Die Erben der Monarchie: Die Rolle der Adeligen in Politik und Wirtschaft

Das bevorstehende Ende des „Habsburger-Verbots“, in Wirtschaftsaffären verstrickte Adelige, blaublütige Aufsteiger: Österreichs Aristokraten machen wieder Schlagzeilen. Der trend ging der Frage nach, welche Rolle sie in Wirtschaft und Politik heute noch spielen. Und was Adelige beruflich so machen.

Von Bernhard Ecker

Wochen mit 80 Arbeitsstunden sind für Johannes Trauttmansdorff, den Grafen von Pottenbrunn, normal. Stolz berichtet der 39-jährige Unternehmer und Schlossherr über Waghalsigkeiten bei seinen Windkraftprojekten, die ihm „finanziell das Genick brechen hätten können“. Von seiner noblen Herkunft macht er dagegen nicht viel Aufhebens: „Adel hat für mich keine Relevanz.“ Behauptet er wenigstens.

Vor einem Jahrhundert hätten seine Standeskollegen die Nasen gerümpft – Risiko und übermäßiger Arbeitseinsatz war im Programm der Privilegierten nicht vorgesehen. Doch in der Zwischenzeit ist der Adel endgültig in der bürgerlichen Gesellschaft angekommen, meint Andreas Bardeau. „Heute müssen wir uns behaupten wie jeder andere auch.“ Der steirische Graf hat im letzten Jahrzehnt eine 25.000-Hektar-Landwirtschaft in Rumänien aufgebaut (siehe Seite 64) und gilt vielen als Beispiel dafür, dass unternehmerischer Riecher und Umsetzungskraft auch mit aristokratischem Background möglich sind. „Früher hat man im Adel über Geschäfte nicht gesprochen, besonders in Österreich. Das galt als unelegant“, erzählt er. „Heute ist das anders.“

Das sind neue Töne im Chor der geplagten Aristokraten. Seit die junge Republik Österreich im April 1919 den Adelsstand aufhob und sogar das Führen von Adelstiteln verbot, schwanken viele Nachfahren der Erzherzoge, Fürsten, Grafen, Freiherren und Ritter (siehe auch die kleine Titelkunde auf Seite 67) zwischen Selbstmitleid und trotziger Überzeugtheit von der eigenen Mission. Die da lautet: dank Traditionsbewusstsein und dem Know-how in Sachen Umgangsformen die bürgerliche Gesellschaft zu adeln.
Aber das ändert sich. Zwar bewirtschaften die Angehörigen der ehemals höheren Stände immer noch zwölf Prozent des heimischen Waldes und sind unter den Großgrundbesitzern stark überrepräsentiert. Doch die Mehrzahl macht inzwischen ganz ­gewöhnliche Karrieren. Man ist Banker, Event-Manager, Hygienespezialist für die Lebensmittelindustrie.

Dass Blaublütige immer noch viele wichtige Positionen besetzen, wurde in der jüngeren Vergangenheit ausgerechnet durch einige Affären ins Bewusstsein gerufen, die auch das Selbstverständnis vieler Adeliger erschütterten: von der Causa Herberstein über den Vermögensverwalter Wolfgang Schurian – der den Mädchennamen seiner Mutter annahm und als „Auer von Welsbach“ nun der Untreue verdächtigt wird – bis hin zum Hypo-Alpe-Adria-Skandal, wo sich Familien wie Goess oder Orsini-Rosenberg unter der ominösen Gruppe von Privatinvestoren befanden. Bei der Constantia Privatbank machte Johannes Arco eine unrühmliche Figur. Und die möglichen Schmiergeldzahlungen des burgenländischen Grafen und Waffenlobbyisten Alfons Mensdorff-Pouilly bleiben ebenfalls Gesprächsthema.

Neue Leitfiguren. Viel Publicity hat im Moment auch der Kärntner Grün-Politiker Ulrich Habsburg-Lothringen. Aber größtenteils ­positive. Dass ihm ein Antreten bei der Bundespräsidentenwahl untersagt wurde, ruft großteils Unverständnis in der Bevölkerung hervor, deren Verhältnis zum Adel sich sehr entspannt hat. Deswegen wird sich die österreichische Politik wohl zu einer Abschaffung des „Habsburger-Verbots“ durchringen. Für viele Standesgenossen eine Genugtuung, aber längst kein Kampfthema mehr. „Das Verbot für Ulrich Habsburg finde ich lächerlich“, sagt der „Gault Millaut“-Herausgeber Karl Hohenlohe. „Aber ich habe dennoch kein Bedürfnis, meinen Titel zu führen.“ Unverkennbar tritt – neben manchen Seitenblicke-Degeneriertheiten – eine führungsstarke, unprätentiöse Generation von Adeligen an, die zu beweisen scheint: Es gibt ein verändertes Selbstbewusstsein. Kein Tränenvergießen über den Verlust alter Vorrechte, sondern Vorwärtsschauen und aktives Mitgestalten ist ihre Devise. Eine der Leitfiguren ist der deutsche Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg, dessen Familie auch 3600 Hektar Wald in der Steiermark verwaltet. Die Titel-Nostalgie finden viele Angehörige von alten Familien ebenso kurios wie das automatische „Du“ unter aristokratischen Männern.

Zugrunde liegt dem Aufbrechen alter Denkmuster auch ein Wandel in der Wirtschaftsstruktur des heimischen Adels – weg von angestammten Berufen hin zu mehr Managementtätigkeiten. Alte Tummelplätze des historischen Adels werden vielfach gemieden. „Wegen des schlechten Images“, so Adelsforscherin Gudula Walters­kirchen, Autorin des Buchs „Adel in Österreich heute“, haben sich die Blaublütler etwa weitgehend aus der Politik zurückgezogen. Tatsächlich ist seit dem Tod des ÖVP-Manns Vinzenz Liechtenstein Anfang 2008 kein einziger Adeliger mehr im National- oder ­Bundesrat vertreten. Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny ist eine Ausnahme, wo kleinbürgerliche Herkunft die ­Regel ist. Lediglich im Außenministerium und im diplomatischen Dienst gibt es traditionell noch eine höhere Adelsdichte. Zum Beispiel ist Alexander Schallenberg, Sprecher von Außenminister ­Michael Spindelegger, Spross eines Grafengeschlechts.

Weniger imageträchtig ist inzwischen auch das Bankerdasein. Die Zeiten, in denen ein adeliger Top-Manager viele andere nach sich zog, sind endgültig vorbei: Creditanstalt und Constantia Privatbank können diese Funktion nicht mehr erfüllen (siehe auch Kasten „Der Geld-Adel“). Historische „Adelsnester“ in der Privatwirtschaft wie das Wiener Autohaus Denzel oder die Österreich-Niederlassung des Computerriesen Olivetti sind ebenfalls passé.

Adelige Konzernkarrieren wie jene des Österreichers Georg Pachta-Reyhofen, der im Dezember die Spitze des deutschen ­Lkw-Bauers MAN erklomm, finden tendenziell eher im Ausland statt. Die kürzlich erfolgte Berufung von Alfred Wurmbrand, Nachfahre der Besitzer von Schloss Gloggnitz in Niederösterreich, in die Führungsriege des deutschen Schraubenkonzerns Würth passt in dieses Muster.

Scheinbarer Bedeutungsverlust. Urteilt man nach Vermögen, so hat die wirtschaftliche Potenz des Adels in den letzten Jahren nachgelassen. Unter den 100 reichsten Österreichern im trend-Ranking schienen vor fünf Jahren noch zehn Adelsfamilien auf, 2009 waren es nur noch sechs. Mit Unternehmerlegenden wie Billa-Gründer Karl Wlaschek, der in seiner zweiten Karriere Palais mit Namen wie Daun-Kinsky, Ferstel, Harrach oder Trauttmansdorff zusammenkaufte, oder Erfindern höchst unnobler Produkte wie Energy Drinks (Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz) oder Glücksspielautomaten (Novomatic-Gründer Johann Graf) können Aristokraten selten mithalten. Nur eine Hand voll Familien zählen zu den Superreichen, darunter der Mayr-Melnhof-Clan mit seinem börsennotierten Verpackungskonzern, Immobilien und einer riesigen Holzindustrie.
Generell hatten die österreichischen Adeligen in den letzten Jahren in der Industrie mehr Ab- als Zugänge zu verzeichnen. Das Lebensmittelimperium der Mautner Markhofs ist passé. Die Wiederbelebungsversuche von Manfred Leo Mautner Markhof sind kläglich gescheitert. Einzig im Bierbereich leisten die Wenckheims (Ottakringer) dem Heineken-Konzern noch Widerstand; Madeleine Herberstein hält die Hälfte an der Villacher Brauerei.

Vielleicht wird gerade deshalb umso mehr auf Dynamik versprühende Start-ups wie jenes von Bardeau geschaut. Als stille Stars gelten in adeligen Wirtschaftskreisen auch „Bäcker’s Backstube AG“ von Alexander Baratta in Frankfurt oder die Medizintechnikfirma Pharma Consult der Familie Marenzi in Wien. Und mit wachsender Bewunderung wird in der bestens miteinander vernetzten österreichischen Adels-Community auf jene Schlossherren geblickt, die wirtschaftliche Ideen jenseits von Forst und Agrar entwickelt haben. Zu diesen Erfolgsstorys zählt neben ­Maximilian Hardegg (siehe Seite 59) etwa Markus Hoyos, Besitzer der Rosenburg im Waldviertel, der mit inzwischen vier Kletterparks von sich reden macht.

Adeliger Multi. Dessen Bruder Heinrich Hoyos neigt zum Multi-Unternehmertum: In den achtziger Jahren gründete der Absolvent der Elite-Managementschmiede INSEAD und spätere McKinsey-Berater eine Computerhandelsfirma in München, später entwickelte er erfolgreich Golfplätze, ehe er 1999 die Idee zur Lagerraum-Company Selfstorage hatte. Die Firma ist inzwischen mit 31 Standorten in drei Ländern tätig, darunter auch in Wien und Graz. „Im deutschsprachigen Raum sind wir Marktführer“, berichtet der öffentlichkeitsscheue Unternehmer, wird aber unwirsch, wenn man ihn auf seinen Stammbaum anspricht: „Der Erfolg hat doch nichts mit meiner Herkunft zu tun.“ Selfstorage gilt als hochprofitabel und setzt rund sieben Millionen Euro um.

Hoyos’ Trauzeuge und früherer Kompagnon in dessen Computerfirma ist Georg Starhemberg, der ehemalige LASK-Präsident und Schlossherr im oberösterreichischen Eferding. Dass er seine sechs Schlösser und zwölf Ruinen erfolgreich in Schuss hält, erklärt er mit seinem natürlichen Hang zum Unternehmertum. „Ich schätze mich als Machertyp ein. Ich habe schon früher seitenweise Geschäftsideen aufgeschrieben, war mit acht Jahren Ballbub und habe Kassettenrekorder verkauft“, erzählt er. Das dürfte im Blut liegen, denn auch sein Bruder ist „Macher“ geworden, wenn auch in einem völlig anderen Metier: Franz Josef Starhemberg betreibt in Klagenfurt das Nudellokal „La Pasta“ und wird für seine selbst fabrizierten Teigwaren auch als „Nudelbaron“ tituliert.

Schnöder Titelkauf. Ein ironisch-lockerer Umgang mit Titeln fällt vielen heimischen Aristos übrigens noch immer nicht ganz leicht. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass nirgendwo sonst – außer in Ex-Ostblockstaaten – dem ehemals privilegierten Stand sogar das Führen seiner Titel verboten wurde. Immerhin blieben dem Adel hierzulande aber weitgehend falsche Prinzen und Grafen erspart. Denn in Deutschland, wo die Adelstitel nach dem Ers­ten Weltkrieg Namensbestandteil geworden sind, blüht der Handel mit Titeln via Adoption. Eine trend-Anfrage bei der darauf ­spezialisierten Berliner Agentur GVS Consult ergab, dass für ein simples „von“ 30.000 Euro, für den Grafen-, Freiherrn- und Baron-Titel 40.000 Euro zu berappen sind. Im Gegenzug wird von der Agentur ein „Zugang zu den höchsten Gesellschaftsschichten“ in Aussicht gestellt.
„So etwas stört mich gewaltig“, empört sich Andreas Bardeau, der auf seiner rumänischen Visitenkarte ein österreichischer Graf, auf der österreichischen ein rumänischer Konsul ist.

Dass gemeinsame Geschichte und häufige Familientreffen Zusammenhalt erzeugen, ist ein Stehsatz der vom trend befragten Adeligen. „Der Adelsstand hat einiges erleben müssen, vielleicht gibt es deshalb ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Und es spielt auch fast keine Rolle, ob jemand reich, arm, erfolgreich oder nicht ist – vielmehr geht es um Anstand und Benehmen“, erklärt Starhemberg.

Das über Jahrhunderte gewobene feinmaschige Verwandtschaftsnetz kann bares Geld wert sein. Denn Adel verbindet nach wie vor: So plant Starhemberg derzeit mit Hoyos einen Kletterpark in der Nähe der Linzer Universität, mit Johannes Trauttmansdorff hat er einen Windpark im Mühlviertel realisiert.

Die Wiener Versicherungsfirma IRM Kotax, eine Gründung des Erzherzog-Johann-Nachfahren Alexander Kottulinsky, hat sich auf die Versicherung von Schlössern, Burgen und Gutsbetrieben spezialisiert – auf der Kundenliste finden sich folgerichtig die Coburg’sche Forstverwaltung in Greinburg, die Forst- und Gutsverwaltung Schönborn oder die Fürstlich Schaumburg-Lippische Forstverwaltung. Wobei Privatbanker Maximilian Habsburg-Lothringen betont, dass das mit dem goldenen Löffel längst nicht mehr stimmt: „Der Name öffnet zwar Türen. Aber hineingehen muss man schon selbst.“

Aber sogar Johannes Trauttmansdorff, der so gar nichts mit dem Adelsgetue anfangen kann, weiß am Ende doch manche Vorteile zu schätzen, die sich aus dem Umstand ergeben, „dass über Ecken jeder jeden kennt“. Standeskollegen wie Karl Khevenhüller oder Dominik Habsburg-Lothringen waren bei einigen seiner Projekte wichtige (Ansprech-)Partner. Und auch global offeriert das aristokratische Netzwerk so manche Annehmlichkeit. Trauttmansdorff: „Wenn ich in den USA oder in Australien bin, bekomme ich eine Liste mit zehn Nummern – und brauche mich um Kost und Logis nicht mehr zu sorgen.“

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