Das Neue

Wir lösen das Rätsel des ewigen Lebens und geben preiswerte Tipps. Von Helmut A. Gansterer

Man sagt, auch im Leid des Freundes liege was, das uns nicht gänzlich missfalle. Ich kann das bestätigen und anhand eines Beispiels illustrieren, das fast zwanzig Jahre zurückliegt. Mit unverbrauchtem Entzücken erinnere ich mich an das Leid eines Freundes, dem seine Herzallerliebste eröffnet hatte, schwanger zu sein. Er war mehrfach verzweifelt. Erstens hatte er nicht damit gerechnet. Zweitens hatte er als staatlich geprüfter Egoist seit Jahrzehnten erfolgreich vermieden, sich mit Kindern zu belasten. Drittens war er nun Mitte der vierzig.

Die engeren Freunde beglückte er fortan mit einer Aufzählung aller Nachteile, die ihn erwarteten. Er würde seine Frau an ein anderes Lebewesen verlieren. Er würde gezwungen sein, das widerliche Handwerk des Kinderwickelns zu lernen. Er würde fortan die süßen Früchte langjähriger Arbeit teilen müssen – Luxus ade. Er werde seinen Zugang zur Weltliteratur, ja überhaupt zur Sprache verlieren und zu einem infantil lallenden Dodl werden, wie alle neuen Väter. Vor allem sei er viel zu alt, um ein guter Vater zu sein. Wahrscheinlich sei er längst tot, wenn das arme Ding die Volksschule verlasse. Da er ein schwerer Hypochonder war, wies er darauf hin, dass er schon mit vierzig die Weisheit eines grausamen Spruchs begriffen habe: „Wenn du ab sechzig in der Früh munter wirst und nichts wehtut, bist du tot.“

Kurzum: großes Kabarett. Er klagte, wir winselten vor Vergnügen. Heuer hat sein Sohn maturiert. Richtig blieb, dass der Sohn viel Kohle kostete. Allerdings wurde dieser Freund in den letzten achtzehn Jahren entschieden jünger und gesünder. Die Sprache ist ihm auch geblieben, er erzählt noch besser als früher. Das NEUE in seinem Leben hat sich als Jungbrunnen erwiesen.

Ein im Prinzip ähnlicher, im Detail anderer Fall betraf einen Ternitzer Jugendfreund, hier pseudonym Klaus Woltron genannt. Er ging einst mit gemischten Gefühlen für seine damalige Firma nach Brasilien. Er fürchtete, in den Tropen schnell zugrunde zu gehen, so wie die britischen Verwalter indischer Gummiplantagen in den Romanen von Somerset Maugham. Die Wahrheit war: Als er nach Jahren zurückkam, sah er aus wie sein eigener Sohn. Zum Neid der daheimgebliebenen Freunde konnte er sich nun auch in Portugiesisch und Spanisch verständigen. Wir fanden ziemlich affig, dass er fortan Bücher von Pessoa, Borges, Llosa und Márquez bei sich trug, im Original. Auch hier: Das zunächst unbequeme NEUE erwies sich als Doping.
Drittes Beispiel: Ein funkelnder Diamant im Collier Österreichs – Deckname: Markus Hengstschläger – kommt als Stammzellenforscher, der täglich mit NEUEM konfrontiert ist, derart frisch des Weges, dass ich ihn in öffentlicher Diskussion verdächtigte, am eigenen Leib Experimente vorzunehmen.
Ein Indiz für die These, DAS NEUE sei der wesentliche Garant für Verjüngung und langes Leben, ist auch die Haltbarkeit der Frauen. Sie leben im Schnitt fast zehn Jahre länger als Männer. Man konnte sich diesen merkwürdigen Einfall der Schöpfung nie schlüssig erklären. Das Rätsel ist nun gelöst. Es hat damit zu tun, dass seit der Sesshaftigkeit (Mesolithikum, zirka Jungsteinzeit) die Frauen die Rolle der Dorfwächter spielten. Sie mussten alles Unbekannte melden, beispielsweise Fremde und Säbelzahntiger. Was heute als geschlechtsspezifische NEUGIER (Gier auf Neues) diskriminiert wird, ist ein Echo dieser wichtigen Aufgabe, zugleich der Hauptgrund ihrer höheren Lebenserwartung.

