Das Netz hat Sprechen gelernt

Es ist einfach, bequem und viel günstiger: Telefonieren über das Internet funktioniert tadellos. Bereits eine viertel Million Österreicher probiert es aus. Bald startet auch die Telekom Austria.

Die Zahl ist sensationell. Diese Zahl übersteigt alles, was bisher bekannt war. Von 20.000 Usern gingen Experten aus, manche Medien schätzten, dass rund 50.000 Österreicher ihre Telefonate nicht auf herkömmliche Weise, sondern kostengünstig via Internet abwickeln.

Alles passé: „Wir haben mehr als 215.000 registrierte Kunden in Österreich“, erklärt nun Kat James, die Sprecherin des größten Internet-Telefonanbieters namens Skype mit über 70 Millionen Usern weltweit (Stand Mitte Februar). Und täglich kommen rund eine Million Skyper hinzu, die die bahnbrechende Telefon-Software auf ihren Computer installieren (siehe Test „Skypen statt telefonieren“). Auf Österreich umgelegt, ergibt das über 3000 neue Skype-User pro Tag. James dazu: „Wir sehen in Österreich eine erstaunliche, exponentiell ansteigende Wachstumsrate.“

Gratis telefonieren. Die Idee, Telefonate über das Internet zu führen, existiert schon seit Ende der neunziger Jahre. Doch die Technik dafür war lange Zeit unausgereift: Die Telefonate knackten und rauschten und kamen mit den Gesprächsfluss beeinträchtigenden Verzögerungen beim Gesprächspartner an. Immerhin werden dabei Gespräche vom Computer in digitale Datenpakete umgewandelt, die dann in komprimierter Form über das Internet zu einem anderen PC verschickt werden (siehe Technik-Kasten auf Seite 208); ein Verfahren, das enorme Leitungskosten spart und die Dienste und Gebühren herkömmlicher Telekomanbieter umgeht.

Doch nun scheint dank technischer Evolution endlich aus dem anfangs belächelten Prinzip eine echte Alternative zur herkömmlichen Telefonie geworden zu sein – mit langfristig gesehen gravierenden Folgen für die gesamte Telekombranche. Denn Skype ist zwar der derzeit größte, aber nicht einzige Anbieter dieser Art von Diensten. Ob net2phone, AOL oder angeblich bald sogar der Suchmaschinenbetreiber Google: Noch heuer wird ein enormer Wettbewerb um die Telefonkundschaft stattfinden mit Gesprächsgebühren als schlagendem Argument, die um bis zu 95 Prozent unter dem derzeit üblichen Niveau liegen (siehe Tariftabelle auf Seite 209). Und als Draufgabe werden Gespräche, die direkt zwischen Kunden des gleichen Anbieters geführt werden, überhaupt nicht vergebührt.

„Internet-Telefondienste bergen ein beträchtliches Entwicklungspotenzial in sich und werden die heutige Telekommunikationswelt mit hoher Wahrscheinlichkeit revolutionieren“, bestätigt Österreichs Telekomregulator Georg Serentschy. Der Österreich-Geschäftsführer des Consultingunternehmens Arthur D. Little, Karim Taga, ergänzt: „Diese neue Art zu telefonieren birgt eine ungeheure Dynamik in sich. Skype beispielsweise breitet sich aus wie ein Virus, ohne dass dafür Werbung gemacht wird. Und die Leute, die von anderen eingeladen werden, Skype zu testen, sind von der Einfachheit und Qualität so überrascht, dass sie es tatsächlich nützen“, weiß der Skype-Kunde aus eigener Erfahrung.

Telefon-Revolution. Der Telekomexperte ist aber noch von einem anderen Aspekt begeistert: „Die neuen Anwendungen haben das Telefonieren eigentlich neu erfunden.“ Was Taga meint, sind die vielfältigen Service-Dienstleistungen, die etwa von Skype angeboten werden, wie die Anzeige, ob ein potenzieller Gesprächspartner gerade online oder besetzt ist, die Möglichkeit von Konferenzgesprächen auf Knopfdruck oder Sprache und Textnachrichten (Chat) miteinander zu kombinieren: „Ein herkömmliches Telefon kann diese Flexibilität gar nicht bieten.“

Darüber hinaus sei die Online-Telefonie längst nicht nur eine Sache für Techno-Freaks: „Jeder, der einen ADSL-Anschluss hat, ist ein potenzieller Internet-Telefonkunde. Das sind Leute, die einfach besonders günstig telefonieren wollen.“

Dazu trägt seit Mitte Februar auch Siemens mit einem kleinen Gerät für den Computer (dem USB-Adapter Gigaset M34) bei, das den Einsatz eines klassischen Siemens-Schnurlostelefons ermöglicht. Zwar waren die modernen Telefonierer schon bisher nicht mehr auf Mikrofon und Kopfhörer wie in der Anfangszeit angewiesen, sondern konnten spezielle Telefonapparate dazu benutzen, doch mit dem Einstieg von Siemens, die dabei mit Skype kooperiert, öffnet sich der Massenmarkt für die neue Form der Kommunikation. „Die Möglichkeit, mit einem normalen Schnurlostelefon via Internet telefonieren zu können, wird die Internet-Telefonie im Privatbereich beträchtlich beschleunigen“, ist sich Franz Geiger, Vorstandsmitglied der Siemens AG Österreich, sicher.

