Die bitteren Pillen der Pharmaindustrie:
Österreich-Standorte fallen zum Opfer

Zuerst Sandoz, dann Novartis, nun Roche: Österreich-Standorte großer Pharmahersteller fallen immer öfter globalen Konzernstrategien zum Opfer. Zufall? Die Medikamentenmultis hadern hierzulande besonders mit Kürzungen bei Heilmittelausgaben und drohenden Mängeln im Forschungsbereich.

Von Markus Groll

Einen Österreich-Bonus gab es nicht. Der Tiroler Severin Schwan, CEO des Schweizer Pharmariesen Roche, verpasste seiner Heimat eine bittere Pille. Im Zuge eines weltweiten Rationalisierungsprogramms wird die Grazer Tochterfirma Roche Diagnostics, mit rund 400 Mitarbeitern bis vor Kurzem noch viel gerühmter Gründungsbetrieb des steirischen Humantechnologie-Clusters, kurzerhand in die Schweiz verlegt. Zurück bleiben eine „enttäuschte und geschockte“ Betriebsrätin Bettina Gölles, konsternierte Politiker, die Förderungen zurückhaben wollen, und ein sprachloser Cluster-Geschäftsführer Robert Gfrerer: „Auch für uns kam die Nachricht – äh – etwas überraschend.“

Doch die Grazer sind mit ihrem Schicksal in bester Gesellschaft. Immer mehr Pharmakonzerne kehren Österreich ganz oder teilweise den Rücken. 2008/09 zog etwa Novartis über Nacht seine Forschungsabteilung mit 250 Mitarbeitern aus Wien ab. 2005 verlor die Hauptstadt das Österreich-Headquarter des Generikaproduzenten Sandoz an München, und im gleichen Jahr düpierte Blutplasmaspezialist Baxter Wiens Bürgermeister Michael Häupl mit einem überraschenden Rückzug als Leitbetrieb für das Biotechzentrum Muthgasse. Der ehemals boomende Pharmastandort ­Österreich hat offensichtlich an Anziehungskraft verloren.

Gründe dafür gibt es viele: Die weltweiten Kürzungen der ­Gesundheitsausgaben zwingen die Konzerne global zu massiven Einsparungen. In diesem Umfeld kommt die laufende Diskussion um die Senkung der Forschungsförderung ebenso schlecht an wie der rigide Sparkurs der Krankenkassen bei den Medikamenten, der derzeit sogar Gegenstand einer Klage der Pharmig ist. Jan Oliver Huber, Geschäftsführer der Pharmig, Österreichs Verband der pharmazeutischen Industrie, zeigt denn auch Verständnis für die Kollegen: „Zuerst will man von uns Innovationen, dann kauft man uns die Medikamente nicht ab – das geht sich irgendwann einmal nicht mehr aus.“

Offiziell versuchen die Branchenkollegen nach dem Fall Roche zunächst die Gemüter zu beruhigen. Man verweist auf Kooperationen einiger Biotech-Start-ups mit anderen Pharmaunternehmen und schließt weitere Standortverlegungen vorderhand aus. Sandoz-Sprecherin Julia Ager-Gruber: „Wir in Österreich haben erst im Vorjahr die österreichische EBEWE zugekauft und ausgebaut.“ Hartmut Ehrlich wiederum, Vizepräsident der Baxter-BioScience-Forschung und Geschäftsführer der Österreich-Töchter, verweist auf eine vorjährige 143-Millionen-Euro-Investition für seine Wiener Blutplasma­labors: „Wir sind – im Unterschied zu Roche und Novartis – keine Außenstelle. Wir sind die internationale Forschungszentrale für Bio-Science. Und die könnte man nicht einfach kurzfristig abziehen und mittelfristig anderswo aufbauen.“ Selbst Roche-Pressesprecherin Nicole Gorfer bemüht sich tapfer: „Es ging in Graz weder um den Forschungsstandort Österreich noch um eine zu geringe Auslastung – es war einfach eine Zentralisierungsmaßnahme.“

Brodeln im Labor. Doch in den Labors wachsen derzeit neben Bakterien­stämmen auch Unmut und Besorgnis. Denn die Pillendreher geraten weltweit unter Zugzwang. Laut einer aktuellen weltweiten Studie von Roland Berger sehen sich 65 Prozent aller Pharmamanager in einer strategischen Krise. Zum einen verlieren in den nächsten fünf Jahren drei Viertel aller Pharmaprodukte ihren Patentschutz. Das bedeutet, dass sie von Konkurrenten als so genannte Generika zu Billigstpreisen nachgebaut werden können, was erheblich auf die Margen drückt. Das Ausmaß zeigt das Beispiel des Magenmedikaments Pantaloc: Der diesbezügliche Umsatz des Herstellers Nycomed mit den Krankenkassen in Österreich wird nach dem heuer endenden Patentschutz von 80 auf 20 Millionen Euro zurückfallen.

