Die spannendsten Fragen zum Verbund

Der Machtkampf um den Chefsessel im Verbundkonzern ist entschieden. Offen ist, wie es mit den Strompreisen, der Privatisierung und den Expansionsplänen weiter­gehen wird.

Jede andere Entscheidung wäre katastrophal gewesen.“ Dem Verbundaufsichtsrat ist die Erleichterung ob der einstimmigen Wahl von Wolfgang Anzengruber zum neuen Generaldirektor des Verbundkonzerns deutlich anzuhören. Denn der Bestellung des Generaldirektors des oberösterreichischen Kranherstellers Palfinger an die Spitze von Österreichs größtem Energiekonzern war ein veritables Tauziehen vorangegangen. ÖVP-Klubobmann Wolfgang Schüssel wollte Ulrike Baumgartner-Gabitzer, die ehemalige Kabinettschefin aus seiner Zeit als Wirtschaftsminister, in den Chefsessel heben. Wirtschaftsminister Martin Bartenstein hingegen favorisierte Anzengruber. Dass er sich gegen Schüssel durchgesetzt hat, lässt auch einige Rückschlüsse auf die Machtverteilung innerhalb der ÖVP zu.
Es gibt kaum ein Unternehmen in Österreich – vielleicht abgesehen von den Bundesbahnen – das in der Öffentlichkeit für so heftige Emotionen sorgt wie der Verbundkonzern. Und es gibt auch kaum ein Unternehmen, bei dem die Politik so heftig hineinregiert.

Umso bemerkenswerter ist die Bestellung Anzengrubers, der mit seinen 52 Jahren zur absoluten Manager-Elite des Landes zählt. Seit dem Jahr 2003 hat er den Vorstandsvorsitz bei der börsennotierten Palfinger AG über. Und sein Vertrag bei dem Kranhersteller wurde vor Kurzem noch verlängert. Doch der Diplomingenieur kann auch eine persönliche Energiebilanz vorweisen: Der Maschinenbautechniker bekleidete bereits Vorstandspositionen beim ­Energieversorger Salzburg AG und der ABB Energie AG. Seinen Posten als Verbundchef wird er am 1. Jänner 2009 antreten. Anzengruber steht dann an der Spitze des seit Kurzem auch wertvollsten Unternehmens an der Wiener Börse und will „Expansionsmöglichkeiten im Ausland und Synergien in Österreich nutzen.“ Lesen Sie hier, warum der Verbund so unverschämt gut verdient, wer dort das Sagen hat, ob Ihre Stromrechnung zu hoch ist und ob eine weitere Privatisierung des Verbund wünschenswert wäre.

1. Wer hat beim Verbund wirklich das Sagen?
Formal ist das Wirtschaftsminister Martin Bartenstein, der als Eigentümervertreter die 51 Prozent Bundesanteile verwaltet. Als Finanzminister hat logischerweise auch Wilhelm Molterer Mitspracherechte. Er hat die einstimmige Entscheidung des ÖVP-dominierten Aufsichtsrats positiv aufgenommen. Auch wenn er nicht die Schüssel-Kandidatin Baumgartner-Gabitzer favorisiert hat. Seit dem Abschied des „roten“ Verbund-Generals Walter Fremuth gilt der Verbund als schwarze Domäne. Die SPÖ stellt zwar mit Johann Sereinig und Christian Kern zwei der vier Vorstandsmitglieder, hat im Aufsichtsrat allerdings nur Flughafen-Wien-Chef Herbert Kaufmann sitzen.

Wie wenig die SPÖ beim Verbund mitzureden hat, zeigt auch der Unterschied in der Gewichtung der Aktionäre. Obwohl die schwarze EVN und die rote Wienstrom beide je 12,5 Prozent am Verbund halten, wurden den Wienern bis jetzt alle Personalwünsche verwehrt. Die EVN hingegen hat ihren Chef Burkhard Hofer im Verbund-Aufsichtsrat sitzen und forderte bei den jüngsten Personalrochaden sogar ein Vorstandsmandat für ihren Kandidaten Stefan Szyszkowitz.

2. Warum verdient der jetzige Verbundchef deutlich weniger als der Vize-Chef der OMV? Einer der Favoriten für den Verbund-Chefsessel, nämlich OMV-Vize Gerhard Roiss, kam schlicht und einfach deshalb nicht infrage, weil er zurzeit mit 1,91 Millionen Euro gut das Doppelte der Gage von Verbundchef Michael Pistauer (909.070 Euro) einstreift, diverse Aktienoptionen noch gar nicht mitgerechnet. Aber wie ist ein derartiger Gehaltsunterschied möglich? Immerhin sind beide staatsnahe Energieunternehmen, beide florieren, und seit Kurzem hat der Verbund die OMV mit einer Marktkapitalisierung von aktuell 16,7 Milliarden Euro (OMV 15,9 Milliarden Euro) sogar als wertvollster Industriekonzern an der Wiener Börse überholt.

