Der neue Glanz des alten Eisens: Über 45-Jährige werden zukünftig gebraucht

Eines ist sicher: Die Arbeitswelt liegt zukünftig in den Händen der über 45-Jährigen. Obwohl schon lange bekannt, scheint die demografische Entwicklung für viele Unternehmen eine Überraschung zu sein.

Von Judith Hecht

Demnächst ist es auch in Österreich so weit. 2015 wird es laut der aktuellen Allianz-Demographic-Pulse-Studie erstmals weniger Berufseinsteiger als Ruheständler geben. EU-weit lässt sich dieses demografische Phänomen schon heute nachweisen: 28,6 Millionen Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 20 Jahren stehen 28,8 Millionen EU-Bürger zwischen 60 und 65 gegenüber. „Erschwerend kommt hinzu, dass es bei den Erwerbsquoten der älteren Arbeitnehmer düster aussieht “, sagt Wolfram Littich, Vorstandsvorsitzender der Österreich-Tochter des Versicherungsriesen Allianz. „Während im EU-Durchschnitt gut ein Drittel aller Personen im Alter zwischen 60 und 64 Jahren erwerbstätig ist, ­arbeitet in Österreich nur ein Fünftel in dieser Altersklasse.“

Im Klartext heißt das: Wenn es nicht gelingt, ältere Arbeitnehmer länger im Erwerbsprozess zu halten, dann gehen uns die Arbeitskräfte aus. Das sei daher, so Littich, die arbeitsmarktpolitische Herausforderung der nächsten Jahre. Das Durchschnittsalter der Mitarbeiter wird deutlich steigen, und das erfordert bei den Unternehmen ein Umdenken. Die verbreitete Einstellung, jenseits der 50 zähle man zum alten Eisen, wird sich jedenfalls nicht halten lassen.

Wachgerüttelt wider Willen. Die ersten wichtigen Weichen wurden bereits mit der Pensionsreform 2003 gestellt. Die Erhöhung des Pensionsantrittsalters hat bei Unternehmen für Problembewusstsein gesorgt, bestätigt Sabine Minarsky-Bständig, Personalchefin der Ers­te Bank: „2003 haben wir uns erstmals intensiv damit auseinandergesetzt, dass wir ein Unternehmen sind, dessen Belegschaft immer älter wird, und deshalb das Projekt Lifetime gestartet. Unser Durchschnittsalter beträgt 41 Jahre, weil wir eine sehr geringe Fluktuation haben. Viele Mitarbeiter haben nach der Schule bei uns zu arbeiten begonnen und gehen auch hier in Pension.“

Doch nicht nur Finanzdienstleister, auch viele Industriebetriebe haben Sorge mit der betrieblichen Altersstruktur. „Unser Betrieb fällt – wie viele Schichtbetriebe – unter das Nachtschwerarbeitsgesetz“, sagt Bruno Aschauer, Zentralbetriebsrat des Papierherstellers UPM-Kymmene. „Das heißt, Arbeiter, die 20 Jahre lang über 50 Nachtschichten im Jahr gemacht haben, können mit 57 Jahren in Sonderruhe gehen.“ Wer jahrelang als dritter Gehilfe „im Keller“ der Papiermaschine bei 60 bis 80 Grad Celsius und starkem Lärm geschuftet hat, kann körperlich irgendwann nicht mehr. Die Nachbesetzung brachte den Papierhersteller allerdings immer wieder in Schwierigkeiten: Es fehlte an qualifizierten Fachkräften. Deshalb sah sich das Management gezwungen zu handeln. Heute gibt es ein durchdachtes Gesundheitsförderungsprogramm, das von der Belegschaft gut angenommen wird. Zeitgleich wird großes Augenmerk auf Weiterbildung gerade auch bei den 40- bis 45-jährigen Kollegen gelegt: „Wer qualifiziert ist, kann im Alter auch weniger belas­tende Jobs verrichten, darum ist die Fortbildung das Um und Auf, wollen wir unsere Leute länger im Unternehmen halten.“

„Es ist schon interessant, wie langsam das Reaktionsvermögen der Wirtschaft ist“, sagt Wolfgang Tritremmel, Bereichsleiter Arbeit und Soziales bei der Industriellenvereinigung (IV), „die demografische Entwicklung ist ja keine Überraschung.“ Die IV habe schon 1990 darauf aufmerksam gemacht, dass Österreichs Arbeitnehmer immer älter würden, doch kaum jemand wollte das hören. „Wie kann ich mit einer immer älter werdenden Mannschaft die Produktivität meines Betriebs aufrechterhalten und wettbewerbsfähig bleiben? ­Diese Frage sollte jeden Arbeitgeber beschäftigen“, sagt Johannes Kopf, Vorstandsmitglied des AMS Österreich. „Nur jene Unternehmen, die rasch beginnen, die Hebel an den richtigen Stellen anzusetzen, werden erfolgreich bleiben.“ Kopf weiß, wovon er spricht: Der durchschnittliche AMS-Angestellte zählt immerhin schon 43 Lenze.

