Der hoch verzinste Sommer

Anleitung zu einer smarten, egoistischen Urlaubszeit.

Freunde reden viel daher, wenn der Tag lang ist. Darunter auch Unsinn und Verlogenes. Am schlimmsten ist der September. Da wird um die Wette geklagt, wie kurz der Sommer wieder war und wie enttäuschend der ­Urlaub. Man sei nun ausgebrannter als im Juni zuvor. Lange Zeit hielt ich diese Klagen für bewährte Lügen. Sie sollten den Neid der anderen hintanhalten. Sie sollten Mitleid wecken. Und der Chef – sofern man einen hatte – sollte nicht auf die Idee kommen, gleich wieder das Maximum an Arbeit zu verlangen.

Mittlerweile habe ich den Verdacht, die vermeintlichen Lügen seien die volle Wahrheit. Ich glaube jetzt, dass die Mehrzahl aller Ladies & Gentlemen kein Talent haben, den Sommerurlaub richtig zu nützen. Die Holidays tragen Negativzins. Die unzufriedenen Urlauber erwerben statt neuer Stärke eine zusätzliche Schwäche – was normale Karrieren gefährdet und gefährdete Karrieren killt. Die Beobachtungen, die ich seit diesem Verdacht anstellte, habe ich für diesen Essay in Ratschläge umgebaut. Vielleicht können sie meinen klugen Leserinnen und schönen Lesern helfen, aus Sommer und Urlaub eine positiv verzinste Zeit­investition zu machen. Die Befolgung dieser Tipps verlangt nicht viel. Wichtig ist nur die Bereitschaft zur Selbstanalyse und eine Verletzung der gutbürgerlichen Sitten. Gefragt ist lustvoller Egoismus ohne jene Gewissensbisse, die immer langweilig und für die Katz sind.

Tipp 1: Die endgültige oder zeitweise Trennung von inkompatiblen LebensgefährtInnen. Der dauerhafteste Urlaub liegt in einer Abkehr von inkompatiblen Lebensgefährten, wobei man diesen Begriff in beliebiger Richtung über die Geschlechter spannen kann, heterosexuell wie homosexuell. In den meisten Fällen wird ein entschlossener Schnitt sinnvoll sein. Die furchtbarsten materiellen Opfer sind ein Klacks gegen vergiftete Zeit. Urlaube bringen mehr Gift, weil mehr gemeinsame Stunden.

Tipp 2: Getrennte Urlaubs-Philosophien
Es gibt allerdings glückliche Verbindungen, die übers Jahr erstklassig funktionieren und lediglich in Urlaubsfragen nicht passen. Sie sind häufiger, als man glaubt. Manche Beziehungswissenschafter argwöhnen seit Jahrzehnten, die so genannte heilige Zeit („the holy days“ = holidays) sei öfter ein Trennungsgrund als das Zusammen­leben in der vermeintlich schwierigeren Arbeitszeit. Wenn die Lebenspartner unterschiedliche Urlaubsfreuden brauchen, sollte darauf sofort reagiert werden, gleich jetzt im Sommer 2008. Radikallösung: Man trennt sich für vier, sechs, acht Wochen, und jeder geht seiner Wege. Das ist für die meis­ten eine undenkbare Variante. Die milde Lösung: Man teilt Hotel und Bett, aber nicht die Tagesstunden. Man zwingt sich nicht zu den Lieblingsaktivitäten des Partners, die einem selbst auf den Wecker fallen. Oft wird aus gut gemeinter ­Solidarität das Schlimmste. Häufigstes Beispiel: Frauen, die vernünftigerweise einmal faulenzen wollen und dennoch ihrem plötzlich hyperaktiven Couch-Potato in sportliche Abartigkeiten folgen, bis hin zu ästhetischen Umweltverschmutzungen wie Schnellgehen und Nordic Walking. Das ist falsch. Die Frau wird dabei immer zur Krankenschwester. Sie kommt erschöpft, bleich und grottenhässlich zurück, was nach dem Urlaub kein Vorteil ist.

