Das Ost-Engagement der heimischen Banken bleibt ein Erfolgsmodell

Zuerst waren sie die Stars im wilden Osten. Nun stellen sie laut Ratingagenturen plötzlich das größte Risiko für Österreichs Bonität dar: die heimischen Großbanken und ihre Bosse. Doch ein genauerer Blick zeigt: Die Geschäftsmodelle funktionieren weiterhin.

Es war kurz vor der Lehman-Pleite 2008, als man schon ziemlich tief in die Tasche greifen musste, um Aktien von Raiffeisen International (RI) oder der Erste Group zu kaufen. Gemessen am Kurs, betrug der Wert der Erste Group rund 23 Milliarden Euro, der von RI lag gar bei stolzen 26 Milliarden. Dann folgten Finanz-, Banken- und die Eurokrise, und heute sind die beiden Institute nur noch ein Schatten ihrer selbst: Die Erste Group hat einen Marktwert von aktuell 7,2 Milliarden Euro, RI liegt gar nur noch bei 5,4 Milliarden Euro. Und die UniCredit, die italienische Mutter der Bank Austria, ist 90 Prozent von ihrem All-Time High entfernt.

Waren also die hohen Bewertungen und der Hype vor vier, fünf Jahren nur eine gewaltige Blase, und geben die heutigen Kurse die wahren Kräfteverhältnisse wieder? Oder wurden Österreichs Finanz-Aushängeschilder zu Unrecht abgestraft? Sind sie im Osten deutlich besser unterwegs, als es ihr aktueller Wert ausdrückt?

Viel Staub hat in den vergangenen Wochen die Beurteilung der Ratingagentur Moody’s aufgewirbelt. Die künftige Bonität der gesamten Republik Österreich hänge von der Entwicklung des Bankensektors im Osten ab, ließen die Experten aus den USA wissen. Sie nannten die Bedrohung auch beim Namen: Die österreichischen Institute haben Kredite in der Höhe von 264 Milliarden Euro im Osten offen - und das ohne Bank Austria, da diese nach Italien ressortiert. Inklusive Bank Austria sind es sogar 314 Milliarden, mehr als die gesamte Jahreswirtschaftsleistung Österreichs. Umfangreichere Kreditausfälle wie aktuell in Ungarn könnten also das Finanzsystem Österreichs vor eine Zerreißprobe stellen, befürchten die Ratingagenturen. Auf Österreichs Banken wartet ein Balanceakt: Sie müssen das Geschäft vorsichtig zurückfahren, ohne die erkämpften Spitzenpositionen zu gefährden. Die Nationalbank hat bereits eine Bremse verordnet: Die Kredite in einem Land dürfen ab nun maximal 110 Prozent der lokalen Einlagen betragen.

Credit Crunch verhindern

Mit diesem Schritt ist wiederum die EU-Kommission nicht wirklich einverstanden: Sie sagt, ein "Credit Crunch“, also eine Verknappung der Kredite in Osteuropa, muss verhindert werden, um nicht das Wirtschaftswachstum abzubremsen. Keine einfache Situation für die heimischen Banken. Österreich steigt aus nationalen Erwägungen auf die Bremse, die EU-Kommission will, um die Konjunktur anzukurbeln, Gas geben. Dazu kommen noch die verschärften Eigenkapitalvorschriften - auf neun Prozent Kernkapital - durch die Europäische Bankenaufsicht (EBA), die bis zum Sommer erfüllt sein müssen. Für die heimischen Geldinstitute bedeutet das einen zusätzlichen Kapitalbedarf von knapp vier Milliarden Euro.

Notenbank-Chef Ewald Nowotny stellt sich offiziell hinter Erste, Raiffeisen und Co: "Osteuropa ist und war eine Erfolgsstory.“ Er erwarte keinen zusätzlichen Druck aus dieser Region. Hingegen sind hochrangige Mitarbeiter aus dem Bereich der Bankenaufsicht kritischer. "Biedere und bodenständige Raiffeisen- und Sparkassen“ hätten plötzlich "auf Teufel komm raus“ im Osten expandiert, ohne die notwendige Infrastruktur und Grundlagenexpertise zu besitzen, meint ein Aufseher, der nicht genannt werden will, um nicht auch noch Öl ins Feuer zu gießen: "Aber die zugegeben hohen Gewinne sind bedauerlicherweise nicht zur Stärkung der Eigenkapitalbasis verwendet worden, sondern zur Erhöhung der Marktanteile.“

Das Ergebnis: Österreichs Banken im Osten sind deutlich kapitalschwächer als zum Beispiel Konkurrenten aus Belgien oder Frankreich. "Österreich ist das Schlusslicht.“ Der zweite unangenehme Effekt: Strukturbereinigungen am überbesetzten österreichischen Markt wurden verschoben oder gar nicht angedacht, da der Geldregen aus dem Osten die Ertragsschwäche in der Heimat überdeckte. Die Chefs der angesprochenen Institute führen gegen diese Kritik vor allem ihr Geschäftsmodell ins Treffen, das von Aufsehern und Ratingagenturen nicht oder nur ungenügend verstanden werde. "Es wird übersehen, dass der überwiegende Teil der Kredite in den Ländern Zentral- und Osteuropas durch Einlagen gedeckt ist. Die Töchter dort sind höher kapitalisiert als in anderen Märkten. Das ist kein Risiko für die Republik Österreich“, meint Erste-Group-Chef Andreas Treichl.

