Die böseren 10.000

Müssen Manager moralisch sein?

Nun hat also Deutschland seinen Megaskandal. Einen Wirtschaftskrimi, wie ihn selbst Bestsellerautor Daniel Brown nur schwer herbeischreiben könnte. Mehr als drei Milliarden hinterzogener Steuergelder. Über 1000 Fälle. Die Täter: die Reichen und Reichsten des Landes. Die Elite Deutschlands, jene, für die der Begriff Geldnot ein Fremdwort ist, das sie bestens mal von einem Abenteuerausflug bei einem Luxusurlaub in Südafrika ­kennen. Da stellt sich sofort die Frage: Halten es Österreichs Reiche, Unternehmer und Top-Manager in Sachen Ehrlichkeit genauso wie ihre deutschen Vermögensbrüder? Die naheliegende Antwort: natürlich nicht. Denn Österreichs Steuergesetze geben ihnen ein wenig mehr Spielraum, ihren Reichtum nicht allzu sehr mit der Allgemeinheit teilen zu müssen. Andererseits: Es gibt ja nicht nur den Steuerbetrug alleine, der zum Vermehren des Vielen verleitet. Das können Insidergeschäfte von Managern, die über einen naturgemäßen Informationsvorsprung verfügen, genauso sein; oder Immobiliendeals unter Freunden, Familien und Geschäftspartnern; das Wecken von Erwartungen bei Anlegern, die nur schwer erfüllbar sind; das Täuschen von Kontrollorganen zum eigenen Vorteil und, und, und. Praktische Nachvollziehbarkeiten sind selbstverständlich rein zufällig, aber dennoch erwünscht.

Mit einem Wort, zur Diskussion stehen auch Verhaltensweisen, die vielleicht nicht ungesetzlich sind, die aber hart an der Grenze des Legalen schrammen – die unmoralisch sind. Und da gilt für Deutschland und für Österreich sowie für den Rest der Welt: Gier ist geil. Zu glauben, dass Wirtschaft und Moral Hand in Hand gehen können wie ein fesches Trachtenpärchen, ist ungefähr so naiv wie die Vorstellung, dass Helmut Elsner beim Anblick der Bawag-­Zentrale ein schlechtes Gewissen drückt. Frei nach Brecht kommt bekanntlich zuerst das Golfen und dann die ­Moral.

Apropos – moralischer Einwand: Ist es korrekt, Manager, die mit ihrem Verhalten die Grenze des Legalen überschritten haben, zur Beantwortung der Frage, ob Wirtschaft moralisch sein soll oder kann, heranzuziehen? Korrekt nicht, aber wirkungsvoll. Denn egal, ob legal oder illegal. Ihre Ziele sind stets die gleichen: das Schaffen von Mehrwert, das Produzieren von Gewinn, sei es für sich persönlich, ein Unternehmen oder seine Aktionäre. Aber nie für eine Allgemeinheit. Würde ein Unternehmen im Sinne der Allgemeinheit agieren, wäre es der Staat (dann würde das für die Allgemeinheit jedoch erst recht schlecht ausgehen).

Und trotzdem – plötzlich gibt es so etwas wie ein moralisches Regen zwischen Soll und Haben, Einnahmen und Ausgaben (siehe Titelgeschichte auf Seite 68). Die Japaner bauen Autos, mit deren Abgasen man Babys beatmen kann. Billa, Spar & Co stellen Joghurt, Käse und Eier in ihre Regale, die noch nach der frischen, warmen, eben erst fröhlich um vier Uhr aufgestandenen Bäuerin duften. Modeketten wie H & M, die es Kindern ermöglichen, jede Woche ein neues Outfit zum Preis eines indischen Monatseinkommens wieder wegzuschmeißen, hängen sich das (selbst gestrickte?) Mäntelchen aus Biobaumwolle um.

Wirtschaft mit Moral? Der Sieg von Umwelt- und Konsumentenschützern über das ausbeuterische Kapital? Sicher nicht. Einfach das erfolgreiche Entdecken neuer Zielgruppen; die bilanzwirksame Bearbeitung neuer Märkte; das den Shareholder Value mehrende Möchtegernmoralisieren. Schlecht? Natürlich nicht. Denn jeder Schritt, den der Manager eines Unternehmens setzt, mit dem er seine Bilanzen und die Umwelt verbessern kann, ist gutzuheißen. Auch wenn er sicher nicht moralisch ist und sein Verhalten schon gar nicht aus dem Streben entspringt, Gutes zu tun.

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