Die Krise nicht mit rosaroter Brille sehen:
Ihr persönlicher Weg aus der Finanzkrise

Betablocker zählen zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten für Herzkranke. Sie dämpfen die Herzfrequenz und helfen, den Blutdruck zu senken. Robert B., 56, Vorstand einer Bank und Mitglied in gut einem halben Dutzend Aufsichtsräten, ist nicht herzkrank. Doch seit Oktober 2008 schluckt auch er Betablocker. Auto fahren, so entnahm Robert B. dem Beipackzettel, sollte er nach Einnahme des Medikaments daher lieber bleiben lassen. Doch wer eine Bank lenkt, gefährdet ja damit zumindest nicht unmittelbar Leben.

Nach einer aktuellen Studie des Beratungsunternehmens Roland Berger hat sich die Stimmung unter mittel- und osteuropäischen Führungskräften gegenüber dem vierten Quartal 2008 deutlich eingetrübt. 63 Prozent rechnen mit einer weiteren Verschlechterung. 30 Prozent schätzen die Lage nach wie vor als unklar ein. „Bei einer Umfrage der American Psychological Association gaben 80 Prozent der Befragten an, dass ihnen Geldsorgen derzeit den massivsten Stress bereiten“, zitiert Harald Mathé, wissenschaftlicher Beirat im österreichischen Berufsverband der Psychologinnen und Psychologen, aus einer jüngst veröffentlichten Studie („Money is the top stressor for Americans“, Monitor on Psychology).

Allgemeine Sorgen über die Wirtschaft folgen als Stressfaktor Nummer zwei, unmittelbar vor Angst um den Arbeitsplatz. Erst an vierter Stelle rangiert die Gesundheit. Die materiellen Konsequenzen des ökonomischen Desasters, von dem die Medien täglich immer neue Details servieren, hat der Deutsche Bundesverband der Betriebskrankenkassen in konkrete Zahlen gegossen: Demnach entstehen der deutschen Wirtschaft aufgrund psychischer Belastung infolge der Wirtschaftskrise jährliche Kosten von 6,3 Milliarden Euro. Nach der gängigen Faustregel würde das für Österreich einen Aufwand von gut 600 Millionen Euro ergeben.

Stress und Angst vor Jobverlust
Die Studie nennt Stress, Arbeitsverdichtung infolge von Personalkürzungen, Angst vor Jobverlust und schlechtes Betriebsklima als Auslöser für Leistungsminderung bis hin zu lang andauernden Krankenständen. Die schlechte Nachricht: Die Krise kommt langsam in den Köpfen der Menschen an. Die gute Nachricht: Wer nicht wegschaut, die Zusammenhänge versteht und sich den Problemen stellt, hat hervorragende Chancen, zumindest psychisch unbeschädigt davonzukommen.

Eindruck einer Katastrophe
„Wenn man in die Zeitungen schaut, kann man schon den Eindruck einer Katastrophe bekommen“, so Günter Dietzelmüller, Leiter der Gestalt-Sektion im Österreichischen Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik. „Als Therapeut beobachte ich, dass unsere Gesellschaft durch die Medien damit konfrontiert wird, dass sie sterblich ist. Das ist in der Geschichte keineswegs einzigartig. So etwas ist schon mehrfach passiert, und jetzt stehen wir eben wieder an so einem Punkt“, analysiert Richard Picker, Doyen der österreichischen Gestalttherapie, die Grundstimmung.

Als ein „Gefühl totalen Ausgeliefertseins“ beschreibt Bernd Rieken, Professor an der Sigmund Freud PrivatUniversität, das, was sich bei zahlreichen Menschen derzeit immer stärker festsetzt. Riekens Spezialgebiet: Katas­trophenforschung. Die Wirtschaftskrise traf unsere bis in den letzten Winkel durchgeplante Gesellschaft wie ein Blitz aus heiterem Himmel. „Seit dem Aufkommen der Naturwissenschaften im 15. Jahrhundert ist unsere Zivilisation immer stärker vom Beherrschbarkeitsdenken geprägt. Die Ideologie der Neuzeit lautet: Alle Dinge sind beherrschbar, machbar, planbar. Und die Wirtschaftskrise führt uns drastisch vor Augen, dass das eben überhaupt nicht stimmt.“

