Die Wrabetz-Ära neigt sich dem Ende zu:
80 Mio. Verlust erfordern einen neuen Kurs

Nach 80 Millionen Verlust legt Generaldirektor Alexander Wrabetz beim Sparkurs für den Staatssender – samt Abschaffung vieler Privilegien – einen Zahn zu. Zu spät? Sein Abgang scheint politisch paktiert.

Ein vom ORF für die US-Wahlen angeheuerter selbstständiger Kameramann staunte nicht schlecht, als ihn die interne Revision des ORF schriftlich aufforderte, sieben Euro für zwei Flaschen Mineralwasser aus der Minibar des Hotels zu refundieren. Das Staunen wich Ärger, als der Versuch der Einzahlung scheiterte, weil die angegebene Empfängerin nicht an ihrem Platz an der Kasse am Küniglberg saß und ihre Kollegin sich als dafür nicht zuständig erklärte.

Weniger kleinlich zeigt sich der ORF beim Doppelinterview mit Wiens Bürgermeister Michael Häupl und seinem niederösterreichischen Pendant Erwin Pröll am 13. Jänner. Gleich vier Teams, insgesamt um die 30 Leute, waren mit aufwändigster Technik angerückt. „Das kann sich der ORF längst nicht mehr leisten“, ätzt die grüne ORF-Stiftungsrätin Monika Langthaler. „Und dann war der Beitrag auch noch so mäßig.“
Bürokratie, Ineffizienz und mangelndes Kostenbewusstsein: Dass beim ORF vieles schiefläuft, wird erstmals auch einer breiten Öffentlichkeit bewusst. Mit einem Minus von 80 Millionen Euro hat das größte Medienunternehmen des Landes 2008 sein Budgetziel gleich um 50 Millionen Euro verfehlt. 40 Millionen Ausfall bei den Finanzerträgen gehen aufs Konto der Wirtschaftskrise. Die andere Hälfte des Verlusts ist aber operativ bedingt: Die Werbeeinnahmen sanken seit 2000 um 100 Millionen, die Kosten wurden kaum angepasst.

Werbeumsatz schrumpft weiter
Im laufenden Geschäftsjahr geht der Werbeumsatz weiter nach unten . Bei der wichtigsten Einnahme­quelle, den Rundfunkgebühren, werden die veranschlagten 528 Millionen Euro auch nicht erreicht werden können, weil die stark steigende Arbeitslosigkeit die Gebührenbefreiungen nach oben treibt. Der geplante ORF-Verlust von 29 Millionen Euro wird kaum zu halten sein, rechnen ORF-Kenner – auch weil die angekündigten 60 Millionen Einsparungen im Betrieb nicht näher erklärt sind.

Beim Staatssender läuft jetzt TV brutal. Die neue Regierung unter Kanzler Werner Faymann und Vizekanzler Josef Pröll spricht von einem Sanierungsfall wie die AUA und macht ORF-General Alexander Wrabetz und sein Führungsteam für die Misere verantwortlich. In Politkreisen ist unisono zu hören, dass das gesamte Direktorium abgelöst wird. Wrabetz wiederum beklagt zunehmend offener die Behinderungen bei seinen Restrukturierungsaktionen. Sein Sprecher Pius Strobl sieht einen „Angriff auf die Unabhängigkeit des ORF“. Der wahre Grund für das Zerwürfnis seien Begehrlichkeiten, mehr Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen.

Amon noch vor Sommer neuer General?
Noch vor dem Sommer wollte die Regierung den Chefredakteur des Fernsehens, Karl Amon (SPÖ), als neuen General installieren. Auch der Chefredakteur von Niederösterreich, Richard Grasl (ÖVP), ist als Informations- und Programmdirektor schon paktiert. Weiters im Gespräch: Statt Sissy Mayerhoffer könnte Flughafen-Vorstand Christian Domany (ÖVP) die Finanzen übernehmen. Der will jedoch ablehnen. Die SPÖ-nahe Brigitte Wolf gilt als aussichtsreichste Kandidatin für die Radiodirektion.

Doch der Zeitplan wackelt. Ein neues Rundfunkgesetz steht nicht vor dem Sommer, ein neuer ORF-Stiftungsrat frühestens im Herbst. Damit kann ein Wrabetz-Nachfolger kaum vor 2010 antreten. Außer die Regierung entschließt sich zum Gewaltakt. Bei der Präsentation des viel diskutierten Zukunftskonzepts am 2. April könnten die Kontrollore auf eine Abstimmung verzichten. Um Wrabetz nicht abzumontieren, bevor feststeht, wie es weitergeht.