Doch die Marktkapitalisierung gibt lediglich die Bewertung an der Börse wieder, nicht die tatsächliche Größe eines Unternehmens. Und da liegt die OMV mit einem Umsatz von 20,04 Milliarden Euro (Verbund: 3,04 Milliarden) und einem Ebit von 2,18 Milliarden Euro (Verbund: 916,1 Millionen) deutlich vor dem Stromkonzern. Dazu kommt, dass die Stromriesen auch international ihre Bosse deutlich schlechter entlohnen als die Ölkonzerne. So verdient zwar Deutschlands RWE-Boss Jürgen Großmann 2,15 Millionen Euro pro Jahr. Dafür ist sein Unternehmen, am Umsatz gemessen, auch 14-mal so groß wie der Verbund.

3. Liefert der Verbund billigeren Strom als die Konkurrenz?
Mitte 2005 stieg der Verbund, sehr zum Missfallen der Landesenergieversorger, ins Endkundengeschäft ein und umwirbt seither Privathaushalte und Gewerbetreibende mit güns­tigen Strompreisen. 140.000 Kunden konnte der Verbund auf die­se Weise bereits akquirieren. Bis 2010 sollen es 300.000 sein. Regional gesehen, ist der Verbund zwar nicht immer günstigster Anbieter. Ein persönlicher Check mit dem Tarifkalkulator der e-control (www.e-control.at) empfiehlt sich also. Derzeit allerdings lohnt sich ein Umstieg auf Verbundstrom allemal.

4. Steigt der Strompreis weiter?
Vermutlich ja. Und zwar aus folgendem Grund: Gas ist eine der Haupterzeugungsquellen für Strom innerhalb der EU. Jeder große Gasliefervertrag wiederum ist via Wertsicherungsklausel an einen Mix aus Ölprodukten gebunden. Das soll kurzfristige Preisausreißer verhindern, führt allerdings dazu, dass die heutigen hohen Ölpreise in etwa einem halben Jahr voll auf die Gaspreise durchschlagen werden. Ein zweiter Teuerungsgrund ist der Handel mit CO₂-Zertifikaten. In der Vergangenheit gab es in der EU ausreichend Gratiszuteilungen von CO₂-Zertifikaten. Damit ist es jetzt vorbei. Mit Beginn der zweiten Handelsperiode Anfang 2008 geht die EU deutlich res­triktiver mit der Zuteilung dieser Zertifikate an CO₂-intensive Industrien (z. B. Kohle- und Gaskraftwerke) um. Das treibt den Preis der Zertifikate und damit auch den Strompreis in die Höhe.

5. Kassiert der Verbund zu viel von den Stromkunden?
Im Grunde ja. Der Verbund orientiert sich in seiner Kalkulation an den europäischen Großhandelspreisen, hat aber gleichzeitig deutlich niedrigere Kosten als das Gros der Konkurrenz: 1. bei den Investitionen: Im Gegensatz zur Konkurrenz bezieht der Verbund 86 Prozent seiner Energie aus billigen, längst abgeschriebenen Wasserkraftwerken. 2. beim Rohstoffeinkauf: Während die Kohle- und Gaspreise ständig steigen, rinnt das Wasser gratis die Donau hinunter. 3. bei den CO₂-Zertifikaten: Wasserkraft ist umweltfreundlich und produziert kein CO₂. Trotzdem sind in den Verbund-Tarifen die CO₂-Zertifikate genauso eingepreist wie bei der Konkurrenz. 2006 war allein dieser Faktor für einen Preisanstieg von fünf bis zehn Prozent verantwortlich. 2007 sank der CO₂-Faktor wegen des Überflusses an Zertifikaten in Europa vorübergehend gegen null. Heuer ist er allerdings wieder im Steigen begriffen.

6. Kann ich mich dagegen wehren, den teuren Ökostrom ­mitzufinanzieren?
Nur teilweise. Während in Ländern wie Spanien oder Rumänien die Differenz zwischen Marktpreis und Produktionskosten über handelbare Umweltzertifikate ausgeglichen wird, sichert Österreich den Ökostromanbietern via Gesetz zwölf Jahre lang teure Einspeisungstarife ins Stromnetz zu. Die Differenz zum Marktpreis tragen hier die öffentliche Hand (über Förderungen) und die Stromkunden. Für Privathaushalte beträgt dieser Aufpreis, das so genannte „Zählpunktpauschale“, fünfzehn Euro im Jahr. Ausgenommen davon sind nur Sozialhilfeempfänger und Bezieher einer Ausgleichszulage zur Pension. Allerdings gibt es die Möglichkeit, zwischen unterschiedlichen Stromtarifen zu wählen. Alternativanbieter sind in der Regel teurer als herkömmliche Energieversorger (EVUs). Aber auch traditionelle Energieversorger bieten heute oft unterschiedliche Produkte – Mixstrom und teureren Ökostrom – an.

7. Soll der Verbund weiter privatisiert werden?
Zurzeit ist die 51-Prozent-Mehrheit der Republik beim Verbund via Gesetz einzementiert. Doch angesichts der jüngsten Turbulenzen bei der AUA kam eine neuerliche Privatisierungsdebatte in Gang, die auch vor dem Verbund nicht haltmacht. So kann sich etwa Finanzminister Molterer durchaus einen Rückzug des Staates auf 25 Prozent plus eine Aktie vorstellen.
Zwar warnten sowohl der frühere Verbund-Chef Hans Haider als auch sein Nachfolger Michael Pistauer immer wieder davor, dass der Verbund in diesem Fall binnen Kürze von einem der gro­ßen Energiekonzerne aufgeschnupft würde. Immerhin befindet sich die Branche gerade in einer intensiven Konzentrationsphase, und der ertragreiche Verbund würde da so manchem Stromboss gut ins Portfolio passen. Eine weitere Privatisierung wäre deshalb nur im Syndikat mit den EVUs sinnvoll, sodass Bund, EVN, Wienstrom und Tiwag zusammen immer noch auf 50 Prozent kämen. Dass sich die EVUs als untreue Partner erweisen könnten, ist nicht zu befürchten. Denn Syndizierung bedeutet ja, dass bei einem Absprung den Partnern die Aktien angeboten werden müssen. Gegen mutwillige Blockaden im Aufsichtsrat, wie sie in der Vergangenheit bei Querbeteiligungen unter Österreichs Energieversorgern üblich waren, ist jedoch auch die Syndizierung kein probates Mittel.

8. Wie österreichisch ist der Verbund überhaupt noch?
Nur mehr partiell, zumindest wenn man die Aktivitäten betrachtet. Mehr als zwei Drittel der Erlöse kommen bereits aus dem Auslandsgeschäft – das sind in erster Linie der Stromhandel in Deutschland sowie diverse Akquisitionen in Italien, Frankreich und seit Kurzem auch in der Türkei. In den kommenden Jahren will der Verbund dieses Engagement ausbauen. 6,7 Milliarden Euro sind für strategische Investitionen bis 2015 vorgesehen, davon bis zu zwei Milliarden in Südosteuropa, wo der Verbund derzeit noch eine große Lücke hat. Laut Verbund werden zurzeit auch Gespräche mit der EVN über eine Zusammenarbeit in Albanien geführt. Die EVN ist in Südosteuropa gut positioniert, allerdings vor allem im Stromhandel. Der Verbund könnte hier das Produktions-Know-how einbringen.

9. Warum will die EU die Energiekonzerne zerschlagen?
Die EU sieht den freien Wettbewerb erst dann gewährleistet, wenn Energieerzeugung und Leitungsnetz voneinander getrennt sind („unbundling“) – das kann eine eigentumsrechtliche Trennung sein, die letztlich in eine Zerschlagung der großen Konzerne münden würde. Oder aber – wie das beispielsweise Österreich will – eine gesellschaftsrechtliche Trennung der beiden Bereiche unter ganz bestimmten Rahmenbedingungen.
Auf europäischer Ebene erreichte die EU-Kommission durch die Androhung kartellrechtlicher Strafen jüngst zwei beachtliche Teilerfolge: Ende Februar gab der E.ON-Konzern völlig überraschend bekannt, sich von seinem Stromnetz zu trennen. Anfang Juni erklärte sich RWE bereit, sein umfassendes Gasnetz innerhalb von zwei Jahren zu verkaufen.

10. Ist die österreichische Stromlösung endgültig tot?
Seit Ende der neunziger Jahre bemühte sich die Bundespolitik um eine österreichische Stromlösung. Und ebenso konsequent schossen diverse Landespolitiker und die Vorstände der miteinander verfreundeten Energieunternehmen quer. Die Idee der „Austrian Energy“, bei der Energie Allianz (EVN, Wienstrom, Linz AG, Tiwag, Bewag und Begas) und Energie Austria (Verbund, EAG und Estag) unter ein gemeinsames Dach kommen sollten, wurde ebenso zu Grabe getragen wie die österreichische Stromlösung „Ösl“, die als Zusammenschluss des Stromvertriebs von Verbund und Energie Allianz angedacht war.

Zuletzt strebte Bartenstein – angesichts der Unbundling-Bestrebungen der EU – die Gründung einer großen Netzgesellschaft für Österreich an, in die sowohl Verbund als auch Landesversorger ihre Netze einbringen sollten. Doch auch diese Idee dürfte am Widerstand diverser Landeshauptleute scheitern.
Der Verbund setzt nun verstärkt auf den Ausbau strategischer Beteiligungen an diversen Landesenergieversorgern.

Von Ingrid Dengg

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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