Die Verheißungen der ­Biomimikry

Die Verheißungen der ­Biomimikry Zeigt uns die Natur die neuen Produkte von morgen? Von Helmut A. Gansterer

Dieser Essay hat zum Ziel, Manager und Unternehmer mit einer merkwürdigen Wissenschaft vertraut zu machen. Sie wird Biomimikry oder Biomimetik oder Biomimese oder am besten Bionik genannt, als zusammengesetztes Wort von Biologie und Technik. Dass sie vielen Führungskräften nicht vertraut ist, liegt darin, dass sie als wunderliches Spielfeld von Labor-Spinnern gilt. Das ist nicht gänzlich falsch, aber auch nicht richtig. Eine nähere Beschäftigung mit Bionik könnte helfen, neue Produkte zu finden oder alte Produkte so zu verbessern, dass ihr Lebenszyklus von vorne beginnt und neuen Gewinn abwirft.

Es gibt zwei Möglichkeiten, von Biomimikry, also einer Nachäffung der lebendigen Natur, zu profitieren. Die eine ist induktiv, die andere deduktiv. Im ersten Fall geht man von einer gewünschten Verbesserung seines Produkts aus und schaut nach, ob man in der geräumigen Trickkiste der Natur fündig wird (auch top-down-process genannt). Im zweiten Fall versucht man, die Tricks der Natur in neue Produktideen umzusetzen (bottom-up-process). Das klingt faszinierend und ist es auch. Dass bisher nur wenige Unternehmer versuchten, über Bionik nachzudenken oder sie dienstbar zu machen, mag in einer ins­tinktiven Abwehrhaltung liegen. Industrielle sind eher technikaffin als naturaffin. Das hat geschichtliche und ­politische Gründe.

Historisch gesehen war die industrielle Revolution grundsätzlich ein Sieg der Technik über die Natur. Das Dampfschiff fuhr aus eigener Kraft auch flussaufwärts. Es brauchte keine pflegebedürftigen Naturkörper wie Sklaven oder Pferde, um auf Treidelpfaden gegen die Strömung gezogen zu werden. Die ersten Traktoren lobte man, weil sie nur dann Futter brauchten, wenn sie arbeiteten. Politisch gesehen waren die großen Naturliebhaber für die Industriellen ein pain in the ass. Jean-Jacques Rousseau und Franz von Assisi und deren Jünger lebten in romantischen, leistungsfernen Sphären. Ein einzelner Baum war ihnen wichtiger als eine französische Stoffmanufaktur, eine Bienenkolonie wichtiger als eine italienische Sesselfabrik, was auch die Arbeiter und Gewerkschafter gegen übertriebene „Natürlichkeit“ aufbrachte. In Österreich ist der Kampf um die Donau-Auen in Erinnerung.

Der historische Konflikt hat sich stark abgeschwächt, wenn auch einseitig. In der Wolle gefärbte Grün-Fundis und Ökologen freuen sich unverändert über alles, was der Ökonomie wehtut. Ihr Feindbild ist unverrückbar. Es war eher „die Wirtschaft,“ die klüger und nachgiebiger wurde. Erstens kennt sie die „normative Kraft des Faktischen“, wie Prof. Hans Kelsen den Wirklichkeitssinn in der österreichischen Verfassung verankerte. Speziell die Jugend ist irreversibel grün. Zweitens lernte man, dass Umweltschutz tatsächlich ein kluges Ziel ist. Drittens begriff man aus Egoismus, dass die neue Naturliebe ein Ende aller alten Produkte und damit „Neuanfang“ bedeutet – ein unternehmerischer Segen, den es bisher nur nach Weltkriegszerstörungen gab. Die Autoindustrie wird durch den Zwang zu neuen Energiekonzepten nicht zerstört, sondern wiedergeboren.
Fazit: Für moderne Unternehmer gibt es keine psychologische Barriere mehr, der Bionik näherzutreten.

Erst Bionik als „Massensport der Unternehmer“ würde jene kritische Masse an Publizität und Forschungsgeld bringen, die einen Stufensprung-Fortschritt ermöglichte. Es ist ja nicht wahr, wie rotwangige Bionik-Avantgardisten glauben, dass wir eh schon viel erreicht hätten. Gemessen an hundert Milliarden genialer Einzellösungen, die von der Natur in vier Milliarden Jahren im Wege von Trial & Error evolutionär gefunden wurden, ist unsere nutzbar gemachte Mimikry praktisch nichts. Man erkennt dies daran, dass immer wieder die gleichen Beispiele genannt werden. Selbst wenn man sie um jene Erfindungen ergänzte, die zwar von der Natur abgeschaut, aber als Einfälle des Menschengeists ausgegeben wurden, bewegen wir uns im Promille-eines-Promille-Bereich der Möglichkeiten.
Wie langweilig und ermüdend, immer wieder von der ers­ten Bionik-Genialität des Leonardo da Vinci zu lesen, seinem Studium des Vogelflugs; vom ersten deutschen Patent des Raoul Heinrich Francé für seinen „Neuen Streuer“ nach Vorbild der Mohnkapsel; vom Velcro-Verschluss nach dem Vorbild der Klettfrucht; von Fassadenfarben und Dachziegeln nach dem Vorbild der wasserabweisenden Lotosblüte; von der 3M-Flugzeugfolie nach dem Vorbild der Haifischhaut. Man darf sagen: So gut wie alle Erfindungen der Natur sind noch ungehoben.

Tipp: Falls Sie als Fabrikant oder freier Produktentwickler diese günstige Situation nützen wollen, gibt es einen motivierenden Einstieg. Einer der prächtigsten Bildbände, die ich jemals sah, heißt „Faszination Bionik“ (Untertitel: „Die Intelligenz der Schöpfung“; Bionik-Media GmbH, 428 Seiten, 51,30 Euro), erschienen unter der Patronanz der bildungsfreundlichen deutschen TV-Sender SWR und Das Erste. Her­ausgeber: Kurt Büchl und Fredmund Malik, bei dessen Malik Management Zentrum St. Gallen auch das Copyright liegt. In diesem österreichisch geführten Weltklasse-Institut darf man auch weiterführende Tipps erhoffen. Ehe Sie diese einholen, erlaube ich mir einen abrundenden Absatz.
Ich bin ein Bionik-Fan. Ich glaube an ein grenzenloses Spielfeld. Stellen Sie trotzdem das eigene Erfinden nicht ein. Der Mensch als höchste Evolutionsstufe kann auch selbst etwas. Und die Natur ist nicht unfehlbar. Ich entzücke mich an Universum-Filmen über Albatrosse und Pelikane, die sich bei der Landung verschätzen, zwölf Saltos schlagen und alle Federn verlieren. Außerdem bietet die Natur nicht für jede Frage eine schnelle Lösung. Ich weiß dies als Anhänger des Selbstversuchs. Ich studierte Eulen, um klüger zu werden. Ich studierte wild wachsende Wälder, um die Idealstruktur von Storys zu begreifen. Ich studierte Brandungswellen und ihr Auslaufen auf den Strand auf der Suche nach natürlichen Sprachrhythmen. Ich will nicht von Enttäuschung sprechen. Es ist noch work in progress.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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