Der Mann des Jahres, Wolfgang Leitner: Die Geschichte eines ungewöhnlichen Aufstiegs

Es war die größte Firmenübernahme des Jahres: Die Grazer Andritz AG kaufte für 190 Millionen Euro die heiß umkämpfte Siemens-Tochter VA Tech Hydro. Hinter dem Deal steckt einer der fähigsten Manager des Landes, ein Mann mit einer spektakulären Lebensleistung.

Der freundliche, seriöse Herr im grauen Anzug, der im fünften Stock der Grazer Andritz AG in seinem unspektakulären Büro zu Mittag seine Jause auspackt, hat in den letzten zwölf Monaten gut 205 Millionen Euro verdient. Theoretisch zumindest, so er sein Aktienpaket verkaufen würde. Aber dazu kommen noch rund 1,5 Millionen Euro Vorstandsgehalt und weitere sieben Millionen Euro an Dividenden. Wolfgang Leitner lässt sich jetzt seine Jause munden, fast immer dasselbe: eine Emmentalersemmel, ein Apfel, ein Joghurt und dazu der Wirtschaftsteil der „FAZ“. Leitner ist so etwas wie die Antithese zu den Kovats und Raidls dieser Welt. Wolfgang Leitner poltert nicht über Betriebsräte, berät keine Bundeskanzler, und die Zeitungen liest er lieber. Drinnen steht er nicht so gern.

Und obwohl einer seiner drei besten Freunde zufällig, aber wahrscheinlich nicht mehr lange, Wirtschaftsminister ist, sagt er geradeaus: „Politik interessiert mich so wenig wie der Aufbau von Netzwerken, um Macht auszuüben. Meine persönliche Unabhängigkeit ist mir immer weitaus wichtiger gewesen als politischer oder gesellschaftlicher Einfluss.“

Wolfgang Leitner ist jetzt 53, Vorstandsvorsitzender und größter Einzelaktionär eines Konzerns mit mehr als 10.000 Mitarbeitern, 120 Tochtergesellschaften und Kunden in 160 Ländern weltweit, er ist jetzt steinreich, aber das Protzige und Laute ist ihm zuwider. Vielleicht liegt das an der Familiengeschichte. 30 Jahre lang hat in dieser Fabrik sein Vater Karl als Arbeiter sein Geld verdient, der Sohn ist jetzt der Chef.

Im Vorzimmer waltet seit 19 Jahren seine Assistentin Claudia Zirngast ihres Amtes, checkt Termine, regelt den Zugang zur Macht und verwahrt hunderte gelbe Zettel, auf denen sich ihr Boss Notizen über seine Unterredungen macht. Vielleicht ist das eine Hinterlassenschaft seines eigentlichen Metiers: Leitner ist studierter Chemiker, ein genialer Analytiker, wie Martin Bartenstein meint, und Chemiker brauchen Notizen. Das Leben ist immer anders, als es uns die Managementbücher weismachen wollen. Einer der wenigen Selfmade-Milliardäre Österreichs hatte bis Mitte 30 nicht den geringsten Schimmer, was ein Deckungsbeitrag sein könnte, aber er hat für sich selbst die Erfolgsformeln der Wirtschaft entdeckt. Eine davon ist, die Substanz zu erkennen, bei Unternehmen, aber auch und gerade bei Menschen. Für Leitner zählt in beiden Fällen in erster Linie der „Track Record“, wie er es nennt. Nicht ob sich einer gut oder schlecht verkauft, ist entscheidend, was vor allem zählt, ist die langfristige Lebensleistung.

Die ist es auch, die Wolfgang Leitner in diesem Jahr zum trend-„Mann des Jahres“ macht, nicht nur die gewonnene Übernahmeschlacht beim früheren Konkurrenten VA Tech Hydro. Der 190-Millionen-Euro-Kauf ist im Grunde nur ein Puzzlestein auf einem langen Weg, der ein Unternehmen, das in den frühen achtziger Jahren praktisch pleite und hoch verschuldet war, ja dem Untergang geweiht schien, zu einem profitablen Global Player machte.

