Der Hypo-Deal von Vodnjan: Von 50
Millionen € ist der Großteil verschwunden

Bei einem Tourismusprojekt im Südwesten Istriens engagierte sich die Kärntner Hypo Alpe-Adria mit über 50 Millionen Euro. Doch während das Gelände noch immer brachliegt, ist der Großteil des Geldes verschwunden. Jetzt wird ermittelt, wer aller am Mega-Deal von Vodnjan verdient hat.

Von Richard Schneider und Stephan Klasmann

Auf der 24 Kilometer langen Strecke zwischen dem kleinen Küs­tenstädtchen Rovinj und dem südlich, etwas im Landesinneren gelegenen Örtchen Vodnjan kann man die Mittelmeerküste noch unberührt erleben. Selbst die schmale, gewundene Asphaltstraße hält züchtig Abstand zum Meer und trennt die flache, mit Felsen durchzogene Kiesküste vom hügeligen Hinterland, das vor allem für seine Weine und ein hervorragendes Olivenöl bekannt ist.
„Hier ein jungfräuliches Erholungsgebiet in einem armen Nachkriegsland, dort eine solvente Szene, die auf Immobilienschnäppchen lauert: ein gewinn- und vor allem ­korruptionsträchtiges Zusammentreffen“, brachte es „Die Zeit“ einmal auf den Punkt. Aber wahrscheinlich merkten die Ratsmitglieder der Landgemeinde Vodnjan selber kaum, welchem Deal sie da im Dezember 2000 zustimmten, als sie fast 380.000 Quadratmeter unberührte Meeresküste zum Spottpreis von umgerechnet 5,12 Euro pro Quadratmeter an die damals völlig unbekannte Darija d.o.o. verkauften. Wobei nur ein paar Monate später sogar ein doppelt so großes Filetstück an eine andere anonyme Gesellschaft ging, konkret an die AB Maris d.o.o., diesmal für wohlfeile 7,35 Euro pro Quadratmeter. Als Finanzier fungierte in beiden Fällen die Klagenfurter Hypo Alpe-Adria Bank AG (HAAB), die insgesamt rund 50 Millionen Euro zur Verfügung stellte.
Der Betrag ist für den Deal ungewöhnlich hoch, zumal der Kaufpreis für die Grundstücke in Summe nur bei 7,7 Millionen Euro lag. Der Rest muss also für die Bau- und Projektfinanzierung vorgesehen gewesen sein. Doch nun ist das Geld verschwunden, und auf dem Grundstück gibt es keinerlei erkennbaren Baufortschritt. Es ist weiterhin Brachland.
Allein das Auftreten der HAAB hätte die Gemeindeväter schon stutzig machen müssen. Denn die ehemalige Kärntner Landesbank – die im Vorjahr notverstaatlicht wurde und heute bei einem Kundenkreditvolumen von 30 Milliarden Euro einen Wertberichtigungsbedarf von mindestens 7,3 Milliarden hat – war seit ihrem Markt­eintritt in Kroatien 1996 in die meisten größeren Immobilienskandale verwickelt.
Eingefädelt wurde der Hypo-Deal von Vodnjan im August 1999: Damals traf der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider, kaum ins Amt gewählt, in Pula, dem Sitz der istrischen Regionalregierung, mit seinem dortigen Amtskollegen Stevo Žufić zusammen. Der musste sich dann monatelang dafür rechtfertigen, da Haider zu seiner Zeit in Istrien, das gegen den Druck aus Zagreb immer an seinem multikulturellen Charakter festhielt, als „größter lebender Neonazi“ galt. Die regionale Laisser-faire-Politik tat der zweisprachigen Region (kroatisch/italienisch) schon immer gut. Denn je weniger kroatisch sich Istrien zeigte, desto mehr Touristen kamen und entdeckten die vielen verlassenen Gehöfte und verfallenen Kazunis, wie die in Trockenbauweise errichteten Steinhäuser von Istrien heißen.

