Der lange Schatten des HP Haselsteiner

Die vorzeitigen Abgänge von Top-Managern haben die Belegschaft des größten Bauunternehmens Österreichs verunsichert. Wer führt den Konzern nach Hans Peter Haselsteiner – und vor allem: wohin? Der Strabag-Boss skizziert erstmals den Nachfolgeplan und erklärt, welche Rolle Siegfried Wolf für ihn in Russland spielt.

Von Bernhard Ecker

Ein milder Sommerabend Ende August 2009: Im Do & Co in der Wiener Albertina sitzen zwei Mittsechziger und schweigen einander an. Der eine, den sie „Farro“ nennen, hat eben mitgeteilt, dass er den anderen nach 32 Jahren beruflicher Partnerschaft verlassen wird. Nach einigen Minuten ermuntert der andere, den man als „HPH“ kennt, sein Gegenüber, auf einem Zettel ein Organigramm des neuen Arbeitgebers zu zeichnen. Als er die hingekritzelte Struktur der türkischen Baugruppe Renaissance Construction aufmerksam studiert hat, steht er auf und sagt: „Komm, bring mich nach Hause.“

Von Nematollah Farrokhnia, einem 1966 nach Österreich gekommenen, aus Teheran gebürtigen Baumanager, hatte es bisher immer geheißen, in seinen Adern fließe pures Strabag-Blut. Seine Bewunderung und Loyalität für HPH, den Strabag-Boss Hans Peter Haselsteiner, schien grenzenlos. Umso konsternierter waren die Mitarbeiter des mit Abstand größten heimischen Baukonzerns, dass „Farro“ 2009 zu einem Konkurrenten wechselte: Denn Renaissance war Tage vor dem merkwürdigen Treffen im Do & Co als neuer Großaktionär der Wiener Porr bekannt gegeben worden. Über seinen neuen Boss, den 43-jährigen Renaissance-Gründer Erman Ilicak, schwärmt Farrokhnia: „Ilicak erinnert mich an den jungen Haselsteiner: ein Visionär und unglaublich fleißig.“

Für Haselsteiner, den ebenso genialen wie zuweilen aufbrausenden Lenker eines Konzerns mit über 70.000 Mitarbeitern und 12,5 Milliarden Euro Umsatz, muss der Abschied seines treuesten Weggefährten der schmerzliche Auftakt für die letzte Etappe seines Berufslebens gewesen sein: den totalen Umbau der Führungsmannschaft, die über Jahrzehnte zusammengewachsen war. Am Ende dieses Weges wird HPH selbst den Thron räumen. In der Hauptversammlung 2015 will er noch die Ergebnisse des Geschäftsjahrs 2014 erläutern und das Szepter dann an seinen Nachfolger übergeben. Er wird dann 71 Jahre alt sein.

Schwierige Umbauphase.
Seit Farrokhnias Ausscheiden sind mit Wolfgang Merkinger und Roland Jurecka zwei weitere Urgesteine gegangen – sie waren Manager jener Linzer Strabag-Tochter gewesen, deren deutsche Mutter der expandierende Bau-Boss Haselsteiner 1998 in einem Sensationscoup übernommen hatte. Der 66-jährige Jurecka trat mit Jahresbeginn 2011 seine Pension an. Merkinger, 58, dementiert entschieden Informationen, dass er sich Mitte 2010 um die Nachfolge des ausgeschiedenen Porr-Generals Wolfgang Hesoun beworben habe. Tatsache ist, dass ihn kurz darauf „eine schwierige Sportverletzung und ein bereits implantiertes Kniegelenk zum Aufhören gezwungen“ haben, wie er selbst erklärt.