Starker Einstieg. Um Mythen vorzubeugen: Wolfgang Leitner hat Andritz nicht saniert. Als er 1987 als Finanzvorstand in den Betrieb kam, schrieb der Grazer Anlagenbauer schon wieder schwarze Zahlen. Aber erst unter Leitners Führung wurde das Unternehmen bei vielen Produkten zum Weltmarktführer, auch bei solchen, auf die kein Mensch kommen würde. Oder haben Sie gewusst, wer der größte Anbieter der Welt für Palmölpressen ist? Und wer weiß schon, dass die braune Schlammbrühe, die die Pariser und die Londoner Kanalisation täglich absondern, von Andritz-Maschinen getrocknet wird, um sich danach in Strom zu verwandeln? Und mit welchen Maschinen praktisch alle deutschen Autobauer ihre Bleche veredeln und warum der Bosch-Kühlschrank in der Küche nicht rostet?

Die Andritz-Gruppe ist heute in fast allen ihren Geschäftsbereichen Weltmarktführer oder wenigstens die Nummer zwei, dabei ist Leitners Managementstrategie keine alchemistische Wunderformel, sondern relativ simpel: überall Komplettanbieter sein und mit hohen Marktanteilen Preise und technologische Entwicklung vorgeben. Das Mittel der Wahl dazu: permanente Akquisitionen. Leitner selbst schätzt, er habe weltweit an die 50 Firmen gekauft.

So ist das Grazer Unternehmen seit 1990 jährlich um durchschnittlich zehn Prozent gewachsen. 1987, als Leitner in die Andritz-Vorstandsetage einzog, machte das Unternehmen gerade einmal umgerechnet 194 Millionen Euro Umsatz, heuer könnten es konsolidiert 2,5 Milliarden Euro werden, im nächsten Jahr soll die 3-Milliarden-Grenze erreicht werden. 1987 erwirtschaftete das Unternehmen umgerechnet 900.000 Euro Gewinn, heuer sollen es 150 Millionen Euro werden. Dazu kommen enorme Marktanteilsgewinne.

Bei Edelstahl, genauer bei Maschinen, die Bleche durch Elektrolyse verzinken, damit zum Beispiel Automobile nicht mehr so schnell rosten wie früher, ist die Andritz-Gruppe weltweit die Nummer eins. Ebenso bei Klärschlammtrocknungsanlagen, die weltweit Abnehmer finden, von Diamantenminen bis zu großen Kommunen. Allein in den letzten fünf Jahren hat Leitner 228 Millionen Euro investiert, in alter Währung immerhin weit über drei Milliarden Schilling. Das Match am Weltmarkt ist freilich nie zu Ende. „Wachsen kann bald jemand“, sagt UIAG-Chef und Andritz-Aufsichtsratspräsident Kurt Stiassny. „Dabei Geld zu verdienen, das ist die Kunst.“

So sieht das wohl auch die Börse. Der Aktienkurs des Unternehmens hat sich seit 2001 versiebenfacht. Allein in diesem Jahr legte die Andritz-Aktie um rund 70 Prozent zu.

Wie die Andritz AG das Kunststück profitablen Wachstums zuwege bringt, wie sie weltweit produzieren lässt, Millionen Arbeitsstunden zukauft und pro Auftrag mit bis zu 300 Zulieferern jongliert, werden wir noch erzählen. Im Grazer Stammwerk sind heute mehr Mitarbeiter als vor 20 Jahren beschäftigt, aber nicht einmal mehr halb so viele in der Produktion. Auch der einstige Arbeitsplatz von Wolfgang Leitners Vater ist längst wegrationalisiert. Aber vielleicht sollten wir seine Geschichte von Anfang an erzählen.

