Das Wall-Street-Debakel trifft die einfachen Menschen: Endstation Hoffnung in Knittelfeld

Reportage. Die Krise, die bei coolen Wall-Street-Bankern ihren Ausgang nahm, ist bei den einfachen Menschen angekommen.

Die Firma Stubenberger zählt zu den Alteingesessenen in der Region Knittelfeld. Gründer Andreas Stubenberger hat die umliegenden Bauern mit ­Wagenrädern und Holzrechen versorgt. In den fünfziger Jahren begann das Unternehmen mit der Fertigung der ersten Lkw-Aufbauten. Und als Enkel Gerald 2002 den Betrieb übernahm, expandierte er zunächst einmal kräftig. Damit ist es vorbei, und nicht nur damit. Seit 10. November ist die Firma, die zuletzt 83 Mitarbeiter beschäftigte und 562.000 Euro Verlust einfuhr, insolvent. Als Lieferant des Frächtergewerbes bekam Gerald Stubenberger die Finanzmarktkrise aus erster Hand zu spüren. „Im August wurde die Situation katastrophal“, sagt er, „ein Storno nach dem anderen kam herein, es gab keine Neuaufträge, die Auslastung ging drastisch zurück.“ Mehr darf er nicht sagen. Denn Masseverwalter Erwin Bajc funkt dazwischen. Bajc giftig: „Die Firma ist schließlich kein Schaustück. Angesichts der traurigen Begleitumstände finde ich das Interesse an dieser Insolvenz pietätlos.“

Die traurigen Begleitumstände sitzen hier allen in den Knochen. Mitte November hat sich Hannes Steiner, Bezirksstellenleiter der Raika im angrenzenden St. Margarethen, unter tragischen Umständen das Leben genommen. Stubenberger steht bei diesem Institut mit 3,3 Millionen Euro in der Kreide. Aber das ist beileibe nicht der einzige Problemkredit. „Unsere Bank ist fast gleich groß wie jene in Knittelfeld“, erklärt Karl Hubner, der die Raika nach Steiners Tod allein vertritt, „unser Kundenkreis erstreckt sich über die gesamte Steiermark.“

„Es gibt viele Firmen, die bei uns ihr Geld liegen haben“ , ergänzt der St. Margarethener Vizebürgermeister Erwin Hinterdorfer, „das geht bis auf die siebziger Jahre zurück. Damals hat ein findiger Direktor die Samstagöffnung eingeführt, was für regen Zulauf von Geschäftstreibenden sorgte.“ Aber auch Steiner selbst war recht rührig bei der Akquisition von Kunden. Jetzt, in der Krise, sind ein paar davon ins Wackeln ­gekommen. „Leider hat Steiner das als persönliches Versagen empfunden“, sagt ein Kollege bestürzt. Hubner fügt gestresst hinzu: „Bei 60 bis 70 Prozent der Gewerbe- und Gastronomiebetriebe hier ist die Liquidität angespannt. Und wenn die Leute arbeitslos werden, betrifft das ebenfalls die Bank.“ In den Medien ist die Wirtschaftskrise allgegenwärtig. Aber richtig spüren kann sie erst, wer hierher kommt; oder in eine andere kleine Gemeinde in einer strukturschwachen Gegend. Kaum wo hat die Krise so stark eingeschlagen wie in Knittelfeld und Umgebung. Sie verändert das Leben von fast jedem hier. Viele Leitbetriebe haben bereits Kurzarbeit oder Stellenabbau angekündigt – vom Motorenbauer ATB in Spielberg über den Leiterplattenhersteller AT&S in Hinterberg bis zu Stahl Judenburg und Austria Federn. Das Ebenseer Betonwerk in Knittelfeld sperrt zu, das Wienerberger Ziegelwerk im angrenzenden Apfelberg hat Anfang November einen unbegrenzten „Winterstillstand“ verhängt.