Die verkaufte Unschuld. Für den sozialdemokratischen Kommunalpolitiker Damir Radnić ist das durchaus in Ordnung: „Wir haben nichts gegen ausländische Wochenendsiedler. Das Problem sind die einheimischen Mächtigen, die bei den diversen Hypo-Geschäften zum Nachteil der öffentlichen Hand mitschneiden.“ Wie angeblich auch in Vodnjan, wo die Gemeinde, kaum war das Geschäft abgewickelt, auf Betreiben von Žufić beschloss, das soeben verkaufte Naturschutzgebiet zu einer touris­tischen Nutzfläche umzuwidmen. Ein Vorgang, der den Wert des insgesamt 114 Hektar großen Areals über Nacht um das 80- bis 100-Fache in die Höhe schnellen ließ und den bis dahin anonymen Inves­toren – zumindest auf dem Papier – einen gigantischen Spekulationsgewinn von rund 700 Millionen Euro bescherte.
Inzwischen wird nachgeforscht, wer aller bei diesen Grundstücksdeals profitiert hat. Die Vermutungen reichen hier von Jörg Haider und der damaligen FPÖ über seinen einstigen Amtskollegen und heutigen Immobilienmagnaten Žufić bis hin zur Kärntner Hypo, wobei hier immer wieder der Name von Ex-Vorstand Günter Striedinger fällt. Bewiesen ist bis dato nur die auffällige Nähe der aufgezählten Personen zu diesem obskuren Immobilienprojekt, das inzwischen den Werbenamen „Riviera von Brioni“ trägt und laut Plan ein riesiger Hotelkomplex mit Golfplatz, 117 Villen und sogar einem eigenen Hafen hätte werden sollen.
So etwa scheint schon kurz nach Gründung der Darija d.o.o. im kroatischen Firmenbuch der Klagenfurter Jurist und damalige Rechtsberater der HAAB, Gerhard Kucher, als Eigentümer auf. Wenn auch nur vorübergehend: Denn Anfang 2003 trat Kucher seine Anteile um einen symbolischen Kuna an die von ihm gegründete IEK Immobilienentwicklungs AG (IEK) ab, die diese noch im September des gleichen Jahres an die von ihr gegründete schweizerische Noxas Holding AG weiterreichte: ­zusammen mit einer Sacheinlage in Höhe von umgerechnet fast 55 Millionen Euro.
Den gleichen verschlungenen Weg dürften auch jene 18,8 Millionen Euro gegangen sein, die von der Hypo Alpe-Adria der Darija in vier Tranchen als Kredit gewährt wurden. Wobei auffällt, dass am 29. Juli 2005 an ein und demselben Tag einmal zehn Millionen Euro an die Darija direkt flossen und weitere 2,8 Millionen an eine Tochterfirma überwiesen wurden. Ein möglicher Grund dafür: Kredite über zehn Millionen waren aufsichtsratspflichtig.
Ob der Ex-Banker und jetzige Immobilienhändler stets im Rahmen der Gesetze agiert hat, untersucht zurzeit die Klagenfurter Staatsanwaltschaft. Sie ermittelt dabei nicht nur namentlich gegen Striedinger, sondern seit Kurzem auch gegen den Ex-Vorstandsvorsitzenden der Bank, Wolfgang Kulterer. Bei beiden sieht die Anklagebehörde einen konkreten Verdacht auf Untreue, wobei für alle Beschuldigten die Unschuldsvermutung gilt.
Offen ist auch, ob Kucher persönlich an dem umstrittenen Geschäft verdient hat, zumal der Anwalt – der mit dem früheren Steuerberater der Kärntner Hypo, Hermann Gabriel, auch im Vorstand von Striedingers Privatstiftung sitzt – über seine IEK zumindest in einem Fall nur Treuhänder war. Allerdings, so wird in Hypo-Kreisen gemunkelt, soll er sein Expertenwissen schon öfters gewinnbringend eingesetzt haben. Zum Beispiel 2004 im Zuge einer Kapitalaufstockung bei der HAA Leasing Holding AG, wo für einen erlauchten Kundenkreis Vorzugsaktien in Höhe von 100 Millionen Euro aufgelegt wurden, von denen mindestens 70 Prozent nachweislich von Kucher gezeichnet worden sind: zweimal in seiner Eigenschaft als Vorstand einer Privatstiftung und dann auch über seine eigene BC Holding AG, was unter Anwälten zwar nicht eben als guter Ton gilt, aber keineswegs verboten ist.

