Die faszinierenden Erkenntnisse des Ökonomen Ernst Fehr

Die Erkenntnisse des Ökonomen Ernst Fehr, Österreichs wohl größter Nobelpreishoffnung der nächsten Jahre, sind gefragter denn je. Nun begnügt sich der gebürtige Vorarlberger nicht mehr mit der reinen Forschung – mit seinem Bruder berät er auch Unternehmen, Organisationen und Regierungen.

Der Mann hat sein Publikum – 15 Vertreter der Schweizer Business-Elite – in jeder Sekunde im Griff. „In Zukunft werden Sie jeden CEO in die Röhre stecken, bevor Sie ihn anstellen“, lacht er, als er den Abend im Zürcher Restaurant UniTurm eröffnet, und die Kunden lachen mit.

Dabei war so manchem eben noch etwas mulmig zumute, als ein Manager aus ihrer Runde ein neurowissenschaftliches Experiment im Magnetresonanztomografen über sich ergehen ließ: Denn auf dem Prüfstand standen Gier und Wahrheitsfähigkeit des Probanden, es war ein unheimlicher Einblick ins Gehirn eines Menschen, der gerade noch Sitznachbar gewesen war.

Die Gastgeber des Abends sind der gebürtige Vorarlberger Ernst Fehr und die von seinem jüngeren Bruder Gerhard gegründete Beratungsfirma FehrAdvice, deren Verwaltungsratspräsident der große Bruder ist. Dass der bekannte Ökonom, der an der Zürcher Universität lehrt, vor zwei Jahren von Fachmedien erstmals in Nobelpreisnähe gerückt wurde, wird in der Präsentation ebenso elegant angedeutet wie die Tatsache, dass hier brandneue wissenschaftliche Erkenntnis unmittelbar in die Beratungspraxis umgesetzt wird.

Die Botschaft ist klar: FehrAdvice, das ist Beratung auf der Basis von Tausenden Befunden aus den Labors von Ernst Fehr. Empirisch derartig gut abgesicherte Hilfestellung fürs tägliche Wirtschaftsleben gibt es sonst nirgendwo. Ob Entlohnungssysteme, Entwicklungshilfe oder kommunale Probleme – wenn etwas wirken kann, dann ist es diese „evidence-based economics“, wie es die Fehrs in Analogie zur „evidence-based medicine“ formulieren.

Fehr-Konjunktur

Die Forschungsansätze und Ansichten des 55-jährigen Verhaltensökonomen stehen stärker im öffentlichen Interesse als je zuvor. Wenige Tage vor dem Kunden-Event im UniTurm, bei dem der Professor über neueste Erkenntnisse zu fairen und effizienten Vergütungssystemen in Unternehmen referierte, führte er eine vom Schweizer Fernsehen ausgestrahlte Diskussion mit dem deutschen Bestseller-Philosophen Richard David Precht, zwischendurch ging sich auch noch ein Beratungsgespräch in Abu Dhabi aus.

In einer von Krisen geprägten Zeit, in der der Glauben an klassische ökonomische Theorien im Eiltempo erodiert, bieten Fehrs mikroökonomische Ansichten Halt: Arbeitnehmer wollen fair behandelt werden, und für Arbeitgeber lohnt es sich, darauf einzugehen, lautet eine seiner Erkenntnisse. Der Annahme vom Homo oeconomicus, der stets seinen Eigennutz maximiert, stellt er die mit seinen Forschungen untermauerte Behauptung entgegen, dass irrationales Verhalten die Regel ist. Wer das nicht verstehe, könne auch nicht die Wirtschaft, die Politik, ja die Gesellschaft verändern.

Denn längst begnügt sich Fehr nicht mehr damit, Empirie allein zu liefern – sein Experimentenschatz, eine Art DNA des Wirtschaftsverhaltens, soll immer mehr auch die Basis für Handlungsanleitungen sein, wie man die Welt verbessern kann. Im Auftrag der Kinderhilfsorganisation UNICEF will Fehrs Forscherteam etwa herausfinden, wie man den brutalen Brauch der Beschneidung junger Mädchen in einigen islamischen Ländern Afrikas ändern kann. Dazu braucht es Feldversuche, etwa im Sudan, um die sozialen Normen hinter der blutigen Praxis zu verstehen. Fehr-Advice wiederum geht nicht nur Banken oder Industriekonzernen zur Hand, sondern auch einer Regierung aus dem Mittleren Osten, die Unterstützung darin braucht, ihre Bürger zum Sauberhalten der öffentlichen Parks zu erziehen.

Multiperspektivisch

Schon in seiner Zeit als Student der Volkswirtschaftslehre an der Uni Wien galt der Sohn eines Transportunternehmers aus Hörbranz, der in den Ferien mit den elterlichen Lkws Wolford-Socken oder Tee durch Europa kutschierte, als ebenso blitzgescheit wie breit interessiert. Sein Diplomvater Georg Winckler, bis vor Kurzem Rektor der Uni Wien, erinnert sich an einen Studenten, der viel Marx und Keynes, aber auch Soziologie- und Psychologietexte las. „Er wollte darüber hinaus auch die Gesellschaft verbessern, darum engagierte er sich in der Hochschulpolitik“, erzählt Winckler. Fehr war erster Vorsitzender des legendären Roten Börsenkrachs (RBK), einer linken „Basisgruppe“ am Institut für Volkswirtschaftslehre, die in den siebziger Jahren eingehend Wissenschaftskritik betrieb. „Wir lasen die Klassiker eigentlich nur, um daran Kritik üben zu können“, rekapituliert Ernst Fehr.

Sein RBK-Nachfolger war der spätere Investmentbanker und Ex-Bank-Austria-Vorstand Willi Hemetsberger, der heute mikroökonomische Ansätze à la Fehr vor allem „zur Selbstreflexion nutzt“, wie er sagt. Die Jahrgangs- und Studienkollegin von Fehr, Brigitte Ederer, damals Vorsitzende der rivalisierenden sozialistischen Studenten (VSStÖ), ging mit dem Vorarlberger auf Studentenfeste. Vor einiger Zeit hat sich die Personalvorständin von Siemens mit dem Professor in München getroffen, der an den Incentive-Systemen von Siemens sofort extrem interessiert war. „Da kennt er sich erstaunlich gut aus“, bescheinigt ihm Ederer breite Kenntnis in praktischen Fragen: „Er war eben nie nur der Intellektuelle im Wolkenkuckucksheim, sondern immer auch der Lkw- Fahrer.“

Fehrs Hinwendung zur Mikroökonomie und seine auf diesem Feld gewonnenen Erkenntnisse sind in der Zwischenzeit nicht nur akzeptiert, sondern auch weitgehend unbestritten. „Die Egoismus-Annahme der klassischen Ökonomie zu erschüttern habe ich sicher mitgeholfen“, sagt Fehr und bezeichnet das selbst als seine bisher bahnbrechendste Leistung. Auch mithilfe seiner Methoden sei die Wirtschaftswissenschaft, die in den siebziger Jahren von einer „totalen Mathematisierung“, ja einer „mathematischen Theologie“ geprägt gewesen war, entideologisiert worden und nun viel stärker auf Empirie begründet.

Das Neuro-Duell

Sein Griff in die Methodenkiste der Hirnforschung wird allerdings derzeit noch kritischer gesehen. Und es ist ausgerechnet Fehrs Nachnachfolger als RBK-Vorsitzender, der heute in Princeton lehrende Wolfgang Pesendorfer, der vor fünf Jahren die Grundannahmen der Neuroökonomen am schärfsten infrage stellte. Es sei nicht Aufgabe der Ökonomie, so Pesendorfer in einem Aufsatz mit seinem Kollegen Faruk Gul, den „Menschen in Fleisch und Blut“ zu entdecken und eine Art Kombination von Moralphilosophie und therapeutischem Sozialaktivismus zu betreiben.

Die Reaktion Fehrs war durchaus sportlich: „Ich habe dem Wolfgang sofort darauf geantwortet: Diesen Kampf wirst du verlieren!“ Er ist überzeugt, dass die Fachwelt wie bei James Watsons Entdeckung der DNA in den fünfziger Jahren auch bei seinen Forschungen schlicht noch Zeit brauche, um den Perspektivenwechsel nachzuvollziehen. Vorsichtig gibt sich jedenfalls noch Diplomvater Winckler in der Frage, wer sich im Wissenschaftsstreit durchsetzen wird. „Bei der Neuroökonomie weiß man noch nicht, was am Ende rauskommt“, formuliert er diplomatisch.

Ob für Fehr am Ende der Nobelpreis steht, sagt er lakonisch, ist ein Thema, das „wohl wieder verschwinden wird, wenn es in den nächsten drei Jahren nicht passiert. Wichtig ist, dass man die Freude an der Forschung erhält.“ Wer ihn im NeuroLab gesehen hat, auf Hirnareale deutend und mögliche Schlüsse für die Welt ziehend, der darf annehmen, dass er beste Chancen hat, zumindest dieses Ziel problemlos zu erreichen.

Von Bernhard Ecker

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