Die Suche nach neuem Verbund-Chef

Die Suche nach dem neuen Verbund-Chef ist in die heiße Phase getreten. In der zweiten Junihälfte will der Aufsichts­rat über Michael Pistauers Nachfolger entscheiden.

Verbund-Chef Michael Pistauer gilt als umgänglich und charmant. Mit den mächtigen Chefs der Landesenergieversorger arrangiert sich Pistauer lieber freundschaftlich als im beinharten Duell. Und dass er als Konzernchef – etwa bei der jüngsten Bilanzpressekonferenz – lieber solo auftritt als im Gespann mit seinen Vorstandskollegen, hat wohl eher damit zu tun, dass unter ebendiesen Kollegen zurzeit ein heftiges Gerangel um die künftige Hackordnung besteht.

Denn in diesen Tagen wurden der Job des Verbund-Generaldirektors und seines Stellvertreters neu ausgeschrieben. Und während Pistauers Stellvertreter Johann Sereinig hohe Chancen auf eine Verlängerung zugebilligt werden, hat Pistauer ein mächtiges Handikap: Er wird am 12. Dezember 65 Jahre alt. Und auf der letzten Verbund-Hauptversammlung im März 2008 wurde die Altersgrenze für die Nominierung von Vorständen mit 65 Jahren, die schon Pistauers Vorgänger Hans Haider den Job gekostet hatte, erneut bestätigt und sogar in der Geschäftsordnung festgeschrieben.
Damit gibt es zwar immer noch ein juridisches Schlupfloch. Denn die Neubestellung wird aller Voraussicht nach in der zweiten Junihälfte erfolgen, und nicht erst mit Auslaufen des Vertrags Ende Dezember. Und zu diesem Zeitpunkt wäre Pistauer genau genommen erst vierundsechzigeinhalb. Doch das Signal ist eindeutig. „In fünf Jahren ist Pistauer siebzig, und das ist nicht wirklich gut für ein so großes Unternehmen“, sinniert einer der Entscheidungsträger in dieser Causa, „und ihn nur auf zwei oder drei Jahre zu bestellen ist auch keine gute Idee, denn dann ist er ein Generaldirektor auf Abruf.“

Mit anderen Worten: Das Match um den Chefsessel im Verbund-Konzern ist nach wie vor offen. Ein Insider: „Es gibt keinen Frontrunner, der schon ein sicheres Ticket hat.“ Umso heftiger ist das Tauziehen hinter den Kulissen. Denn der Verbund ist nicht irgendein Unternehmen. Nach der erfolgreichen Konsolidierung in den neunziger Jahren und zu Beginn der Jahrtausendwende, in der die Belegschaft von 5000 auf 2440 geschrumpft und die Internationalisierung vorangetrieben wurde, ist der Stromkonzern heute mit einer Börsenkapitalisierung von 14,1 Milliarden Euro Österreichs größter Industriewert an der Wiener Börse. Die OMV bringt es beispielsweise nur auf 13,7 Milliarden. Vor allem aber ist der Verbund unverschämt profitabel. Dank billiger Wasserkraft und hoher Strompreise verdiente der Konzern im Vorjahr ein operatives Ergebnis von 916 Millionen Euro, Tendenz steigend (Details siehe Kasten „Auf der Butterseite“).

Dementsprechend gut dotiert – zumindest für österreichische Verhältnisse – sind auch die Jobs, um die es hier geht. Zwar verdiente Pistauer im Vorjahr mit 909.070 Euro inklusive Boni nicht einmal die Hälfte jener 2.195.000 Euro, die beispielsweise OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer einstreifte. Dafür war Pistauer 2007 auch erst ab Mitte Mai die Nummer eins im Unternehmen. Sein Nachfolger dürfte also gut und gern über eine Million Euro einstreifen. Natürlich ist das Altersargument bei Pistauer – ebenso wie bei seinem Vorgänger Haider – ein vordergründiges. Während Haider primär über seine Querelen mit den Landesenergieversorgern stolperte, sind es bei Pistauer vor allem die Begehrlichkeiten der Konkurrenten, die ihn zu Fall bringen könnten. Konzernintern ist seine mächtigste Kontrahentin die frischgebackene Vorstandskollegin Ulrike Baumgartner-Gabitzer, die zu Beginn des Vorjahres als Quereinsteigerin zur Verbund-Spitze stieß. Sie hatte zwar noch kaum Zeit, sich wirklich zu profilieren. Und die Jahre als Geschäftsführerin und später als Generalsekretärin des Verbands der Energieunternehmen Österreichs entsprechen wohl nur bedingt dem Anforderungsprofil eines Verbund-CEOs mit internationalem Akquisitions- und Finanzierungs-Know-how (siehe Kasten rechts). Doch Baumgartner-Gabitzer hat einen mächtigen Trumpf im Ärmel – sie ist die frühere Kabinettschefin und langjährige Vertraute von Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel.

