„Die Glücksritter werden rausfliegen“

Telekom-Austria-Generaldirektor Boris Nemsic über Telefonieren im Ausland, die Regulierung des Telekommunikationsmarktes und das Auslandsgeschäft der Telekom Austria.

trend: Herr Nemsic, wo werden Sie Ihren Urlaub verbringen?
Nemsic: Ich fahre nach Kroatien, wie immer auf die gleiche Insel. Ich werde schwimmen, entspannen, guten Wein trinken, Fisch essen und meine Batterien aufladen.

Werden Sie Ihr Handy mitnehmen?
Sicher. Man kann dort überall telefonieren, und ich kann fast alles telefonisch erledigen. Internet und e-Mails brauche ich dann nur für zwei, drei Stunden am Tag.

Mobiles Internet ist im Ausland ganz schön teuer. Bezahlen Sie da auch dafür?
Ich bewege mich nur in befreundeten Netzen. Da sind die Kosten nicht so dramatisch.

Vor Kurzem hat eine Österreicherin eine Handyrechnung von über 11.000 Euro erhalten, weil sie in Deutschland das mobile Internet genutzt hat.
Das kann bei uns nicht passieren. Da gibt es ein Kostenlimit, das rechtzeitig greift.
Beim Datenroaming sind Kostenlimits derzeit noch freiwillig, für Sprachtelefonate hat die EU-Kommission einen günstigen Eurotarif beschlossen. Ab wann können Ihre Kunden davon profitieren?
Unsere Kunden profitieren schon jetzt davon. Ab dem Zeitpunkt, ab dem klar war, was denn dieser Europatarif eigentlich sein soll, haben wir mit unserem A1 Traveler einen besseren Tarif auf den Markt gebracht. Für mich war es fast traurig zu hören, dass der Eurotarif in Kroatien nicht gelten soll, weil das Land nicht in der EU ist. Das ist eine Art von Ignoranz der Brüsseler Kommission, die nicht gut ankommt. Unser Tarif gilt daher auch in einigen beliebten Urlaubsländern, die nicht zur EU gehören, wie in Kroatien, der Türkei und sogar Russland und in den USA.

Warum kommt dieser Tarif eigentlich erst jetzt, nachdem die EU-Kommission regulierend eingreift?
Ich bin der Meinung, dass Regulierung im Endkundenmarkt völlig fehl am Platz ist. Dazu stehe ich. Die Regulierung ist ein Überbleibsel von vor zwölf Jahren. Damals hatte sie ihre Berechtigung. Vor sechs Jahren vielleicht auch noch. Aber heute ist sie völlig fehl am Platz.

Die Selbstregulierung hat aber offenbar nicht funktioniert. Warum wünschen Sie sich trotzdem ein Ende der Regulierung?
In Österreich würde das, glaube ich, dem gesamten Markt guttun. Die Regulierung ist vor allem im Festnetz überholt. 70 Prozent aller Gesprächsminuten laufen bereits über das Mobilnetz. Darüber freue ich mich als mobilkom austria, doch die Telekom Austria hat im Festnetz nur noch 18 Prozent des Marktes, ist aber voll reguliert. Die anderen 82 Prozent sind überhaupt nicht reguliert. Das ist nicht fair. Es ist wie bei einem Wettrennen, bei dem einem die Beine zusammengebunden werden.

Ihre Mitbewerber sagen natürlich das Gegenteil.
Welche Mitbewerber? Ich glaube, dass die Mobilfunker nichts dagegen hätten, und im Festnetz muss man die Mitbewerber differenziert sehen. Man glaubt, je höher die Anzahl der angeblichen Mitbewerber, sprich Lizenznehmer ist, desto besser geht es dem Markt. Das ist schlicht und einfach falsch. Eine Festnetzlizenz bekommt man um ein paar hundert Euro. Dann sind Sie angeblich ein Festnetzprovider. Seien wir uns ehrlich – das ist doch bitte ein Witz.

Die Kritik kommt von Tele2 und UPC.
Ich habe vollen Respekt für eine UPC oder eine Tele2. Die investieren und entwickeln den Markt weiter. Hochachtung. Österreich ist aber für mehrere Festnetz-Infrastruktur-Betreiber zu klein. Weltweit gibt es nur wenige Länder, wo sich das rechnen könnte. In Deutschland, Frankreich oder Großbritannien wären die Economies of Scale noch irgendwie denkbar.

Die Telekom Austria hat zu Jahresbeginn eTel Austria übernommen. Festnetz-Chef Rudolf Fischer meinte, er würde gerne weitere Anbieter übernehmen, dürfe aber nicht. Ihre Mitbewerber sehen die Übernahme als Rückkehr zum alten Telekom-Monopol.
Das Festnetz ist ein sehr investitionsintensives Geschäft. Es soll nicht möglich sein, Mitbewerber zu übernehmen, die große Infrastrukturen haben. Das wäre nicht fair. Anders ist es allerdings mit jenen Anbietern, die reine Wiederverkäufer sind. Die bringen dem Markt überhaupt nichts.

Steht eine Marktbereinigung bevor?
In einer investitionsintensiven Industrie wie der Telekombranche kann nur bestehen, wer investiert. Das sind in Österreich nur drei Unternehmen im Festnetzbereich, die Telekom Austria, UPC und Tele2. Das ist der richtige Wettbewerb, mit dem wir uns messen. Anbieter, die als reine Wiederverkäufer agieren, sind bei allem Respekt kein Wettbewerb. Es ist ein Naturgesetz, dass diese Glücksritter rausfliegen. Ihre Businessmodelle können sich nicht mehr weiterentwickeln.

Ihre Mitbewerber schießen derzeit wieder scharf. Tele2-Geschäftsführer Robert Hackl meint, die Telekom Austria sei „außer Rand und Band“, und hat eine einstweilige Verfügung gegen Sie erwirkt.
Rambazamba. Das ist normal. In unserer Branche gehört es zum guten Ton, dass man klagt, wenn man nichts anderes kann. Es zeigt nur, dass der Markt funktioniert.

Der Markt funktioniert vielleicht, im ersten Quartal 2007 musste die Telekom Austria Group aber erstmals einen Rückgang im Ergebnis hinnehmen.
Das Ergebnis des ersten Quartals will ich gar nicht schönreden. Der Rückgang ist genau das, was uns regulatorisch weggenommen wurde.

Warum konnte der Rückgang im Festnetz nicht mehr mit den Gewinnen der Mobilfunksparte wettgemacht werden?
In Österreich sponsern wir unsere Mitbewerber im Mobilfunk über die so genannte asymmetrische Regulierung. Das heißt: Für eine Minute, die mobilkom austria an T-Mobile zahlt, berappen wir um 35 Prozent mehr, als wir umgekehrt bekommen. Die Erklärung des Regulators ist: Weil T-Mobile kleiner ist. Das ist absurd. Erstens ist T-Mobile weltweit zehnmal größer, und zweitens haben sie Telering gekauft und sind seither auch in Österreich nur um 500.000 Kunden kleiner, was nicht so viel ist. Wir zahlen aber trotzdem um 35 Prozent mehr, weil der Regulator Scheuklappen hat und sagt, er ist nur vom Bodensee bis zum Neusiedler See zuständig. Das ist ein untragbarer Zustand.

Die mobilkom ist aber Marktführer und hat einen jahrelangen Vorsprung gegenüber den Mitbewerbern.
Ich bin dafür, dass man einem Newcomer diese Unterstützung gibt. International sind dabei drei Jahre üblich. Aber selbst Hutchison ist mit der Marke „3“ jetzt schon das vierte, fünfte Jahr im Markt, und wir zahlen denen bei der Weitervermittlung von Gesprächen um 90 Prozent mehr, als wir bekommen.

Müssen Sie sich jetzt, da auch beim Auslandsroaming Einnahmen wegfallen werden, nicht überhaupt auf magere Zeiten einstellen?
Wenn es die Regulierung weiterhin gibt oder wenn sie, was ich befürchte, noch stärker wird, dann wird es der ganzen Branche schlechter gehen.

Um den Rückgang im Inland auszugleichen, setzen Sie auf Auslandsbeteiligungen, wurden aber schon mehrfach überboten. Wie steht es um Ihre Expansion?
Im Jahr 2000 hatten wir genau eine Auslandsbeteiligung in Kroatien, heute haben wir bereits sieben. Das ist schon ein Riesensprung. Wir bedienen heute Länder, in denen insgesamt 34 Millionen Menschen leben. Das hilft uns auch, das Ergebnis insgesamt zu verbessern, weil im Ausland die Preis- und Ergebnissituation anders ist. In Summe stehen wir auf drei Beinen: Festnetz Österreich, Mobilfunk Österreich und Mobilfunk international. Das ist eine gute Ausgangsposition.

In welchem Land, in dem Sie vertreten sind, sagen Ihnen denn der Regulator und das Umfeld am meisten zu?
Für mich ist das Wort Regulator alleine schon negativ behaftet. Es ist nicht förderlich, wenn man etwas reguliert. Die regulierte Planwirtschaft mit ihren Fünfjahresplänen ist nicht umsonst zusammengebrochen.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit wegen der Übernahme der M-Tel in Bulgarien. Untersucht wird, ob der Kaufpreis zu hoch war und Shareholder der Telekom Austria geprellt wurden.
Ich glaube, in Bulgarien ermittelt niemand.

Aber in Österreich. Und da geht es um die Frage, ob die Transaktionen über die Schlaff-Gruppe die Akquisition nicht künstlich verteuert haben.
Ich finde das eigentlich ziemlich daneben. Wir haben für das Unternehmen 1,6 Milliarden Euro bezahlt, und heute liegt der Wert des Unternehmens zwischen 2,4 und 2,8 Milliarden Euro. Das war ein goldrichtiger Kauf zum richtigen Zeitpunkt. Wir haben das mit dem unglaublichen Wachstum der letzten Jahre bewiesen. Wir haben heute in Bulgarien fast 4,5 Millionen Kunden. Die M-Tel ist größer als die mobilkom austria, hat mehr Mitarbeiter, mehr Kunden und eine höhere Profitabilität.

Sie stehen also zu dem Kaufpreis?
Absolut, ja.

In Österreich wurde soeben One von der France Télécom übernommen. Was sagen Sie zum Einstieg der Franzosen?
Die France Télécom ist ein großer Konzern, der Geld verdienen will. One hat vor dem Verkauf vier Jahre lang Aktionismus betrieben, um die Braut für den Verkauf zu schmücken. Jetzt werden wir wieder auf den Boden der Realität zurückkehren.
Es ist nur interessant, dass die France Télécom so wenig in den österreichischen Markt investiert. Sie hat ihre 17,5 Prozent behalten und beim Verkauf weitere 17,5 dazubekommen. Das Private-Equity-Unternehmen Mid Europa Partners hat die restlichen 65 Prozent bezahlt. Deswegen ist es legitim zu fragen, ob France Télécom überhaupt an Österreich glaubt. Warum kauft ein großer, wunderbarer Konzern wie die France Télécom nicht gleich die ganze One? So viel Geld ist das nun auch wieder nicht. Es ist eine Frage des Commitments zum Markt. Wir werden noch sehen, wie dieses Engagement aussieht.

Was sind Ihre eigenen Expansionsziele?
Wir sind durchgängig vom Bodensee bis zum Schwarzen Meer vertreten, Bosnien-Herzegowina muss man da fast mitnehmen. In unserer Branche eröffnen sich immer wieder neue Möglichkeiten. Wer hätte gedacht, dass in Mazedonien und in Serbien eine dritte Lizenz kommt?
Ich glaube auch, dass Big Player wie eine Vodafone, eine France Télécom oder eine Deutsche Telekom irgendwann ihre Portfolios bereinigen werden. Was macht eine Riesenfirma in einem Land mit 600.000 Einwohnern? Es wird zu einer Bereinigung kommen, und dann werden wir nachrücken.

von: PETER SEMPELMANN

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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