen an der Wirtschaftsuniversität Wien, sieht eine andere – allerdings ebenfalls eher theoretische – Möglichkeit, unliebsame Euro-Gefährten loszuwerden: „Man kann natürlich auch die Verträge ändern und Ausstiegsszenarien einführen.“ Da hiefür Einstimmigkeit erforderlich wäre, hält Griller diese Variante aber für „in der Praxis so gut wie undurchführbar“.
„Abgesehen von den nahezu unlösbaren rechtlichen Problemen gibt es auch keinen ökonomischen Anreiz, aus dem Euro auszutreten“, argumentiert Nowotny – eine Meinung, die Erich Streiss­ler, emeritierter Professor für Volkswirtschaftstheorie, teilt. Streiss­ler, der unter anderem 2007 den nahenden Börsencrash vorhergesagt hatte, rechnet nicht mit einer Staatspleite Griechenlands: „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Land pleitegeht, halte ich für verschwindend gering, selbst bei den Griechen. Und was bedeutet denn ‚pleite‘? Das zeigt der Fall Argentiniens. Der Effekt ist, dass man nie mehr an den Finanzmärkten bedient wird.“ Wobei ein grammatikalisches „nie“ an den Finanzmärkten eine praxisnahe Relativierung erfährt, so Streissler: „‚Nie mehr‘ heißt die nächsten 20 Jahre. Die normale Alternative ist, dass man eine Verlängerung der Zahlungsfrist bekommt.“

Größe zählt doch. Doch auch das sei nur innerhalb eines möglichst großen Währungsraums leistbar. Streissler: „Im Zuge der Diskussion über die Einführung der Goldwährung hat sich mein Vorgänger Carl Menger 1892 mit dem Problem der Währungsräume beschäftigt und festgestellt, dass es in einem großen Währungsraum geringere Preisveränderungen gibt, der Durchschnittszinssatz wird dadurch niedriger.“ Heißt konkret: je größer ein Währungsraum, umso niedriger die Zinsen – wovon Unternehmen und Private gleichermaßen profitieren. „Ein hervorragendes Beispiel dafür liefert England: Obwohl ein großer Währungsraum, liegen die Zinsen durchschnittlich über jenen im Euroraum“, so Streissler. Die erste große Frage der Anleger nach dem Untergang des Euro beantworten Theorie und Praxis daher mit einem klaren Nein.

Schreckgespenst Hyperinflation. Doch was hilft das, wenn die Hyperinflation das Ersparte auffrisst? Galoppierende Geldentwertung ist die zweite der drei großen Ängste. Als deren Folge hat 2008 eine massive Flucht in Sachwerte eingesetzt. Vor allem die Gold-Hausse zeigt, wie sehr Anleger derzeit einen vorgeblich „sicheren Hafen“ suchen. „Die Anleger müssen keine Angst vor Inflation haben“, ist Nationalbankchef Nowotny sicher. Weder der „750-Milliarden-Fallschirm“ der EU noch der Ankauf von Staatsanleihen schlechter Bonität vergrößerten die Euro-Geldmenge. Dras­tische Worte findet Wirtschaftsprofessor Streissler. „Absurd“ sind für ihn die Inflationsängste: „Warum die Österreicher glauben, dass es eine Inflation geben könnte, verstehe ich nicht. Und das Gerede von der Hyperinflation ist einfach … Das möchte ich lieber nicht kommentieren.“ Seine Diagnose: „Wir haben eine langfristige Rezession, die von einer Phase schwachen Wirtschaftswachstums abgelöst wird. Da gibt es keine Inflation, denn die Unternehmen trauen sich nicht, die Preise zu erhöhen, und die Gewerkschaften können keine hohen Lohnabschlüsse durchsetzen, weil jeder froh ist, einen Job zu haben. Einzige Ausnahme sind die Beamten, da gibt es noch Lohnerhöhungen, die können die Allgemeinheit ausnutzen.“ Inflationäre Impulse könnten lediglich über eine Mehrwertsteuererhöhung kommen – oder aber über höhere Rohstoff- und Energieimportpreise. „Die internationale Güterverflechtung hat aber dafür gesorgt, dass die Inflationsraten geringer geworden sind.“

Bleibt als dritte große Angst der Wechselkurs. Wird der Euro gegenüber den anderen Währungen so weit verfallen, dass wir uns notwendige Importe – etwa von Erdöl, aber auch anderen Rohstoffen – nicht mehr leisten können? Vor allem das Verhältnis zum Dollar gilt als besonders sensibel, da dieser die wichtigste Verrechnungswährung darstellt. „Der Dollar ist eine Abwertungswährung“, ist Streissler sicher. „2008 haben die USA – von der Öffentlichkeit praktisch unbemerkt – ihre Bargeldmenge von 900 Milliarden auf 2,3 Billionen erhöht. In früheren Zeiten mit geschlossenen Währungsgebieten hätte man da Inflation erwartet.“ Und heute? „Typisch sind langfristige Abwertungstendenzen. Die momentanen Ausschläge hängen von kurzfristigen Hysterien ab und sind ohne Bedeutung für die langfristige Betrachtung.“ Zahlreiche „unkundige Horter“ halten laut Streissler derzeit nur deshalb Dollar, „weil das schon die Großeltern getan haben. Es ist erstaunlich, wie gering die Lernprozesse an den Finanzmärkten sind.“

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