Zum anderen kürzen Gesundheitspolitiker in Anbetracht der durch die Finanzkrise strapazierten Budgets weltweit ihre Aus­gaben für Heilmittel. Österreich ist da einer der Spitzenreiter. Schon bisher lag man, was die so genannten Fabriksabgabepreise für ­Medikamente betrifft, im Europavergleich eher günstig und weit unter der Inflationsrate. Durch eine Reihe von Einsparungsmaßnahmen (Sanierungspaket der Krankenkassen) wird der Umsatz der Pharmahersteller mit den Krankenkassen in Österreich mit mageren 0,5 Prozent plus heuer erstmals so gut wie keine Zuwächse aufweisen (siehe Grafiken). Das gilt nach jahrelangen Steigerungsraten als echte Zäsur. Evelyn Walter vom Institut für Pharmaökonomische Forschung: „Die Situation in Österreich ist nicht sehr lustig für die Pharmaindustrie. Wir sind kein großer Markt, und die Preise sind vergleichsweise sehr niedrig.“ Was allerdings Hauptverbandspräsident Hans-Jörg Schelling wenig beeindruckt. Er möchte die bisherige Kostenexplosion im Gesundheitsbereich auf allen Gebieten stoppen.

Schelling, flapsig: „Wir könnten hundert Prozent des BIP für Gesundheit ausgeben – und es würden immer noch hundert Prozent der Bevölkerung irgendwann sterben.“

Mit den Umsatzausfällen für die Pharmaindustrie beginnt allerdings eine Abwärtsspirale: Weniger Umsätze bedeuten weniger Geld für Forschung und Entwicklung sowie – notabene – weniger Standorte. Das wiederum bedeutet weniger marktfähige Produkte am Ende der Pipeline und noch weniger Umsatz. Entsprechend fällt das Resümee von Ex-Wirtschaftsminister Martin Bartenstein aus, der sich nun wieder verstärkt um seine Pharmafirma G&L Pharma kümmert: „Österreich hat als Pharmastandort sicher keine Priorität mehr. Wir haben da eine Trittbrettfahrerstrategie und profitieren von der Nachbarschaft Deutschlands, wo das Preis­niveau noch in Ordnung ist.“

Neugründungen zurückgegangen. Ob die Botschaft in der Politik ankommt, scheint fraglich. Österreichs Standortvorteil aus Sicht der Pharmaunternehmen besteht hauptsächlich im Wissenstransfer aus der öffentlich finanzierten Forschung, aus gut ausgebildeten Facharbeitskräften und wissenschaftlichem Personal, das aus der universitären Forschung rekrutiert wird. Insider halten daher die Diskussion um die Kürzung der Forschungsförderung für vollkommen kontraproduktiv. Bartenstein: „Es gibt kaum etwas ­Unsinnigeres, als ausgerechnet im Bereich Forschung zu sparen.“ Auch Baxter-Manager Ehrlich warnt: „Die Standortvorteile in ­Österreich müssen konsequent gepflegt werden, wenn man sie ­erhalten und weiter wachsen lassen möchte.“ Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Immerhin zeigen sich weitere Erosionszeichen, abgesehen vom Abzug großer Standorte. So ist etwa die Anzahl der Mitarbeiter bei Österreichs Pharmaherstellern 2010 erstmals deutlich um rund 600 Beschäftigte gesunken – bei insgesamt etwa 10.000 Arbeitsplätzen ein Minus von sechs Prozent. Das spiegelt sich auch im Forschungs- und Technologiebericht 2010 der Bundesregierung wider, der bei Neugründungen von Pharma­unter­nehmen seit 2005 einen anhaltenden Rückgang konstatiert.

Wie schnell sich die Stimmung innerhalb eines global agierenden Pharmakonzerns für oder gegen einen bestimmten Standort drehen kann, weiß man nicht erst seit Roche. Ausgerechnet Baxter, als Lieferant des saisonalen Grippeimpfstoffs Celvapan in Österreich gut angeschrieben und mit 960 Mitarbeitern nach Siemens zweitgrößtes Forschungsunternehmen, könnte in nächster Zeit dennoch mit internationalen Sanierungsplänen zu kämpfen haben. Die Muttergesellschaft ist nach einem 35-prozentigen Gewinnrückgang in den ersten drei Quartalen des laufenden Geschäftsjahrs gerade ­dabei, zwei ihrer drei Großdivisionen („Renal“, „Medication Delivery“) zusammenzulegen. Dass Vorstand Joy Amundson, die bisherige Verantwortliche für die in Österreich hauptsächlich tätige Baxter-Sparte BioScience, vor wenigen Wochen unvermutet das Unternehmen verließ, deuten manche als böses Omen. Eine zwischen Amundson und der niederösterreichischen Landsrätin Petra Bohuslav vereinbarte Erweiterung des Baxter-Standorts Orth an der Donau (Meningokokken-C-Impfstoff) soll aber jedenfalls plangemäß über die Bühne gehen, versichert Baxter-Manager Ehrlich: „Wir fahren bereits die ersten Testläufe.“ Eine kleine Einschränkung gibt es doch: „Bis zur behördlichen Zulassung der Veränderung der Produktionsstätte wird es voraussichtlich noch etwa zwei Jahre dauern.“ Aber Baxter hat Erfahrung mit verschobenen Projekten in Österreich: Seit 2002 ist ein Produktionsstandort in Krems im Rohbau fertig. Ebenso lange heißt es allerdings, man wolle ihn nur in Betrieb nehmen, wenn die Rahmenbedingungen passen. Das ist – aus heutiger Sicht – eine glatte Absage.

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