Der Mann des Jahres:
Boris Nemsic, Telekom Austria AG

Es war eines der erfolgreichsten Jahre der Telekom Austria AG: Der Konzern startete mit neuen Töchtern in Serbien und Mazedonien, stieg in den weißrussischen Markt ein und übernahm in Österreich in einer Blitzaktion 131.000 Kunden von der Konkurrenz. Hinter den Deals steckt einer der zielstrebigsten Manager des Landes: Boris Nemsic. Er war österreichischer Handball-Meister, ist in der Lage, Handys zu reparieren, und erobert als bosnischer Kroate den südosteuropäischen Markt. Die Geschichte eines außergewöhnlichen Aufstiegs.

Es sind drei Buchstaben, die den Unterschied ausmachen. Die darüber entscheiden, ob man dazugehört. Sie sind nur für jene bestimmt, denen er vertraut. „www“ lautet der Code, die Devise, die er ausgegeben hat, damals, als er sein Meisterstück abgeliefert hat: „we will win“.

Boris Nemsic hat gewonnen. Vor acht Jahren in Kroatien, als er den Mobilfunkbetreiber Vipnet aus dem Nichts gestampft hat und damit eine Meisterleistung vollbrachte. Heute gewinnt Nemsic in Österreich, wo er als Vorstandsvorsitzender der Telekom Austria AG (TA) eine Erfolgsmeldung nach der anderen verkünden kann. „Wer dieses ,www‘ von ihm per SMS bekommt, weiß, dass er zum inneren Kreis gehört“, verrät Rainer Siegl, der am Vipnet-Aufbau maßgeblich beteiligt war und heute das regionale Management der Mobilkom leitet.

Dieser Kreis von einem knappen Dutzend Personen ist das Kernteam des bodenständigen Managers, dessen Dreitagebart nach einem Boxunfall unfreiwilliges Markenzeichen wurde. Dass es mitunter unmenschlicher Anstrengungen bedurfte, in dieses Team hin­einzuwachsen, und warum Nemsic mit dem Papst verglichen wird, dazu später mehr. Fest steht, dass der „inner cercle“ jene Basis bildet, die es ihm ermöglicht, Österreichs achtgrößtes Unternehmen mit 16.200 Mitarbeitern zu leiten – und laufend zu vergrößern.

Der mehrheitliche Kauf des zweitgrößten weißrussischen Mobilfunkers MDC mit 2,7 Millionen Kunden im Oktober 2007 war der Höhepunkt eines äußerst gelungenen Jahres für Boris Nemsic. Kurz zuvor, am 19. September, hatte die neu gegründete Mobilfunktochter Vip operator in Mazedonien ihren operativen Betrieb aufgenommen – nach einer nur halbjährigen Aufbauphase. Und in Serbien funkt bereits seit Juli die ebenfalls neue Tochter Vip mobile. Zum Drüberstreuen gelang Nemsic Anfang Oktober noch ein Überraschungscoup: Die Mobilkom übernimmt die 131.000 Handykunden der Konkurrentin Tele2. „Heuer sind viele Fäden zusammengelaufen, die er in der Vergangenheit geknüpft hat“, resümiert die stellvertretende TA-Aufsichtsratsvorsitzende Edith Hlawati, „2007 war für ihn und den Konzern ein Erfolgsjahr.“

Gründe genug, um Boris Nemsic zum Mann des Jahres zu küren. Auch wenn er selbst seine Bilanz nüchterner sieht: „Ich rechne nicht in Kalendereinheiten.“ Schließlich seien die Projekte schon lange in Vorbereitung gewesen: „Das ist wie im Sport: Da trainiert man jahrelang, und im entscheidenden Moment gelingt ein Tor.“

