Der große Goldrausch hat nun eingesetzt:
Metall genießt Ruf eines sicheren Hafens

Kaum ein Investment hat derart von der Finanzkrise profitiert wie das Gold. Die Nachfrage hat die Vorräte von Banken und Münzhändlern praktisch aufgezehrt. Offen ist aber, ob das hohe Preisniveau anhält. Von Raja Korinek

Der sagenhafte phrygische König Midas wäre heute wohl ein gefragter Mann. Als der hellenische Herrscher einem betrunkenen Begleiter des jugendlichen Gottes Dionysos aus der Patsche half, gewährte ihm Dionysos zum Dank einen Wunsch. In seiner maßlosen Gier bestand Midas auf die Gabe, alles, was er berührte, in Gold verwandeln zu können.

Derzeit würde so manch eine Prägeanstalt allzu gerne seine Gabe besitzen. Denn das edle Metall ist heute gefragt wie schon seit 25 Jahren nicht, die Hersteller von Münzen und Barren kommen mit der Produktion kaum nach. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise stürmen die Anleger nämlich weltweit die Goldvorräte. Und das, obwohl der Preis für das gelbe Metall seit seinem Höchststand von 1014 Dollar im Juli 2008 längst wieder auf 730 Dollar Ende Oktober nachgegeben hat.

Gold kann im schlimmsten Fall nicht wertlos werden
Aber wie nachhaltig ist der aktuelle Goldrausch nun wirklich? Schon die letzte Preisrally Ende der siebziger Jahre entpuppte sich als bloße Spekulationsblase. Danach galt das edle Metall jahrelang als langweiliges Investment, das nicht einmal Zinsen brachte und zudem auch noch lästige Lagerkosten verursachte. Derzeit sind die Experten freilich davon überzeugt, dass sich der Preis für Gold seit einigen Jahren in einem langfristigen Aufwärtstrend befindet, der durch die aktuelle Finanzkrise weiteren Auftrieb bekommen hat. Der Börsencrash hat die Anleger vor wenigen Monaten nämlich derart verschreckt, dass viele sogar Wartezeiten von einigen Wochen in Kauf nahmen. „Dabei waren alle Altersklassen vertreten“, verrät Gustav Mayer, Geschäftsführer des Schoeller Münzhandels, einer Tochter der Münze Österreich. Bei den älteren Käufern seien Erinnerungen an frühere Krisen geweckt worden, während die jüngeren Käufer nach den missglückten Gehversuchen an der Börse offenbar eine Pause mit einer soliden Anlage einlegen wollen, meint der Goldprofi. Der Grund: Gold kann im schlimmsten Fall nicht wertlos werden, im Gegensatz zu Aktien eines Unternehmens. Und es findet auch immer einen Abnehmer, unabhängig von den Börsen.

Wer von der Entwicklung des Goldwerts profitieren will, muss aber nicht unbedingt auf Barren und Münzen zurückgreifen, sondern kann auch auf spezielle Wertpapiere ausweichen – beispielsweise auf Minenaktien. Damit besitzt man zumindest einen kleinen Anteil an den Minen der Rohstoffkonzerne. Und mit dem Kauf eines entsprechenden Branchenfonds kann man sein Geld gleich über ein ganzes Portfolio an Minengesellschaften streuen.

Gold-Zertifikate riskant
Eine weitere Möglichkeit zu investieren, ist auch der Kauf von Zertifikaten, die den Goldpreis abbilden. „Solche Wertpapiere sind aber keine Alternative für jene, die das gelbe Metall als sicheren Hafen aufsuchen“, warnt Marcus Fasching, Ögussa-Geschäftsführer. Zertifikate seien bloße Schuldverschreibungen: Muss der jeweilige Emittent zusperren, könnte das Geld weg sein, weist Fasching auf die Gefahr eines solchen Investments hin. Deshalb waren für viele Anleger Zertifikate offenbar auch nicht die Antwort auf die Krise. Sie wollten lieber das physische Gold in Händen halten.

Das Ausmaß der aktuellen Hamsterkäufe von physischem Gold hat aber selbst den erfahrenen Fachmann erstaunt. Schon seit Wochen werden bei der Ögussa deshalb Sonderschichten eingelegt. „Zurzeit verkaufen wir mehr als 50 Kilo pro Tag. Das ist das Zehn- bis 15-Fache von einem normalen Tag – und es nimmt kein Ende“, berichtet Fasching sichtlich gestresst. Beim Schoeller Münzhandel verzeichnete man eine Verdoppelung des Umsatzes, und auch die Nationalbanktochter Münze Österreich verweist auf starke Zuwächse. „Im September verkauften wir 100.000 Unzen von den ‚Wiener Philharmoniker‘-Goldmünzen. So einen Umsatz machen wir normalerweise in rund einem halben Jahr“, ergänzt Kerry Tattersall, Marketingdirektor bei der Münze Österreich.