Tatsache ist auch, dass sich die Strabag nun in einer schwierigen Übergangsphase befindet. Die Abgänge, die aus unterschiedlichsten Gründen erfolgt sind, zwingen HPH, spät, aber doch die Weichen für die Zeit nach ihm zu stellen. Das sieht auch Langzeit-Vorstand Jurecka als vordringlich an: „Die wichtigsten Themen sind jetzt der Konzernumbau und die Nachfolge.“ Wer Haselsteiner allerdings offen auf das Thema anspricht, sieht seine lockeren Gesten in ein genervtes Fingertrommeln münden. Denn vielfach überliefert ist, dass der Ex-Politiker, der in den Neunzigern für das Liberale Forum von Heide Schmidt im Parlament saß, zur hochprozentigen Raumbeherrschung neigt. In diesem Klima bleibt für nachwachsende Pflanzen wenig Luft.

Klargestellt hat er schon, dass ihm keiner seiner drei Söhne nachfolgen wird. Einzig der 31-jährige Sebastian ist über sein Architekturbüro, das etwa den Neubau der Strabag-Zentrale in Bratislava geplant hat, mit dem Konzern verbunden. Familiensentimentalitäten dürfen aber in Unternehmen dieser Größe keine Rolle spielen, weiß Haselsteiner: „Eine Managementfunktion dieses Zuschnitts darf keine Erbsache sein.“

Mit Peter Krammer, 45, und Siegfried Wanker, 42, hat er zwei dynamische, junge Leute in die Top-Etage gehievt, „die sich jetzt einmal bewähren müssen“, wie Jurecka kommentiert. Spannend wird es voraussichtlich, wenn Langzeitvorstand und HPH-Vize Fritz Oberlerchner – sein Vertrag läuft bis 2014 – in Pension geht. Dann rückt ein dritter junger Techniker nach, und dann wird auch der neue Stellvertreter benannt – der gleichzeitig designierter Strabag-Chef ist. „Ich habe eine starke Präferenz für eine Nachbesetzung aus dem Haus“, sagt Haselsteiner über den Kronprinzen, lässt sich aber ein Türchen offen: „Das ist kein absolutes Diktat.“

Vom Kanzler zum Bauherrn? Somit können die Spekulationen üppig wuchern. Neben der Exoten-Variante Erman Ilicak (Farrokhnia: „HPH und Ilicak, das ist in meinen Augen ein bisschen wie Vater und Sohn“) wird auf den Strabag-Gängen auch angeregt eine besonders illustre Möglichkeit diskutiert: Aufsichtsratsvorsitzender und Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer könnte nach dem Muster des früheren hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, der demnächst an die Spitze des deutschen Bauriesen Bilfinger Berger tritt, den Chefposten anpeilen.

„Vom operativen Geschäft muss der CEO nicht so viel verstehen, da geht es vor allem um Lobbying“, meint ein Kenner. Seine Beraterkontakte, etwa zum kasachischen Autokraten Nursultan Nasar­bajew, bringt „Gusi“ schon jetzt nutzbringend ein – Kasachstan ist für die Strabag ein echter Hoffnungsmarkt. Haselsteiner überlegt, darauf angesprochen, kurz und sagt: „Ich glaube nicht, dass Doktor Gusenbauer Interesse haben wird, diesen Knochenjob zu machen. Deshalb habe ich ihn auch gar nicht gefragt.“ Was Gusenbauer mit „zum Glück“ kommentiert: „Ich könnte es mir auch nicht vorstellen, in eine operative Rolle zu wechseln.“

Neue Bescheidenheit. In der Belegschaft hoffen viele auf einen schnellen Perspektivenwechsel. Der Energieaufwand von HPH für außerhäusliche Aktivitäten (siehe Kasten rechts) erinnert viele an Mitte der neunziger Jahre, als der damalige Bauholding-Chef überraschend in die Politik ging – ehe er für die Strabag-Übernahme wieder mit voller Kraft zurückkehrte. Ein solcher Wachstumssprung ist aber derzeit nicht in Reichweite.