Dennoch: Letztes Jahr hat sein Spielstand noch anders ausgesehen. Da konnte die TA weder in Bosnien noch in der Slowakei punkten und erlitt beim serbischen Mobilfunker Mobi63, für den die norwegische Telenor 1,5 Milliarden Euro hinblätterte, eine Schlappe. „Das war das Beste, was uns passieren konnte, weil der Preis exorbitant hoch war“, relativiert Nemsic heute die Niederlage. Rein rechnerisch hat er Recht, schließlich kostete die dritte Lizenz in Serbien, die die TA kurz darauf erhielt, nur 320 Millionen. Dennoch lastete vergangenes Jahr ein enormer Erwartungsdruck auf ihm. „Da hat er schon gelitten“, verrät Marie-Hélène Magenschab, bis vor Kurzem CEO der kroatischen Vipnet (derzeit in Karenz), „doch jetzt ist spürbar eine Last von ihm abgefallen.“

Aber die nächste Herausforderung steht unmittelbar bevor. Ende November hat das Parlament von Bosnien-Herzegowina beschlossen, 51 Prozent an der staatlichen BH Telecom zu verkaufen. Nemsic tatendurstig: „Das ist unser nächstes Target.“

Die Chancen dafür stehen sicher nicht schlecht: Boris Nemšić, wie man ihn eigentlich schreibt, ist einer der erfolgreichsten Einwanderer, die Österreich vorweisen kann. Der TA-Chef ist bosnischer Kroate, vor 50 Jahren in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo geboren, mit 27 nach Wien gekommen, um hier zu studieren. Nemsic verfügt über seltene Fähigkeiten: Er kennt die Mentalität, die Kultur, sogar die Gesetze vor Ort besser als jeder andere Telekom-Manager Europas. Und nun erobert er – überspitzt dargestellt – für ein österreichisches Unternehmen jene Länder, die zu den ehemaligen Kronländern Österreichs zählen.
„Das ist ein guter Schmäh, mehr aber nicht“, lächelt Nemsic, „für meine Entscheidung, dort aktiv zu sein, spielt das absolut keine Rolle. Aber natürlich wird es von den Leuten dort positiv gesehen, dass ich einer von ihnen bin. Und dazu bekenne ich mich auch.“ Für Hlawati ist Nemsic jedenfalls genau der richtige Mann am richtigen Ort: „Er lebt seine Herkunft sehr authentisch und hat seine Wurzeln nie vergessen. Das hat ihm bei seinen Akquisitionen in Osteuropa sicher geholfen. Darüber hinaus haben österreichische Unternehmen im Umgang mit den Ländern der alten Monarchie Vorteile – eine einmalige und erfolgreiche Kombination.“

Den grundsätzlich freundlichen Empfang kann Nemsic bestätigen: „Wir werden als Freund, nicht als Eroberer gesehen.“ Doch das alleine genüge nicht. Die obersten Prinzipien seien für diese Staaten heute eine absolute Transparenz und die Erzielung eines möglichst hohen Erlöses bei Privatisierungen.

Dennoch sei es durchaus ein Vorteil, wenn einem die Kultur der Verkäuferseite nicht fremd ist, erzählt Nemsic: „Man darf nicht überheblich auftreten, muss sich mitunter in Geduld üben und langsam das Vertrauen und seine Glaubwürdigkeit aufbauen.“ Für ihn sei das ganz natürlich, „da ist nichts gespielt“, und wahrscheinlich zählt das neben seinen Sprachkenntnissen zu den wichtigsten Faktoren seines Erfolges. „Es ist dieses informelle Element, das in dieser Region enorm wichtig ist“, bestätigt Thomas Streimelweger, Gründer des vorrangig im Osten tätigen IT-Unternehmens S&T, „damit kann man viel regeln, und darin ist Boris wirklich gut.“

„Er hat für diese Märkte das nötige Sensorium“, meint Medienmanager Rudi Klausnitzer, der ihn seit Langem auch privat kennt. „Für mich ist er kein typischer Österreicher, sondern eher eine Kronländer-Mischung. Das ist im Augenblick die wichtigste Kombination für Geschäfte in Südosteuropa.“

