Das teure Geschäft mit der ewigen Jugend:
Von Hormonkuren bis zu Kosmetika

Die gute Nachricht: Unsere Lebenserwartung steigt. Bald gehen Hundertjährige nicht mehr als Naturwunder durch. Die schlechte Nachricht: Ein langes Leben kann nur dann Spaß machen, wenn man voll leistungsfähig, potent, beweglich sowie geistig in Topform bleibt und eine Modelfigur mit straffer Haut behält. Ein reiches Betätigungsfeld für Pharmakonzerne, Dermatologen, Kosmetikindustrie, Sportartikelhersteller, Hormonpäpste und Schönheitschirurgen.

„Die Jugend ist etwas Wundervolles. Es ist eine Schande, dass man sie an die Kinder vergeudet.“ George Bernard Shaw

Die Menschen begannen sich zu vermehren und sich über die Erde auszubreiten. Es wurden ihnen auch viele Töchter geboren. Da sahen die Gottessöhne, dass die Töchter der Menschen sehr schön waren. Sie nahmen die von ihnen als Frauen, die ihnen am besten gefielen, und zeugten mit ihnen Kinder. Der HERR aber sagte: Ich lasse meinen Lebensgeist nicht für unbegrenzte Zeit im Menschen wohnen, denn der Mensch ist schwach und anfällig für das Böse. Ich begrenze seine Lebenszeit auf 120 Jahre.“ Genesis, Kap. 6, Vers 1–3.

Gut, jetzt könnte man natürlich einwenden , die Schwäche und Anfälligkeit für Böses waren ein ziemlicher Schnitzer des Erschaffers. Aber dafür hat sich der HERR auch relativ spendabel gezeigt, denn 120 Jährchen sind ja auch nicht wenig. Nur: Jung und fesch will man dabei halt auch sein – und zwar bis zum Schluss. Also muss man sich schon fragen: Warum hat der HERR so mit dem Kollagen gespart? Jugendliches Aussehen hat einen hohen Stellenwert. Nach einer Erhebung des Marktforschungsinstituts market sind in Österreich 65 Prozent der Ansicht, gutes Aussehen steigere das Selbstwertgefühl, erleichtere die Suche nach einem Lebenspartner und sei hilfreich beim Erklimmen der Karrie­releiter. Vom Streben nach der ewigen Jugend profitieren Kosmetikindustrie, Pharmafirmen, Sportartikelhersteller und Schönheitschirurgen nicht schlecht. Für Gesichtspflegeprodukte geben die Österreicher jährlich allein im Drogeriefachhandel 91,7 Millionen Euro aus, davon 30 Millionen für Cremen, auf denen explizit Anti-Aging steht. Aus den Apotheken werden noch einmal Tiegelchen um 31 Millionen angekarrt und Nahrungsergänzungsmittel um 101 Millionen Euro. Dank finanzieller Potenz können jährlich stramme zwölf Millionen für Viagra & Co hingeblättert werden, und jeder vierte Österreicher ist bereit, sich für ein jugendliches Aussehen unters Messer zu legen – Kostenpunkt eines Faceliftings rund 6000 Euro.

Dabei hat sich das objektive Empfinden des Alters stark gewandelt. Heute fühlen sich 40-Jährige wie 30-Jährige, und die 60-­Jährigen halten sich noch keineswegs für alt (siehe Grafik „Gefühlsfrage“). Kein Wunder, denn hatte man Ende des 19. Jahrhunderts im Alter von 25 bereits den Zenit seines Lebens überschritten, sind heute 40-Jährige noch nicht einmal bei der Halbzeit angelangt. „Ich empfinde es als Herausforderung, mit den schicken, jungen Leuten auch optisch mithalten zu können“, meint die 67-jährige PR-International-Geschäftsführerin Elisabeth Himmer-Hirnigel.„Nachdem in unserer westlichen Zivilisation das jugendliche Aussehen ja fast mehr zählt als die altersbedingte Erfahrung, ist gutes Aussehen auch im Beruf sehr nützlich.“

Um 1900 wurden die Menschen im Schnitt 47 Jahre alt, heute liegt die durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen bei 81, für Männer bei 75 Jahren. „Unsere Lebenserwartung ist im 20. Jahrhundert so viel angestiegen wie davor in 10.000 Jahren zusammengezählt“, weiß Alternsforscher Georg Wick von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Bis zum Jahr 2050 wird die Lebenserwartung für Frauen auf 89 Jahre und für Männer auf 84,3 Jahre ansteigen. Unter den älteren Menschen ist ein besonderer Anstieg bei den Hochaltrigen (80 Jahre und mehr) festzustellen; von derzeit 366.000 auf 590.000 im Jahr 2030 und auf eine knappe Million im Jahr 2050. „Altern ist heute mehr ein psychologisches denn ein physisches Problem“, meint Alternsforscher Francesco Madeo von der Karl-Franzens-Universität in Graz. Jeder will in bester Gesundheit und mit strahlend jungem Aussehen sehr, sehr alt werden. Je älter unsere Gesellschaft wird, desto mehr neigen wir, offenbar, zur Verherrlichung alles Jugendlichen. Wenn es schon nicht möglich ist, ewig zu leben, soll wenigstens das körperliche Altern hinausgezögert werden. Dabei vertrauen wir auf unterschiedlichste Mittel, denn neben unseren Erbanlagen sind angeblich eine ganze Reihe weiterer Faktoren für den Alterungsprozess verantwortlich. Mit gesundem Lebenswandel, ausgeglichener Ernährung, Sport, Hormonsubstitution, Cremen, Nahrungsergänzungsmitteln, Potenzpillen, Laser, Kollagen und schließlich der Chirurgie versuchen wir dem lästigen Zahn der Zeit das Nagen zu verbieten.

Die Suche nach dem Jungbrunnen , einem Lebenselixier oder Zaubertrank zieht sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte und fand in allen Mythologien ihren Niederschlag. Leider wurde bislang keiner fündig, und die wenigen – wie Miraculix – gaben auch ihr Rezept nicht preis. Was ist also das Geheimnis eines langen, gesunden Lebens? Als Jeanne Calment anlässlich ihres 120. Geburtstags nach dem Rezept für ihr hohes Alter gefragt wurde, gab sie bereitwillig Auskunft: „Ein Leben in Wohlstand, mein tägliches Glas Portwein, eine große Menge Schokolade, und zwar regelmäßig, und außerdem habe ich vergangenes Jahr, mit 119, das Rauchen aufgegeben.“ Calment, die im südfranzösischen Arles geboren wurde und als Kind noch Bekanntschaft mit Vincent van Gogh machte, starb 1997 im Alter von 122 Jahren, 5 Monaten und 14 Tagen.

„Von den groß angelegten Studien zur Erforschung der Lebensweise von 100-Jährigen hört man heute nichts mehr, weil die Ergebnisse offenbar nicht passen“, meint Udo Pollmer, Leiter des Europäi­schen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften, „denn die einen erzählten, getrunken und geraucht zu haben bis ins hohe Alter, die anderen glaubten ihr langes Leben dem Verzicht auf Tabak zu verdanken, der eine ernährte sich hauptsächlich von Fleisch, der andere von Brot. Aber alle haben offensichtlich das getan, was ihnen guttat, völlig unabhängig davon, was die Gesundheitsapostel jeweils von ihnen gefordert haben.“ trend lauschte den Predigten der Gesundheitsapostel und Verjüngungsgehilfen und versuchte herauszufinden, ob die Befolgung ihrer Ratschläge tatsächlich ewige Jugend beschert.

Von Martina Forsthuber

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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