Tipp 3: Erkennen Sie den fernöstlichen oder westlichen Typ in sich
Seit knapp 30 Jahren, sensibilisiert durch einen Tibet-Aufenthalt, beobachte ich den Versuch seriöser Profis und schurkischer Gaukler, aus extrovertierten Managern introvertierte Grübler zu formen, die wie Siddhartha an den Ufern von Ganges, Gurk und Mur sitzen und sich ins Tao erlösen: „Alles ist Nichts, auch das Nichts ist Nichts.“ Das kann gut gehen. Meist geht es schief. Westliche Frauen scheinen esoterisch nicht untalentiert, westliche Manager aber profitieren eher durch „Umspannung“ als durch Entspannung. Besser, sie bleiben dabei, mit ihrem arbeitstypischen Ehrgeiz Neues zu versuchen, beispielsweise Wasserski oder Bergsteigen an kabelgesicherten Routen (Ferrate).

Nebentipp: Es gibt eine Möglichkeit, rasch herauszufinden, ob man ein fernöstlicher Typ ist. Sumi-e, die asiatische Tuschemalerei, verlangt, den Malgegenstand (beispielsweise einen Tannenzapfen) so lange unbewegt anzuschauen, bis er im Urwesen erkannt ist und in einer einzigen, flüssigen Pinselbewegung dargestellt werden kann. Wer diese zehn Minuten totaler Konzentration überlebt, ist fernöstlich talentiert. Wer nicht, ist dann tot.

Tipp 4: Lob des sportlichen Urlaubs
Totale Feingeister verachten die Sportnähe vieler Urlaube. Das ist töricht. Der Körper hilft dem Geist. Und dem Körper ist sehr geholfen, wenn er einmal pro Tag freiwillig schwitzt. Im Urlaub können Guthaben aufgebaut werden, die in den bewegungslosen Tagen vor der Jahreshauptversammlung gut gebraucht werden. Ausgenommen von dieser Regel sind lediglich krankhaft Magersüchtige mit gefährlich niedrigem Blutdruck, die in meinem Freundeskreis nicht vorkommen.

Tipp 5: Lob des geistigen Überbaus
Nur der Urlaub gibt die Möglichkeit zum Überblick übers
eigene Leben. Dafür braucht es mehrere Tage ohne Termine. Bin ich als Privatmensch und/oder Profi noch dort, wo ich sein will? Oder sollte ich im Sinne des weisen Dreisatzes „love it – change it – or leave it“ mein Leben korrigieren? In beiden Fällen geht es um die Frage der Leidenschaft.

Tipp 6: Lob des Lesens und Surfens
Ein rein körperlicher Urlaub hilft nicht. Er ist dem Geistesmenschen, also jeder Führungskraft fremd. Tägliches Lesen und Internetsurfen ist auch an Sonnentagen toll, nicht nur im Regen. Vorausgesetzt, es vermeidet primitiven Zusammenhang mit dem Beruf. Gefragt ist zufälliges, chaotisches Neu-Wissen, das sich später auf merkwürdige Weise auch im Beruf verzinst. Man muss nur daran glauben. Lieber Lyrik als Sachbücher. An Zeit-Medien reichen im Sommer der monatliche trend und der hundertjährige Bauernkalender.

Tipp 7: Lob der Vernichtung und Sicherung
Machen Sie im Urlaub ohne Druck an Ihrem Desktop-PC oder Notebook, was Sie schon immer machen wollten, aber während der Arbeitsmonate nie schafften. Optimieren Sie die Festplatte, damit Ihr technischer Sklave wieder Luft kriegt. Und entfernen Sie allen Schrott. Es gibt Tonnen davon. Für wohlhabende Menschen ist generell das Weggeben, Wegschenken, Wegwerfen und Reinigen seliger als eine weitere Verdickung der Fülle. Was an wirklich Wichtigem übrig bleibt, können Sie im Urlaub ohne Zeitdruck so sichern, dass Sie endlich wieder ruhig schlafen. Also alles auf ein Terabyte-Extralaufwerk, das Wichtigste zusätzlich auf DVD, das Ewige zusätzlich auf Papier gedruckt und in genialen Bene-Ordnern abgeheftet wie Papyri des Zwischenstromlands.

So könnte ein Sommer aussehen, der ein besserer Sommer wäre als alle Sommer zuvor.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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