Wünscht Politik einen gesunden ORF?
Je länger das Hickhack dauert, umso lauter werden die Zweifel, ob es Faymann und Pröll wirklich um die wirtschaftliche Gesundung des ORF geht – oder doch nur um willfährigere Programmmacher. Für Zweiteres spricht: Der politisch besetzte Stiftungsrat hat die von Wrabetz angestrebte Nulllohnrunde oder die Zusammenlegung des ORF-Marketings verhindert. Die ÖVP blockiert generell und zwingt das Management damit, sich immer wieder die Stimmen der Betriebsräte zu sichern, was Sanierungsmaßnahmen die Zähne zieht. Es gibt politische Interventionen gegen die Pensionierung von (teuren) TV-Größen. Die Landeshäuptlinge torpedieren Einsparungen bei den Landesstudios.
„Nur Köpfe auszuwechseln bringt gar nichts“, spielt SPÖ-Stiftungsrat Karl Krammer auf die ungelösten Strukturprobleme an. Selbst Wrabetz-Kritiker sehen dieses Dilemma. Der ÖVP-Abgeordnete Ferry Maier sagt zwar: „Wrabetz und seinem Team wird nicht mehr zugetraut, rasch etwas weiterzubringen.“ Er gibt aber zu: „Leider ist vielen Politikern ihr Einfluss wichtiger als die wirtschaftliche Zukunft des Unternehmens.“ Die Grüne Langthaler („Mein Vertrauen in das derzeitige Management ist enden wollend“) stellt lapidar fest: „Der parteipolitische Einfluss ist der Tod des ORF.“ Und sogar etliche SPÖ-Leute glauben nicht, dass ihr Kandidat Karl Amon die nötige Sanierungserfahrung mitbringt.
Wrabetz versucht nun, die winzige Chance, die er noch hat, zu nutzen. Bisher ist der im August 2006 gewählte ORF-General die Sache zu zögerlich angegangen. Er agiere zu autistisch, wird ihm vorgeworfen. „Es ist nicht sein Stil, mit Getöse hineinzufahren und einen Arbeitskampf zu provozieren“, kontert Pius Strobl. Aber Wrabetz bleibt nichts mehr übrig, als jetzt aufzudrehen. Bei einer Betriebsversammlung am 27. November legte er schonungslos dar, dass 1000 Mitarbeiter bis 2012 abgebaut werden müssten. Weil der Auftritt aber ausgerechnet im „Starmania“-Studio stattfand, wurde die Botschaft von Betriebsräten als „zynisch“ und von bürgerlichen Stiftungsräten als „unkoordiniert“ abqualifiziert. Friendship-Ticket hat Wrabetz damit keines gewonnen.

Dennoch war die Dramatik angemessen: Der ORF hat zu viele und zu teure Mitarbeiter. Besonders jene über 700 Beschäftigten, die vor 1993 in das Unternehmen eingetreten sind, können sich dank üppiger Verträge mit teils kuriosen Zulagen (siehe Kasten „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“) fürstlicher Einkünfte erfreuen. 120.000 Euro zahlt ihnen der ORF inklusive Nebenkosten durchschnittlich. Die 1200 nach dem Kollektivvertrag 2003 angestellten Leute kosten 65.000 Euro pro Nase. Der Schnitt über alle 4500 Mitarbeiter: 94.000 Euro, mehr als beim deutschen ZDF.

Wrabetz will gegensteuern
Wrabetz will jetzt spät, aber doch eingreifen und dem Stiftungsrat am 2. April sein Strategie- und Strukturkonzept darlegen. Chefaufseher Klaus Pekarek legt ihm die Latte hoch: „Ich erwarte, dass es keine Kompromisse und Verniedlichungen darin gibt. Wrabetz muss auch unbequeme Wahrheiten aussprechen.“

Besonders heftig, sind sich ORF-Kenner einig, muss es die Technik treffen. Der Rechnungshof stellt diesem mit 1000 Mitarbeitern personalmäßig größten Bereich in seinem aktuellen Bericht ein verheerendes Zeugnis aus: geringe Produktivität, mangelhafte Planung, schlecht genutzte Übertragungswägen, zu viele Kameraleute und Cutter. Sparvorgaben ignorieren die selbstbewussten Techniker oft genug: Von 25 Prozent Zielerreichung sprechen Insider. Trotzdem wird es heftigen Widerstand von Zentralbetriebsratschef Gerhard Moser geben. Dabei verheißt der nach dem KV 03 angestellte Radiojournalist im Vergleich zu seinem Vorgänger, dem Betonierer Heinz Fiedler, 67, ohnehin schon Tauwetter. Moser signalisiert zumindest da und dort Einlenken: „Wenn es sein muss, verhandle ich lieber über ein paar Zulagen als über ein paar hundert Arbeitsplätze.“ Gegen eine Ausgliederung etwa des Radio Symphonieorchesters (RSO) will er sich jedoch zur Wehr setzen.

