Der Mohr des Jahres

Julius Meinl V. hat vor neun Jahren für seine Familie eine goldrichtige Entscheidung getroffen – und 2007 mit einem Schlag alles ruiniert.

Es gibt wenige große Namen traditionsreicher österreichischer Familienunternehmen, die den erfolgreichen Sprung in die Neuzeit geschafft haben: Palmers? Nach langem Streit verkauft.

Mautner Markhof? Genauso. Wolford? Lange Laufmasche. Ja und dann wäre da noch Meinl. Der Mohr, der neger macht, es selber aber ganz und gar nicht ist –
Julius, der Fünfte, Meinl.

Wann immer in Österreich seit dem 31. Juli der Name Meinl fällt, geht jedem der Fez hoch, unabhängig davon, ob man zu den Geschorenen zählt oder, Gott sei Dank, zu jenen, die nichts verloren haben.

Noch nie hat ein Finanzskandal – mit Ausnahme der Bawag – derart die Gemüter bewegt. Egal, ob Amis-Pleite, WBO-Skandal oder das Drama um die Bank Burgenland.

Dabei hat die Karriere des Julius Meinl V. bemerkenswert begonnen. Der Schritt 1998, den traditionsreichen Lebensmittelhandel abzustoßen, war eine der weitblickendsten und weitreichendsten Entscheidungen, die je von einem Nachfolger in einer großen Unternehmerfamilie getroffen worden ist. Zu erkennen, dass Anzahl und Größe der Meinl-Filialen in einer auf extremes Wachstum ausgerichteten Branche nie und nimmer eine zukunftsträchtige unternehmerische Basis bieten können, und die Familie davon zu überzeugen, dass es tunlichst besser sei, sich davon zu trennen, war eine goldrichtige Tat. Auch der Ausbau der bereits 1923 gegründeten Meinl Bank war richtig. Die Konzentration auf das boomende Immobiliengeschäft im Osten Europas ebenso.

Aber was ist dann passiert?

Man könnte sagen: Julius Meinl V. hat nicht nur das Handelsunternehmen seiner Familie abgelegt, sondern auch ihre Handlungsweise. Die Meinls lebten zwar immer in feudalem Stil, hatten Firmenjets, ließen sich Senator nennen – aber sie wussten als Händler immer, dass sie ihren Kunden verpflichtet sind. Die Meinls führten stets ein glamouröses und luxuriöses Leben. Julius Meinl heiratete in den dreißiger Jahren die gefeierte japanische Opernsängerin Michiko Tanaka. Als sie sich in den deutschen Filmstar Victor de Kowa verliebte, ließ es sich Meinl nicht nehmen, bei deren Hochzeit 1941 als Trauzeuge zu fungieren. Die Meinls bewahrten stets aufrechte Haltung.
Julius Meinl V. hat mit dieser Tradition gebrochen.

Dabei sind es gar nicht so sehr die enormen Management-Fees, die vielschichtigen Firmenverbindungen zwischen Meinl Bank und Meinl European Land, Meinl International Power und den anderen Töchtern, die Meinl zum Vorwurf zu machen sind. Das ist bei anderen österreichischen Immobiliengesellschaften genauso üblich. Und hätte Meinl den Aktienrückkauf rechtzeitig publik gemacht, ja sogar als Stützungs- und Hilfsaktion für MEL-Aktionäre vermarktet, der Image-Schaden wäre begrenzbar gewesen.

Die Konstruktion der Partly Paid Shares, also das Verheimlichen der Eigentümerstruktur eines börsennotierten Unternehmens, wiegt da schon viel schwerer. Aus der Sicht des Kapitalmarkts, aber auch als Synonym dafür, was Julius Meinl V. von seinen Kunden hält. Im Gegensatz zu den Meinls früher als Lebensmittelhändler – nichts. Das beweist umso mehr ein Blick auf die Geschädigten: Wären unter den betroffenen Meinl-European-Land-Opfern tatsächlich hauptsächlich Kleinanleger, könnte man zynischerweise formulieren: eine knallharte Abzocke der Laufkundschaft. Nur: Es gibt nicht wenige Personen aus dem engeren und weiteren Umkreis Meinls V., die Millionenbeträge in MEL-Aktien investierten. Langjährige Stammkunden wurden, ohne mit der Wimper zu zucken, im Unklaren gelassen.

Ob die Vorkommnisse rund um Meinl strafrechtlich relevant sind, werden die Gerichte klären. Wie auch immer diese Entscheidung ausfallen wird, Meinl hat eine ganz große Chance verspielt. Julius Meinl V. hat den von ihm initiierten Wandel des Familienunternehmens vom Lebensmittelhandel zur Privatbank ruiniert. Meinl hat als Name für erstklassige, seriöse Finanzdienstleistung – nicht nur in Österreich – ausgedient.

Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan …

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