Ähnlich argumentiert Bank-Austria-Generaldirektor Willibald Cernko: "Eine realistische Risikoeinschätzung des Kreditgeschäfts in Osteuropa muss dessen Refinanzierung berücksichtigen. Der allergrößte Teil dieser Forderungen liegt bei den Tochterbanken vor Ort, und diese stellen die dafür notwendigen Mittel lokal auf. Das direkte Risiko für die Mutter in Österreich hält sich also in engen Grenzen.“

Eine Berechnung von Bank-Austria-Chefsvolkswirt Stefan Bruckbauer kommt zum Ergebnis, dass die aushaftenden Kredite heimischer Institute nicht bei den genannten 264 Milliarden Euro liegen, sondern "nur“ bei 111 Milliarden. Von den aushaftenden Krediten müssten Einlagen, Eigenmittel und Ähnliches abgezogen werden. "Selbst wenn ganz Osteuropa pleitegehen sollte und rein theoretisch ein Schuldenschnitt von 50 Prozent erfolgen würde, käme auf die heimischen Banken eine Belastung von etwa 50 Milliarden zu - und nicht bis zu 300 Milliarden, wie dies in den Raum gestellt wurde“, ärgert sich Bruckbauer.

RI-Chef Herbert Stepic, der Pionier der österreichischen Bankenexpansion, unterstreicht, dass ein "Ost-Crash“ sehr unwahrscheinlich ist, weil Osteuropa in einigen Bereichen im Gegenteil deutlich besser dasteht als der Westen: "Osteuropa wird auch in den kommenden Jahren weit stärker wachsen als die Eurozone. Die meisten Staaten sind besser auf die Krise vorbereitet als 2008, unter anderem durch die Verringerung ihrer Leistungsbilanzdefizite, die weitgehende Abdeckung ihres Finanzierungsbedarfs und eine weit unter dem europäischen Durchschnitt liegende Staatsverschuldung.“

Kreditqualität zählt

Kaum ins Gewicht fallen in den meisten Analysen die wichtigsten zwei Punkte bei der Beurteilung des Ostgeschäfts: die Tatsache, dass es so etwas wie "einen Osten“ eigentlich nicht mehr gibt und dass es vor allem auf die Qualität der Kredite ankommt. Damit steht und fällt das Geschäftsmodell. "Osteuropa wird von vielen westlichen Marktbeobachtern leider noch immer sehr undifferenziert gesehen, dabei ist es eine extrem inhomogene Region. 2009 musste etwa die Ukraine einen herben Einbruch verdauen, während das Nachbarland Polen überhaupt das einzige EU-Land war, das eine Rezession vermeiden konnte“, betont Stepic.

Als problematisch gelten zurzeit Ungarn - wegen der Zwangskonvertierung von Frankenkrediten und der Bankenabgabe ein Sonderfall -, weiters Bulgarien, Rumänien und die Ukraine, während zum Beispiel Tschechien, die Slowakei, Slowenien, Polen und Russland als Länder mit geringem Risiko gelten. Dies spiegelt auch die Anzahl der notleidenden Kredite (Non-Performing Loans, NPL) wider. Bei RI sind zum Beispiel nur knapp fünf Prozent der Kredite in der Slowakei notleidend, 6,1 Prozent in Polen, aber fast 20 Prozent in Ungarn und 33,9 Prozent in der Ukraine. In Russland hingegen kann sich die RI über weniger als sechs Prozent Keditausfälle freuen.

Keine Verluste

Trotz aller Schwierigkeiten werden die Gewinne weiter sprudeln, erwartet sich Bank-Austria-Chef Cernko und verweist auf die Streuung des Risikos: "Zentral- und Osteuropa ist der ‚Emerging Market‘ vor unserer Haustür, ein fester Bestandteil der Erfolgsgeschichte heimischer Banken. Nicht zuletzt dank unserer geografisch breit gefächerten Präsenz in der Region hat die Bank Austria jedes Jahr seit Ausbruch der Krise mit einem Gewinn abgeschlossen.“ Die Kritik von Moody’s beinhaltet kaum Neues, unkt die Branche. Bereits Nobelpreisträger Paul Krugman habe 2009 mit seiner Prognose, Österreich werde Island und Irland in die Pleite folgen, da es im Osten viel zu stark engagiert sei, falschgelegen. Zur möglichen Pleite Griechenlands, Portugals oder Spaniens hatte Krugman damals allerdings kein Wort verloren.

Unterm Strich bleibt das österreichische Ostengagement trotz aller Turbulenzen mehr Aktivum als Risiko in der Bilanz. "Österreich hat gerade dadurch gute Chancen, weil die Voraussetzungen in diesen Ländern besser sind als in den meisten westlichen EU-Staaten. In Osteuropa wird es Wachstum geben, und unsere Wirtschaft wird davon profitieren“, fasst Andreas Treichl zusammen.

Ob allerdings die großen Austro-Geldinstitute mittelfristig wieder Unternehmenswerte wie vor 2008 erreichen, ist sehr ungewiss. Und ihren Status als unsinkbare Schiffe wie vor dem Fall von Lehman werden sie so schnell auch nicht mehr zurückerobern.

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