Der leise Erbe des Patriarchen: Der neue
UniCredit-Chef Federico Ghizzoni im Porträt

Seit sechs Wochen ist Federico Ghizzoni, 55, Chef der italienischen Großbank UniCredit. Im Vergleich zu seinem Vorgänger Alessandro Profumo tritt er leise und nachdenklich auf. In seinem ersten Interview für ein österreichisches Medium spricht er über seine Pläne für den Konzern. Der soll dezentraler, kundennäher und – vor allem – profitabler werden.

Von Stephan Klasmann

Den Weg durch die Gänge der Bank-Austria-Zentrale am Wiener Schottentor braucht man Federico Ghizzoni nicht zu zeigen. Der neue Kapo der UniCredit hat hier im ersten Stock seit drei Jahren ein Büro. Seit 2007 war er als Vorstandsmitglied der BA für das gesamte Osteuropa-Geschäft der Italiener zuständig. Nun betritt er sein Zimmer erstmals als Konzernchef. Anfang Oktober, zwei Wochen vor seinem 55. Geburtstag, wurde er zum Nachfolger Alessandro Profumos ernannt, der die Bank 15 Jahre führte. Mit Ghizzoni beginnt für die italienische Großbank eine neue Ära, und die Fußstapfen, in die er tritt, sind beachtlich. Profumo, der aus dem Nukleus einiger lokaler Banken durch Geschick und spektakuläre Übernahmen wie jene der BA-Mutter HVB die – gemessen an Kunden und Filialen – größte Bank Europas schuf, war die Personifizierung der UniCredit. Als unumschränkte Führungsfigur vereinigte er die zwei wichtigsten Funktionen – jene des CEOs und jene des Generaldirektors (ein italienisches Spezifikum) – in Personalunion. Aber letztlich führte diese Machtfülle, die teilweise formell, aber wohl zu einem noch größeren Teil informell war, zu seiner Ablöse (siehe Kasten Seite 32).

Teamplayer statt Patriarch. Während der Führungsstil Profumos jenem eines Patriarchen glich, gilt Ghizzoni als Teamplayer. Die Funktion des mit weitreichenden operativen Befugnissen ausgestatteten Generaldirektors übernimmt er nicht selbst, sondern hat dafür Roberto Nicastro, den Retail-Chef der UniCredit, ausgewählt. In Sitzungen poltert er nicht, findet aber mit seinen präzisen Analysen Gehör. Dennoch drängt er auf schnelle Entscheidungen: „Ich höre gerne zu und wäge die diversen Argumente ab. Aber dann muss auch klar entschieden werden, was wir machen. Endlose Sitzungen ohne Ergebnis bringen nichts.“ Aus Sicht der Bank Austria hätte die Neubesetzung gar nicht besser laufen können. BA-Chef Willibald Cernko hat mit Ghizzoni in den vergangenen Jahren zusammengearbeitet, und die beiden haben einen guten persönlichen Draht. Als Verantwortlicher für das CEEGeschäft der UniCredit weiß der neue Konzernchef auch um die Bedeutung der von der BA aus gesteuerten Osteuropa-Aktivitäten, was die Stellung der Österreicher im Netzwerk des Konzerns eher stärkt als schwächt. Die Nummer zwei, Nicastro, wiederum war Cernkos direkter Vorgesetzter, ehe er von der HVB in den BA-Chefsessel wechselte, entsprechend kennt und schätzt man einander. Das Geschäft hat Ghizzoni von der Pieke auf gelernt. Mit 25 begann er in einer UniCredit-Filiale in Piacenza und arbeitete sich schnell zum Spezialisten für Auslandsmissionen hoch. Er leitete das Büro in Singapur, wechselte später nach Polen, wo er die Integration der Bank Pekao managte, zog weiter in die Türkei, wo er das Joint Venture mit der türkischen Familie Koc organisierte. Seit 20 Jahren tourt er für UniCredit durch die Welt. Entsprechend könnte die Interpretation seiner Bestellung als Signal für eine Re- Italianisierung der Bank falscher nicht sein. Seine beiden Söhne studieren in London und haben davor ausländische Schulen besucht. Seine Frau hat ihn auf den meisten seiner Stationen begleitet. Ghizzoni ist noch viel mehr Europäer, als es Profumo war.