Nachfrage steigt seit Jahren
Doch Gold ist nicht erst seit Ausbruch der aktuellen Krise ein begehrtes Metall. Tatsächlich nimmt die physische Nachfrage schon seit Jahren zu und erreichte im Vorjahr laut dem Edelmetall-Consultant Gold Field Mineral Services (GFMS) 3518 Tonnen. Gegenüber 2006 ist das eine Zunahme von drei Prozent. Zwei Drittel davon – insgesamt 2400 Tonnen – landen jährlich in der Schmuckbranche. Diese spielt vor allem in den Schwellenländern eine besonders große Rolle, wo glänzende Juwelen ein wichtiges Statussymbol sind. In den vergangenen Jahren ist der Wohlstand in diesen Regionen noch dazu kräftig angestiegen. Das hat die Nachfrage nach Schmuck weiter angeheizt, besonders in Indien, dicht gefolgt von China. Weitere 461 Tonnen landen in der Industrie und in der Zahntechnik. Etwas größer ist die Nachfrage hingegen von Investoren, die im Vorjahr 656 Tonnen einkauften – rund 27 Prozent der Gesamtnachfrage.

China überholt Südafrika
Allerdings: Während das edle Metall immer begehrter wird, schrumpft zugleich die Förderung. Und das könnte langfristig den Preis weiter antreiben. Allein im Vorjahr sank die Minenproduktion gegenüber 2006 um 0,4 Prozent auf 2435 Tonnen. Vor acht Jahren wurden – zum Vergleich – noch 2573 Tonnen gefördert, ein historischer Spitzenwert, wie GFMS errechnet hat. Seither kämpft vor allem der einst größte Produzent Südafrika mit schweren Rückgängen. Vor rund zehn Jahren produzierte das Land jährlich 600 Tonnen. Im Vorjahr wurden nur noch 270 Tonnen gefördert, wodurch Südafrika auf Platz zwei unter den Förderländern abgerutscht ist – hinter China. Während speziell die südafrikanische Minenindustrie mit einer Reihe von Streiks und einer veralteten Infrastruktur zu kämpfen hat, machen der gesamten Branche zudem die hohen Energiekosten zu schaffen, welche die Produktion enorm verteuern. Dazu kommt, dass jahrelang nur jene Lagerstätten ausgebeutet wurden, die am günstigsten zu bearbeiten waren. Vor allem in den achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es wenig Anreiz zu investieren. Damals sank der Goldpreis auf einen Tiefstand von 300 Dollar – weitere Preisrückgänge wurden befürchtet. Deshalb fingen viele Minengesellschaften an, ihre Förderungen auf Jahre hinaus mit Termingeschäften abzusichern, anstatt sich dem freien Markt auszusetzen. Die Sorgen der Rohstoffkonzerne waren freilich berechtigt. Schuld daran waren die europäischen Zentralbanken.

Ausverkauf Ende der 70er Jahre
Denn die Notenbanker hatten beschlossen, nach dem Platzen der Rohstoffblase Ende der siebziger Jahre, größere Goldbestände zu verkaufen. Die Ölkrisen waren endgültig ausgestanden, Gold wurde als Krisenanlage nicht mehr gebraucht. Und die Zinsen wurden Anfang der achtziger Jahre zudem kräftig nach oben geschraubt. Da Gold keine Verzinsung abwirft, beschlossen die Notenbanker, einen Teil ihrer Reserven stattdessen in hoch verzinste Staatsanleihen zu investieren. Damals lag die Durchschnittsrendite immerhin bei rund neun Prozent. Allerdings setzte der Abverkauf der Goldbestände den Preis des edlen Metalls gehörig unter Druck. Damit minderten die Notenbanken zugleich den Wert ihrer restlichen Bestände. Ein Teufelskreis war in Gang gesetzt, dem man ein Ende bereiten wollte. Die europäischen Zentralbanken einigten sich deshalb 1999 auf einen historischen Kompromiss, erinnert sich Marcus Fasching von der Ögussa. Bei einem herbstlichen Treffen in Washington beschlossen die Notenbanker Europas, ihre Goldverkäufe bis 2004 zu koordinieren und auf jährlich 400 Tonnen zu begrenzen. Das Abkommen wurde sogar um weitere fünf Jahre verlängert, die Verkaufsgrenze auf jährlich 500 Tonnen leicht angehoben. Mit dem Abkommen unterstrichen sie ihre Absicht, den Markt nicht mehr zu überschwemmen.

