Die mit dem Häupl tanzt: Mächtigste Grüne
Vassilakou muss nun lernen zu regieren

Die nunmehr mächtigste Grüne Österreichs hat die wilde Wiener Partei gezähmt und Bürgermeister Michael Häupl verzaubert. Jetzt muss sie lernen zu regieren.

Von Othmar Pruckner

Natürlich bin ich aufgeregt“, sagt sie. „Weil ich beginne erst zu begreifen, was sich jetzt alles ändern wird. Für die Stadt, für die Bürger, für mich.“ So ist es denn wohl auch: Für Maria Vassilakou, 42, beginnt nach der Unterzeichnung des Koalitionspakts mit den Wiener Sozialdemokraten eine neue Zeitrechnung. Sie muss aus der jahrelang eingelernten Oppositionsrolle in eine tragende Funktion schlüpfen, muss ihre Parteikollegen im Wiener Rathausklub, bisher auf harte Oppositionsrhetorik gedrillt, nun permanent einbremsen. Sie wird lernen müssen, nicht Angreiferin, sondern eine Angegriffene zu sein – die permanente Verteidigungsrolle braucht eine besonders dicke Haut. Sie muss ab sofort täglich über grüne Schatten springen – will sie auf längere Sicht im Job überleben. Und dafür braucht sie ein handlungsfähiges Team, das erst einmal entwickelt werden muss. Vassilakou ist eine vielseitige Frau, das Ressort, das sie ab sofort führt, ist ihr bislang inhaltlich fremd; Stadtplanung, Stadtentwicklung, Energie und Verkehr waren bislang definitiv nicht die Themen der Migrationsfachfrau. Es ist ein großes Ressort, das sie da in die Hand nimmt. Rund viertausend Mitarbeiter sind ihr zugeordnet. Ihr gehört die mächtige Baudirektion. Der Bereich Energie, bislang ein Dezernat der MA 27, wird zu einer eigenen Magistratsabteilung aufgewertet und in ihrem Ressort angesiedelt. So viele Gestaltungsmöglichkeiten hat sie, dass eine Mitstreiterin schon leichtes Nervenfieber bekommt. „Es wäre besser gewesen, wir hätten das Umweltressort gekriegt, da wäre die Gefahr zu scheitern nicht so groߓ, sagt jene Mandatarin.

Von der Angreiferin zur Angegriffenen. Wohlan denn: „Mary“ Vassilakou wird das große Kind wohl schaukeln müssen. Wird ihren gewaltigen Karrieresprung meistern – oder untergehen. Vorschusslorbeeren jedenfalls hat sie genug gekriegt. Die Zustimmung der Landesversammlung zum Koalitionspakt und zu ihr persönlich lag bei stolzen 98,5 beziehungsweise 97 Prozent. Sie muss ab nun auf der Hut sein, nicht das Schicksal der einstigen FPÖ-Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer zu erleiden, die nach kurzer Regierungstätigkeit von ihrer Basis abserviert wurde – wegen zu großer Geschmeidigkeit und Verlust der Bodenhaftung. Diesen Spagat wird sie zu bewältigen haben – wahrlich keine leichte Turnübung, noch dazu, wo die Erwartungen der grünen Wählerinnen und Wähler wenn schon nicht überzogen, so doch ziemlich hoch sind.

Sie wird mehr Führungsarbeit leisten müssen als bislang. „Ich halte nichts von einem patriarchalen, autoritären, veralteten Führungsstil“, sagt sie pflichtgemäß – wissend, dass dieser bei den Grünen ohnedies niemals funktionieren kann. Sie will „keine Chefin sein, die alles besser weiߓ, sondern „Prima inter Pares“. Die grüne Basis dankt die Ansage mit Standing Ovations.

Eine der wirklichen Stärken der Sprachwissenschafterin: Sie findet bei jeder Gelegenheit den richtigen Tonfall. Ihre Reden zielen auf Herz und Hirn. „Sie kann als eine von wenigen Grün-Politikern Begeisterung vermitteln, sowohl nach innen wie nach außen“, sagt ein Berater. Bei der schwierigen Sitzung nach der geschlagenen – und verlorenen – Wiener Wahl wurde viel gelacht, erzählt jemand aus ihrem Umfeld: „Sie kann auch in den schwierigsten Situationen gute Laune versprühen und verfahrene Situationen auflockern.“

Fragezeichen Wirtschaftskompetenz. Ob die begnadete Kommunikatorin und frischgebackene Vizebürgermeisterin auch ausreichend Wirtschaftskompetenz besitzt, wird sich zeigen. Vassilakou verweist darauf, als Tochter eines griechischen Bauunternehmers ökonomisches Denken mitbekommen zu haben. Als Querverbinder zur Wirtschaft will sie Alexander Van der Bellen installieren – zusätzlich zu seiner Rolle als Universitätsbeauftragter.

Dass die Kapitel Wirtschaft und Finanzen die kürzesten des Koalitionspapiers sind, ist ihr bewusst: „Es konnte nicht überall gleich viel vereinbart werden.“ Festgeschrieben wurde, dass in Zukunft Bürger bei der Budgeterstellung mitreden sollen – freilich nur auf Bezirksebene und vorerst einmal als Pilotversuch. „Wir erfinden das Rad nicht neu, das gibt es in vielen Teilen der Welt bereits“, sagt sie. „Wir sind mit enormer Politikverdrossenheit konfrontiert, es braucht derartige Aktivierungsmaßnahmen.“

Um die weitere Abwanderung von Unternehmen ins Umland zu stoppen, will die Neo-Planungsstadträtin das Gespräch mit Niederösterreich suchen. Wer dort ihr Ansprechpartner sein wird, „müssen wir erst herausfinden, wahrscheinlich der Landeshauptmann persönlich“.

Dass nicht nur Stammtischbrüder, sondern auch zahlreiche Kleingewerbetreibende und Unternehmer sich vor einer restriktiven Auto- und Wirtschafts-Vertreibungspolitik fürchten, ist ihr bewusst. All jene, die Angst vor Grün haben, versucht sie zu beruhigen: „Ich sehe in einer klimagerechten Stadtentwicklung immense Chancen für die Wirtschaft. Wien muss viel investieren, und wer profitiert davon? Im Regelfall lokale Unternehmen.“

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