„Früher hat es halt geheißen, die Leute müssen ein bissel flexibel sein und nach Graz fahren, wenn sie ihren Arbeitsplatz verloren haben. Aber dort wird jetzt auch massiv abgebaut“, sagt ATB-Betriebsrat Michael Leitner, der sich gerade mit 80 Kündigungen im Betrieb herumschlagen muss. Die Leute sind verunsichert, und die Angst vor der Zukunft frisst sich wie ein Krebsgeschwür in die Köpfe. Ob beim Stammtisch, beim Damenkränzchen oder im Sparverein, es gibt kaum noch ein anderes Thema. „Viele fragen sich: Bin ich dabei? Trifft’s mich auch?“, erzählt der Knittelfelder „Bachwirt“ Sepp Hölzl.

Zu Renault Vogl kommen die Leute in diesen Tagen nicht, um einen Neuwagen zu kaufen, sondern um den Alten reparieren zu lassen und während der Wartezeit ihre Sorgen loszuwerden. „Insofern spielt uns die Krise sogar zu“, sagt Seniorchef Heinrich Nestler, der wie kaum ein anderer über die ­Betriebe in der Region Bescheid weiß. Schließlich hat er beinahe überall seine Kunden sitzen. Dass die Krise, die coole Wall-Street-Banker ausgelöst haben, jetzt bei den einfachen Menschen angekommen ist, spürt man sogar an den Schulen. „Wir merken es an den Pausengesprächen der Schüler oder wenn plötzlich das Geld für Skikurse oder Sportwochen fehlt“, erzählt Roland Pucher, Realschullehrer in Spielberg und im Nebenjob Bürgermeister von St. Margarethen. „Das zeigt, wie belastend die Situation in den Familien ist.“

„Jeder hat Angst“ , sagt auch Dorfkaufmann Ferdinand Penz, „und was im Magen ist, sieht niemand. Die Leute kaufen jetzt mehr Nudeln und weniger Steaks.“ Um einen Euro, sagt er, sind die Durchschnittseinkäufe im November zurückgegangen. Das klingt nicht viel, aber bei 500 Kunden täglich summiert sich das. Fünf Autominuten entfernt, im Knittelfelder Stadtzentrum, hat inzwischen der Secondhandshop der Caritas die Pforten geöffnet. 24 Menschen drängen sich gleichzeitig in dem engen Kellerlokal und durchwühlen die alten Klamotten nach Brauchbarem. Die Erlöse dienen zur Unterstützung Bedürftiger. „Immer mehr Leute kämpfen mit Strom- und Mietzinsrückständen und Delogierungsandrohungen“, erzählt Caritas-Zweigstellenleiterin Ilse Bauer. „Letzten Freitag hatte ich innerhalb von drei Stunden elf Klienten zu betreuen.“ Im November zahlte die Caritas um 19 Prozent mehr Hilfsgelder aus als im Jahr davor. Bauer: „Die Banken sind seit der Finanzkrise viel restriktiver geworden, und die Vermieter drohen bei Mietzinsrückständen sofort mit dem Anwalt.“

Dabei ist das, was sich jetzt abspielt, erst das Vorgeplänkel. Der richtige Einbruch wird im kommenden Halbjahr erwartet. Viele Betriebe sitzen auf vollen Lägern, die sie nur zu Schleuderpreisen loswerden können. Der Sägewerksbesitzer Hubert Schwarz beispielsweise, der die Industrie mit Kisten und Holzverschlägen ­beliefert, hat sich im vergangenen Frühjahr nach den Stürmen „Paula“ und „Emma“ mit viel Holz aus Windwürfen eingedeckt. Schwarz: „Leider hat sich die Wirtschaft jetzt um einiges ­schlechter entwickelt, als wir das im Frühjahr voraussehen konnten.“