Profumo! Dem Vergleich mit seinem Vorgänger wird er sich noch lange stellen müssen und baut entsprechend vor. „Ich bin ein anderer als Alessandro“, schrieb er in seinem ersten Brief als CEO an die Mitarbeiter. Und das trifft auf den Menschen Federico noch mehr zu als auf den Banker Ghizzoni, den sein Vorgänger selbst einmal als den „optimalen Manager“ bezeichnet hat. Alessandro Profumo tritt nicht auf, er erscheint. Für die obligaten Fotos wusste der weißhaarige Hüne stets perfekt zu posieren. Nicht vordergründig eitel, schon gar nicht kokett, eher mit der Selbstverständlichkeit eines Popstars. Die Stimme ist männlich-tief, aber so leise, dass sie die volle Konzentration des Gegenübers schlicht erzwingt. Die Gesten dagegen ausladend, der Smalltalk weltläufig – der Begriff Grandezza könnte für Profumo erfunden worden sein.

Bodenständig und offen. Sein Nachfolger lässt das Fotografieren eher über sich ergehen. Im Interview wird er sich als bodenständig bezeichnen, und das glaubt man ihm. Ghizzoni strahlt eine natürliche Offenheit aus. Etwa wenn er unbefangen von seinem Familienleben erzählt, das jene vielen Auslandsaufenthalte aushalten musste: „Das Gleichgewicht scheint zu stimmen. Wenn ich länger zu Hause bin, fragt mich meine Frau, wann ich endlich wieder wegfahre. Wenn ich länger weg bin, klagt sie, dass sie mich nicht zu Gesicht bekommt.“ Dazu lacht er herzlich. Ein distanzierter Konzernherr ist das nicht. Eher ist der Inter-Mailand-Fan, der es „viel zu selten“ ins Stadion schafft, auf unauffällige Weise ein Ästhet. Der Anzug ist eine Augenweide, wie überhaupt das Outfit, von der Krawatte bis zu den Schuhen, die oberste Liga italienischen Modehandwerks verrät. Nur Laien glauben, das sei bloß eine Sache des Geldes. Doch teuer und gleichzeitig schlecht gekleidete Manager sind Legion. Ghizzonis besonderes Augenmerk gilt Schreibgeräten. Er sammelt Füllhalter. Sie zählen zu den wenigen Dingen, für die er gerne Geld ausgibt. Daneben sammelt er noch alte Bücher. Er liest gerne geschichtliche Werke, beklagt die dafür fehlende Zeit. In Italien genießt er den Ruf eines extrem gebildeten Humanisten. Diese Neigung wurde ihm tatsächlich in die Wiege gelegt. Sein Vater war Professor für Altphilologie an der Universität Parma. Der Kern des Menschseins ist für den studierten Juristen „ein an moralischen Werten orientiertes Leben“. Für einen Banker des 21. Jahrhunderts, dessen Branche fast synonym für Gier und Skrupellosigkeit steht, eine nicht eben erwartbare Geisteshaltung.

Was es bräuchte, damit er zufrieden sterben würde? Ghizzoni senkt den Blick und denkt lange nach: „Ich glaube, dass es mir wichtig wäre, dass etwas von mir bleibt. Keine Reichtümer oder so etwas. Eher, dass ich meinen Kindern meine Werte weitergeben konnte. Dass das weitergetragen wird, was ich begonnen habe.“ Und das gelte auch für die UniCredit: „Ich finde es immer schrecklich, wenn Manager oder Unternehmer die nächste Generation nicht hochkommen lassen. Dabei gibt es nichts Wichtigeres für einen Manager, als dass er seine eigenen Nachfolger aufbaut. Es gibt doch nichts Schöneres, als das Werk, an dem man gearbeitet hat, in vertraute Hände zu übergeben.“ Vielleicht ist es gerade das, was diesen im Vergleich zu Profumo unauffälligen Federico Ghizzoni in einem auf schnellen Erfolg und maximalen Speed ausgerichteten Geschäft bemerkenswert macht: Seine Ära hat eben erst begonnen, und doch setzt er sich schon mit der Zeit danach auseinander.

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