Die Schmalspur-Akademiker

Sie gelten zwar dem Gesetz nach als vollwertige Akademiker, doch in der Praxis ist der Titel noch kaum bekannt und oft nicht viel wert.

Von Michael Moravec und Rebekka Salzer

Es war keine geringe Enttäuschung, die Stephan Henseler erlebte: Nach einem Bachelor-Abschluss in Volkswirtschaft an der Universität von Warwick in Großbritannien und an der Panthéon-Sorbonne in Paris mit insgesamt 124 Semesterwochenstunden – nahezu der gleiche Zeitaufwand wie für einen Magister an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) – kam die Absage. Für das „Préalable“, die Aufnahmeprüfung für den höheren
diplomatischen Dienst der Republik Österreich, wurde er nicht
zugelassen.

Obwohl Österreich schrittweise den Bologna-Prozess umsetzt, der aus der EU auch einen einheitlichen Bildungsraum machen soll (siehe Kasten Seite 96), hat sich das neue Hochschulsystem in vielen Bereichen des Arbeitsmarkts noch nicht durchgesetzt. In den meis­ten Studienrichtungen gibt es jetzt statt dem zweistufigen System Magister und Doktor das dreistufige: Bachelor, Master und Doktor. Gesetzlich ist der Bachelor damit ein akademischer Grad. Doch der Bund akzeptiert seine eigenen Gesetze nicht: Beamte, die den Bachelor nachholen, dürfen trotzdem nicht in den Akademikern vorbehaltenen A-Staatsdienst aufsteigen, und auch das Außenamt lässt weiterhin keine Bachelors zu seinen Aufnahmeprüfungen zu.
Diese doch etwas eigenwillige Interpretation von EU-Recht unterstrich Familien- und Beamtenministerin Gabriele Heinisch-Hosek: Der Bachelor sei nur eine bessere Matura, meinte sie kürzlich, eine „Zwischenstufe von der Matura zum Uni-Abschluss“. Ähnlich sieht es die Industriellenvereinigung (IV): „Wir suchen vor allem Exzellenz für unser Traineeprogramm, daher sind die Anforderungen hoch. Ein Master-Absolvent hat ein umfangreicheres und tiefgreifenderes Studium genossen als jemand, der ein Grundstudium – also einen Bachelor – gemacht hat“, meint Andreas Prenner, Bereichsleiter Personal und Finanzen in der IV.
Für die mittlerweile mehr als 20.000 Studenten an österreichischen Universitäten, die seit dem Start 2003 (von Uni zu Uni verschieden) den Titel Bachelor erworben haben, und die Zigtausenden Matu­ranten, die eine Berufs- oder Ausbildungsentscheidung treffen ­müssen, stellt sich somit die Frage, ob der Bachelor nicht ein Titel ohne Wert ist beziehungsweise zwei weitere Jahre an der Uni bis zum Master-Titel nicht ohnehin unabdingbar sind. Diese Frage hat auch erhebliche finanzielle Relevanz für jene, die ihren Titel an einer der teuren Privatuniversitäten erwerben (siehe Kasten „Privat statt Staat“). Können die Bachelors auf eine Karriere in der Wirtschaft mit angemessener Bezahlung hoffen, oder bleiben sie eher bessere Matu­ranten, die oft – wie an der WU – den Stoff eines Magisterstudiums in kürzerer Zeit absolvieren müssen und denen dennoch die akademische Anerkennung in der Praxis versagt bleibt?

Vielschichtig. Der trend hat sich bei großen Arbeitgebern, aber auch an den Unis und bei Studenten umgehört – und die Bilanz fällt durchaus differenziert aus. Während vor allem Bund, Länder, kleinere Unternehmen und große Interessenvertretungen skeptisch und noch wenig informiert sind, stehen international aufgestellte größere Arbeitgeber der neuen Studienordnung auch in Österreich durchaus positiv gegenüber. Zum Teil fördern sie die jungen Akademiker sogar mit Praktika, die dem Studium angerechnet werden können.
Kein uneingeschränktes Ja zum Bachelor kommt von der RHI, dem österreichischen Weltmarktführer von Feuerfest-Materialien für Hochöfen. „Prinzipiell ist ein Bachelor für alle Positionen geeignet, langfristig gesehen auch für leitende Funktionen. Wir haben jedoch in letzter Zeit verstärkt auf Master-Absolventen zurückgegriffen, weil wir ein sehr forschungsintensiver Betrieb sind und daher ein vertiefendes Studium von Vorteil ist“, meint Personalchefin Ines Rodax. „Wenn wir zum Beispiel einen Junior Controller suchen, der für fünf Jahre diese Position behalten soll, können wir uns auch vorstellen, einen Bachelor dafür einzustellen. Wenn gefordert ist, dass die Position innerhalb kurzer Zeit aufgewertet werden soll, etwa zu einem Senior Controller, dann würden wir eher den Master präferieren.“ Der Grund aus der Sicht der RHI: „Ein Master kann sich in kurzer Zeit aufgrund der vertiefenden Inhalte während seines Studiums schneller in die Thematik einarbeiten. Ein Bachelor hat gewisse theoretische Hintergründe einfach nicht.“ Es habe sich jedoch herausgestellt, dass viele ­Bachelors nebenbei den Master machten und einfach auch keine Zeit für einen Vollzeitjob hätten. Rodax: „Auch aus diesem Grund präferieren wir eher den Master.“

Vollwertig. Etwas anders schätzt Michael Weiss, Leiter der Personalentwicklung bei der Erste Bank, die Fähigkeiten von Bachelors ein: „WU-Bachelors sind vollwertige Wirtschaftsakademiker. Uns ist vor allem die Persönlichkeit wichtig: Ist der Bewerber oder die Bewerberin ehrgeizig und vor allem dienstleistungsorientiert? Was bringen die Leute mit? Weil dazulernen können alle noch.“ Bei den Einstiegsgehältern gibt es allerdings schon Unterschiede: Ein Bachelor bekommt bei der Erste Bank ein Einstiegsgehalt von 1980 Euro brutto pro Monat, ein Master 2350 Euro. „Super Erfahrungen“ hat die Erste auch mit Absolventen von Fachhochschulen gemacht. Diese können sogar Teile der Pflichtpraktika beim österreichischen Geldinstitut absolvieren.
Überdurchschnittlich offen für Bachelors ist man auch beim Energiemulti OMV. „Wir sind ein internationaler Konzern, daher gab es – gerade in den technischen Bereichen – immer schon Mitarbeiter, die über ein Bachelor- beziehungsweise Master-Degree verfügen, das sie an einer europäischen Universität erworben haben. Uns sind diese Ausbildungen daher schon lange ein Begriff. Die OMV und ihre Tochter Borealis unterstützen den Auf- und Ausbau notwendiger Institute für ein komplett neues Bachelor- und Master-Studium der Materialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Kunststofftechnik an der Johannes Kepler Universität Linz mit drei Millionen Euro“, sagt Georg Horacek, Leiter der Personalabteilung. Bei den Gehältern gibt es aber noch Unterschiede: „Noch wird der klassische Magister etwas höher bewertet. Bachelor- respektive Master-Degrees sind jedoch beispielsweise im technischen Bereich sehr gefragt. Die Gehälter orientieren sich an den Industriestandards, hier gibt es fast keine Unterschiede im Vergleich zu Diplomingenieuren. Grundsätzlich suchen wir junge Menschen mit Potenzial für eine Karriere als Experte, Projekt­manager oder Manager in einem multikulturellen Umfeld.“

Angepasst. Bei Siemens steht man der Dreiteilung des Studiums ebenfalls positiv gegenüber. „Wir haben bei der Einführung in Österreich, also vor etwa drei Jahren, unsere Personalprozesse und Gehaltsschemata demgemäß angepasst. Wir wollen ja auch, wenn sich jemand aus Deutschland in Österreich bewirbt, wissen, was wir bekommen. Wenn alle Titel vereinheitlicht sind, macht es das natürlich einfacher“, sagt Karl Lang, Leiter der Personalentwicklung für Zentral- und Osteuropa. Siemens suche allerdings nicht nach einem akademischen Grad, sondern nach bestimmten Kenntnissen, wichtig sei auch die Kombination aus Ausbildung und Berufserfahrung. Beim Gehalt gibt es dennoch recht beachtliche Unterschiede: „Wenn Sie frisch von der Uni kommen, gibt es folgende Unterscheidung im Bruttojahresgehalt: Ein Bachelor bekommt 32.200 Euro, ein Master 35.000 bis 36.000 Euro.“ Zum Vergleich: Ein Maturant beginnt mit etwa 27.500 Euro. „Ob ich in eine Führungsposition komme, hängt mehr von der ­Persönlichkeit als vom Titel ab“, sagt Lang. „Wir geben unseren ­Mitarbeitern Zeit, sich als Master weiterzubilden.“ Teilweise be­kommen sie dafür dann auch finanzielle Beiträge. Und auch die Bank Austria ist über die Bewerbung von Bachelors durchaus erfreut: Doris Tomanek, Mitglied des Vorstands für Human Resources Österreich, Zentral- und Osteuropa: „Wir haben keine Zweifel, was die ,Bachelor Employability‘ betrifft. Für uns machen die kürzere Studiendauer und die stärkere Betonung von Praxiserfahrung die Bachelors durchaus attraktiv. Besonders in den kundennahen Bereichen Privatkunden, Klein- und Mittelbetriebe macht es erstmals Sinn, Akademiker aufzunehmen.“ Auch WU-Rektor Christoph Badelt zeigt naturgemäß wenig Verständnis für den Vergleich von Bachelors mit „besseren Maturanten“: „Die Arbeitsmarktchancen sind völlig intakt. Für einen Bachelor der WU stehen die Chancen auf einen Job sehr gut. Ich habe noch nie gehört, dass ein Bachelor wie ein Maturant bezahlt wird. Ich habe die Äußerung von Heinisch-Hosek mit großem Ärger zur Kenntnis genommen.“

Weniger angetan vom Bachelor sind allerdings noch die Personalberater und Headhunter. Roberta Borsos, Wirtschaftspsychologin bei Hill Woltron: „Bei uns gibt es so gut wie keine Nachfrage nach Bachelors. Die Unternehmen wollen entweder einen Maturanten oder gleich einen Master. Bachelors werden vielfach noch wie Maturanten mit einer kleinen Zusatzausbildung gesehen.“ Ähnlich äußert sich auch Peter Gusmits von Neumann Interna­tional: „Im Zweifelsfall gewinnt immer der Master.“ Und die internationale Vergleichbarkeit sei teilweise zweifelhaft: „In den USA und auch in Großbritannien liegt das Bachelor-Niveau deutlich unter dem von Kontinentaleuropa.“

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