Der Herr über die Regenwürmer: Biobauer
Grand macht mit Würmern in Europa Geld

Der niederösterreichische Biobauer Alfred Grand bringt das verblüffende Kunststück zustande, mit Regenwürmern europaweit Geld zu verdienen. Als erster gewerblicher Produzent eines Spezialhumus nutzt er den Trend zu naturnaher Gartenpflege.

Von Caroline Millonig

Am Anfang stand die Rolle in einer ORF-Produktion: Die Hauptrolle in „Der wilde Gärtner“ spielte Roland Düringer, der dabei auf so „skurrile Dinge wie den Regenwurmhumus“ stieß. Der Schauspieler und Kabarettist, der sich bei Böheimkirchen in Niederösterreich als Hobbygärtner betätigt, war begeistert. „Wir haben das ausprobiert, und siehe da: Es funktioniert“, stellt er der verwurmten Erde ein gutes Zeugnis aus. „Sie wirkt wie ein Turbo-Booster für den Garten.“
Das Wundermittel stammt von Alfred Grand, einem Landwirt aus dem Tullnerfeld. Zehn Jahre lang hatte der Biobauer auf dem von den Eltern übernommenen 110 Hektar großen Betrieb geforscht und entwickelt. Sein Ziel: Die verlässliche Produktion von Humus über ein kontinuierliches Kompostierungsverfahren. Seine hilfreichen Komplizen: Regenwürmer. Die neu gegründete Firma Vermigrand soll jetzt nicht nur den europaweiten Absatz seines Spezial­humus vorantreiben, sondern auch die von ihm entwickelte Produktionsanlage vermarkten.

Pionierarbeit. Dass Würmer als natürliche Bodenverbesserer überaus nützlich sind, war ihm schon als kleinem Bauernbuben eingetrichtert worden. Dass mit den wenig ansehnlichen Zeitgenossen auch Geld verdient werden kann, ist neu. Die Idee kam dem 39-Jährigen, als er das Recycling organischer Abfälle als eigenen Geschäftszweig im Betrieb etablieren wollte. „Wir hatten den Strauchschnitt von der Gemeinde übernommen“, doch dann verfielen die Preise, und die Sache rechnete sich nicht mehr. Also experimentierte er mit den vielfältigen Ressourcen aus dem eigenen ­Betrieb – mit Pflanzenabfällen aus der Produktion von Luzernen, Weizen, Buchweizen, Hanf und Roggen bis hin zu Soja. Ausbeute und Qualität des Komposts aus traditioneller Produktion, der so genannten Bodenmiete, überzeugten Grand allerdings nicht. Das Problem: Die unmittelbar auf dem Boden aufgeschichteten Abfälle könnten wegen der mangelnden Luftzufuhr von unten nicht genügend atmen, zudem würde der Vorgang in der kalten Jahreszeit unterbrochen. Er begann im Internet zu ­recherchieren – und wurde in den USA fündig. Dort hat die Kompostierung mithilfe von Regenwürmern bereits Tradition, allerdings waren die Amis weniger am ­Humus, sondern an der Produktion von Köderwürmern interessiert, die unter Sportfischern reißenden Absatz fanden.
Die Amerikaner inspirierten Grand zur Weiterentwicklung seiner Methode. Der Niederösterreicher investierte 100.000 Euro in die Entwicklung einer geschützten Produktionsstraße, die zur idealen Verwurmung führen sollte. 2004 entstand der erste Prototyp, 2008 hatte er das Ziel einer kontinuierlichen Kompostierung endlich ­erreicht: Eine gut 40 Meter lange, zirka
80 Zentimeter über dem Boden errichtete Produktionsstraße aus Holztrögen – die Regenwurmfarm – wird von oben mit pflanzlichen Abfällen befüllt und mit selbst gezüchteten Regenwürmern versetzt. Dabei handelt es sich um spezielle Kompostwürmer, die täglich bis zur Hälfte ihres Körpergewichts fressen und damit den Zersetzungsprozess in Gang halten. Die Temperatur in den Trögen wird zwischen 15 und 25 Grad Celsius gehalten, die Feuchtigkeit zwischen 60 und 80 Prozent – ideale Bedingungen für eine zügige Kompostierung: Ein- bis zweimal pro Woche kann von unten wertvoller Humus entnommen werden – rund 500 Kubikmeter pro Jahr.