Lernen vom Leben. Selten hört man in einer Vorstandsetage Sätze wie diese: „Wir waren eine Arbeiterfamilie. Meine Eltern haben bis zur Selbstverleugnung auf vieles verzichtet, um ihren beiden Söhnen eine gute Ausbildung zu geben. Am 15. des Monats, wenn der Vater, der als Schlosser bei Andritz gearbeitet hat, Geld erhielt, hat er Schinken und Semmeln nach Hause gebracht. Vorher gab es oft nur Sterz.“ Die Geschichte Wolfgang Leitners ist die Geschichte eines sozialen Aufstiegs.

Rückblende: Eine Arbeiterfamilie in den fünfziger Jahren in einem verschlafenen Grazer Vorort. Schon in der Kindheit wird klar: Das Leben ist kein Zuckerschlecken. Der Vater, Karl Leitner, ist 47, als sein Sohn Wolfgang auf die Welt kommt, dessen Bruder Gerald zählt gerade ein Jahr. Das Geld reicht hinten und vorne nicht, obwohl beide Eltern arbeiten und sparen: der Vater als Schlosser und Arbeitsvorbereiter in der nahen Maschinenfabrik oder irgendwo weit weg auf Montage, die Mutter als Schreibkraft in einer Schule.

Schon der Aufstieg vom Arbeiterkind zum Akademiker ist heute wie damals statistisch unwahrscheinlich; und schwierig, schon allein, weil ein akademischer Grad so fern scheint wie der Mount Everest. Auch Vater Leitner sieht seine Buben lieber in der Hauptschule, aber die Volksschullehrerin beschwört die Eltern hartnäckig: Die Kinder seien sehr begabt. Den Vater treibt die Angst, er könne vielleicht die Matura seiner Kinder nicht mehr erleben und die Familie bis dahin versorgen (tatsächlich wird er 93). Doch die Mutter setzt sich durch.

Tatsächlich machen beide Leitner-Kinder ihren Weg. Bruder Gerald, er gilt in der Familie als der Gescheitere, studiert später technische Mathematik, lebt heute in Amerika und erstellt für einen großen Rentenfonds namens Maryland Capitol mathematische Optionsmodelle.

Hungrig und ehrgeizig. Wolfgang Leitner hingegen will Wissenschafter werden, schwankt zwischen Biologie, Medizin oder Chemie und hat mit Wirtschaft überhaupt nichts am Hut. Der junge Mann folgt schließlich dem Rat seines Biologielehrers, nicht Biologie, sondern Chemie zu belegen, und wohl auch seinem Hunger nach Aufstieg. „Ich war damals sicher hungrig und ehrgeizig. Meine Frau und ich überlegen uns oft, wie man diesen Hunger auch in materiell besseren Umständen bei unseren Kindern schaffen kann“, sagt Wolfgang Leitner. „Das ist aber nicht ganz einfach.“ Sein eigenes Leben ist jedenfalls eine steile Vorgabe.

Sofort nach dem Studium begibt sich Wolfgang Leitner auf die berufliche Überholspur, einen Weg, der ihn steil nach oben führen sollte, mit einigen überraschenden Abbiegungen.

Mit dem Chemie-Doktorat in der Tasche startet Leitner zunächst bei der Grazer Hoechst-Tochter Vianova, einem Unternehmen, das sich mit der Entwicklung von Kunstharzen für die Grundierung von Autokarosserien beschäftigt. Leitner ist fasziniert von der industriellen Umsetzung chemischer Prozesse: „Wir setzten Autokarosserien unter Strom, und durch die negative Ladung lagerte sich Lack ab, bis der Wagen isoliert ist, und zwar überall in derselben Dicke und auch in Hohlräumen, wo man normalerweise nicht hinkommt.“ Schon in seiner beruflichen Einstiegsphase kann Leitner einige Patente anmelden, und er hätte wohl eine gesicherte Karriere als angestellter Chemiker anpeilen können, aber der Arbeitersohn will weiter in der Karriereleiter aufsteigen und bewirbt sich nach drei Jahren erfolgreich für ein Postgraduate-Studium an amerikanischen Eliteuniversitäten. Tatsächlich erhält er aufgrund seiner Testergebnisse sowohl für Harvard als auch für Stanford die Zulassung. Ein Jackpot.