Heißes Eisen Landesstudios
Erst gar nicht angreifen wird Wrabetz das heiße Eisen Landesstudios: „Solange Österreich in neun Bundesländern organisiert ist, werden wir neun Landesstudios haben.“ Die Übersiedelung des ORF vom Küniglberg an einen kostengünstigeren Standort ist fix. Angeblich hat Wrabetz sich auf St. Marx im dritten Wiener Bezirk festgelegt. Dafür soll sich Bürgermeister Häupl bei Kanzler Faymann für ihn verwenden.
Auch beim Programm muss gespart werden. Die Kosten für die Rechte von Sportveranstaltungen wie der Champions League und für Programmlizenzen wie „Millionenshow“ sind in den letzten Jahren dramatisch gestiegen (siehe Grafik Seite 30). „Der Luxus, den sich der ORF leistet, ist weltweit einzigartig“, analysiert Ex-RTL-Infodirektor Hans Mahr: „Skifahren, Skispringen, Formel 1, Champions League etc. Und dazu noch die besten Filme. Das ging vielleicht zu Monopolzeiten, aber heute nicht mehr.“ Mit dem Ende der Champions League ist ein erster Schritt getan, die Formel 1 wird folgen. Noch fehlt eine schlüssige Strategie, was der ORF künftig noch machen wird – und vor allem: was nicht mehr.

Verkleinerung unabdingbar
Denn so viel ist klar: Der Staatssender muss sich massiv verkleinern. Nur über die Kostenseite kann er wieder in die schwarzen Zahlen kommen. Neue Einnahmen sind nicht viele zu holen. Durch die Digitalisierung der Haushalte konnten sich ATV, Pro7, RTL & Co rascher und stärker in den heimischen Haushalten etablieren als angenommen. Die Marktanteile des ORF sind unerwartet schnell gesunken, mit dramatischen Folgen. Joachim Feher, Boss der Agentur Mediacom: „Man kann inzwischen sogar bei nationalen Kampagnen auf den ORF verzichten. Auch ohne ihn komme ich in allen Zielgruppen auf 70 bis 75 Prozent Reichweite – zum halben Preis. Im Grunde müsste der ORF 50 Prozent Nachlass geben.“
Die maßgeblichen Medienpolitiker der Regierungsparteien haben für dieses dramatische Zukunftsszenario keine Antworten. Sie wollen vor allem die eigenen Leute im Management und im Stiftungsrat des ORF sitzen haben. Die ÖVP argumentiert dabei, Wrabetz sei handlungsunfähig, weil er für seine Wahl zu viele Kompromisse eingehen und zu viele Nichtangriffspakte mit den mächtigen Betriebsräten schließen musste. Karlheinz Kopf, ÖVP-Klubobmann und Mediensprecher, formuliert scharf: „Wenn Wrabetz nur noch mit dem Betriebsrat Konzepte durchbringen kann, dann scheint seine Basis mit dem Stiftungsrat schwerst gestört – und dann müssen ja verantwortungsvolle Politiker einschreiten. Sonst ist der ORF in drei Jahren beim Konkursrichter.“ Auch Medienstaatssekretär Josef Ostermayer (SPÖ), enger Vertrauter des Bundeskanzlers, unterstützt den SP-nahen Medienboss mehr als halbherzig: „Vielleicht ist der aktuelle Druck ein besonderer Ansporn für Wrabetz, ein glaubwürdiges Konzept vorzulegen.“

Reform des Stiftungsrats?
Sowohl Ostermayer als auch Kopf wollen über ein neues ORF-Gesetz den Stiftungsrat reformieren. Beide sprechen sich für eine Zweiteilung aus: in ein kleineres, dem Aufsichtsrat einer AG ähnliches Organ und eine Art Gesellschafterversammlung, in der auch Länder- und Publikumsvertreter Platz haben. Wie die Beschickung aussehen und welches der beiden Gremien das Direktorium wählen soll, ist noch völlig unklar. Dem Aufsichtsrat sollen dem Vernehmen nach nur Personen angehören, die seit mindestens zwei Jahren keine politische Funktion ausüben. Eine echte Entpolitisierung zeichnet sich dennoch nicht ab.
Ferry Maier, ÖVP- und Raiffeisen-Mann, fordert „eine internationale Ausschreibung für das ORF-Management“ und regt an, „dass sich der Aufsichtsrat wie bei der ÖIAG aus sich selbst erneuern könnte“. Vielfach wird auch verlangt, dass Betriebsräte bei der Wahl von Direktoren nicht mehr mitstimmen dürfen. Viel Chance auf Realisierung haben solche Vorschläge jedoch nicht – weshalb Langthaler meint: „Eigentlich müssten alle, die einen letzten Rest an Selbstachtung haben, aus dem Stiftungsrat zurücktreten.“

Die Ära Wrabetz wird bald zu Ende sein. Neben Amon werden auch Bertelsmann-Vorstand Gerhard Zeiler oder Hans Mahr als mögliche neue ORF-Chefs gehandelt. Unter diesen Rahmenbedingungen wird aber keiner den Staatssender sanieren können.
Von Bernhard Ecker und Andreas Lampl

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