Marktoffensive. „Im Gegensatz zu manchem Biodünger, dem Blut- oder Hornmehl aus dem Schlachthof beigegeben werden, setzen wir ausschließlich eigene biologische Rohstoffe ein – Luzerne, Pferdemist und Strauchschnitt“, betont Grand. Und daraus ergebe sich ein weiterer erheblicher Wettbewerbsvorteil: Das neuartige Naturprodukt ist absolut geruchsfrei.
Im nächsten Schritt ging es darum, die Sache professionell zu vermarkten. Bei ­Unternehmensberater Leopold Fischer fiel die Idee auf fruchtbaren Boden. Der alte Schulfreund und kongeniale Partner beteiligte sich zu 40 Prozent an der neuen Vermigrand GmbH. „Wir ergänzen einander prächtig“, versichert Grand, „ich bringe das Fachwissen ein, Fischer sein betriebswirtschaftliches Know-how.“
Gleich vom Start weg steht das Unternehmen auf mehreren Beinen. Der Verkauf des selbst produzierten Regenwurmhumus soll im ersten Geschäftsjahr zwei Drittel zum geplanten Umsatz von 120.000 bis 150.000 Euro beisteuern. Als zweiter Geschäftszweig soll der Verkauf von Lizenzen aufgebaut werden. „Die können die Kunden, die zum Teil ja enorme Förderungen in Anspruch nehmen, entweder sofort ­bezahlen oder über 15-jährige Ratenzahlungen“, erklärt Fischer. Fünf Know-how-Lizenzen à 40.000 Euro für eine 500-Kubikmeter-Produktionsstraße seien schon vergeben – nach Rumänien, Litauen und Estland. In Deutschland und Österreich werde dagegen eine andere Strategie verfolgt: „Im deutschsprachigen Raum setzen wir aufgrund der geografischen Nähe auf Partnerbetriebe, die für uns produzieren und für die wir Marketing und Vertrieb übernehmen“, sagt Fischer. Damit will er lästige Konkurrenz im Keim ersticken und sich gleichzeitig jene Kapazität sichern, die er für die Expansion
benötigt.
Der Verkauf von Kompostwürmern als Startpopulation für die Produktionsstraßen beziehungsweise für Hobbygärtner ist das dritte Standbein. Weiters wird eine Miniaturanlage für Kleinstgärten (Markenname „Meine kleine Farm“) vermarktet – die auch niederösterreichischen Schulen als anschauliches Lehrmittel zur Verfügung gestellt wird und jüngst von der UNESCO als Dekadenprojekt „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ausgezeichnet wurde.
Um die Totalausbeutung des Wurms zu komplettieren, bietet man auch einen Kompost-Tee als Intensivkur für Pflanzen an, der mittlerweile von der Staudengärtnerei Hameter mit Erfolg eingesetzt wird – und sich auch bei der Behandlung stark kontaminierter Böden bewährt hat, wie Grand berichtet: „In einem von der österreichischen Universität für Bodenkultur und der slowakischen Uni Zvolen durchgeführten Projekt konnten wir binnen einem Jahr auf einem verseuchten Boden eine Verbesserung von 60 Prozent erzielen.“
Breit gefächert ist auch die Kundenstruktur der Vermigrand GmbH, die über Mundpropaganda, Internet und YouTube angesprochen wird. Sie reicht von Privatkunden über den Gartenfachhandel bis hin zu professionellen Biogemüseproduzenten. „Wir schließen damit eine Marktlücke“, meint etwa Christian Scheer, Einkäufer bei der Tullnerfelder Großgärtnerei Starkl. „Wir nutzen den Trend zu ökologischer Nachhaltigkeit, denn damit sind auch hochpreisige Premiumprodukte gerechtfertigt.“

Zukunftspläne. Ziel der soeben gegründeten Firma ist es freilich auch, neue Kundengruppen zu erschließen – etwa Fertigrasenproduzenten, die mithilfe von Wurmkompost die Verwurzelung im Garten der Kunden beschleunigen wollen. Oder Golfclubs, die ständig nach neuen Wegen zur ­rascheren Regeneration der ramponierten Grünflächen suchen. Gunda Cuba-Wolf, Clubmanagerin des Golfclubs Freudenau, ist beispielsweise der jüngste Neuzugang: „Wir haben 15.000 Regenwürmer zugekauft, verwerten den täglichen Anfall von Grünschnitt und Häckselgut – und schließen ­damit den Kreislauf der Natur.“
Was die Perspektiven der nächsten drei bis fünf Jahre betrifft, laufen die Schätzungen des Unternehmerduos ein wenig auseinander: Während Grand in einem konjunkturell passenden Umfeld durchaus einen Jahresumsatz von einer Million Euro für realistisch hält, kann sich Fischer vorsichtigerweise bloß 600.000 bis 700.000 Euro vorstellen. In einem Punkt sind sich jedoch beide einig: Um den Know-how-Vorsprung von fünf bis sechs Jahren weiter zu halten, werden zehn bis 15 Prozent der Umsätze fix für Forschung und Entwicklung verplant – dazu wurde gleich vom Start weg eine Boku-Absolventin an Bord geholt.

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