Auch im Handel steht das dicke Ende noch bevor. „Derzeit ­spüren wir wenig, aber das erste Halbjahr 2009 wird problematisch“, bestätigt Schuhhändler Franz Rattenegger, der Handels­sprecher für die gesamte Region ist. Auch hier wurde die Ware, die jetzt ­angeboten wird, bereits vor einem Dreivierteljahr eingekauft, zu einem Zeitpunkt also, zu dem der Absturz noch nicht absehbar war. Rattenegger: „Das Lager ist voll, und die Preise ­purzeln.“

Für die Region, die ohnehin bereits mit massiven Strukturproblemen kämpft, könnte das fatal werden. Die Arbeitslosigkeit, die bereits vorher über dem Österreichschnitt lag, stieg im November um weitere zwei Prozent. „Markant ist vor allem der drastische Rückgang an offenen Stellen um 50 Prozent“, sagt Robert Kalbschedl vom örtlichen AMS, „und der Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit um mehr als 30 Prozent. Beinahe jeder vierte Arbeitslose ist jünger als 25.“ „Früher gab es hier mehrere Lehrwerkstätten“, sagt Knittelfelds Bürgermeister Siegfried Schafarik, „doch die hat man zugesperrt. Jetzt müssen wir mit steigendem Vandalismus rechnen.“ Sofern die Jugendlichen überhaupt hier bleiben. Denn bis 2031, sagt die Prognose, wird die Bevölkerung von Knittelfeld um unglaubliche 22,2 Prozent schrumpfen. Für die Gemeinde bedeutet jeder Kopf weniger – dank Finanzausgleich – ein Minus von 1000 Euro in der Gemeindekasse. Fürs Budget 2009 rechnet Schafarik mit einem Abgang von einer Million Euro. Dringend nötige Straßen- oder Kanalsanierungen müssen auf die lange Bank geschoben werden. Für Investitionen in die Zukunft bleibt nichts übrig.

Wer durch die Stadt spaziert, kann diesen schleichenden Niedergang spüren. Immer wieder gähnen leere Schaufenster in den Geschäftsstraßen, werben Immobilienmakler um Interessenten für verwaiste Lokale. „Wir haben einige tote Augen in der Stadt“, seufzt Schafarik, „in Knittelfeld gibt es heute kein einziges Sportgeschäft mehr. Dafür haben wir in der Arena (Einkaufszentrum im nahe gelegenen Fohnsdorf, Anm.) gleich vier.“

Das trübt auch die Stimmung in der Gastronomie. In der Konditorei Schaffer, die mitten im Stadtzentrum liegt, dämmern ein paar verhungerte Kuchenstücke in der halb leeren Vitrine vor sich hin. Auch das Café im Hotel am Kapuzinerplatz ist spärlich besetzt. „Früher habe ich an den Samstagen zwei zusätzliche Kellnerinnen beschäftigen müssen“, erzählt Hotelbesitzer Hubert Reyer. Doch mit der Kundschaft für die Geschäfte schwand auch die Laufkundschaft fürs Café.

Tourismus gab es in der Region seit jeher wenig. Und seit dem Aus für den A1-Ring in Spielberg liegt er ganz darnieder. Das größte Haus am Platz, das Best Western Hotel Verde, musste schon vor zwei Jahren ans Rote Kreuz verkauft werden. Bachwirt Hölzl verlor mit dem Schließen der Rennstrecke 70.000 Euro Umsatz jährlich. „Der Grand Prix war ein Highlight“, sagt er wehmütig und zeigt auf die Promibilder an der Wand. „Alle waren sie hier. Wo wir jetzt sitzen, hat Bernie Ecclestone sein Schnitzel gegessen.“ Aber weil Pessimismus schlecht fürs Geschäft ist, versucht er schnell, wieder Optimismus zu versprühen. Schließlich soll ja nun das Projekt Spielberg Neu zumindest in einer Schmalspurversion kommen. Mehr als eine Hoffnung ist das nicht. „Schreiben S’ was Positives“, ruft Sepp Hölzl den Gästen aus Wien nach.

Von Ingrid Dengg
Fotos: René Prohaska

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