Der Gegen-Wolf: Günther Apfalter kämpft mit Magna-Problemen

Während bei Magna Steyr in Graz der Motor anspringt, muss sich Günther Apfalter als Magna-Europa-Chef mit Fabriksschließungen und hohen Verlusten herumschlagen. Der Oberösterreicher legt seine Rolle völlig anders als sein Vorgänger an – und muss sich damit abfinden, dass der Magna-Konzern jetzt wieder weniger österreichisch geworden ist.

Im Sommer fand Günther Apfalter noch einmal etwas Muße für seine echten Passionen: eine 12-Stunden-Bergtour auf den 4048 Meter hohen Piz Bernina in der Schweiz, Rindfleischgrillen für Familie und Freunde am Linzer Wohnsitz – und natürlich die zwei Enkelkinder, Zwillinge.

Doch der Herbst wird dem soeben 51 Jahre alt gewordenen Vielarbeiter nur mehr wenig Zeit für die angenehmen Dinge des Lebens lassen. Seit einem Jahr ist der Nachfolger von Siegfried Wolf als Magna-Europa-Chef nicht nur für Magna Steyr in Graz verantwortlich, sondern auch für 98 Produktionsstätten in 15 Ländern. Und in diesem weit verzweigten Reich, in dem Autoteppiche, Getriebe, Außenspiegel, ja ganze Autos hergestellt werden, gibt es derzeit einige große Baustellen: Fast 200 Millionen Dollar Verlust verursachen 2011 allein vier Problemfabriken, anders als die anderen Magna-Regionen ist Europa im zweiten Quartal auch insgesamt ins Minus gerutscht. Der Chef des kanadischen Autozulieferers, Frank Stronachs Ex-Schwiegersohn Don Walker, hat nach Wolfs Abgang Europa eindeutig als Sorgenkind des Konzerns identifiziert. Die Verluste zu reduzieren sei „unsere Nummer-eins-Priorität“, versicherte er Investorenvertretern Anfang August in einer Telefonkonferenz mehrmals.

Unter den Leuten, die laut Walker „das Problem fixieren sollen“, steht an vorderster Front Apfalter. Er ist fast täglich mit dem CEO in Kontakt, zuletzt besprachen sie auf der Frankfurter Automobilmesse (IAA) die Lage. Apfalter: „Jetzt geht es darum, die Situation der betroffenen Werke zu verbessern – und das kann einige Monate dauern“ (siehe Interview ).

Troubleshooter

Besondere Herausforderungen liebt der sportbegeisterte Manager mit der notorisch aufmüpfigen Frisur. Schon als tüchtiger Traktorenverkäufer der Landtechnik-Sparte im alten Steyr-Daimler-Puch-Konzern beeindruckte er den damaligen Steyr-Generaldirektor Rudolf Streicher mit Spezialmissionen nach Afghanistan, Kasachstan und Sibirien: „Er ist etwa mit der Transsibirischen Eisenbahn in ein russisches Nest gefahren, um dort einen Kommunaltraktor zu verkaufen“, sagt Streicher heute mit unveränderter Bewunderung.

Als Troubleshooter hat sich Apfalter im Magna-Bereich bereits bewährt, indem er den Antriebsstrang-Spezialisten Magna Powertrain mit Sitz in Lannach ab 2002 wieder auf Vordermann brachte. Dabei ließ er sich nie auf einen Kurs „Friss oder stirb“ ein: Als er 2005 zwölf Staplerfahrer zur Firma Saubermacher auslagern wollte, wehrte sich der Betriebsrat mit Zähnen und Klauen. Das Ergebnis war ein gutes Sozialpaket, „und er hat zu tausend Prozent das gehalten, was er versprochen hat“, wie Powertrain-Betriebsratschef Walter Planinschitsch erzählt. „Mir hat es richtig wehgetan, als er weg ist.“ Dieser hemdsärmelige Stil soll insbesondere auch Frank Stronach gefallen, der sich für Apfalter als Wolf-Nachfolger ausgesprochen hat.

Anders als die Kommunikation mit den Arbeitern und mit der Fachwelt geht dem Oberösterreicher der Umgang mit der Öffentlichkeit jedoch auch in seiner neuen Funktion nicht leicht von der Hand. Der fast spürbare Unwille, über fachbezogene Themen hinaus Stellung zu nehmen, hat auch ein gutes Stück mit seiner Biografie zu tun.