Erfolgsgeheimnis. Was macht Menschen mit außergewöhnlichen Karrieren so erfolgreich? Vielleicht, weil sie an bestimmten Stellen ihres Lebens anderswo abbiegen, als es die Masse tut? Wer würde mit einem extrem schwer zu ergatternden Harvard-Stipendium in der Tasche lieber nach Düsseldorf gehen, um dort in einem Metier zu arbeiten, von dem man im Grunde nicht die geringste Ahnung hat?

1981, Leitner ist hungrige 28, und seine erste Ehe ist gerade gescheitert, schlägt er tatsächlich Harvard in den Wind und heuert bei McKinsey & Company an. „Ich habe zu diesem Zeitpunkt sicher nicht gewusst, was ein Deckungsbeitrag ist“, gesteht der heutige Vorstandsvorsitzende des Andritz-Konzerns. „Es war schon exotisch dort, aber ich war nicht der einzige Naturwissenschafter. Es hat auch Physiker bei McKinsey gegeben.“

Spötter könnten an dieser Stelle anmerken, jetzt sei klar, warum manche McKinsey-Studien so sind, wie sie sind, und dass man immer schon im Vorhinein wisse, dass am Ende dicke Honorare und dicke Reports stehen, die stets in die Empfehlung münden, ein Drittel der Belegschaft müsse gefeuert werden. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

„McKinsey ist eine extrem gute Schule“, lächelt Wolfgang Leitner. „Man sieht viel, arbeitet mit sehr guten Leuten zusammen, erkennt den Wert einer sauberen Analyse und arbeitet hart. Die Angst vor der durchgearbeiteten Nacht ist nach McKinsey für immer verflogen. Und man lernt überzeugen. Als Berater kann man ja nichts anordnen.“

Das Leben schreibt bekanntlich immer die besten Geschichten, und so kommt es, dass McKinsey den smarten Workaholic Wolfgang Leitner ausgerechnet in jene Fabrik schickt, in der sein Vater 30 Arbeiterjahre zugebracht hatte: nach Andritz. Wir schreiben 1983, und es ist das Jahr der großen Krise bei Andritz: Rekordverluste, Rekordverbindlichkeiten, die Firma ist praktisch pleite, aber davon später.

Erster Kontakt. McKinsey schickte damals übrigens zwei Berater nach Andritz. Neben Leitner auch noch einen gewissen Dieter Schossleitner. Leitner wird Schossleitner 15 Jahre später beruflich wiedersehen, als einer der Vorstände der AGIV, jener Beteiligungsholding, die die Andritz AG verkauft und deren Vorstand den Kaufpreis für die Andritz AG festlegt. Schossleitner zählt bis heute neben dem Grazer Psychiater Dieter Fuchs, den Leitner schon aus der Volksschulzeit kennt, und seinem Exstudienkollegen Martin Bartenstein zu Leitners engstem Freundeskreis und ist derzeit sogar wieder Andritz-Berater.

Wie war Wolfgang Leitner selbst als McKinsey-Mann in Andritz? „Unglaublich, wie geduldig die Vorstände mit mir waren“, räsoniert der heutige Andritz-Chef über seine Rolle von damals. „Ich habe Dinge vorgeschlagen, die wirklich weit danebenlagen.“

Bernhard Rebernik, seit 25 Jahren bei der Andritz AG tätig und seit 2001 Vorstand für den Bereich Zellstoff, lächelt milde: „Ach, er war wie alle Berater und besonders die von McKinsey: Erst horchte er einen aus und empfahl dann am Ende das, was man ohnehin selbst vorgeschlagen hatte. Aber McKinsey hat ihm nicht geschadet, er hat Zuhören gelernt. Wir sind jetzt beide seit elf Jahren gemeinsam im Vorstand, ein Jahr lang waren wir sogar nur zu zweit, und wir haben uns immer gut vertragen. Wir hinterfragen zum Beispiel jede Akquisition sehr kritisch. Aber es gibt nur wenige Fälle, wo er autoritär entscheidet und sagt: Ober sticht Unter. Wir entscheiden fast immer im Konsens.“

Eine gewisse Beratungsskepsis dürfte Wolfgang Leitner wohl geblieben sein. Sein Vorstandskollege Friedrich Pabst, verantwortlich für die Bereiche Hydro-Power (Turbinen und Pumpen) und Futtermittel, aber auch Kopf der flexiblen Fertigung und des Outsourcings von Arbeitsstunden bei Andritz, meint: „Er sieht sich selbst wohl als die große Ausnahme unter den Beratern. Ich wollte einmal eine Führungsposition mit einem Kandidaten besetzen, der vorher als Berater tätig gewesen war. Leiter war strikt dagegen, mit dem Argument, Berater beherrschen kein operatives Geschäft. Dieser junge Mann ist heute übrigens einer unserer erfolgreichsten Divisional Manager.“

Wir schreiben das Jahr 1985, als der McKinsey-Consultant Leitner von McKinsey genug hat und zu neuen Ufern aufbricht. „Irgendwann will man nicht mehr Berater sein, sondern selbst etwas tun“, philosophiert der heutige Konzernchef. „Ich wollte lieber selbst etwas Kleines machen, als irgendwo im Mittelmanagement in einem großen Konzern zu landen, wo es mehr um die eigene Positionierung als um das eigentliche Geschäft geht.“

Und so gelangen wir zum nächsten Kapitel im Leben des trend-„Mann des Jahres“ 2007. Es heißt schlicht und einfach: Wie man mit Brausetabletten reich wird.

Geschäftsidee! Zeitunglesen kann reich machen. Manchmal jedenfalls. Dietrich Mateschitz kam, nach eigenem Bekunden, der Einfall mit Red Bull, nachdem er in einer Hongkonger Hotelbar einen „Newsweek“-Artikel über Japans größten Steuerzahler gelesen hatte: einen Hersteller eines Energydrinks. Der müsse, so folgerte der damalige Blendax-Manager Mateschitz, mit dem Gebräu wohl enorme Gewinnmargen einfahren.

Wolfgang Leitner wiederum las 1985 in einem New Yorker Lokal, vielleicht bei einem Bagel und wässrigem, amerikanischem Kaffee, im Wirtschaftsteil des „Wallstreet Journal“ eine interessante Story über das lukrative Geschäft mit einer neuen Generation von Arzneien, die man Generika nennt. Man müsse kein neues Rheumamittel erfinden, steht da, es genügt, wenn man ein vorhandenes sucht, dessen Patent abgelaufen ist oder das sich nach geringfügiger Modifikation legal als neues Medikament auf den Markt bringen lässt.

Wolfgang Leitner ist zu diesem Zeitpunkt bereits vier Jahre als Unternehmensberater für McKinsey unterwegs, lebt seit zwei Jahren vorwiegend in Manhattan, hat eine Scheidung hinter sich (von einer ehemaligen Studienkollegin) und sucht nach neuen Ufern. Da kommt ihm, dem studierten Chemiker, die Generika-Idee wie gerufen.

Gewagter Schritt. Leitner, der nach außen so gar nichts Unkonventionelles ausstrahlt, macht, wie öfter in seinem Leben, etwas völlig Unerwartetes, etwas, das wohl neun von zehn Menschen in ähnlicher Position eher nicht machen würden. Er hängt den überdurchschnittlich gut bezahlten McKinsey-Job an den Nagel, legt sein gesamtes Erspartes – einige 100.000 Schilling – in einen Topf und gründet mit einem Partner in Graz eine kleine Firma namens Genericon, die sich auf die Herstellung preisgünstiger Generika spezialisieren soll.

