Die Post bring allen was: Der neue General muss das marode Auslandsgeschäft sanieren

Die Post hält für ihren neuen General, der im Oktober antritt, einige Überraschungen bereit. Georg Pölzl muss das marode Auslandsgeschäft sanieren und andere Baustellen bewältigen. Sein Trost: Das neue Postmarktgesetz wird glimpflich ausfallen.

Von Ingrid Dengg

Auf den ersten Blick wirkt die Post AG wie ein Schmuckkästchen unter den Beteiligungen der Staatsholding ÖIAG. Jahr für Jahr werden fette Dividenden ausgeschüttet, bisweilen sogar mehr, als verdient wurde. 2008 waren es inklusive Sonderdividende 168 Millionen Euro, bei einem Jahresumsatz von 2,44 Milliarden Euro. Die Bilanz ist grundsolide und mit fetten Cashreserven gepolstert. Doch der schöne Schein trügt, mittelfristig sieht es gar nicht rosig aus. Wenn der neue Generaldirektor Georg Pölzl am 1. Oktober sein Amt bei der Post antritt, wird er ein ganzes Paket voller Probleme zu bewältigen haben – und den einen oder anderen überraschenden Schlag einstecken müssen. Es ist wohl kein Zufall, dass mit Pölzl ein kampferprobter Sanierer und Kostensenker antritt.

Manche Probleme sind bekannt, etwa dass im Jahr 2011 das Briefmonopol vollständig fällt. Laut postinternen Berechnungen könnte die Liberalisierung das operative Ergebnis bis zum Jahr 2015 um 173 Millionen Euro reduzieren – wenn nicht drastische Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Und das Geschäft wird die neue Konkurrenz auch nicht beleben: Der Briefmarkt schrumpft kontinuierlich. Kaum bekannt sind die ernsten Probleme der Post AG mit ihren Auslandsbeteiligungen. Die schreiben Verluste oder Ergebnisse unter Plan. „Da ist ein irrer Flohzirkus zusammengekauft worden“, schimpft ein Postmanager. Die Folge: Hier droht hoher Abwertungsbedarf in der Bilanz.

Es war also nicht nur Zweckpessimismus, als der interimistische Postchef Rudolf Jettmar Ende Juli mit Blick auf das bevorstehende Postmarktgesetz davor warnte, dass die börsennotierte Post künftig zum „Zuschussempfänger“ werden könnte. Oder, um es salopp zu formulieren, die Post hat ein Strukturproblem, ein Managementproblem und ein Eigentümerproblem. Der Staat ist als 53-Prozent-Eigentümer zwar an üppigen Dividenden interessiert, zeigt auf der anderen Seite aber wenig Bereitschaft, der Post jene 2000 bis 3000 Beamten abzunehmen, die das Unternehmen gerne loswerden würde, weil es keine Arbeit mehr für sie geben wird. „Österreichs Post hat 56 Prozent Beamte und dazu laut eigenen Angaben noch 30 Prozent beamtenähnliche Dienstverhältnisse, das ist dramatisch“, konstatiert der deutsche Experte und Unternehmensberater Horst Manner-Romberg. „Stabile bis leicht sinkende Umsätze und eine steigende Kostenbasis mit teilweise unkündbarer Belegschaft, das geht sich irgendwann nicht mehr aus. Da muss sich an der Kostenstruktur etwas ändern“, ergänzt RCB-Analyst Bernd Maurer. Der Punkt ist: 60 Prozent der Kosten fallen beim Personal an. Und diesen Aufwand kann die Post nur schwer reduzieren, auch wenn sie Umsatz verliert.

Die Politik fühlt sich nicht verantwortlich. „Das sind ja alles Entwicklungen, die nicht neu sind“, meint die für den Postmarkt zuständige Ministerin Doris Bures, die vor allem Versäumnisse im Management ortet. „Dass Postdienstleistungen zurückgehen oder dass die Liberalisierung der Briefzustellung kommt, ist nichts Überraschendes. Darauf hat sich das Unternehmen vorbereiten müssen.“ Und für das Beamtenthema, so die Ministerin, seien andere zuständig, nämlich der Finanzminister und die ÖIAG. Bures: „Die Personalpolitik ist genau das Versagen der ÖIAG, das wir in den letzten Jahren leider erlebt haben. Da ist viel vernachlässigt worden.“ So hätten etwa bereits viel früher Einsparungspotenziale durch Umschulungsmaßnahmen oder die Nichtnachbesetzung von Posten genutzt werden können. Eine etwas einseitige Betrachtungsweise: Immerhin hat die ÖIAG mit der Idee einer Beamtenagentur schon vor Längerem einen Lösungsvorschlag gebracht – den die Politik abschmetterte.