Apfalter ist der Sohn des legendären Voest-Generaldirektors Heribert Apfalter. „In seiner Art, Dinge direkt anzusprechen, bis hin zu seiner Gestik und Rhetorik ist er fast ein Abziehbild seines Vaters“, meint der heutige Voestalpine-Chef Wolfgang Eder, der unter dem „alten“ Apfalter als Jurist bei den Linzer Stahlkochern 1978 zu arbeiten begann. Tief eingeprägt ins Gedächtnis des Apfalter-Umfelds haben sich die Jahre des Voest-Debakels Mitte der achtziger Jahre mit Milliardenverlusten und Intertrading-Skandal. Der vitale General, machtlos gegen die Wünsche der Politik, musste wie der gesamte Voest-Vorstand 1985 zurücktreten. Weil der Mühlviertler auch ein Wissensträger im Kanonendeal der Voest-Tochterfirma Noricum gewesen war, blieb sein plötzlicher Herztod 1987 stets von Gerüchten umrankt.

Machtverschiebung

Apfalter junior, sagen ihm Nahestehende, sind seitdem politische Nähe und der Medienbetrieb grundsätzlich suspekt. Der Angesprochene formuliert knapp: „Ich habe aus diesen Erfahrungen viel gelernt.“ Freundschaften mit Politikern meidet er, lieber geht er mit Freunden wie KPMG-Linz-Partner Ernst Haidenthaler in die Berge. Von seinem Boku-Studienkollegen, Umweltminister Niki Berlakovich, hat er sich immerhin in das „Öko-Team der besten Köpfe“ nominieren lassen.

Seine neue Rolle legt er eher als „gediegener, unspektakulärer Arbeiter“ an, wie Herbert Paierl formuliert, Ex-Wirtschaftslandesrat der Steiermark und Manager im Magna-Reich. Geradezu als „Gegenmodell“ zu Siegfried Wolf, der ein „Meister der Seitenblicke und des Politisierens“ sei, sieht ihn Stefan Pierer. Der KTM-Chef pflegt seit Jahren zu Apfalter guten Kontakt: „Günther ist einer, der anpackt, der extrem fleißig ist und mit beiden Beinen am Boden steht. Es würde dem Magna-Konzern guttun, wenn es mehrere Apfalters dort gäbe.“ Zu den Fans des Apfalter-Stils zählt sich auch Voestalpine-Boss Eder: „Er versucht erkennbar und anders als sein Vorgänger, Magna Europa in ein ruhigeres Fahrwasser zu bringen – aus den politischen Scheinwerfern heraus.“

Konzernintern hat der neue Magna-Chef mit diesem Kurs schon einige Unterstützer gefunden, etwa Peter Reif, seit Kurzem im Heavy Truck Business von Magna tätig, mit dem er auch dann und wann einen Berg bezwingt. Es gibt aber ebenso viele, die den großen Schlagzeilen rund um den letztendlich gescheiterten Opel-Kauf im Jahr 2009 und dem öffentlichkeitsbewussten Sigi Wolf nachtrauern. Kritisiert wird eine gewisse Konfliktscheue Apfalters: „Wolf hat sich sein Revier selbst abgesteckt, Apfalter nimmt sich das Revier, das ihm die anderen lassen“, ist von dieser Seite zu hören – gewünscht wäre vor allem ein selbstbewussteres Auftreten gegenüber der nordamerikanischen Konzernzentrale.

Wolfs engste Getreue sind ohnehin schon mit ihm nach Russland gegangen, wo sie im gigantischen Subkonzern Russian Machines des Oligarchen Oleg Deripaska eine neue Pionierstimmung schaffen wollen: Peter Koob, der ebenfalls als Wolf-Nachfolger im Gespräch war, ist nun ebenso in Moskau wie Manfred Eibeck, der bei Magna Europa für den russischen Markt zuständig war und überraschend im Juni Wolfs Ruf zu Russian Machines folgte. Ihn soll genervt haben, dass die geplante Doppelspitze mit Apfalter nicht richtig funktionierte, so wird berichtet – über die Gründe seines Weggangs will sich Eibeck aber „aus Loyalitätsgründen“ nicht äußern.