Wir schreiben das Jahr 1986, Leitner ist im April 30 geworden und startet mit zehn Mitarbeitern die Entwicklung neuer Pharmaprodukte: billige, patentfreie Medikamente ohne bekannte Markennamen, die unter der Bezeichnung ihrer wissenschaftlichen Wirkstoffe auf den Markt kommen sollen. Das kleine Pharma-Start-up-Unternehmen begann in feudaler Umgebung: im steirschen Schloss Lannach, wo sich bis heute der Firmensitz der Lannacher Heilmittelwerke befindet. Die Werke wie auch das Schloss gehören Leitners 50-Prozent-Partner bei Genericon, seinem alten Studienkollegen und langjährigen Wirtschaftsminister Martin Bartenstein.

„Beim Chemiestudium bleiben am Schluss nur zwei Dutzend Studenten über“, erinnert sich Bartenstein. „Das wird dann eine eingeschworene Gemeinschaft. So haben wir uns kennen gelernt.“ Bartenstein kannte das pharmazeutische Metier von klein auf.

Seine Eltern führten schließlich eine Pharmafirma. Der Freund und Studienkollege aus der Arbeiterschicht schien Bartenstein durchaus geeignet, um ein eigenes Firmenprojekt zu starten. Bartenstein über seinen Genericon-Partner: „Er ist ein unheimlich starker Analytiker. Er wird nie laut, weiß aber ganz genau, was er will.“

So wie es bei Dietrich Mateschitz ganze drei Jahre vom Start weg dauerte, ehe er die erste lebensmittelrechtliche Zulassung für Red Bull bekam, dauerte es bei Genericon zwei volle Jahre, ehe die ersten billigen Medikamentenklone auf den österreichischen Markt kamen. Genau in dieser Phase erhielt Leitner das Angebot, als Finanzvorstand bei der Maschinenfabrik Andritz anzuheuern. Das Unternehmen steckte zu diesem Zeitpunkt mit neuem Management in der Restrukturierungsphase. Wolfgang Leitner, der drei Jahre zuvor als McKinsey-Berater die Firma in- und auswendig kennen gelernt hatte, erschien dem damaligen Andritz-Boss Ludwig Pfeiffer-Lissa als günstige Besetzung. So avancierte der studierte Chemiker zum Finanzvorstand und bedingte sich vertraglich aus, nebenbei die Geschäfte der Genericon GmbH weiterführen zu dürfen, was er im Übrigen bis zum heutigen Tag tut.

Als Jungunternehmer sollte Wolfgang Leitner das Glück hold sein. Acht Jahre nach der Gründung der Genericon war Leitner um 41 Millionen Dollar reicher. Um diese erstaunliche Erfolgsstory zu verstehen, müssen wir ins Ungarn der späten achtziger Jahre blenden. Noch herrschte dort die kommunistische Partei, aber die Wende stand kurz vor der Tür.

Das Brausetabletten-Wunder. Im Jahr 1988, ein Jahr also vor dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems, gründeten vier ungarische Unternehmen – eine Pharmafirma, ein Exporteur, ein Großhändler und eine Bank – mit einem Schweizer Partner ein Joint Venture zur Herstellung von Brausetabletten. Ein Produkt, das bis dahin im ganzen Ostblock nicht zu haben war. Die Idee der geschäftstüchtigen Ungarn: mit Schweizer Technologie den osteuropäischen Markt erobern. 1989 wurde in der Nähe von Budapest eine moderne Fabrik gebaut, und im Herbst desselben Jahres startete man unter extrem günstigen Bedingungen eine massive Marketingkampagne, wie sie nur im Ungarn der Wendezeit möglich war. Der damalige Geschäftsführer der neu gegründeten Firma Pharmavit hieß Imre Somody (sprich: Schomodi) und erinnert sich: „Die Werbezeiten im Fernsehen waren damals unglaublich billig. Wir starteten unsere Werbekampagne mit einer bekannten Schwimmerin, einer Olympiasiegerin, als Frontfigur und hatten enormen Erfolg. Nach zwei Jahren schon waren wir bei Vitamintabletten Marktführer mit einem Anteil von 50 Prozent.“

