Die Relativität der Tiefpreislatte

Steigende Lebensmittelpreise sorgen für ohnmächtiges Zähneknirschen im Supermarkt. Doch die Realität sieht anders aus: Brot, Schnitzel und Milch waren noch nie so billig wie heute.

Billige Läden schauen anders aus. Zumindest, wenn es nach den monatlichen Preiserhebungen der Arbeiterkammer in heimischen Supermärkten geht. Die dort fein säuberlich notierten Zahlen – Semmeln etwa um 8,3 Prozent teurer als im Vorjahresvergleich, Nudeln um 37 Prozent, Butter plus 22 Prozent – lassen bei Maria Kubitschek, Wirtschaftsexpertin der Arbeiterkammer, schon mal wehmütige Erinnerungen aufkommen: „Vor 15 Jahren hat es noch eine ordentliche Preisregelung gegeben – das wäre heute wieder argumentierbar.“ Kein Wunder, wenn selbst Topmanager wie Frank Hensel, Vorstandschef von Rewe Austria (mit den Marken Merkur, Billa = Bil(liger) La(den), Penny, Bipa), bei dem Thema nur mühsam ihre Contenance bewahren. Hensel: „Vernünftige Preiserhöhungen sind nun mal ein Bestandteil unserer Marktwirtschaft.“ In den unteren Führungsebenen gärt es sowieso. Michael Pammer, Spar-Händler in Stallhofen, Steiermark: „Wir sind nicht die Bösewichte.“ Gerhard Baumann, Nah&Frisch-Kaufmann in Kohfidisch im Burgenland: „Mediale Hetze gegen den Lebensmittelhandel.“ Markus Haferl vom Adeg in Atzenbruck im Tullnerfeld: „Dass aber fast jeder zwei Autos, drei Fernseher und einen Pool hat, wird nicht erwähnt.“

Seit die Lebensmittelpreise in den vergangenen Monaten eine sehenswerte Preisrally hingelegt haben, sind die Supermarktbetreiber die Prügelknaben der Nation. Sie fangen die Watschen ein, in denen sich der Volkszorn dank einer durchaus steigenden Inflation und den Lebensmittel-Katastrophenszenarien, die Weltbank und Internationaler Währungsfonds für Entwicklungsländer skizzieren, entlädt. Allerdings – sie sind die falschen Opfer. Denn zum einen sind die Hauptpreistreiber in Wirklichkeit die Kosten für Energie, Wohnen und öffentliche Dienstleistungen – und zum anderen verstellt das Starren auf die Centveränderung im Kommabereich der Semmelpreise den Blick auf die realen Verhältnisse. Ein nüchterner Blick auf die Statistik zeigt: Noch nie gaben die Österreicher so wenig ihres Geldes für Lebensmittel aus wie heute. Und noch selten hat die Lebensmittelwirtschaft so wenig dabei verdient.
Hatte etwa im Jahr 1974 der Anteil der Lebensmittel an den Haushaltsausgaben noch 26,5 Prozent ausgemacht, ist er in der zuletzt verfügbaren Konsumerhebung der Statistik Austria aus dem Jahr 2004 auf 13 Prozent gesunken – hat sich also halbiert. Auch die Preissteigerungen der darauf folgenden Jahre haben daran nichts geändert. Im Gegenteil, die Entwicklung ging offenbar weiter: Im Warenkorb des so genannten harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI der Statistik Austria) – er wird jährlich dem tatsächlichen Verbrauch angepasst – lag der Anteil der Lebensmittel an den Gesamtausgaben eines durchschnittlichen Haushalts in Österreich zu Beginn des Jahres 2008 nur mehr bei 11,6 Prozent.