Am wichtigsten sei es, mit den zahlreichen Vorurteilen aufzuräumen, die älteren Arbeitnehmern gegenüber bestünden, sagt Minarsky-Bständig: „Das Bild, jung ist gleichbedeutend mit dynamisch und erfolgreich, stimmt so einfach nicht. Wir können belegen, dass unsere Berater mit 45 plus die mit Abstand erfolgreichsten sind.“

Sie seien unmotiviert, nicht mehr wirklich bei der Sache, ist ein weiterer Vorwurf, den ältere Semester oft zu hören bekommen. Rudolf Karazman, Psychiater und Gründer der Unternehmensberatung IBG (Innovatives Betriebliches Gesundheitsmanagement), ärgert sich über solche Verallgemeinerungen: „Arbeit ist sinnstiftend und bereichernd für Jung und Alt. Allerdings müssen Unternehmen lernen, auf ihre älteren Arbeitnehmer einzugehen. Es wird Zeit, endlich den Altersrassismus aus den Karriereplänen hinauszunehmen.“

Flexibel auch im Alter. Was man für mehr Spaß und Wohlbefinden bei der Arbeit tun könne, das wollte das oberösterreichische Touristik- und Autobusunternehmen Sabtours von seinen Mitarbeitern wissen. Rund 40 Prozent der Busfahrer sind bereits über 50 Jahre alt, lediglich elf Prozent unter 30. „Eine Schlüsselrolle bei der Aufteilung der Arbeit und dem Betriebsklima kommt uns Führungskräften zu“, sagt Geschäftsführer Wolfgang Stöttinger. „Wir haben mit jedem unserer 140 Fahrer Gespräche geführt, was zu mehr Verständnis und neuen Erkenntnissen geführt hat.“

So war den Sabtour-Chefs vor den Mitarbeitergesprächen nicht klar, dass sich auch – oder gerade – die Älteren mehr Abwechslung wünschten. „Reisebusfahrer, die Europas Straßen wie ihre Westentasche kennen, sagten, sie würden auch gerne wieder einige Tage Linienbus fahren. Genauso gab es den umgekehrten Fall.“ Heute versuche man auf die Wünsche einzugehen, was für die Organisation einen deutlichen Mehraufwand, für die Fahrer jedoch wesentlich mehr Freude im Berufsalltag bedeute. „Wir wollten unseren Buslenkern nicht zumuten, sich ständig auf neue Situationen einstellen zu müssen, aber gerade das wollen sie, um flexibel zu bleiben.“

Womit all jene Lügen gestraft werden, die behaupten, Ältere hätten einen Hang zu rigiden Arbeitsabläufen und nur wenig Bereitschaft, sich weiterzubilden. „Die Bereitschaft ist schon da, allerdings muss das Personalmanagement auch dahinter sein, dassChancen zur Weiterbildung wahrgenommen werden“, betont Minarsky-Bständig. Mittlerweile absolviert in der Erste Bank jeder Mitarbeiter über 50 zwei Ausbildungstage im Jahr. Vor Projektbeginn lag der Durchschnitt bei null: „Und der Grundtenor lautet, wir dürfen uns weiterbilden, nicht mehr wie früher, wir müssen.“ Natürlich, so die Personalleiterin, sei darauf zu achten, dem jeweiligen Alter entsprechende Schulungen anzubieten. Frust brächte es, ältere Arbeitskräfte mit 20-Jährigen in einen EDV-Kurs zu stecken.

All diese Überlegungen konnte Johannes Gutmann, als er – um der Arbeitslosigkeit zu entkommen – im Waldviertel mit Kräutern zu handeln begann und die Marke Sonnentor erfand, gar nicht anstellen: „Ich habe Mitarbeiter gesucht, und gemeldet haben sich vor allem ältere Leute aus der Umgebung, weil im Nachbarort gerade ein Betrieb in Konkurs gegangen war.“ Als ein 50-jähriger ehemaliger Betriebsleiter einer Brennerei bei ihm mit der Bemerkung „Es braucht mich keiner mehr“ vor der Tür stand, schlug er sofort ein.

„Ich hätte nichts Besseres tun können, als ältere Mitarbeiter aufzunehmen. Jeder Einzelne von ihnen wollte selbstständig arbeiten und Verantwortung übernehmen“, so Gutmann, dessen Betrieb mittlerweile 130 Leute beschäftigt. Gleich 13 von ihnen sind über 55 und 31 über 45 Jahre alt.

„Ich habe vielleicht nicht von Anfang an gewusst, wie gut sich der Kräuterhandel entwickeln würde, hatte aber immer einen Grundsatz, nämlich Wertschätzung.“ Und diese Haltung macht sich für Sonnentor bezahlt. Das Unternehmen hat den Ruf, ein hervorragender Arbeitgeber zu sein. Mittlerweile pendeln Mitarbeiter schon 40 Minuten hin und zurück, um dort arbeiten zu können.

Pensionisten hochaktiv. Maria Kaun von der Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit der Wirtschaftskammer wundert das Engagement nicht: „Wenn ältere Menschen das Gefühl haben, ihre Arbeit bewegt etwas, sträuben sich die wenigsten dagegen, einige Jahre länger zu arbeiten. Man sieht doch immer wieder, was Pensionisten während des Ruhestands alles in der Lage sind zu leisten. Die Zweite Sparkasse ist ein hervorragendes Beispiel dafür.“ Die Sparkasse, die von der Erste Stiftung gegründet wurde, bietet in Not geratenen Menschen quasi kostenlos Bankdienstleistungen an. Und das geht nur, weil alle 400 Beschäftigten der Zweite Sparkasse ehrenamtlich arbeiten. Mehr als ein Viertel von ihnen sind Pensionisten.

Gut möglich, dass die eine oder der andere von ihnen während der aktiven Zeit bereits von den Kollegen zum alten Eisen gezählt wurde. „Wie fatal“, sagt Karazman, „gehen Sie in eine der Filialen, und Sie treffen auf brennende, hoch motivierte Menschen, die hervorragende Arbeit leisten.“ Und warum? „Ganz einfach“, so der Experte, „weil Arbeit unter guten Bedingungen dem Leben sehr viel Sinn gibt.“

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