Doch die Firmengründer, darunter Chinoin, heute zur Sanofi-Gruppe gehörend und Marktführer bei rezeptfreien Medikamenten in Ungarn, überwarfen sich alsbald mit den Eidgenossen. Somody: „Unser Schweizer Partner, die HGH AG, brachte die vereinbarten Sacheinlagen nicht ein, und wir mussten ihre Aktien versteigern. Ich suchte damals fieberhaft neue Partner und war schon mit zwei Firmen im Gespräch, als ich zufällig auf Herrn Leitner stieß.“

Go east young man. Dass Wolfgang Leitner in Budapest einen gewissen Imre Somody kennen lernte, hat möglicherweise mit Skifahren zu tun. Im selben Jahr, als Leitner sein Firmenbaby Genericon mit Martin Bartenstein gründete, 1986 also, lernte er die Bauunternehmertochter mit dem klingenden Namen Maria Cattina Soravia kennen. Sie ist heute Richterin am Landesgericht Graz und war zu jener Zeit gerade mit ihrem Jusstudium fertig. „Sie hatte am Beginn ihres Studiums ein Prämiensparbuch angelegt, das sie nach fünf Jahren in einen Skiurlaub investieren wollte“, erzählt Wolfgang Leitner. Der Zufall wollte es, dass Cattina Soravia und Wolfgang Leitner denselben Skikurs belegten. Er fiel ihr bald auf: als grottenschlechter Skifahrer. Leitner: „Ich bin immer als Letzter schwitzend hinten nachgekommen. Am zweiten Tag ist sie dann etwas wütend auf mich zugegangen. Sie hat mir später erzählt, sie wollte mir eigentlich sagen, ich solle doch gefälligst in die Anfängergruppe gehen, weil so macht das keinen Spaß. Aber tatsächlich gesagt hat sie: Hallo, ich heiße Cattina.“

Die beiden sind mittlerweile seit 17 Jahren verheiratet und haben zwei Kinder, die 14-jährige Marie-Christina, genannt Mitzi, und den zwölfjährigen Nicholas. Wolfgang Leitner wurde als Schüler übrigens Wuffi gerufen, aber das geht eigentlich niemanden etwas an. Relevanter ist, dass die Custos Privatstiftung, die über eine Beteiligungsfirma 26 Prozent an der Andritz AG hält, beiden Eheleuten „gehört“.

Leitner hatte also in eine Bauunternehmerdynastie eingeheiratet, und relevant für seine Karriere ist das nur deshalb, weil die Bauaktivitäten seines Schwiegervaters Leitners Neugier auf Ungarn weckten. „Ich habe damals mitgekriegt, dass mein Schwiegervater mit der Bau Holding schon sehr früh nach Ungarn und Osteuropa gegangen war und besonders in Ungarn Erfolge erzielte. Mir war klar, dass dort vieles im Entstehen war, vielleicht auch im Pharmabereich. Und so haben Martin Bartenstein und ich beschlossen, eine Runde bei ungarischen Pharmaunternehmen zu machen.“

Wir schwenken jetzt wieder zurück zu Herrn Somody, einem genialen Marketingmann vom Schlage eines Dietrich Mateschitz, heute Privatier, damals Pharmavit-Chef und gleichzeitig Finanzvorstand von Chinoin, einem der vier Gesellschafter von Pharmavit. Somody schildert seine erste Begegnung mit den beiden österreichischen Jungunternehmern so: „Bartenstein und Leitner waren 1990 zufällig bei Chinoin, um Wirkstoffe für Generika zu kaufen. Da habe ich sie angesprochen, ob sie nicht Interesse hätten, bei Pharmavit einzusteigen.“

Sie hatten und investierten alsbald fünf Millionen Schilling für einen 12-Prozent-Anteil an dem jungen ungarischen Brausetablettenhersteller. „Am Anfang hatten wir nur eine Minderheitsbeteiligung und mussten uns mit postkommunistischen Direktoren in lähmenden Sitzungen herumschlagen“, erinnert sich Leitner. „Aber wir haben es dann innerhalb eines Jahres geschafft, die Mehrheit zu kriegen.“
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