Wie angreifbar die Post ist, zeigt die Tatsache, dass sie 60 Prozent ihres Umsatzes und 100 Prozent ihres Ergebnisses allein im Briefbereich erzielt. Ja mehr noch: Der Brief muss auch die Verluste in den anderen Sparten ausgleichen. Dank der unflexiblen Personalstruktur schlagen Umsatzrückgänge nahezu eins zu eins aufs Ergebnis durch. Ein Rechenbeispiel aus dem postinternen „Maßnahmenprogramm 2015“, das angesichts seiner politischen Brisanz zwar nicht vom Aufsichtsrat beschlossen wurde, aber dennoch als Leitlinie dient: Darin gibt die Österreichische Post die zu erwartenden Umsatzverluste durch die Liberalisierung mit 226 Millionen Euro an (minus acht Prozent der gesamten Zustellmenge). Die daraus abgeleiteten Ergebnisverluste von 173 Millionen Euro liegen nur knapp darunter. 2008 verdiente die Post 169,5 Millionen – das hieße: rote Zahlen. So schlimm wird es zwar nicht kommen, wenn das neue, vom Minis­terrat bereits beschlossene Postmarktgesetz in Kraft tritt, das die ursprünglichen Befürchtungen deutlich abfedert.

Dafür schrumpft der Briefmarkt aufgrund der elektronischen Substitution (E-Mails) rascher als erwartet, was in diesen Zahlen noch nicht berücksichtigt ist. Bereits heute werden etwa Handyrechnungen fast nur noch elektronisch versendet. Durch die Krise wird diese Umstellung jetzt noch beschleunigt. Ein Aufsichtsrat rechnet mit „ein bis zwei Prozent Rückgang pro Jahr“. Die Strategieabteilung der Post ist pessimistischer. Laut einem Papier, das Ende Mai 2009 auf der internationalen Postkonferenz in Bordeaux präsentiert wurde, könnte der Briefmarkt generell bis 2014 um zehn Prozent, bis 2025 gar um 44 Prozent schrumpfen. „Das Hauptproblem für die Post ist nicht die Liberalisierung, sondern die elektronische Konkurrenz“, bestätigt Postmarktexperte Martin Füll.

Der Druck auf Georg Pölzl, die Kosten zu senken, wird also trotz Postmarktgesetz nicht geringer. Es gibt das Angebot, etliche Postler bei der Polizei unterzubringen. Doch das dürfte zu wenig sein. Die Versuchung ist deshalb groß, dem Beispiel der Telekom zu folgen: einen dreistelligen Millionenbetrag in der Bilanz rückzustellen und ein paar hundert Mitarbeiter mit rund 90 Prozent der Bezüge heimzuschicken. „Der Telekom hat die Börse den einmaligen Verlust auch verziehen“, wird dieses Vorgehen im Aufsichtsrat nicht ausgeschlossen.

Dass die Ergebnisse im Inland zurückgehen, war auch Pölzls Vorgänger als Postgeneral, Anton Wais, bewusst. Er suchte sein Heil daher im Ausland. Mittlerweile erzielt der Konzern zwar über 30 Prozent seines Umsatzes außerhalb Österreichs, aber bislang war die Expansionsstrategie alles andere als erfolgreich. „Wir haben ein Ampelsystem, das bei einer Abweichung von mehr als zehn Prozent ins Negative auf Rot steht“, erklärt ein Insider, „und bei drei Vierteln unserer 33 Beteiligungen ist das der Fall – sie schreiben Verluste oder liegen deutlich unter Plan.“

Ein Großteil der Auslandstöchter sind kleinere Firmen in Osteuropa, die nicht wirklich zusammenpassen und vor allem ein Problem haben: Sie müssen sich mit den früheren Monopolisten auf diesen Märkten matchen. Die Rendite auf das für die Zukäufe eingesetzte Kapital ist mager. Lediglich die Kooperation mit dem US-Riesen UPS in der Slowakei läuft ganz gut.
Die eigentlichen Sorgenkinder sitzen allerdings in Westeuropa. Ende 2006 erwarb die Post den rund 500 Umsatzmillionen starken Nischenanbieter trans-o-flex, der auf temperaturgeschützte Health-Care-Transporte spezialisiert ist. trans-o-flex rutschte bereits im Vorjahr tief in die roten Zahlen, ebenso wie der deutsche Direktmarketing-Dienstleister Meiller, der auf die Produktion von Mailings und Versandkatalogen spezialisiert ist. Im ersten Halbjahr 2009 kamen die beiden Sorgenkinder zusammen auf ein Minus von 12,5 Millionen Euro, das sich bis Jahresende verdoppeln dürfte. Im Beteiligungssektor steht deshalb ein gröberer Abwertungsbedarf bevor (siehe Kasten links). Post-Aufsichtsratschef Peter Michaelis bleibt dennoch Optimist: „Wir befinden uns jetzt in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld. Aber alle Beteiligungen machen strategisch Sinn und waren langfristig die richtige Entscheidung.“

Das sieht innerhalb der Post nicht jeder so. In den Führungs­etagen wird bereits gemunkelt, dass Pölzl einen Teil der Auslandstöchter möglicherweise wieder verkaufen muss. Für ein bisschen Entspannung sorgt nur das neue Postmarktgesetz, das Mitte November vom Parlament beschlossen werden soll. Es ist einigermaßen postfreundlich ausgefallen. Die Strukturprobleme werden dadurch zwar nicht gelöst, doch die Liberalisierung wird erschwert und hinausgeschoben. Es sind auch Dinge, die nicht im Gesetz stehen, die das Post­management freuen: Da ist einmal der gefürchtete Teilleistungszugang, der vonseiten der Wirtschaft eingefordert wurde und nun doch nicht kommt. Gemeint ist das Recht der Mitbewerber, gegen ein von der Regulierungsbehörde festgesetztes Entgelt die Infrastruktur der Post nutzen zu dürfen. Konkurrent Redmail hätte so beispielsweise Briefe ins Verteilzentrum der Post einliefern und nach ein paar Stunden sortiert wieder abholen können. Jetzt müssen Wettbewerber ihre eigenen Strukturen aufbauen.