Erich Kirchler, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Uni Wien: „Jede große Krise – und wir erleben gerade eine solche – ist dadurch gekennzeichnet, dass Verunsicherung auf breiter Basis stattfindet, man über keine ausreichenden Informationen verfügt und die Zukunft nicht in gewohnter Weise linear planen kann. Wir erleben einen Verlust der Linearität, der Planbarkeit.“

"Gefragt ist Optimismus"
Die Reaktionen darauf fallen unterschiedlich aus. Quasi aus der ersten Reihe verfolgen die Manager diese Krise. „Gefragt ist Optimismus. Aber in der jetzigen Situation ist es eben schwer, diesen Optimismus zu verbreiten“, meint Herbert Payerl, Präsident des „Management Club“. „Eine Planung ist in diesem Umfeld nicht mehr möglich.“ Doch gerade das versuchen jetzt viele Führungskräfte mit zunehmender Hektik.

„Es ist deutlich zu merken, dass sich das Anforderungsprofil im Top-Executive-Bereich radikal geändert hat“, weiß Philipp Harmer, Geschäftsführer des Personalberaters Egon Zehnder. „Galt früher das Hauptaugenmerk Wachstum und Verkauf, gibt es jetzt eine Besinnung auf Werte, und daher sind Stressresistenz, Restrukturierungserfahrung, Glaubwürdigkeit und Integrität gefragt.“

Volkskrankheit Burn-out
Abnehmende Planbarkeit der Zukunft, zunehmende Arbeitsbelastung und das schleichende Gefühl der Sinnlosigkeit treiben immer mehr Menschen in die Wartezimmer der Psychologen und Psychotherapeuten. „Derzeit beobachten wir eine extreme Zunahme von Burn-out-Fällen – das kostet die Krankenkassen ein Vermögen“, berichtet die klinische Psychologin Yvonne Halberstadt-Wasser, „Burn-out wird zu einem echten Problem für unsere Gesellschaft.“ Laut einer EU-Schätzung leiden vier bis sieben Prozent der Beschäftigten an Burn-out, rund 16 Prozent weisen ein erhöhtes Risiko auf. In diesen Zustand völliger Erschöpfung führen viele Wege. „Früher waren vom Burn-out-Syndrom oft Menschen in helfenden Berufen betroffen, die besonders hohe und idealistische Anforderungen an sich selbst stellten. Jetzt greift Burn-out auch verstärkt auf andere Bereiche über“, weiß Ulla Konrad, Präsidentin des Berufsverbands der Psychologinnen und Psychologen.

Die ersten Schritte in die Burn-out-Falle erfolgen meist noch, ohne dass sie als gefährlich erkannt werden: Das Gefühl, mehr zu arbeiten als die anderen, und leichtere Reizbarkeit stehen am Beginn einer „Burn-out-Karriere“ – Symptome, die allzu leicht übersehen werden. An deren Ende droht die stationäre Aufnahme. „Die Menschen arbeiten buchstäblich bis zum Umfallen. Wenn es so weit kommt, dann können Psychologen und Therapeuten nicht mehr helfen, da muss ein Arzt her“, warnt Halberstadt-Wasser davor, die ersten Symptome zu ignorieren.

„Ein häufiges Erstsymptom ist Schlaflosigkeit“, zitiert Egon M. Haberfellner, Fachgruppenobmann für Psychiatrie in der Ärztekammer, aus einer langen Liste von Anzeichen, die am Beginn psychosomatischer Probleme stehen. Langes Grübeln vor dem Einschlafen und vorzeitiges Aufwachen mit ängstlichen Gedanken sind Hinweise auf ernstere Probleme.

Körperliche Signale
Ignorieren das die Betroffenen, dann sendet der Körper unmissverständliche Warnsignale aus. Vor allem jene Organe, die der Nervus sympathicus steuert, schalten auf Alarm: Erhöhte Herzfrequenz, jede Art von Verdauungsstörungen, Magenschmerzen, nervöses Schwitzen und Atembeklemmungen können Anzeichen für Stressüberlastung sein. Auch das Immunsystem leidet: Stress fördert die Cortisonausschüttung, was die Anfälligkeit für Infektionserkrankungen erhöht. „In weiterer Folge kann es zu ausgeprägten Angststörungen, depressiver Verstimmung und manifester Depression kommen“, warnt Psychiater Thau, der exakt dieses Phänomen in seiner Klinik beobachtet. „Mit der verstärkten psychosozialen Belastung durch die Krise nimmt das alles zu.“

Coole Reaktionen
Bemerkenswert ist aber nicht, dass sich immer mehr Menschen von der Krise bedroht fühlen. Bemerkenswert ist vielmehr, dass immer noch relativ viele Menschen auf den drohenden Untergang des Weltfinanzsystems und den drohenden Arbeitsplatzverlust ­einigermaßen cool reagieren. „Ich habe bisweilen das Gefühl einer gespaltenen Wahrnehmung: Auf der einen Seite gibt es die Katas­trophenmeldungen, einige Menschen sind sehr besorgt, und auf der anderen Seite sehe ich, dass sich am Konsumverhalten zu­mindest in Österreich noch nicht viel geändert hat“, wundert sich Analytiker und Wirtschaftscoach Martin Engelberg.

Doch Menschen – offenbar aber auch ganze Gesellschaften – reagieren auf Bedrohung, Krise und Katastrophe meist nach einer unsichtbaren, stereotypen Inszenierung. „In der ersten Phase versucht man, die Katastrophe nicht zur Kenntnis zu nehmen“, erklärt Psychologieprofessor Mathé. Das bewährte Motto „Nicht einmal ignorieren“ funktioniert relativ lang ganz gut. Es verhindert, dass bereits bei kleineren Verwerfungen Massenpanik ausbricht. Doch es behindert bei größeren Krisen eine rasche, adäquate Reaktion. „Ich glaube, dass sich zahlreiche Österreicher noch in dieser Phase befinden“ so Engelberg. Obwohl die Katastrophenmeldungen in Zeitungen nicht mehr zu übersehen sind, denken zahlreiche Österreicher immer noch, die Krise werde unser Land verschonen, die permanenten Berichte darüber seien massiv aufgebauscht und eine Erfindung der nach Bad News gierenden Journalistenmeute.

Peking befürchtet Unruhen
In China rechnet die Führung der Kommunistischen Partei mit Unruhen, weil die Krise dort bereits zwanzig Millionen Menschen die Jobs gekostet hat und sechs Millionen Studienabgänger, mit äußerst geringen Erfolgsaussichten, Beschäftigung suchen. Denis Blair, neuer Koordinator der US-Regierung für die sechzehn Geheimdienste der USA, befürchtet sogar eine weltweite politische Destabilisierung: Seiner Meinung nach gefährde die Krise in jedem vierten Staat konkret die politische Ordnung.

Wirtschaftspsychologe Kirchler wittert aber eine Chance für die Zukunft: Ökonomische Studien zum Thema Glück hätten, so Kirchler, nämlich erbracht, dass es materiellen Glücksstiftern sehr oft an Nachhaltigkeit fehle. „Es geht darum, materielle Werte wie Arbeit oder Geld neu zu definieren und familiäre und soziale Werte stärker zu berücksichtigen“, so Kirchler.

Betrachtungsweise gestaltbar
Die Krise selbst und ihre Folgen seien Gegebenheiten, die einzelne Betroffene nicht beeinflussen könnten. Sehr wohl gestaltbar sei aber die Betrachtungsweise. „Wenn man sich bewusst macht, dass eine Umgewichtung von Werten möglich ist, dann kann das einiges bewegen.“ Und zwar sowohl für die psychische Gesundheit einzelner Menschen als auch für die Gesellschaft. Also rosa Brille statt schwarzsehen? „Bis zu einem gewissen Grad muss man einfach so tun, als ob das Leben planbar sei“, rät Katastrophenforscher Rieken.

Von Von Franz C. Bauer und Martina Forsthuber

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