Große Zusammenschlüsse wie der aktuelle zwischen der spanischen ACS und der deutschen Hochtief, die damit zu den französischen Europa-Marktführern Vinci und Bouygues aufschließen (siehe Grafik Seite 24), sind für die Strabag nicht in Sicht. Den Strabag-Aktionären stellt Haselsteiner für die kommenden Jahre 2011 und 2012 mickrige Wachstumsraten von fünf bzw. 1,5 Prozent in Aussicht. Eine „strategische Trägheit“ ortet Klaus Ofner, der als Analyst für die Raiffeisen Centrobank (RCB) das Unternehmen im Auge hat und mit dem Hinweis auf Haselsteiners Alter auch eine „abnehmende Risikobereitschaft“ vermutet.

Hochqualifizierte junge Mitarbeiter sehen nun plötzlich anderswo ihre Karriereziele: So wechselte etwa der einflussreiche Chef der Kalkulationsabteilung, der 48-jährige Hannes Schramm, Ende 2010 zum deutlich kleineren Grazer Konkurrenten Granit.

Haselsteiner, der über seine Familien-Privatstiftung ebenso rund 30 Prozent hält wie die Raiffeisengruppe, sieht all diese Vorgänge als höchst normal an: „Es gibt vielleicht einen Umbruch, aber keine Brüche. Neu ist sicher, dass aus einem aktionärsgeführten dann ein managementgeführtes Unternehmen wird.“

Langer Testlauf.
Doch es ist ihm klar, dass sein Lebenswerk noch einmal eine neue Story braucht. Hatte sich die vormalige Bauholding allein in den Neunzigern zur Bauholding Strabag verfünffacht und danach im abgelaufenen Jahrzehnt durch Ost-Expansion und spektakuläre Übernahmen in Deutschland noch einmal vervierfacht, sehen die kommenden Jahre vergleichsweise mager aus. Nicht nur dass die Dopingeffekte der Konjunkturbelebungspakete in Europa allmählich nachlassen. Auch das noch vor einem Jahr als Hoffnungsgebiet erklärte Nord­afrika – die Strabag ist in Libyen und Algerien mit großen Projekten vertreten – stellt sich im Licht der aktuellen politischen Ereignisse risikoreicher dar.

Selbst die Entwicklung in den Kernmärkten bereitet zunehmend Kopfzerbrechen. Ex-Vorstand Merkinger erklärt, warum: „Die wichtigsten Märkte der Strabag werden in den nächsten Jahren nicht einfacher: In Deutschland könnte es zwar wegen des Rückstaus bei Investitionen zwei Jahre lang noch recht gut gehen. Polen wird aber nach der EURO 2012 problematisch werden – außerdem sind da schon die Chinesen, die unter den Einstandspreisen anbieten. Und: Russland wird sich wesentlich langsamer entwickeln als erhofft.

Letzteres berührt den wunden Punkt der HPH-Story: Alle stets hoch gesteckten Ziele seiner Karriere vom lokalen Kärntner Bauunternehmer zur europäischen Brancheninstanz hat der gebürtige Tiroler pünktlich, meistens sogar vorzeitig erreicht. Nur die Ansage, dass Russland noch in seiner Amtszeit zum größten Einzelmarkt des Konzerns wird, kann er nicht realisieren. „Das ist, fürchte ich, nicht zu halten“, gesteht er.

Wohl ist der Oligarch Oleg Deripaska, der 2007 als Protagonist der Russland-Story vor dem Börsengang aus dem Hut gezaubert wurde, seit Kurzem über seine Rasperia Trading wieder mit 17 Prozent an Bord. Doch die bisherigen Russland-Umsätze der Strabag sind extrem enttäuschend.