Ganz wichtig für die Post ist auch, dass bei Großkunden ab 2011 die freie Preisgestaltung gilt. Gesetzlich geregelt ist nur, was über Briefkästen und Postämter versendet wird. Firmen, die ihre Massensendungen direkt an die Verteilzentren liefern (gut zwei Drittel aller Brief- und Werbesendungen), kann die Post künftig ungehindert mit Rabatten ködern. Umsatz geht zwar auch verloren, wenn für ein paar Millionen Telekom-Rechnungen pro Jahr statt 51 nur noch 35 Cent verlangt werden. Aber zumindest hat die Post gute Chancen, den Kunden nicht ganz zu verlieren.

Potenzielle Mitbewerber wie Redmail-Geschäftsführer Klaus Schauer schäumen dementsprechend: „Damit sind die Preise und Rabatte der Kontrolle durch die Regulierungsbehörde entzogen.Die Post kann Konkurrenten durch eine entsprechende Preispolitik beliebig vom Markt drängen oder überhaupt davon fernhalten.“ Herbert Paierl, Präsident des Management Club, bezeichnet das Gesetz überhaupt als „wettbewerbsmäßig grenzwertig“. Ähnliche Modelle wie jenes in Österreich, die den teuren Universaldienst auf die wirklich notwendige Grundversorgung beschränken, werden allerdings zurzeit auch in anderen Ländern wie Holland, Belgien oder Frankreich diskutiert.

Ebenfalls ein Entgegenkommen an die Post – und zwar ein durchaus sinnvolles – ist die Bestimmung, dass Konzessionswerber für die tägliche Zustellung einen branchenüblichen Kollektivvertrag, in der Regel ist das jener für das Gütergewerbe, anzuwenden haben. Damit werden nicht nur die miserabel bezahlten Werkverträge und Scheinselbstständigkeiten in der Branche zurückgedrängt. Für die Post war das auch die Gelegenheit, ihren eigenen Personalvertretern einen neuen postinternen Kollektivvertrag abzuringen, der für Neueintretende je nach Alter und Einstufung um etwa 15 Prozent unter den jetzigen Postlöhnen liegt.

Die Konsequenzen sind weitreichender, als es auf den ersten Blick scheint. Denn zu diesem neuen Post-KV gibt es einen Sideletter, in dem der Postvorstand vom ursprünglich geplanten, massiven Personalabbau bei den Zustellbasen und Briefverteilzentren Abstand nimmt. Dieser Bereich, der Vorsortierer und Briefträger umfasst, ist wesentlich personalintensiver als die im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehenden Postämter. Von jenen 8800 Stellenkürzungen bis 2015, die Ende des Vorjahres für öffentlichen Wirbel sorgten, wären allein in diesem Bereich 5800 Mitarbeiter betroffen gewesen. Das wurde vorläufig abgeblasen. Garantie ist das allerdings keine. „Die Formulierung ‚Wir sehen keine Notwendigkeit auszulagern‘ ist ein Gummiparagraf“, seufzt ein Personalvertreter desillusioniert, „natürlich besteht die Gefahr, dass trotzdem abgebaut wird.“ Das wird auch passieren, aber nicht im ursprünglich erwogenen Ausmaß.

Den Grund, warum das neue Gesetz so postfreundlich ausgefallen ist, sieht Redmail-Mann Schauer politisch: „Der SPÖ ging es primär darum, wie versprochen die Postämter zu erhalten und die Positionen der Gewerkschaft zu verankern, während das ÖVP-geführte Finanzministerium in die Rolle des Eigentümervertreters schlüpfte und die Post in Schutz nahm.“

Dennoch sind auch einige Giftpillen im Gesetzesentwurf enthalten. Etwa die Tatsache, dass die Post die Kosten für den Universaldienst aller Voraussicht nach ziemlich allein tragen wird müssen, weil die Konkurrenten nur im Verhältnis zu ihrem Marktanteil in einen Fonds einzahlen müssen – und der Marktanteil wird gering bleiben, weil sie sich auf lukrative Großkunden konzentrieren. „Wie viel in diesen Fonds fließt, hängt davon ab, wie viele private Anbieter tatsächlich in diese Branche einsteigen“, sagt Verkehrsministerin Bures ungerührt – und meint damit, der Run werde nicht so groß sein. Das mag stimmen. Die Aufgabe für Pölzl wird dadurch aber nicht viel einfacher.

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