Die nächste Plage

Die Arbeitslosigkeit kommt nach Österreich – und zerstört eine große Illusion.

Einen Tag nach den beiden Worten, mit denen die Geschichte sich an ihn erinnern wird, hatte Willi Molterer Journalisten zu einem Gespräch ins Finanzministerium eingeladen. „Es reicht“, hatte der Vizekanzler wenige Stunden zuvor gesagt und damit die Koalition beendet. Nun wollte er erklären, was die Themen der ÖVP im Wahlkampf sein würden. Kein leichtes Unterfangen angesichts einer SPÖ, die im Schlepptau der „Krone“-EU-Hasskampagne und mit leeren, aber umso lauteren monetären Versprechungen in den Wahlkampf zieht. Im Zuge dieses Gesprächs überraschte Molterer vor allem mit einem Satz über die Beschäftigungssituation. Er erwarte „im Herbst eine Trendwende am Arbeitsmarkt“. Die Bevölkerung spüre die keimende Gefahr bereits jetzt. Darauf würde die ÖVP setzen und dem Land Stabilität garantieren.

Auf den ersten Blick erscheint Molterers Analyse gewagt. Die Statistiken sprechen von einer Arbeitslosenrate, die beinahe als Vollbeschäftigung durchgeht. Selbst wenn die Konjunktur infolge von Finanzkrise und Erdölpreis nun abflacht, dann sollte das doch bis zum 28. September niemand in Form von Jobverlust spüren. Die Statistik ist allerdings ein Hund. Sie eilt den Geschehnissen stets hinterher. Wahrscheinlich hat Molterer Recht, und die Österreicher wissen das. Indizien dafür sind neben den Verwerfungen der internationalen Märkte die Minibeben, die in diesen Wochen in Österreich zu registrieren waren. Branchengrößen wie Siemens, die Telekom und die Bank Austria reduzieren ihr Personal. Glanzstoff Austria in St. Pölten sperrt ganz zu.
Das sind die sichtbaren Zeichen. Daneben gibt es aber auch eine These, warum alles so kommen muss, wie es nun kommen könnte. Diese These besagt, dass die Stärke der österreichischen Wirtschaft eine Illusion ist. Sie bildet nämlich nicht unbedingt die Verhältnisse innerhalb der Landesgrenzen ab, sondern die Stärke der Unternehmen, die wir für Österreich beanspruchen, bloß weil sie hier ihren Nukleus, ein Headquarter und mit einigem Glück auch noch eine Eigentümermehrheit haben. Wenn das so ist, dann ist das österreichische Wirtschaftswachstum geborgt und die Beschäftigungslage tatsächlich gefährdet.

Ein Blick auf die trend-Männer-des-Jahres stützt diese These. In den vergangenen Jahren waren das unter anderem Boris Nemsic, Herbert Stepic und Andreas Treichl. Im Gegensatz zu den meisten trend-Männern in früheren Jahrzehnten haben diese drei keine österreichischen Imperien aufgebaut, vielmehr haben sie zentral- und osteuropäische Märkte aufgerollt, haben dort gekauft und sind dort gewachsen. Das schafft hunderttausende Arbeitsplätze im Ausland, aber keine in Österreich. Allenfalls gelingt es mit den Ergebnissen im Osten, die Jobs hier zu sichern (nicht bei der Telekom, wie sich eben zeigt), jedenfalls aber das Unternehmens­ergebnis.
Das österreichische Element an diesen Konzernen ist also relativ. Der Erfolg der österreichischen Unternehmen bringt dem Finanzminister kaum zusätzliche Körperschafts-, Lohn- oder Umsatzsteuer, den Zulieferern keine Aufträge – und dem Arbeitsmarkt keine Impulse. Der Zustand der lokal verorteten Wirtschaft ist also fragiler als jener der „österreichischen Wirtschaft“. Ein Rückgang der Inlandsnachfrage aufgrund von Realeinkommensverlusten kann schnell Folgen für den Arbeitsmarkt haben. Besserung ist nicht in Sicht. Alle Produktionsvorgänge, bei denen Arbeitskosten und Umweltauflagen schwerer wiegen als die Transportkos­ten, werden gemeinsam mit den Arbeitsplätzen verschwinden, viele Dienstleistungsanbieter mit hohen Lohnkosten ebenso. Das Zukunftsszenario: Optimisten glauben, dass sich das weltweite Lohnniveau dem österreichischen angleichen wird, Pessimisten denken in die entgegengesetzte Richtung, Realisten setzen auf die Mitte. So gut wie jetzt wird es uns jedenfalls nie wieder gehen. Herr Molterer weiß das vermutlich.

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