Telefon mit Nummer. Kunden des Providers inode haben es noch leichter. Sie telefonieren auf Wunsch schon seit über einem Jahr über das Internet und benötigen nicht einmal einen PC, dafür aber einen speziellen (entbündelten, also von der Telekom Austria unabhängigen) Breitbandanschluss (ab 39 Euro monatlich). Zum Telefonieren kann jeder herkömmliche Telefonapparat verwendet werden, der über einen Adapter (namens ATA) direkt an das Modem des Internet-Zugangs angeschlossen wird.

Der größte Vorteil aber ist, dass inode-Kunden eine eigene Telefonnummer bekommen (Nummernkreis 890xxxx) oder sogar ihre bisherige Nummer behalten können und damit von jedem normalen Telefon aus erreichbar sind – etwas, woran Skype erst arbeitet und das derzeit neben der noch uneinschätzbaren Spam- und Virengefahr das größte Manko des Online-Anbieters darstellt.

„Bei unserem Angebot gibt es keinen Unterschied mehr zu einem normalen Telefon“, erklärt inode-Geschäftsführer Michael Gredenberg, der bereits auf 10.000 Telefonkunden verweisen kann, die ausschließlich über Internet telefonieren. „Und dabei ist diese kostengünstige und flexibel einsetzbare Technologie erst am Anfang ihrer Möglichkeiten. Jeder, der einen Breitbandanschluss hat, kann potenziell auf einen herkömmlichen Telefonanschluss verzichten. Das ist ein alter Dienst, den man nicht mehr braucht.“ Für Gredenberg ist Skype „halt etwas für Freaks. Unsere Lösung ist hingegen maßgeschneidert für Leute, die bisher vor der Internet-Telefonie Angst hatten.“

Technik frisst Umsätze. inode ist derzeit der einzige größere Provider, der diesen Dienst offeriert. Der Grund: Die wichtigen Player wie UTA/Tele2 oder eTel mischen nicht nur im Internet-, sondern auch im klassischen Telefonbusiness mit. Sie würden sich also die eigene profitable Kundschaft abgraben und Diskont-User daraus machen. Eine Herausforderung vor allem auch für den Marktführer Telekom Austria (TA). Gredenberg: „Das ist wie in einem Steherrennen. Wenn die Telekomunternehmen immer mehr Umsätze an Internet-Anbieter verlieren, müssen sie irgendwann einmal die Flucht nach vorne antreten.“

Arthur-D.-Little-Experte Taga sieht dabei Parallelen zur Entwicklung im Musikbereich, wo auf Druck der Tauschbörsen im Web der Online-Vertrieb von Musik stark an Bedeutung gewonnen hat. Die daraus resultierenden Einsparungen für die Endkunden haben andererseits zu Umsatzeinbrüchen der Industrie geführt. Taga: „Wenn nun das Gleiche passiert, kann es zu einer weltweiten Umsatzvernichtung von bis zu 400 Milliarden Euro in den nächsten zwei Jahren kommen. Das würde den Telefonkonzernen extrem weh tun.“

Für TA-Vorstandsmitglied Rudolf Fischer ein übertriebenes Szenario. Selbst die explodierende Skype-Anhängerschaft irritiert ihn wenig: „Es kann schon möglich sein, dass jemand das ausprobiert, doch die meisten verwenden das höchstens zusätzlich zum normalen Telefon.“

TA steigt ein. Dennoch glaubt Fischer, dass sich die klassischen Geschäftsmodelle für die Telekoms ändern werden müssen. Über die inzwischen internettauglichen Telefonnetze werden künftig immer mehr auch Datendienste und Multimedia wie Fernsehen und Video angeboten: „Die Sprachtelefonie wird nur noch ein Nebenaspekt sein.“ So plane die TA bereits für das dritte Quartal des heurigen Jahres eine derartige Offensive namens „Triple Play“ mit Telefon, Web und TV – und darin werde es, präzisiert Fischer nun, „auch Internet-Telefonie als zusätzliches Angebot geben“.

Eine überraschende Ansage, die nichts anderes bedeutet, als dass die TA auf den Druck der Online-Telefonierer reagiert und selbst ein derartiges Angebot auf den Markt bringen wird. Dass die TA sich selbst damit das Wasser abgräbt, befürchtet Fischer nicht: „Es wird eine Gesamtlösung von neuen Services geben, und das ist dabei nur ein Teil davon mit einem zusätzlichen Nutzen für die Kunden.“ Im Klartext: Ohne Gesamtpaket keine Internet-Telefonie, und dieses Paket wird die TA sicher nicht verschenken.

Gleichzeitig fordert er den Regulator auf, dass etwa die Verpflichtung, die Notrufnummern oder die kostenlosen 0800-Nummern aus dem Telefonnetz erreichen zu können, auch die neuen Anbieter trifft: „Für Skype und die anderen müssen die gleichen Rahmenbedingungen gelten.“ Etwas, was Regulator Serentschy erst zu entscheiden hat: „Auf nationaler wie internationaler Ebene wird noch intensiv diskutiert. Wir wollen innovationsfreundlich agieren und damit neuen Diensten Raum ebnen, ohne überstürzt bestehende Geschäftsmodelle zu gefährden.“

Inzwischen steht für Fischer jedenfalls fest, dass Skype, net2phone und all die anderen boomenden Telefonvermittler nicht mehr als eine nette Spielerei seien. Vor allem dann, wenn Kunden ohne eigene Telefonnummer auskommen müssen: „In dieser Form ist die Internet-Telefonie höchstens ein Fun-Service.“

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