Gerhard Bruckmann, ehemals Experte für Wahlarithmetik und Hochrechnungen des ORF und nun Statistikexperte des Seniorenbunds, ist durchaus mit der Problematik steigender Lebensmittelpreise konfrontiert. Doch selbst er hält das weit verbreitete Gefühl, von Billa, Spar und Co abgezockt zu werden, für schwer übertrieben: „Es ist zwar einiges teurer geworden, aber das macht im wirklichen Leben nicht so viel aus.“ Das zählt umso mehr, als Bruckmann einen eigenen Senioren-Preisindex erstellte, mit dem die Inflation für die spezielle Bevölkerungsgruppe der weniger verdienenden Senioren besser abgebildet werden kann. Das Bemühen der Politik, die Bevölkerung mit Geldgeschenken (Gusi-Hunderter) vor dem Verhungern zu retten, hält er für überflüssig: „Objektiv gesehen wäre überhaupt keine Maßnahme notwendig – aber wenn alle schreien, muss der Sozialminister offenbar auch einige Äußerungen von sich geben.“ Diese Teuerung ist nämlich eine relative. Auch die Analyse des Verbraucherpreisindex zeigt, dass ausgerechnet der Bereich der Lebensmittel jene Gruppe aus dem Warenkorb ist, die im langfris­tigen Vergleich am wenigsten stark gestiegen ist. Zwischen 1986 und 2007 haben sich die Lebensmittel um 37 Prozent verteuert, die Ausgaben aus der Warengruppe „Verkehr“ allerdings um 60 Prozent, jene in Restaurants um 85 Prozent, die Gruppe „Erziehung“ explodierte gar um 220 Prozent.

Auch der Vergleich mit den Steigerungen des Lohnkostenindex relativiert die für den Einzelnen durchaus fühlbare Teuerung bei gewissen Lebensmitteln: Denn im Vergleich zu den Lebensmitteln (33 Prozent zwischen 1986 und 2006) stieg der Nettolohnindex um 71 Prozent, bewegte sich also mehr als doppelt so schnell nach oben. Das heißt, die Konsumenten haben – im Durchschnitt natürlich – weit mehr Geld übrig als vor zehn oder zwanzig Jahren und müssen dies immer weniger für Lebensmittel ausgeben. Dies zeigt auch ein anderer Vergleich: Für ein Packerl Teebutter etwa musste ein durchschnittlicher Arbeitnehmer im Jahr 1980 noch 12,1 Minuten arbeiten – im Jahr 2007 lag derselbe Wert nur mehr bei 5,9 Minuten – dabei ist Butter eines jener Lebensmittel, die am stärksten der Teuerung unterworfen waren. Ein Kilo Faschiertes bedeutete für einen durchschnittlichen Arbeitnehmer im Jahr 1980 noch 41,2 Minuten Arbeit – im Jahr 2007 liefern bereits 24 Minuten den notwendigen Lohn dafür. Einzig bei der viel zitierten Semmel hat sich der Arbeitskraftindex in die andere Richtung bewegt – statt nur 0,8 Minuten muss man heute exakt eine Minute arbeiten.

Diese Vergleiche relativieren natürlich die Forderungen aller Konsumentenvertreter wie ÖGB oder Arbeiterkammer, die Entlastungsmaßnahmen durchaus für notwendig erachten. Doch Kubitschek bleibt dabei: „Gerade jene Lebensmittelkategorien, zu denen Wenigverdiener greifen, sind besonders von der Teuerung betroffen.“ Obwohl Kubitschek den genauen Verursacher der Preissteigerung nicht ausmachen kann, ruft sie laut nach dem Einschreiten der Wettbewerbsbehörden: „Wir haben einen hausgemachten Anteil bei der Preissteigerung – da gibt es einen akuten Handlungsbedarf für die Wettbewerbsbehörde.“ Stattdessen habe der Wirtschaftsminister Martin Bartenstein lediglich das beratende Gremium einberufen (die Wettbewerbskommission): „Das ist eine Augenauswischerei – die haben keine Druckmittel, keine Sanktionsmöglichkeiten, keine Ermittlungskompetenz.“

Das durchaus verständliche subjektive Gefühl beim Blick auf die Supermarktrechnung täuscht aber auch in der Hinsicht, dass der Lebensmittelhandel der große Gewinner der Preissteigerungen der vergangenen Monate sei. Das Institut für KMU-Forschung hat dazu die Beweisdaten errechnet, indem es die vom Marktforscher Nielsen offiziell verkündeten Umsatzsteigerungen für den Lebensmitteleinzelhandel (LEH) (1,2 Prozent) im Jahr 2007 noch mal unter die Lupe nahm. Zieht man nämlich von der nominellen Umsatzsteigerung von Billa, Spar & Co die spezielle Inflation für den Lebensmittelbereich ab – und nur diese ist für den Handel relevant –, hat der LEH in Wirklichkeit einen realen Umsatzrückgang von 0,5 Prozent für das Jahr 2007 zu verbuchen.

