Der Falke ist gelandet: Abu Dhabi will Wien
zu seiner Zentrale für die EU ausbauen

Das milliardenschwere Emirat will Wien mit seiner Falcon-Gruppe zum Zentrum der Investmentaktivitäten innerhalb der EU ausbauen. Der Startschuss könnte noch im zweiten Quartal fallen.

Von Stephan Klasmann

Mitte Oktober 2009 flatterte der FMA ein unscheinbares Kuvert ins Haus. Dessen Inhalt erwies sich allerdings als durchaus bemerkenswert: Es handelte sich um das Konzessionsansuchen für eine Wertpapierfirma. Der Absender war eine gewisse Falcon Europe AG, eine 100-Prozent- Tochter der Falcon Private Bank, die in Europa bislang kaum bekannt ist.

Fünf Flugstunden weiter östlich ist das anders. Im arabischen Raum ist Falcon eine große Nummer. Dahinter verbirgt sich niemand Geringerer als die beiden milliardenschweren Staatsfonds International Petroleum Investment Company (IPIC) und Aabar des Emirats Abu Dhabi (siehe Kasten Seite 32), als deren Aufsichtsratschef Prinz Mansour bin Zayed al Nehayan fungiert. Die Araber planen Wien zum Zentrum ihrer Investmentaktivitäten in der Europäischen Union auszubauen, die sich in der Falcon- Gruppe konzentrieren.

Die Falcon Europe AG mit Sitz in der Wiener Hohenstaufengasse 10 möchte den Schwerpunkt der Geschäftstätigkeit vor allem auf das institutionelle Business legen, in dem für Großkunden maßgeschneiderte Produkte entwickelt werden sollen. Marius Dorfmeister, Vorstandsvorsitzender der neuen Gesellschaft: „Wir wollen hier Themen besetzen, bei denen wir aufgrund unserer Eigentümerstruktur eine besondere Glaubwürdigkeit haben. Das betrifft also vor allem Kunden mit Aktivitäten im Mittleren Osten und Nordafrika, der so genannten MENA-Region.“ Dabei will man vor allem mit Kundenorientierung und bestem Service punkten.

Gleichzeitig soll die Falcon-Privat-Bank-Gruppe, die von Eduardo Leemann als CEO geführt wird, ihre Stellung als Nummer eins im Private Banking für den arabischen Raum weiter ausbauen. Dort wendet man sich an wohlhabende Klienten, die entsprechende Dienstleistungen benötigen und vielfach auch einen besonderen Bezug zur Region haben. Ein weiterer Geschäftsbereich der Falcon-Gruppe ist das Retail Banking, mit dem auch weniger begüterte Kunden erreicht werden sollen. In diesem Marktsegment kooperieren die Banker aus Abu Dhabi über ein Joint Venture mit der Schweizer Bank Sarasin und bieten unter anderem auch eigene Investmentfonds an.

Dass die aktuellen Finanzprobleme Dubais auch das Vertrauen in Abu Dhabi beeinträchtigen könnten, glaubt der Manager nicht: „Die Situation ist da und dort ganz unterschiedlich. Unsere Klientel kann das unterscheiden.“ Auf Image und Know-how gestützt, will man daher rasch wachsen. Definierte Ziele, wie viele Milliarden Euro Falcon wann verwalten will, werden jedoch nobel verschwiegen. „Wir haben einen guten Namen und vertrauenswürdige Eigentümer“, übt sich Dorfmeister in Understatement, „ich gehe daher davon aus, Interessenten für unser Angebot zu finden.“

Österreichisch-arabische Freundschaft
Die Entscheidung, ausgerechnet Wien zum Zentrum der europäischen Investmentaktivitäten des Emirats zu erwählen, kommt nicht von ungefähr. Abu Dhabi hat zu Österreich schon längere Zeit eine besondere Beziehung. Seit zwei Jahrzehnten ist der Staatsfonds IPIC an der OMV beteiligt. Erst am 7. Jänner wurde der Anteil auf 20 Prozent aufgestockt. Am Chemiekonzern Borealis halten die Araber zwei Drittel, und auch mit der Berndorf AG des Industriellen Norbert Zimmermann gibt es ein Joint Venture.

Ein weiterer Bezugspunkt ist privater Natur. Khadem Abdullah al Qubaisi, Vorstandschef und wirtschaftliches Mastermind hinter den Staatsfonds des Emirats, ist seit Langem ein großer Österreich- Fan und weilt hier regelmäßig auf Urlaub. Vor einigen Jahren fand diese Liebe zum Alpenland im Kauf einer Villa im Salzkammergut sogar ihren immobilen Niederschlag.

Nicht zuletzt hatte sich auch der Vorstandsvorsitzende der neuen Gesellschaft für den Standort Wien eingesetzt. Marius Dorfmeister, der viele Jahre bei Finanzschwergewichten wie Merrill Lynch und American International Group tätig war, ist gebürtiger Mattersburger und über den heimatnahen Standort naturgemäß nicht unglücklich. „Das Ausschlaggebende waren allerdings nicht meine privaten Wohnbedürfnisse“, schmunzelt der 39-Jährige, „sondern die zentrale Lage Wiens im Herzen Europas und das sehr gute Image Österreichs in der arabischen Welt. Diese Entscheidung ist daher auch als ein Kompliment für unser Land zu verstehen.“

Auch für Richard Schenz ist der Schritt nach Wien durchaus nachvollziehbar. Der Regierungsbeauftragte für den Kapitalmarkt war zu der Zeit OMV-Chef, als die IPIC beim Mineralölkonzern eingestiegen ist, und gilt als Spiritus Rector dieses Engagements: „Wien ist als Sitz der UNO und der OPEC im arabischen Raum bekannt und genießt sowohl wirtschaftlich als auch kulturell einen hervorragenden Ruf.“ Die Herren aus Abu Dhabi beschreibt der ehemalige OMV-General als angenehme, weil professionelle Eigentümer: „Sie mischen sich nicht ins Tagesgeschäft ein und haben keine politischen Interessen. Aber sie reden sehr intensiv bei der Strategie mit und wollen auch wichtige Personalentscheidungen mitbestimmen, weil in ihrer Kultur das persönliche Vertrauensverhältnis eine große Rolle spielt.“ Für Schenz ist die Ankunft der Falcon Bank in Wien auch in anderer Hinsicht bedeutend: „In Abu Dhabi gibt es keine Schnellschüsse.“ Die Dinge würden lange überlegt, aber wenn einmal eine Entscheidung gefallen sei, dann halte sie auch langfristig. Schenz: „Die haben hier sicher noch viel vor.“

Wiener Visionen
Dass die Vision, von der Donaumetropole aus Europa zu erobern, durchaus ernst gemeint ist, zeigt sich auch in den Doppelfunktionen des neuen Chefs: Marius Dorfmeister ist Aufsichtsrat bei der luxemburgischen Fondstochter Falcon Fund Management und auch einige wichtige Zürcher Falcon Departments berichten an den Österreicher.

Auf zukünftige Ambitionen angesprochen, gibt sich Dorfmeister dennoch zurückhaltend: „Natürlich ist das ein langfristiges Engagement, das wir expansiv vorantreiben wollen und das sich in viele Richtungen entwickeln kann.“ Wohin die Reise letztlich gehen könne, sei jetzt nicht seriös zu beantworten, „wir warten zunächst überhaupt einmal auf die Erteilung der Konzession“. Das Plazet der FMA erhofft man sich für das zweite Quartal. Von da an steht dem Steigflug des arabischen Falken nichts mehr im Wege.

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