Im Kern geht es jetzt aber schlicht um eine neue Relation zwischen der kanadischen Konzernzentrale und dem Europa-Headquarter im niederösterreichischen Oberwaltersdorf. Seit 2005 waren Walker und Wolf rivalisierende Co-CEOs; Wolf glänzte mit dem anschwellenden Erfolg von Magna Steyr, mit fetten Aufträgen von BMW und fast 250.000 produzierten Autos in Graz 2006. Das passte Walker nicht in den Kram.

Spätestens 2009 hat sich dieses Verhältnis umgekehrt. „Don Walker hat in der Krise in Nordamerika einen exzellenten Job gemacht“, meint Klaus Rinnerberger, Ex-Magna-Steyr-Manager und heute Chef des deutschen Rivalen Peguform. Durch die langwierigen Verhandlungen um die Übernahme des deutschen Autobauers Opel, die Wolf zwischen Mai und November 2009 führte, sei in Europa hingegen „viel Managementkraft gebunden worden“. Spätestens ab Mai 2010 wurde dann weltweit darüber spekuliert, dass Wolf Magna verlasse – bis seine Nachfolger installiert wurden, dauerte es nach Ansicht von Insidern viel zu lange. In diesem Machtvakuum sei die Hauptursache für die derzeitige Misere zu suchen.

Apfalter sieht das naturgemäß nicht so, die aktuellen Baustellen in Europa bezeichnet er zwar als „ernst“, aber im Rahmen des Bewältigbaren. Überhaupt habe es „nie einen Konflikt zwischen Europa und Nordamerika gegeben“.

USA – Europa

Aus seinen Worten ist immerhin erkennbar, dass die Fronten seit Frank Stronachs Ausstieg bei Magna nun geklärt sind. Es gibt nur noch einen Kapitän – und seinen ihm untergeordneten Steuermann in Europa. Magna ist wieder eine nordamerikanische Company mit europäischen Niederlassungen. Walker verweist in Gesprächen mit der Fachwelt auch auf die schlechten Preisverträge, die die Europäer in der Krise ausverhandelt hätten. Und weil der Markt schneller zurückkam als angenommen, kämpfen einige Werke nun zusätzlich mit Qualitätsproblemen – wegen Überauslastung. Das leuchtende Gegenbeispiel: die von Don Walker in Nordamerika gezeigte Krisenbewältigung.

Apfalter muss nun die Versäumnisse aus dieser Zeit quasi wettmachen. Das ist sicher „kein Komfortjob“, raunt sein Förderer Streicher, und auch Rinnerberger sagt: „Ich beneide ihn nicht.“ Apfalter hat die Organisation in Europa neu aufzustellen. „Er muss klare Verhältnisse schaffen – aber die Nordamerikaner müssen ihn auch lassen“, so Rinnerberger.

Vom Typ her sei er aber „absolut der richtige Mann, um die Probleme zu lösen“, meint der Ex-Kollege, der ihm mittlerweile selbst zu schaffen macht: Peguform, davor im Besitz von Pierers Cross-Gruppe, stand vor drei Monaten zum Verkauf. Magna hatte sich ebenfalls für den Zulieferer mit Sitz im deutschen Bötzingen interessiert, gegenüber dem indischen Mitbewerber Motherson Sumi aber am Ende das Nachsehen. Die Inder sind nun auf einen Schlag in allen wichtigen Märkten weltweit gut aufgestellt. Rinnerberger schwärmt: „Ich bin ja nicht so maßlos zu sagen, wir sind das nächste Magna – denn die sind fünfmal größer als wir. Aber wir können ein großer Player der Zukunft werden.“ Nachsatz: „Ich freue mich auf das Aufeinandertreffen mit Magna.“

Weil auf der anderen Seite in Graz bei Magna Steyr der Motor wieder angesprungen ist, werden Apfalters Tage fortan ein paar Extrastunden brauchen. Denn sein Ziel für das technologische Herzstück von Magna ist nicht nur die Rückkehr zur Vollauslastung, sondern bei entsprechender Nachfrage der Kunden auch die Errichtung eines Graz-Zwillings in China, Mexiko oder Russland. In nächster Zeit wird es also weniger Bergtouren, Grillpartys und Familie spielen.

Von Bernhard Ecker

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