Nicht dass man sich um die Großfilialisten Sorgen machen müsste – aber auch andere Studien zeigen, dass die hohe Konzentration im österreichischen Lebensmittelhandel kein wirkliches Indiz dafür ist, dass sich der Handel klammheimlich ein Körberlgeld abzweigt. Michael Wüger vom Wirtschaftsforschungsinstitut hat den Zusammenhang der Lebensmittelpreise mit dem Grad der Konzentration im Handel in Europa verglichen. Das für Rewe-Chef Hensel und seine Kollegen entlastende Ergebnis: Bei einer der höchsten Konzentrationen am Handelssektor in der EU liegen die Preise in Österreich aber nur vier Prozent über dem EU-Durchschnitt. Wüger: „Das alleine kann also den Anstieg nicht erklären.“

Der starke Wettbewerb im Lebensmittelhandel – immerhin werden die beiden durchaus nicht unbekannten Marken Adeg und Zielpunkt von ihren Eigentümern (Edeka bzw. Tengelmann) nicht deswegen zum Verkauf angeboten, weil die Renditen in Öster­reich so hoch sind – sorgt eher dafür, dass der Handel die Preissteigerungen, die auf der Rohstoffseite durchaus zu spüren sind, in Wirklichkeit gar nicht voll weitergeben konnte: So etwa stiegen die Erzeugerpreise für Äpfel zwischen 2005 und Jänner 2008 um 64 Prozent, der Verbraucherpreis allerdings im selben Zeitraum nur um elf Prozent. Beispiel Vollmilch: Einem Plus von 44 Prozent auf der Erzeugerseite steht im selben Zeitraum nur die Hälfte (plus 22 Prozent) auf Verbraucherseite gegenüber.

Dabei ist der Lebensmittelhandel noch in einer komfortablen Position, im Vergleich zu der lebensmittelverarbeitenden Industrie – sie ist das wirkliche Opfer der Preissteigerungen im Lebensmittelbereich. Bäcker, Mühlen, Wursterzeuger, Molkereien sitzen zwischen allen Sesseln: Sie müssen die teuren Rohwaren einkaufen, können aber beim Handel nicht immer die Preissteigerungen durchsetzen, die zum Ausgleich dafür notwendig wären. Die Folge – deutliche Ertragseinbußen, Schulden. Reinhard Kainz, Innungsmeister der Bäcker in der Wirtschaftskammer: „Die Situation ist dramatisch – nur einzelne wenige Großbäckereien in Österreich haben noch eine positive Eigenkapitalquote, die Mehrheit der kleinen Bäcker kämpft ums Überleben.“ Kurt Mann, Eigentümer der gleichnamigen Großbäckerei: „Alleine die Preissteigerungen auf dem Getreidesektor kosten mich jährlich 1,8 Millionen Euro.“

Auch Großkonzerne kommen unter Druck. Josef Marihart, Chef des börsennotierten Zucker- und Stärkeherstellers Agrana: „Wir können die Preissteigerungen großteils weitergeben – aber mit Zeitverzögerung. Das dazwischen müssen wir schlucken.“ Und selbst Markenartikler mit hohem Wertschöpfungsanteil kämpfen. Wolfgang Hötschl, Geschäftsführer des eben an den Multi Intersnack verkauften Kartoffelchipserzeugers Kelly: „Unser Gewinn ist im Vorjahr um die Hälfte eingebrochen – wenn das so weitergeht, steht uns bald der kalte Schweiß auf der Stirne.“

Von Markus Groll

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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