Weichen für Aufwärtstrend wurden 2000 gestellt
Für die Minengesellschaften war die Vereinbarung ein klares Signal, ihre Absicherungsgeschäfte zu beenden und ihr gefördertes Gold den freien Marktkräften auszusetzen. Schließlich verließen sie sich jetzt darauf, dass der Preis nicht mehr nach unten gedrückt würde. Den ersten Schritt wagte die kanadische Placer Dome – ehemals der weltweit zweitgrößte Produzent und nunmehr Teil von Barrick Gold. Im Jahr 2000 verkündete die Gesellschaft, keine Termingeschäfte mehr abzuschließen. Und das ließ den Goldpreis um zehn Prozent nach oben schnellen, die Weichen für einen langfristigen Aufwärtstrend waren endgültig gestellt.

Dabei könnte jetzt noch ein weiterer Faktor den Aufschwung unterstützen: Der restliche Teil der Nachfrage wird aus Altgold und aktuellen Lagerbeständen – etwa aus den Edelmetallraffinerien – bedient. Dabei handelt es sich um rund 603 Tonnen. „Noch gibt es genug Vorrat in den Lagern. Doch auch diese Quelle könnte bald versiegen“, wagt Goldexperte Thorsten Proettel, Analyst der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), einen Blick in die Zukunft.

Wichtige Funktion als Wertsicherung
Im Gegensatz zu Papiergeld kann das edle Metall nicht beliebig vervielfältigt werden. Allerdings hat diese Eigenschaft wiederum etwas Positives an sich: Gerade in Zeiten hoher Inflation hat eine Anlage in Gold eine wichtige Funktion als Wertsicherung. Derzeit geht freilich eher das Deflationsgespenst um. Aufgrund der Krise dürfte die Teuerungsrate von aktuell rund vier Prozent deshalb wieder zurückgehen. Doch schon im kommenden Jahr könnte sich das Blatt wenden.

Schuld daran könnte zum einen der Ölpreis sein. Obwohl dieser stark zurückgegangen ist, rechnen die Experten der RZB wieder mit einem Anstieg im kommenden Jahr. Zum anderen machen sich Sorgen über das Ausmaß der jüngsten Rettungspakete breit, die von den Regierungen weltweit abgesegnet wurden. Allein in den USA wurde ein Megapaket von umgerechnet 560 Milliarden Euro bewilligt. Innerhalb der EU werden immerhin rund zwei Billionen Euro veranschlagt. „Das könnte langfristig die Inflation vorantreiben und damit eine weitere Stütze für Gold sein“, meint Eduard Büchler, Edelmetallhändler der Erste Bank. Deshalb meinen die Branchenexperten, dass der Aufwärtstrend durch den jüngsten Rückgang des Goldpreises keineswegs gebrochen ist.

Goldminenaktien könnten profitieren
„Viele Hedgefonds haben nämlich zahlreiche Positionen inklusive ihrer Goldbestände eiligst aufgelöst, um möglichst an Bargeld zu gelangen“, kommentiert Büchler das Geschehen. Doch wenn sich die Lage beruhige, könnte der Preis für das edle Metall erneut steigen, ist Alfred Grusch, Fondsmanager des Pioneer Investments Austria Gold Stock, überzeugt. „Davon dürften Goldminenaktien überdurchschnittlich profitieren. Ab einem Goldpreis von rund 600 Dollar decken viele Minengesellschaften ihre Kosten ab“, erklärt der Investmentprofi. Darüber hinaus winken den Gesellschaften dann schöne Gewinne.

Viele Konzerne, die ihren Sitz außerhalb der USA haben, konnten zudem von dem steigenden Dollar profitieren. Denn Gold wird, wie alle Rohstoffe, in der US-Währung gehandelt. Vorsicht ist allerdings bei Einzelinvestments in Minenaktien geboten: Hier können zahlreiche Risiken lauern, die nur durch eine breite Streuung in einem guten Fonds abgefedert werden können. Beispielsweise gaukelte Mitte der neunziger Jahre die kanadische Bre-X signifikante Goldfunde vor, deren Aktien schossen daraufhin um fast 300 Dollar hinauf. Doch die angeblichen Funde hatte es freilich nie gegeben, wie sich später herausstellte. Umso schmerzhafter war der Absturz, der danach folgte. Anleger, die nur in diese einzige Mine investiert hatten, verloren ihr ganzes Geld.

Von Raja Korinek

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