Die Geldanlage in den Zeiten der Cholera

Überraschungen in der ersten Börsenbaisse seit vielen Jahren: Kaum zu glauben, worauf sich meine Freunde eingelassen haben.

Eine alte Journalistenweisheit besagt, dass genau eine Berufsgruppe stets in statistisch auffälliger Weise vertreten ist, wenn ein größerer Anlagebetrug auffliegt: die Ärzte. Ob das nun stimmt oder nicht, ist kaum zu überprüfen, persönliche Erfahrungsberichte statistisch nicht aussagekräftig. Jedenfalls haben die Doktoren einige Eigenschaften, die sie zur leichten Beute von Malversanten machen. Erstens verfügen sie über das primär Notwendige, um zum Anleger zu werden, nämlich über Bargeld statt Schulden. Das unterscheidet sie von anderen Kleinunternehmern, die ihr Vermögen im Betrieb investiert haben (und manchmal mehr als das). Zweitens gehört der Umgang mit Geld nicht zum Kerngeschäft von Ärzten – noch ein Unterschied gegenüber dem Inhaber eines Handelsunternehmens oder einer Rechtsanwaltskanzlei. Und drittens verfügen Ärzte häufig über ... ähhh ... steuerlich unbehandeltes Geld, was auch keine gute Voraussetzung für transparente Vermögensverwaltung ist. Ärzte also.

Wir erleben derzeit die erste gröbere Börsenschwäche seit vielen Jahren. Und da zeigt sich plötzlich, was in den Jahren stark steigender Aktienkurse, besonders in Wien, verborgen geblieben ist: wie fahrlässig intelligente Menschen bei der Veranlagung ihres Geldes vorgegangen sind.
Vor allem die Ärzte? Keineswegs. Um die Angelegenheit ein wenig zu ordnen: Da gibt es zunächst einmal den Extremfall jener, die sich auf echte Abenteuer eingelassen haben. Meinl European Land zum Beispiel. Extrem an diesen Fällen ist nicht deren Seltenheit, vielmehr kann ich unter meinen Freunden gleich drei Personen aufzählen, die mit MEL substanziell Geld verloren haben. Extrem daran erscheint mir hingegen, dass Menschen, die beim Kauf eines Autos über jede Schraube Bescheid wissen, hunderttausende Euro in eine Anlageform gesteckt haben, die selbst für Experten undurchschaubar war; dass sie beim Kauf des Autos um einzelne Euros feilschen, hier aber nicht nachgedacht haben, wie die Rendite konkret verdient werden soll; dass sie bei einem Immobilien-Investment auf den Namen einer Kaffeerösterei vertraut haben.

Ähnliches wie für MEL gilt für osteuropäische, asiatische, südamerikanische Aktien, deren Namen meine Freunde erst jetzt richtig aussprechen können – jetzt nämlich, nachdem sie mit Einzelinvestments bis zu einem Viertel des für die Pension reservierten Geldes verspielt haben. Ebenso gilt das für komplexe Anlageinstrumente, die im besten Fall auf sauberen – und für die Emittenten unabhängig von der Marktentwicklung lukrativen – mathematischen Modellen basieren, die im schlechteren Fall in miesen statistischen Modellen gründen – bei denen nur die Provision des Emittenten sicher ist. Weiter: Ebenso unverständlich erscheint mir, wie Menschen, die schon beim Anblick eines Rubbel-Loses fluchtartig den Raum verlassen, ihr gesamtes Vermögen in Aktien gesteckt haben, sei es in einzelne Titel, sei es in Fonds. Das kann gut gehen, ist freilich keine nervensparende Strategie, um dem gemütlichen Auskommen im beruflichen Ausgedinge entgegenzustreben. Besonders pikant (und mir von zwei leidgeprüften „Akademikern“ so geschildert): Viele derartig Investierte merken erst jetzt, dass ihr Geld nicht in Anleihen, sondern in Turbo-Kasachstan-Nuklear-Fonds und ähnlichen Schmonzes gesteckt wurde.

Womit wir bei den Anlageberatern gelandet sind. Es gibt viele gute.
Und dann gibt es schlechte: Sie glauben mehr zu wissen, als in öffentlich zugänglichen Quellen steht, Dinge also, die längst „eingepreist“ sein sollten. (Damit sind sie Wahrsager oder Insider.) Sie verkaufen überproportional häufig Produkte der eigenen Bank. (Das ist die Regel – und unseriös, weil wider die Objektivität.) Sie verkaufen am liebsten Produkte mit hoher Provision für den Verkäufer. (Auch das ist die Regel – und nach meinem Dafürhalten hart am Betrug.)

Schlussendlich: Schlechte wie gute Anlageberater und Fondsmanager haben ein Einkommen. Dieses Einkommen schmälert zwangsläufig die Rendite der Investoren. In schlechten Zeiten vernichtet dieses Einkommen die Renditen. Auch das scheinen meine Freunde erst jetzt zu bemerken. l

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