Falls die CEO-Würde tatsächlich an sie ginge, würde der Job eines einfachen Vorstandsmitglieds frei. Und dafür gibt es vor allem konzernintern bereits eine Reihe ernst zu nehmender Kandidaten – etwa Michael Amerer oder Günther Raben­steiner, die in diversen Verbund-Töchtern gute Figur machen.
Die meisten Chancen in diesem Fall hätte aber vermutlich Karl Goll­egger, Vorstand der Verbund-Tochter Austrian Power Sales. Denn Gollegger ist auch politisch gut vernetzt. Er begann seine Karriere als Sekretär des früheren Salzburger Landeshauptmanns Wilfried Haslauer und begleitete als Vizebürgermeister von Salzburg die Zusammenlegung der Salzburger Stadtwerke mit der Safe, bevor er 2005 zum Verbund wechselte und dort zunächst die Italientochter, später das Endkundengeschäft in Österreich betreute. Allerdings gibt es Anzeichen dafür, dass der Nominierungsausschuss im Verbund-Aufsichtsrat, der aus dem steirischen ÖVP-Politiker und Industriellen Gilbert Frizberg, dem Rechtsanwalt Maximilian Eiselsberg und dem früheren Raiffeisen-NÖ-Wien-Chef Peter Püspök besteht, durchaus auch mit Kandidaten von außen liebäugelt. So wurde die Ausschreibung, die von Philipp Harmer (Egon Zehnder Österreich) betreut wird, unter anderem in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ inseriert.

Aber nicht nur ausländische Kandidaten, auch Österreicher internationalen Zuschnitts wären hochwillkommen. Dem Vernehmen nach soll sich Frizberg unter anderem um Palfinger-Chef Wolfgang Anzengruber bemühen, der nicht nur bei dem Kranhersteller eine beeindruckende Performance hingelegt hat, sondern auch über einschlägige Erfahrungen in der Energiebranche verfügt. Er begann seine Karriere bei Simmering-Graz-Pauker und ABB und betreute zur Jahrtausendwende die Formierung der Salzburg Energie GmbH. Doch ob sich Anzengruber den Verbund-Job samt allen politischen Begehrlichkeiten und Komplikationen wirklich antun will, ist offen. Die diesbezügliche trend-Anfrage ließ er wohlweislich unbeantwortet. Über einflussreiche Befürworter in CV-Kreisen wiederum verfügt Post-Vorstand Herbert Götz. Er war Sekretär des früheren ÖVP-Chefs Erhard Busek, bevor er von Hans Haider (beide sind Mitglieder der CV-Verbindung Norica) zu Siemens geholt wurde und sich dort vom Hochleitner-Assistenten zum Bereichsleiter hocharbeitete. Ob sich Götz tatsächlich bewirbt, ist allerdings fraglich. Denn er besitzt einen guten Vertrag bei der Post, der bis Ende 2011 läuft.

Die Crux bei Ausschreibungen dieser Art ist, dass jeder, der sich aus der Deckung wagt, bei einem Scheitern seiner Bewerbung im eigenen Unternehmen scheel angesehen wird. Das hat auch Christof Germann erfahren müssen. Der Vorstand der Vorarlberger Illwerke hatte sich 2006 um einen Verbund-Vorstandsposten beworben, was ihm die Kollegen bis heute nicht verziehen haben. Prominente externe Bewerber werden sich deshalb vermutlich nur dann exponieren, wenn sie eine fixe Zusage der Eigentümervertreter in der Tasche haben. Auch Hans Haider hatte sich seinerzeit, bei seiner Bestellung zum Verbund-Chef im Jahr 1994, erst in der letzten Minute auf Vorschlag des zuständigen Ministers beworben. Theoretisch wäre es sogar denkbar, dass sich der Aufsichtsrat über das Ergebnis der Ausschreibung hinwegsetzt. Rechtlich darf er das, auch wenn die Ausschreibung zwingend vorgeschrieben ist. Wahrscheinlich ist das aber nicht. Denkbar ist allerdings auch, dass das Tauziehen hinter den Kulissen in einem Patt endet. Dann hätte Michael Pistauer doch noch eine Chance auf Verlängerung, zumindest für die nächsten ein bis zwei Jahre.l

Von Ingrid Dengg

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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