Macht Nemsic deswegen so gerne Geschäfte mit dem immer wieder als Osthändler bezeichneten Martin Schlaff wie in Bulgarien und zuletzt in Weißrussland? Nemsic: „Seinen Ruf kommentiere ich nicht. Aber er ist sicherlich jemand, der diese Vorgehensweisen und Kulturen genauso gut versteht wie ich. Vielleicht ist das ein Punkt, wo man leichter zu einer Lösung kommt.“ Und Schlaff über Nemsic: „Boris Nemsic konnte ich anlässlich der Verhandlungen diverser Deals als Unternehmensführer kennen lernen, der seine – aus meiner Sicht richtigen – Visionen mit beharrlicher Konsequenz zu realisieren versteht. Auf dem Weg zum Ziel verliert er – im Unterschied zu vielen anderen – trotzdem nie die Konsequenz dem Verkäufer gegenüber. In Serbien hat er bei einem überhöhten Preis Nein gesagt. Also können seine Aktionäre gut schlafen.“

Dass Nemsic bei der Versteigerung der Mobi63 trotz eineinhalbjähriger Vorbereitungszeit im entscheidenden Moment ausgestiegen ist, hat unmittelbar mit einer weiteren, für ihn typischen Eigenschaft zu tun: Er ist ein blitzschneller Stratege und Rechenkünstler. Gemeinsam mit seinem Mergers&Acquisitions-Spezialisten Erich Gnad kalkulierte er in der Pause der Versteigerung, wie viel in der neuen Situation die dritte Lizenz kosten könnte und wie hoch die Investitionen in ein neues Mobilfunknetz wären. Das Ergebnis: Binnen weniger Minuten wurde die Taktik gedreht, binnen drei Monaten war die Lizenz in der Tasche.

„Er ist ein glasklarer, analytischer, strategischer Denker“, beschreibt Casinos-Austria-General Karl Stoss seinen Freund Nemsic. „Er redet nicht lange herum, ist extrem ergebnisorientiert und hartnäckig, dabei aber stets ein Mensch geblieben, der dir immer das Gefühl gibt, Zeit für dich zu haben – auch wenn er gar keine hat.“ Beim gemeinsamen Basketballspielen verhalte sich Nemsic laut Stoss kaum anders: „Da entwickelt er einen unwahrscheinlichen Ehrgeiz und weiß auch mit den Ellbogen umzugehen. Aber er setzt genauso sein Team ein. Nur wenn er sieht, dass jemand wie ich öfter nicht trifft, dann nimmt er das selbst in die Hand.“

Es ist die Präzision, die in Nemsics Leben dominiert, der Zug zum Tor alleine ist zu wenig, der Ball muss sitzen. Versagen gibt es nicht. Und wenn doch einmal etwas danebengeht, wird noch härter an dem Ziel gearbeitet. Ungenauigkeit ist unerwünscht; wer mit ihm zusammenarbeiten will, muss sich seinen Regeln der Gewissenhaftigkeit und Akribie unterwerfen. Nemsic verlangt Spitzenqualität, von sich selbst und von seinem Team. „Ich glaube, das habe ich von meinen Eltern.“ Beide sind Juristen, sie war Richterin, kommunikativ und weltoffen, er Anwalt mit österreichischen Wurzeln und eher pedantisch; beide leben nach wie vor in Sarajevo.

Generell lassen sich viele von Nemsics Charaktereigenschaften aus seiner Zeit in Sarajevo ableiten. Seine Eltern trennten sich früh, Boris wuchs bei seiner Großmutter Editha, aber gleich in der Nähe seiner Eltern, auf. Seine Oma war Österreicherin, geboren in Hollabrunn, und sprach zu Hause Deutsch. Nemsic: „Sie wusste, dass die Sprache ein ganz wichtiges Kapital für die Zukunft ist.“

Sie wusste überhaupt viel, war kulturell gebildet, prägte seine offene Einstellung zu allen Religionen und Volksgruppen.

Nenad Mikulic, ein ehemaliger Schul- und Studienfreund, erinnert sich: „Ihr Haus war immer offen, sie hat mit uns ohne Berührungs­ängste wie mit Freunden geredet. Und sie war eine große Humanistin. Das hat Boris von ihr gelernt und geerbt.“ Auch Ibrahim Bosto, ein Freund aus Studientagen, heute Assistant General Manager beim Technologiekonzern Energoinvest, schwärmt: „Sie war eine richtige Lady und hatte großen Einfluss auf seine Erziehung. Sie war es auch, die wesentlichen Anteil daran hatte, dass er schon bald die Vision hatte, sich nie auf dem Erreichten auszuruhen, hoch hinauszuwollen und über die Grenzen seiner Heimat hinauszublicken.“

Nemsic kam bereits ein Jahr früher als üblich in die Volksschule, ein Umstand, der ihn dazu anhielt, sich immer gegen die Größeren durchzusetzen. Klein beigeben war schon damals für ihn undenkbar – „das habe ich von meiner Mutter“. Später, im mathematischen Gymnasium – Rechnen und Physik waren seine Leidenschaften –, zählte er zu den Vorzugsschülern. Bei der Aufnahmsprüfung für die Studienrichtung Nachrichtentechnik war er der Zweitbeste von rund 500 Kandidaten. An der Uni erhielt er eine technische Ausbildung, die damals, so erzählt Nemsic, Weltklasse war. Mit 22 Jahren war er Diplomingenieur.
Über die Vermittlung seines Freundes Mikulic verschlägt es ihn ins Verkehrsministerium: „Dort habe ich gelernt, mit Bürokratie umzugehen.“ Und mit den Gesetzen rund um die Inbetriebnahme von Funkanlagen – Gesetze, die in den Grundzügen noch heute in den neuen Einzelstaaten existieren. „Ich kenne das alles.“

Nach seinem Militärdienst arbeitete er beim Rundfunk, wo gerade die Vorbereitungen für die Olympischen Winterspiele 1984 auf Hochtouren liefen. Im Jahr danach bewarb er sich für ein Kurzstipendium an der Technischen Universität Wien (TU) und begann dann mit seinem Doktoratsstudium. So nebenbei spielte er auch Handball und wurde als Torhüter des UHC Stockerau österreichischer Meister und dreifacher Cupsieger. „Seine extreme Fähigkeit, sich zu konzentrieren und komplexe Spielzusammenhänge zu antizipieren, werde ich nie vergessen“, sagt sein ehemaliger Teamkollege Günter Soukup, heute Leiter der Agentur Sportlights.

Zusätzlich arbeitete er bei Autophon in der Entwicklungsabteilung und entwarf Handfunkgeräte. Noch heute könne er deswegen Handys reparieren, sagt Nemsic – und Babyfone, die er als Nebenverdienst zu tausenden um 25 Schilling das Stück wieder in Gang setzte. Franz Plank, damaliger Autophon-Chef: „Er war etwas Besonderes, ein außerordentlich vorausblickender Mann.“

Ähnlich begeistert ist Ernst Bonek noch heute über seinen Schützling. Bonek ist Professor an der TU Wien am Institut für Nachrichten- und Hochfrequenztechnik. „Mir ist gleich aufgefallen, dass er sehr ehrgeizig und unheimlich schnell von Begriff ist.“ Nemsic wurde von Bonek in besonderer Weise gefördert. Damals bekam er seinen Feinschliff, nicht nur in seiner Ausbildung: Reisen in die USA, gemeinsame Publikationen in englischer und deutscher Sprache, Diskurse über Gott und die Welt – oder die österreichische Zeitungslandschaft. „Ich werde nie vergessen“, erzählt Nemsic, „wie wir über ,Standard‘ und ,Krone‘ diskutiert haben.“

1988 zog Bonek für sein Institut den Auftrag der damaligen Post an Land, eine Planungssoftware für den Aufbau eines Mobilfunknetzes zu programmieren. Bonek setzte Nemsic darauf an, der die Arbeit daran zur Grundlage seiner Dissertation machte – gewidmet seiner Oma Editha, die 1987 verstarb. Nemsic schaffte es in zwei Jahren, ein Tool zu entwickeln, das es weltweit noch nicht gab: die Berechnung und grafische Darstellung, wo welche Handymasten aufzustellen sind, damit in einem bestimmten Gebiet flächendeckend telefoniert werden kann. Die Software konnte europaweit vielfach verkauft werden und ist zum Teil heute noch im Einsatz. Bonek: „Vielleicht konnte ich ihm damals vermitteln, dass man technische Erfolge auch vermarkten muss.“

Nach diesen zwei Jahren als Hochschulassistent wurde er Entwicklungsleiter bei Ascom, arbeitete in der Schweiz, dann bei Bosch Telecom in Berlin, behielt aber seinen Lebensmittelpunkt immer in Wien, wo er mit seiner Frau Sanja, die er 1980 in seinem Studentenklub kennen lernte und die ebenfalls Technikerin ist, lebte.

In diese Zeit fiel der Krieg auf dem Balkan mit der fast vierjährigen Belagerung Sarajevos. Seine Mutter konnte noch rechtzeitig flüchten, sein Vater war eingeschlossen. Von der TU Wien aus funkte Nemsic monatelang nach Sarajevo und übermittelte Nachrichten von Angehörigen und Freunden. 1991 übernahm Nemsic sein Reihenhaus im Südwesten Wiens, aber die Ersten, die darin wohnten, waren Flüchtlinge aus der Heimat. Einer von ihnen war sein Studienkollege Mikulic, der fast ein Jahr lang bei den Nemsics wohnen durfte. Nemsic selbst hat in Sarajevo alles verloren, von seiner Wohnung bis zu seinen Kinderfotos. Seit damals steht er materiellen Dingen distanziert gegenüber. Sein einziges privates Auto (neben seinen Dienstwägen Audi Q7 und Smart) ist ein Nissan Pickup, um in den Urlaub fahren zu können: „Ich muss nicht irgendetwas Tolles haben, denn das kann morgen weg sein.“

Doch wie kam er nun eigentlich zur Mobilkom? Es war wieder Professor Bonek, der für ihn eine wesentliche Weiche stellte: Die eben erst aus der Post herausgelöste Mobilkom suchte dringend jemanden für die Netzplanung, wandte sich an Bonek, und dieser empfahl Nemsic, der damals „fachlich in Europa die Nummer eins“ war (Nemsic über Nemsic). Am 1. April 1997 tritt Nemsic in die Mobilkom ein, wird Leiter der Netzplanung und schließlich von Heinz Sundt, dem damaligen Chef der Mobilkom, nach Kroatien geschickt, wo seine eigentliche Erfolgsstory als Manager beginnt.

Der Aufbau der Mobilfunktochter Vipnet in Kroatien ist ein Musterbeispiel dafür, wie Nemsic tickt, wie er motiviert, wie er feiert. Es galt, ein neues Netz aufzubauen, eine Marke zu etablieren und Mitarbeiter zu rekrutieren. Magenschab, die spätere Chefin von Vipnet, war eine von ihnen: „Er war ja schon damals dauernd unterwegs, darum musste ich für mein Bewerbungsgespräch in die Schweiz fliegen, wo wir dann mit einem Smart von Genf nach Zürich tingelten und unterwegs über den Job sprachen.“

Nichts Außergewöhnliches für Nemsic. Selbst Fahrten zum Flughafen werden heute wie damals gerne für Sitzungen genutzt. Mobilkom-Manager Siegl: „Besprechungen finden schon einmal auf dem Weg zur Kantine zwischen zwei Telefonaten statt.“

Doch zurück in den Herbst 1998. Begonnen hat alles, auf Umzugskisten sitzend, in einem kleinen Büro in Zagreb. Täglich wurden zwei, drei neue Leute rekrutiert, gearbeitet wurde von sieben Uhr in der Früh bis eins in der Nacht – monatelang. „Da gab es Blut, Schweiß und Tränen“, erinnert sich Siegl, „wir haben Vollgas gegeben bis zum Umfallen.“ Und einige sind umgefallen, mit Herzinfarkten, die aber glimpflich ausgingen. „Boris war damals und ist noch heute für uns eine Galionsfigur, die uns unsere eigenen Grenzen vor Augen führt. Er ist immer noch aktiv, wenn wir schon nicht mehr können. Ich weiß nicht, wie er das macht. Aber er hat den absoluten Willen, das, was er sich vornimmt, zu erreichen.“

Es war der Beginn seines Kernteams, dem er blind vertraut. Siegl ist einer davon, Martina Weber-Zach, heute seine persönliche Assistentin, ebenso: „Wir sind sicher kein klassisches Büro. Hier herrscht totale Offenheit. Man hat für ihn dieselbe Priorität, egal, welche Rolle man im Team spielt. Wenn ihn jedoch jemand enttäuscht, merkt er sich das wie ein Elefant die nächsten 100 Jahre.“

Auch Magenschab, die zu der Zeit für Marketing zuständig war, zählt dazu, hat sich das jedoch hart erkämpft: „Er hat damals alle Fäden in der Hand gehabt und jeden Folder genau kontrolliert. Wenn er nur einen klitzekleinen Fehler entdeckt hat, ist er explodiert, regelrecht ausgezuckt. Da kommt offenbar sein südländisches Temperament hoch.“ Oft reicht ihm nur ein Blick auf ein Zahlenwerk, und er erkennt sofort einen Fehler. Und den gilt es, besser nicht ein zweites Mal zu machen. „Diesen absoluten Qualitätsanspruch habe ich von ihm gelernt“, sagt Magenschab.

„Die Mobilkom strebt die Perfektion an“, postuliert Nemsic, „das hat jeder Mitarbeiter verinnerlicht, von unten bis ganz oben. Wir können das. Das ist unser Spirit. Wir wollen immer Erster sein.“

Das „we will win“ war also keine Floskel, sondern innere Überzeugung – und Teil seiner Motivationsstrategie, zu der auch zählt, „jede Kleinigkeit zu feiern“ (Magenschab), sei es, um neue Mitarbeiter zu begrüßen oder sich über gute Marktdaten zu freuen.

Und sie ist aufgegangen, seine Strategie: Nach nur acht Monaten war die Vipnet startklar mit einer das Land überziehenden Marketingkampagne; nach weiteren sechs Monaten hatte der erste private Netzbetreiber die staatliche Cronet bereits überholt.
Nach Kroatien folgten Liechtenstein, Slowenien und Bulgarien, heuer Serbien und Mazedonien (siehe Übersicht der TA-Gruppe auf Seite 56). „Die Kernmannschaft ist dabei immer die gleiche“, gibt Siegl zu, „er schöpft aus einem Pool, dem er blindlings vertraut. Was natürlich bei dem raschen Wachstum auch ein gewisses Risiko birgt.“

„Einige kommen damit wahrscheinlich nicht so gut zurecht“, fügt Magenschab, die den gegenseitigen vertrauensvollen Umgang als sein Erfolgsrezept bezeichnet, hinzu. „Die, die nicht Teil des Teams sind, tun sich in Führungspositionen mitunter schwerer.“ Auch sei seine Entscheidungsfindung nicht immer unbedingt für alle nachvollziehbar, weil sich Nemsic aufgrund dieser individuellen Beziehungen durchaus auch einmal von Einzelmeinungen beeinflussen lasse. „Und er steckt dann mit so viel positiver Kraft hinter seiner Entscheidung, dass es schwer für ihn ist, diese wieder zu revidieren. Guten Argumenten ist er aber immer zugänglich.“

Unternehmenssprecherin Elisabeth Mattes glaubt, dass dieses Verhalten südeuropäisch geprägt ist: „Wir werden ja ein bisschen geführt wie eine Großfamilie, in der er sich seine Leute nach der Chemie aussucht, wo aber auch die Auseinandersetzungen zum Teil hart sind.“ Die Bezeichnung „Pate“, die einem leitenden Mitarbeiter herausrutscht, sei für Siegl aber zu negativ besetzt: „Ich würde ihn eher mit dem Papst vergleichen.“ Was er nach offenen Diskussionen entscheidet, gelte, „auch wenn das Kirchenvolk manchmal murrt“. Widersprechen dürfen dann nur wenige, und selbst da tut sich Nemsic nicht immer leicht, wie Mattes erzählt: „Wenn ich ihm etwas verbiete, dann herrscht danach eine Zeit lang Funkstille.“ Etwa wenn sie von einem Besuch bei einer bestimmten Society-Veranstaltung aus strategischen Gründen abrät.

Schließlich war es Mattes, die Nemsic, nachdem er 2000 Mobilkom-Chef wurde, überhaupt erst einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte. „Ich habe ihn von Anfang an so toll und sympathisch gefunden, dass ich die Idee hatte, ihn in den Mittelpunkt der Öffentlichkeitsarbeit zu rücken.“ Die Botschaft war, dass es darum gehe, was die mobile Kommunikation dem Menschen bringe, nämlich Zeitersparnis. „Und genau das lebt er und kann er optimal vermitteln.“ Der Werbespot, den Kultregisseur Wim Wenders 2001 drehte, gilt heute als Ausgangspunkt für die besondere Wahrnehmung von Boris Nemsic. Die Grundidee, nämlich dass im Leben vor allem die Zeit zähle, stammt übrigens von Großmutter Editha, womit das Ganze, behutsam kommuniziert, noch authentischer wirkte. Mattes: „Das hat damals die Position des Mobilfunks in einer Situation gestärkt, wo es noch einen internen Wettbewerb zum Festnetz gegeben hat.“

Die früher viel dominantere Festnetz-Division wollte sich, vereinfacht ausgedrückt, die Mobilfunker unterordnen. Die Unstimmigkeiten waren groß – auch zwischen den Vorständen, wie Rudolf Fischer, Vorstandsvorsitzender der Telekom Austria TA AG (Festnetzsparte), heute unumwunden zugibt: „Meine Beziehung zu ihm war am Anfang sicher nicht ganz spannungsfrei.“ Insofern war es auch mit einem gewissen Risiko verbunden, als der TA-Aufsichtsrat Nemsic im Mai vorigen Jahres nach dem Ausscheiden Sundts zusätzlich zu seiner Funktion als Mobilkom-General zum Chef der Telekom Austria Group aufrücken ließ. Doch der Auftrag war klar: Eine neue Struktur soll die Zusammenarbeit als gleichwertige Partner ermöglichen. „Das war für Boris sicher nicht leicht“, sagt Fischer, „aber er hat gelernt, beide Seiten als gleichwertig zu betrachten.“ Seither fühle sich Fischer im gemeinsamen Team mit Nemsic, den er als „hemdsärmeligen, offenen Menschen“ bezeichnet, wohl: „Jetzt stimmt die Vertrauensbasis.“

Tatsächlich hat es Nemsic in kurzer Zeit geschafft, die Ressentiments zumindest an der Spitze zu beseitigen. „Mein Ziel ist es, diese Jahrzehnte der künstlichen Teilung aufzuheben“, sagt Nemsic, „wir können uns nur als Gruppe positionieren und gewinnen.“ Das erste konkrete Ergebnis kann sich sehen lassen: Seit Mitte November bietet die TA ein Kombipaket aus Festnetz, Internet und Handy an. Dieses wird zwar von der Konkurrenz mit regulatorischen Argumenten heftig kritisiert, scheint aber vorläufig die einzige Möglichkeit zu sein, dem größten Problem, das Nemsic beschäftigt, entgegenzuwirken: Derzeit verliert das Festnetz über 20.000 Kunden pro Monat, vor allem an die Mobilfunker.

Nicht umsonst haben Nemsic und Fischer den in der Mobilkom höchst erfolgreichen Marketingvorstand Hannes Ametsreiter zusätzlich in die Festnetz-AG geholt. „Wir wollen die Stärken bündeln und gemeinsam etwas noch Stärkeres schaffen“, sagt dieser diplomatisch. Und Ametsreiter ist nicht der einzige von Nemsics Vertrauten, die seit einiger Zeit meist in der Holding auch für das Festnetz werken. Vize-Aufsichtsratsvorsitzende Hlawati dazu: „Nemsic versucht nun, die Dynamik der Mobilkom auf das Festnetz zu übertragen. Dafür hat er auch seine engsten Leute mitgebracht. Das ist natürlich eine heikle Aufgabe, aber er geht hier sehr behutsam und integrativ vor mit dem Ziel, gemeinsam noch stärker zu werden. Das ist auch der Auftrag an ihn.“ Dennoch ist es sowohl Nemsic als auch Fischer extrem wichtig zu betonen, dass der Austausch schon jetzt in beide Richtungen zwecks besserer Durchmischung der beiden großen Einheiten erfolge. Und: „Wir stimmen einander zwar gut ab“, unterstreicht Nemsic seine Ko­operation mit Fischer, „aber das Festnetz ist sein Business.“