Komplexes Netzwerk. Tatsache ist, dass der geschäftstüchtige Jurist und Eishockey-Fan dank einer Spezialvollmacht nicht nur bei der Darija das Sagen hatte, sondern auch bei der zweiten involvierten Projektgesellschaft, der AB Maris d.o.o., deren Eigentümerstruktur für Außenstehende noch schwerer zu durchschauen ist.
Ein Grund dafür liegt im Umstand, dass nach kroatischem Recht der Gesellschafter einer GmbH im Firmenbuchauszug nicht aufscheinen muss. In solchen Fällen hilft dann nur ein persönlicher Blick in den vollständigen Akt des Unternehmens: Demnach gab es bei der AB Maris mit der
TECTO Beta Beteiligungs GmbH von Anfang an auch eine österreichische Fifty-fifty-Beteiligung an dem Skandalprojekt. Eine brisante noch dazu: Denn die TECTO kann eindeutig einer Clique rund um einen Wiener Immobilienspekulanten, den damaligen Nationalratsabgeordneten und Fi­nanz­experten der FPÖ, Detlev Neudeck, zugeordnet werden. Wobei gleichzeitig mit Stevo Žufić bei der AB Maris jener Mann als Geschäftsführer fungierte, der auch für die schnelle Umwidmung des Küstenstreifens zuständig war.
Und auch in diesem Fall wusch offensichtlich eine Treuhand die andere. Oder es ist purer Zufall, dass auch bei der AB Maris wieder zuerst ein gewisser Herr Kucher und dann seine IEK als Gesellschafter aufscheinen, bevor Anfang Juni 2004 das gesamte Vermögen des kroatischen Unternehmens in Form einer Sacheinlage auf eine Schweizer Firma übertragen wurde. Diesmal ein Betrag von umgerechnet 19,6 Millionen Euro, womit im Zuge dieses Immobilienprojekts insgesamt fast 75 Millionen Euro ihren Weg von der istrischen Mittelmeerküste in den steuerschonenden Schweizer Kanton Zug fanden. Von dort wurde dann die gesamte Summe am 17. September 2008 abgezogen. Wohin, ist unbekannt. Den beiden Briefkastenfirmen blieb nur mehr eine 74-prozentige Beteiligung an den kroatischen Gesellschaften.

50 Millionen gesucht. Zurück blieb aber auch ein nach wie vor fast unberührter Küstenstreifen, für dessen Verwertung neuerdings Striedingers Immobilienfirma Rubicon zuständig ist. Wobei die Hypo mit den restlichen 26 Prozent daran seit Mitte 2004 immer offiziell beteiligt war, während auf der Habenseite der krisengeschüttelten Bank nach wie vor Kredite in Höhe von insgesamt rund 50 Millionen Euro ausstehen. Und da die einst großzügig erteilte Baugenehmigung für das Land zurzeit ausgesetzt ist – offiziell weil man dort, wo schon die römischen Kaiser ihre privaten Ölgärten pflegten, angeblich plötzlich auf alte Ruinen stieß –, ist die Werthaltigkeit des Grundstücks und damit der Kredite mehr als fraglich.
Vielleicht haben deshalb erst kürzlich zwei Manager der Hypo mit Nachdruck versucht, die ausstehende Summe in den Bilanzen eines anderen Immobilienprojekts in Istrien unterzubringen: wenn auch vergeblich – da sich die dortige Finanzchefin als ehemalige Beamtin der kroatischen Steuerfahndung hartnäckig weigerte, ihre gut geführten Bücher manipulieren zu lassen.

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