Alle Kinder haben abenteuerliches Interesse am Neuen. Wann dieses erlischt, ist ungewiss. Es hängt vermutlich von der Qualität der Eltern und Lehrer ab, später von Lehrherren, Chefs und ersten Arbeitgebern. Wohl auch vom Glück oder Unglück, welche Schlüssel-Menschen man auf dem Lebensweg trifft, in welche geistige Umwelt man fällt und welche Medien man später konsumiert.
Ich kenne Twens von Diskussionsveranstaltungen auf dem Land, die unglücklich waren, aber sich zu alt fühlten, um noch den Sprung in die Stadt zu wagen. Oder gar den gelernten, ungeliebten Beruf zu verlassen. Mit Scham sehe ich mich selber mit zarten 35 Jahren auf einem Felsen bei Ostuni sitzen, sehnsüchtig nach Italienisch-Kenntnis und vor allem Latein (das mir als HTL-Schüler versagt blieb und an der WU nicht gefragt war) und absurd resignierend: „Zu spät!“ Entsprechend ­beschämend, wenn ich heute erfahre, Heinrich Treichl habe im Alter von 90 beschlossen, sein Italienisch zu perfektionieren. Ich hatte das Glück, durch meinen schönen Beruf ­zurückgezwungen zu werden zu jugendlicher Neu-Gier. Aber hunderttausende Österreicher wurden zu „Frühvollendeten“, die nur noch im Althergebrachten und Gewohnten verharrten; im gefährlich so genannten „Bewährten.“

Mein Freund Adam Bronstein beschrieb jene, die schon früh nichts Neues an sich heranlassen, so: „Das sind jene, die mit 30 sterben und mit 60 begraben werden.“ Vielleicht stirbt wirklich weit vor der Zeit, wer dem Organismus, der leise nach Informations-Aufladung schreit, das Neue versagt. Er stürbe an einer abstrakten Form von Hunger und Durst.

Diese Diagnose, wenngleich umwälzend, fällt leicht. Die Therapie ausnahmsweise auch. Es wäre lebensfremd, gleich einen Wechsel großer Faktoren zu verlangen. Niemand kann von heute auf morgen den Beruf wechseln. Und es wäre naiv, aus drei günstigen Beispielen den induktiven Ratschlag zu ziehen, unablässig Kinder zu kriegen, nach Brasilien zu gehen oder Stammzellenforscher zu werden. Mein Tipp zur Einübung für höhere Aufgaben heißt: Untreue im Kleinen.

Konkret: Erstellen Sie eine aufrichtige Liste Ihrer Gewohnheiten, und ändern Sie alle, die nicht erstklassig begründbar sind. Lesen Sie zusätzlich neue Buchautoren, nicht nur Ihre alten. Man muss das Geliebte nicht verlassen, um das Neue zu explorieren. Hören Sie auch neue Musik, Gratis-Kostproben via Apples iTunes sind als Richtungshilfe dienlich. Schauen Sie auch andere Filme und anderes Theater. Vor allem: ­Gehen Sie wieder aus. Und wenn Sie eh ein Ausgeher sind: Besuchen Sie nicht nur den Stammwirt, sondern auch neue Lokale. ­Jedes neue Café und Bar-Restaurant ist wie eine ­Reise in Feindesland, in dem Sie sich bewähren müssen und wo alle fünf Sinne neu angesprochen werden. Es gibt keinen schöneren Zugang ins NEUE und ins längere Leben.

All dieses NEUE formt wie von selbst neue, erfrischende Ziele. Der umgekehrte Weg ist eine Sackgasse. Angeregt durch „management by objectives“ formulieren die meisten ManagerInnen zuerst ein Ziel auf Papier und passen dann ihr ­Leben an. Das funktioniert aber nicht. Es führt zu Stress, Siechtum und einem kurzen Leben.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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