Weil es nicht gelungen ist, öffentliche Aufträge aus dem Putin-Reich zu ergattern, setzt Haselsteiner nun seinerseits auf eine Viertelbeteiligung beim Deripaska-Bauunternehmen Transstroy. Für eine endgültige Entscheidung will er sich aber bis Mitte 2012 Zeit lassen, wenn die Transstroy-Bilanz für 2011 vorliegt. Nicht mehr als einen „Testlauf“ sieht Erste-Bank-Analyst Franz Hörl deshalb in der neuen Vorgangsweise.
Viel verspricht sich der Bau-Tycoon aber in jedem Fall von dem ins Deripaska-Reich gewechselten ehemaligen Magna-Chef Siegfried Wolf, der über eine Beteiligung an einer russischen Holding durchgerechnet 1,7 Prozent an der Strabag hält. „Das ist ein echter Quantensprung“, schwärmt Haselsteiner, „da genügt jetzt ein Mail von anderthalb Zeilen, und es ist klar, was gemeint ist. Er nimmt mir erhebliche Kommunikationsarbeit ab.“

Zum Strabag-Auftrag im olympischen Dorf in Sotschi, dessen Volumen mit 350 Millionen Euro beziffert wird, habe Wolf schon wesentlich beigetragen. Außerdem werde Wolf, ein Alphatier wie HPH, eine Schlüsselrolle in der Prüfung der Transstroy-Beteiligung spielen. „Wir haben ein massives gemeinsames Interesse, in Russland Erfolg zu haben – er ist ja mein Aufsichtsrat und indirekt Mitgesellschafter. Er wird viele Steine aus dem Weg räumen“, sagt Haselsteiner.

Keinen Zweifel lässt er aber daran, wer das Russland-Geschäft zur vorgestellten Größe führen soll: er selbst. Denn auch nach seinem Ausscheiden soll die Strabag-Vierjahresplanung 2015–2018 noch seine Handschrift tragen, stellt er klar. Und dass er im Aufsichtsrat dann eine starke Rolle spielen wird, versteht sich von selbst. „Es ist mein unternehmerischer Ehrgeiz, die Russland-Pläne noch umzusetzen.“ Sein langer Schatten wird seinen Nachfolger noch auf geraume Zeit begleiten.

Dynamisch & risikofreudig. Bitter ist für ihn trotzdem, dass ausgerechnet in Russland nun auch die türkische Renaissance Construction wildert. Und das mit enormem Erfolg. „Wir sind in Russland das größte ausländische Bauunternehmen“, frohlockt der Ex-Getreue Farrokhnia: „2010 haben wir dort 600 Millionen Euro umgesetzt.“ Tatsächlich trägt er als Global CEO nun für schwierige Boom-Märkte Verantwortung, etwa Turkmenistan. Die Baugruppe kann auf billige türkische Arbeiter zugreifen, die sie nach Russland entsendet – ein Wettbewerbsvorteil in der Region. Nach „Farros“ Plan soll der Renaissance-Umsatz 2011 um satte 50 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro wachsen.
In der strategischen Vorgangsweise imitieren der charismatische Renaissance-Eigentümer Ilicak und Farrokhnia den großen HPH: „Nur wo wir die Chance auf eine Top-3-Position haben, bleiben wir“, wiederholt Farrokhnia einen Satz, den sein voriger Chef immer gebetsmühlenartig gepredigt hat.
Doppelt bitter: An der Renaissance wollte sich Haselsteiner 2008 selbst mit 25 Prozent beteiligen. Dies scheiterte am Preis. Ilicak kehrte daraufhin den Spieß um und suchte seinerseits eine Beteiligung an einer westlichen Firma; Farrokhnia machte ihn „eigentlich mehr spaßeshalber“ auf die Porr aufmerksam. Ilicak recherchierte – und schlug zu. Und warb danach den Bauprofi Farrokhnia ab.

Zugeknöpft gibt sich Hans Peter Haselsteiner, wenn man ihn auf diese Episode anspricht. Eine türkische Baufirma habe er prinzipiell noch immer im Visier. Aber auf die Frage, ob da auch Renaissance noch einmal ins Spiel kommen könne, fällt die Antwort ausweichend aus. Es würde erklären, warum er an der Organigramm-Zeichnung von Nematollah Farrokhnia so großes Interesse hatte, an jenem warmen Augustabend 2009 in der Albertina.

Foto: Philipp Horak

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente