Der Sprengstoff des 21. Jahrhunderts:
Wasser wird wichtigster Rohstoff der Welt

Wasser wird zum begehrtesten Rohstoff der Welt. Der Umgang mit ihm wird über Wohlstand und Wirtschaftswachstum der Nationen entscheiden.

Von Michael Moravec

Am 28. Juli 2010 erklärten die Vereinten Nationen sauberes Wasser zum Menschenrecht. Von 163 an diesem Tag im Plenum vertretenen Staaten stimmten 122 der Resolution zu. Österreich enthielt sich jedoch – ebenso wie weitere 17 EUStaaten und die USA – der Stimme. Begründet wurde dieses wenig freundliche Stimmverhalten mit möglicherweise entstehenden „Verpflichtungen und Konsequenzen“: Es sei wenig wahrscheinlich, aber nicht gänzlich auszuschließen, dass aus dieser UNResolution Ansprüche entstehen könnten, meinten österreichische Diplomaten. Und Klagen dürstender afrikanischer oder südasiatischer Staaten auf Herausgabe von Teilen des heimischen alpinen Wasserschatzes „wären ja eine Katastrophe“ – obwohl Österreich nur knapp drei Prozent der jährlich zur Verfügung stehenden 84 Milliarden Kubikmeter Wasser nützt. Der Kampf um das kostbare Nass hat längst begonnen. „Die Kriege der Zukunft werden um Wasser geführt“, prophezeite der ehemalige UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali, und davon geht auch die Weltbank in einigen Studien aus.

Verursacht wird die zunehmende Wasserknappheit durch die schnell wachsende Weltbevölkerung und veränderte Ernährungsgewohnheiten in den Schwellenländern: Der vermehrte Fleischkonsum bringt einen immensen Wasserverbrauch mit sich. Dazu kommt noch eine durch den Klimawandel verursachte erhöhte Ungleichverteilung der Niederschläge: Während im August Russland unter einer noch nie da gewesenen Trockenheit und dadurch verursachten immensen Waldbränden leidet, ist in Pakistan eine Landfläche von der Größe Italiens unter Wasser. Lesen Sie auf den folgenden Seiten, wie sich die Wassersituation auf der Erde in den kommenden Jahren entwickeln wird und welche Rolle die Lebensmittelindustrie und der Klimawandel dabei spielen.

trend beschreibt die paradiesischen Zustände in Österreich und zeigt, welche Konzerne – sei es mit Mineralwasser, sei es mit Ver- und Entsorgung von Trink- und Nutzwasser – am flüssigen Gold verdienen beziehungsweise wo wegen Wassermangels bereits kriegsähnliche Zustände herrschen. Wasser – das ist der gemeinsame Nenner unzähliger wissenschaftlicher Studien – wird zum Sprengstoff des 21. Jahrhunderts.

Wasser, das wir essen
Die 150 bis 200 Liter Wasser, die jeder Österreicher pro Tag im Durchschnitt für Körperpflege, Toiletten-Wasserspülung, Wohnungsreinigung, Autowäsche, Trinkwasser und Ähnliches benötigt, fallen kaum ins Gewicht. Denn es kommen noch rund 4200 Liter pro Tag hinzu – wenn man das Wasser hinzurechnet, das für die Erzeugung von Lebensmitteln und Konsumprodukten benötigt wird. 1607 Kubikmeter pro Jahr beträgt dieser „Wasser-Fußabdruck“ jedes Österreichers, haben die Wissenschafter A. Y. Hoekstra und A. K. Chapagain errechnet – der Weltdurchschnitt beträgt 1243 Kubikmeter, an der Spitze beim Pro-Kopf-Verbrauch liegen die USA mit 2483 Kubikmetern pro US-Bürger. Am Ende der Liste liegt der Jemen mit 619 Kubikmetern. 6390 Milliarden Kubikmeter Wasser werden jedes Jahr für den Anbau von Kulturpflanzen verwendet. Der größte Anteil davon entfällt mit 21 Prozent auf Reis. Weizen ist deutlich genügsamer: Obwohl etwa die gleiche Menge angebaut wird wie Reis, entfallen auf Weizen nur zwölf Prozent der Gesamtwassermenge. Dabei kommt auch der Anbautechnologie und dem Klima große Bedeutung zu: Während in den USA für eine Tonne Weizen 849 Kubikmeter Wasser benötigt werden, sind es in Indien 1937 Kubikmeter. Doch deutlich mehr als pflanzliche Nahrung belastet die Fleischerzeugung den Wasserkreislauf. Die ETH Zürich hat errechnet, dass die Erzeugung der einfachsten Ernährung auf pflanzlicher Basis mit 2500 kcal pro Mensch im Jahr 350.000 Liter Wasser benötigt. Steigt der Lebensstandard auch nur geringfügig und die rein pflanzliche Ernährung wird durch eine Beimischung von 20 Prozent Fleisch verändert, steigt der Frischwasserverbrauch auf 980.000 Liter pro Jahr. Für die Erzeugung einer Tonne Rindfleisch werden 15.500 Kubikmeter Wasser benötigt – diese Rechnung enthält die Wasserkonsumation der Tiere bis zu ihrer Schlachtung und die Bewässerung der notwendigen Weiden. Mit 4856 Kubikmetern liegt Schweinefleisch deutlich günstiger, und für eine Tonne Hühnerfleisch werden nur 3918 Kubikmeter benötigt. Auch der Frühstückskaffee ist keineswegs wasserschonend: Ein Liter Milch verbraucht 990 Liter, eine Tonne Kaffee im weltweiten Durchschnitt sogar 20.682 Kubikmeter Wasser. Die aktuellen Lebensmittelpreise hängen also in hohem Maße vom – derzeit noch immer sehr niedrigen – Wasserpreis ab. Er liegt zwischen 15 Cent und zwei Euro pro Kubikmeter und könnte sich in manchen wasserärmeren Regionen der Welt bis 2025 verzehnfachen – was wiederum eine Revolution auf den Lebensmittelmärkten auslösen würde.

Wasserschloss Österreich
Österreich zählt zu den wasserreichsten Ländern der Welt. 1100 mm Regen fallen pro Jahr, das sind 1100 Liter pro Quadratmeter. Inklusive Zuflüssen stehen jährlich theoretisch 84 Milliarden Kubikmeter Frischwasser zur Verfügung – damit könnte der aktuelle Wasserbedarf aller Haushalte in Indien, China und Russland gedeckt werden. Österreich entnimmt allerdings mit 2,65 Mrd. Kubikmetern pro Jahr nur knapp mehr als drei Prozent, der Rest fließt großteils die Donau hinunter. 1,7 Mrd. Kubikmeter entfallen auf die Industrie, 750 Millionen auf Haushalte und 200 Mio. Kubikmeter auf die Landwirtschaft. Durch den Import von Lebensmitteln und Konsumgütern steigt der Wasser- Fußabdruck Österreichs aber auf 13,2 Mrd. Kubikmeter. Österreich importiert also deutlich mehr Wasser als jene 2,65 Mrd. Kubikmeter, die es selbst dem heimischen Kreislauf entnimmt: in Form von Reis aus Süd- und Südostasien oder Fleisch aus Südeuropa auch aus Ländern, in denen deutlicher Wassermangel herrscht und wo – wie etwa in Indien – das rare Wasser für die Landwirtschaft einfach den Haushalten entzogen wird. Weltberühmt sind die beiden Wiener Hochquell- Wasserleitungen, die die Bundeshauptstadt mit Quellwasser aus dem Schneeberg- und Raxgebiet beziehungsweise vom Hochschwab versorgen. Für die 180 Kilometer bis nach Wien benötigt das Wasser etwa 36 Stunden. Die heimischen Wasserpreise liegen – ohne Leitungs- und Abwassergebühren – im oberen Drittel Europas. Die Stadt Wien erzielte allein in den Jahren 2005 bis 2007 im Wasser- und Abwasserbereich einen Überschuss von 390 Mio. Euro – der Rechnungshof kritisiert deswegen „fehlende schlüssige Kostenkalkulationen“.

Streit auf Leben und Tod
Von den derzeit knapp sieben Milliarden Menschen auf der Erde haben mehr als drei Milliarden keinen gesicherten Zugang zu sauberem Wasser. Alle drei Minuten stirbt ein Kind an einer Krankheit, die auf verschmutztes Wasser zurückzuführen ist. Ein teuflischer Kreislauf: Dort, wo der Regen knapp wird, entnehmen die Menschen den Flüssen immer mehr Wasser – bis diese ihre Selbstreinigungskraft verlieren. Menschen, die weiter flussabwärts leben, haben dann mit einem Schlag nicht weniger, sondern gar kein nutzbares Wasser mehr, und die Giftstoffe zerstören schließlich auch schrittweise die Felder und das Grundwasser. Bei Verhältnissen wie diesen drohen regionale, aber auch internationale Konflikte. So gab es etwa zwischen Äthiopien, dem Sudan und Ägypten bei der Nutzung des Nilwassers schon mehrfach militärische Drohgebärden. 95 Prozent des in Ägypten benützten Wassers kommen aus dem Nil, und nach alten Verträgen müssen die anderen Anrainerstaaten Ägypten um Erlaubnis fragen, wenn sie den Strom in ihrem Land nutzen wollen. Während sich Ägypten auf „Tausende Jahre altes Recht“ beruft, führt zum Beispiel Äthiopien nun aus, dass seine Bevölkerung in den vergangenen 50 Jahren von 20 auf 85 Millionen angewachsen sei, nun unter extremem Wassermangel leide und 85 Prozent des Nilwassers, das die Sudanesen und Ägypter nutzten, aus Äthiopien komme. Einer weiteren Verschärfung der Lage könnte ein „Nil-Krieg“ zwischen Ägypten, dem Sudan, Äthiopien, Uganda, Tansania und Ruanda folgen, fürchten UNO-Beobachter. Nicht zuletzt um Wasser geht es auch im Nahost-Konflikt. Die Golanhöhen gelten als ertragsreichstes Quellgebiet der Region, Israel erhebt ebenso Ansprüche auf das Wasser wie Syrien und der Libanon sowie die Palästinenser. Im Gaza-Streifen fällt der Grundwasserspiegel wegen Überbeanspruchung pro Jahr um 20 bis 30 Zentimeter. Ebenso ist die Nutzung des Jordans umstritten. Er wird bereits so stark ausgebeutet, dass an seiner Mündung im Toten Meer kein Wasser mehr ankommt. Weitere Konfliktherde gibt es bereits in Zentralasien, Indien, Bangladesch, China, Russland und Südamerika.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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