Was auch nachvollziehbar ist, schließlich sind die Kapazitäten Nemsics schon jetzt bis aufs Äußerste ausgereizt, worunter auch seine Familie – Nemsic hat einen 16-jährigen Sohn und eine 13-jährige Tochter – leiden muss. „Man muss sehr flexibel sein, um mit ihm zu leben“, seufzt Sanja Boltek-Nemsic, „diesen Herbst war er nur an zwei Wochenenden zu Hause.“ Um sein sich selbst auferlegtes Pensum zu schaffen, wickelt er einen Großteil seiner Kommunikation mittels SMS und Mail ab – was nicht von allen goutiert wird. TA-Betriebsratsvorsitzender Michael Kolek: „Er leitet die Unternehmen mit seinen Handys, das ist zwar hip, aber der persönliche Kontakt ist wichtiger. Es ist sicher nicht immer hilfreich, wenn er alles zur Chefsache macht und versucht, das System bis ins Detail zu beherrschen.“

Immer wieder kritisieren seine Mitarbeiter, dass er zu wenig Zeit für sie hätte oder häufig zu spät komme. „Sein Zeitmanagement ist manchmal eine Katastrophe“, sagt Magenschab, die ihn aber auch dafür bewundert, wenn er sich in einer Besprechung so hundertprozentig auf sein Gegenüber konzentriert, dass er vergisst, auf die Uhr zu schauen. „Er gibt einem das Gefühl, man sei für ihn das Wichtigste auf der Welt.“ Auch für Siegl ist Nemsic zu wenig präsent: „Er ist Perfektionist, will gerade die Technik stets im Griff haben und kann nicht loslassen.“ Eine Kritik, die Nemsic als berechtigt akzeptiert: „Ich hätte auch gerne mehr Zeit. Wir sind stark gewachsen, und wenn jetzt noch zwei Länder dazukommen sollten, muss ich mir etwas überlegen.“

Nun gut, wie tickt also der trend-„Mann des Jahres 2007“: Boris Nemsic ist erfolgreich, benötigt keinen Schlaf, erwartet von seinen Mitarbeitern Höchstleistungen, hält die wichtigsten Fäden in der Hand, vergisst manchmal die Zeit, feiert gerne bis spät in die Nacht und wird als Musterbeispiel gelungener Integration gehandelt. „Er ist ein exzellenter Techniker, ein toller Marketingmann und eine spannende Persönlichkeit, die sich ohne Netzwerk bis an die Spitze durchgesetzt hat“, resümiert Böhler-Uddeholm-Chef Claus Raidl. Tatsächlich kann Nemsic bis auf eine Rotariernadel keine nennenswerte Mitgliedschaft in einem bekannten Netzwerk vorweisen. Auch politisch ist er in keiner Weise engagiert.

Seine Netzwerke sind eher international zu suchen. So ist er gewähltes Vorstandsmitglied der weltweiten GSM Association, ist regelmäßig bei internationalen Telekom-Kongressen als Sprecher eingeladen und traf bereits mehrmals Bill Gates zu Gesprächen. Schlüsse auf einen Karrieresprung lässt das zwar nicht zu, zugetraut wird er ihm allemal. Ametsreiter etwa glaubt, „dass er natürlich das Format hat, noch größere Gruppen zu leiten“. Und auch die Einschätzung Georg Pölzls, Sonderbeauftragter des Vorstands der Deutschen Telekom, fällt eindeutig aus: „Er ist für alle großen Telekom-Konzerne, die im Osten tätig sind, interessant.“

Von Oliver Judex

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente