Die Verzinsung der Stille

Über die Flucht vor dem Lärm.

I. Millennium und Abschied von der Stille

Der Markt bietet tausend Bücher über erfolgsrelevante Faktoren, die wegen ihrer Schlichtheit auch einfache Gemüter bezaubern. Zu den größten Hits zählen Ess-und-Trink-Bücher, die uns verraten, wie man dank Power-Snacks zum Generaldirektor wird. Oder Sportbücher, deren Autoren begriffen haben, dass tägliches Stiegensteigen für den Erfolg wichtiger ist als Führungsfähigkeit.

Weit seltener sind Bücher über schwierige Erfolgsfaktoren, die vielleicht wichtiger sind, aber ungemütlicher klingen. Man muss lange suchen, um Anleitungen zu finden, wie man mit der neuen Kälte fertig wird, die durch den Wechsel von Familienunternehmen auf Kapitalgesellschaften kam; oder mit Burn-out, der heute häufigsten Krankheit in Führungsetagen; oder mit der speziellen Gemütsverfinsterung, die mit den globalen BAD NEWS des neuen Jahrtausends kam.

Ein Thema vermisse ich in der aktuellen Lebenshilfe­literatur überhaupt: den Wert der Stille. Das kommt insofern überraschend, als noch bis in die 1990er-Jahre viel Geld mit Yoga, Meditation, autogenem Training und ähnlichen, meist asiatischen Techniken gemacht wurde. Das riss irgendwie ab. So, als habe man jede Hoffnung aufgegeben, dem Lebenslärm entfliehen zu können.

Kaum einer wehrt sich noch gegen die trügerischen Vorzüge von Großraumbüros oder eine Wohnung, in der ständig der Fernseher läuft. Es ist, als wäre das Gift des Lärms zur Substanz einer Sucht geworden. Selbst die Jogger, die früher den mantrischen Trab nützten, um sich still mit dem Universum zu vereinigen, stöpseln sich heute Musikknöpfe ins Ohr.

Für trend-LeserInnen mag es nützlich sein, das Thema Stille wieder aufzugreifen. Zumal zwei konkrete Vorteile winken. Vorteil Nr. 1 für alle: Er­höhung der kreativen Produktivität. Vorteil Nr. 2 für manche: Stille als Mehrwert ihres Produkts.

II. Stille als Produktivitätshilfe

Von Thomas Mann, der uns Tagebücher voll banaler und faszinierender Details hinterließ, wissen wir, dass er die Kraft der Stille gleich dreifach suchte. Erstens mit dem Spaziergang nach dem Lunch, wo er im Wege des „Denkens im Gehen“ (Aristoteles) in Philosophie versank. Zweitens mit der Siesta, die ihn abschloss vom Lärm des wachen Lebens. Drittens mit einer Klassik-Schallplatte, die er vor der Nachtruhe auflegte, weil er Erhabenes hören wollte, ehe er in die Stille der Träume fiel. Seine Stille-Sucht trug ihm den Vorwurf der hochmütigen Unnahbarkeit ein, allerdings auch den Nobelpreis für Literatur.

Kaum ein Künstlerwerk, das nicht in „splendid isolation“ entstand. Leonard Bernstein wollte im Pariser „Crillon“ immer die stillste und größte Suite; Karajans Salzburger Haus steht einsam inmitten einer riesigen Wiese, wie Fort Knox; Gustav Mahler flüchtete zum Komponieren in die Unbequemlichkeit einer abgeschiedenen Seehütte.

Was für Musiker selbstverständlich war, gilt auch für Maler. Franz Ringels Wiener Atelier ist weitab von der Wohnung. Adolf Frohner suchte eine Arbeitsburg hoch über der Wachau, Christian Ludwig Attersee eine Villa in den Wäldern des Semmering. Karl Korab baute sein Atelier an die ruhigste Stelle des Manhartsbergs. Er fand auch die schönste Begründung: „Ich höre sonst meine Augen nicht.“

Ähnlich ging es den Denkern und Schreibern. Heidegger brauchte fürs Philosophieren die Einsamkeit der Alm. Werbe­pionier David Ogilvy zog sich für große Kampagneideen aus dem geschäftigen USA-Büro in sein Schloss in Frankreich zurück. Peter Handke schreibt an reizlosen Orten.

Im Normalfall hilft die Stille der Größe des Gedankens. Wichtigste Ausnahme: Österreichs Kaffeehausliteraten. Sie suchten den kultivierten Lärm. Das lag aber daran, dass sie hauptsächlich über das schrieben, was sie dort sahen und hörten oder in den großen internationalen Zeitungen gratis lasen. Nur Alfred Polgar fand einen anderen Grund: „Ich gehöre zu den Lächerlichen, die zum Alleinsein Gesellschaft brauchen.“

III. Stille als Mehrwert des Produkts

Soziologen vermuten, dass unsere Gesellschaft durch dauerhaften Wohlstand immer dekadenter, neurotischer und nervöser wird. Lärmende Produkte haben demgemäß keine Zukunftschance. Ein Freund schickte jüngst seinen Weinkühlschrank zurück. Dessen Rütteln beim thermostatgesteuerten Ein- und Ausschalten „raubte mir den Nerv und dem Wein die Ruhe“. Vom Staubsauger bis zum Digital-Beamer werden heute hohe Aufpreise für niedrige Dezibelwerte bezahlt.

Für die meisten Produkte gilt: je leiser, desto besser. Bei manchen ist es komplizierter. Dort ist nicht Lautlosigkeit, sondern Sound-Design gefragt. In der Steinzeit der Digitaltechnik (1980er-Jahre) quiekten die PCs und Festnetztelefone noch monotonal wie die Schweine. Einer der Vorzüge des Apple-Macintosh (ab 1984) lag darin, dass man für Operation-Signale wohltönende Akkorde wählte. Heute sind sie auch in der Windows-Welt selbstverständlich. Sound-Design führte nicht immer zum Besseren. Das Einheitsschrillen der Bakelit­telefone wich einer neuen Seuche, den individualisierten Handy-Tönen, die der Umwelt viel Freude machen, vom „besoffenen Elch“ bis zu den Hochzeitsklängen aus Richard Wagners „Lohengrin“. Der beste Handy-Sound blieb der stille Vibrationsalarm

Das größte Gewicht hat Sound-Design in der Autowelt. Dort finden sich auch die einzigen Beispiele, wo die Kunden es gerne lauter hätten. Junge Biker möchten, dass ihre kleine Honda wie eine große klingt. Porsche musste den 911, der nach Einführung der Wasserkühlung butterweich brummte, klanglich nachschärfen. Bei Motoren wirkt Stille unheimlich. Viele Erwachsene, die den Toyota/Lexus-Hybridantrieb tes­teten, wurden nervenkrank, weil die drei Modelle (Kompaktwagen Prius, SUV, Luxuslimousine) an der Ampel totenstill ruhen und lautlos elektrisch anrollen. Daran wird man sich später gewöhnen können.

Spezifische Ruhe, wenn schon nicht Stille, wird bald auch zum Produktmehrwert vieler Hotels zählen. Das mag derzeit noch pervers klingen. Die meisten Touristenherbergen stecken Millionen in Animationsprogramme und hauseigene Keller-Discos. Das wird für einfaches Publikum und Jugendliche auch wichtig bleiben. Aus demografischen Gründen werden aber Silberpanther (50-plus) als Hotelgäste immer interessanter.

Man weiß noch nicht viel von ihnen. Man weiß nur: Die neuen Alten sind wohlhabender als die früheren. Sie sind auch nicht ganz so bescheiden, wollen keineswegs als Ruheständler behandelt werden. Da die statistische Lebenserwartung fortwährend ansteigt, surfen sie auf der langen Woge eines Unruhestandes. Sie fühlen sich jung, unternehmungslustig, reisen auch lieber als ihre Vorgänger. Zugleich haben sie, ihrer Reife angemessen, keinen Bedarf an Animateuren, Pool-Geschrei und herumtobenden Kleinkindern.

Nach vielen Gesprächen mit Spitzenhoteliers vom Rang der Familien Leeb („Hochschober“), Peter („Weisses Rössl“) und Kramheller-Reisch („Rasmushof“) vermute ich, dass sie von den kommenden Best-Agers viel ahnen und nichts wissen. Vor allem nicht, wie viel Stille die Silberpanther und Platinpanther brauchen werden und welche Art von Stille. Das muss noch in aller Stille studiert werden.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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