Das zwölfte Gebot

Du sollst den Bankern genau auf die Finger schauen. Denn sie wissen oft nicht, was sie tun.

Jetzt können die Bankenchefs endlich aufatmen. Nicht dass die globale Finanzkrise bereits überstanden wäre, aber die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ist inzwischen zu leichter verständlichen Themen weitergewandert: Explodierende Preise für Benzin, Diesel und Heizöl, für Brot, Milch und Hundefutter – das geht halt wirklich unter die Haut und ist auch politisch viel ergiebiger. Ja, die Banker dürfen aufatmen, dass sie nicht mehr ganz vorne im Rampenlicht stehen müssen. So können sie ihre Probleme in bewährter Manier abarbeiten, nämlich diskret. Und sie haben gute Chancen, dass sie letztendlich mit einem blauen Auge davonkommen. Obwohl sie die Risken der Verbriefung fragwürdiger Hypothekarkredite vor lauter Gier völlig unterschätzt hatten. Viele geben ja sogar zu, dass sie die Konstruktion bis heute nicht durchschauen. Ein Glück, dass Regierungen als Retter taumelnder Banken einspringen, wenn sie nur groß genug sind („too big to fail“), aber diese Garantie ist nicht ungefährlich. Die Banker könnten ja leicht zu Wiederholungstätern werden. Sollte man das nicht durch strengere Vorschriften und bessere Kontrolle verhindern?

Besser nicht, sagt Walter Rothensteiner, CEO der Raiffeisen Zentralbank. Seiner Meinung nach würde es reichen, wenn sich seine Kollegen weltweit der moralischen Benchmark der Zehn Gebote unterwürfen. Eine verblüffende Idee: Ich denke, die meisten Bankenchefs könnten nicht einmal die Hälfte dieser Gebote aufzählen. Aber mir kommen da noch andere Zweifel: Die Zehn Gebote, im Grunde die Gesetzestafeln des Moses, wurden nach gängiger Lehre vor 2000 Jahren außer Kraft gesetzt, allerdings nur theoretisch, denn als Beicht­spiegel fürs gemeine Volk (= eine Art Checklist für vergessliche Sünder) haben sich die alttestamentarischen Gebote bis in die jüngste Vergangenheit gehalten. Die Welt verbessert haben sie trotzdem nicht, was wohl auf das ominöse elfte Gebot („Du sollst dich nicht erwischen lassen“) zurückzuführen ist.

Aber auch eine etwas modernere Version des moralischen Benchmarkings – das Gewissen – eignet sich meiner Meinung nach kaum für das Bankwesen. Schließlich orientiert sich das heutige Gewissen nur noch selten an christlichen Werten, sondern an deren zeitgeistigem Ersatz – der Political Correctness. Was darunter zu verstehen ist, ist mir momentan leider entfallen. Mir ist auch nicht bekannt, wer die P. C. erfunden hat, noch, wer sie laufend adaptiert. Political Correctness erinnert an die Wolken am Himmel, ständig in Bewegung, wunderschön anzusehen, aber nicht greifbar (fragen Sie einmal einen Fallschirmspringer). Was ist also die Substanz der Political Correctness? Ich glaube, das wichtigste Kriterium ist, dass man möglichst niemand wehtut – Politiker ausgenommen. Gegen Gesetze und Vorschriften zu verstoßen ist natürlich politisch NICHT korrekt, sie zu umgehen dagegen schon – vor allem wenn das so innovativ und elegant passiert wie beim Komponieren komplexer strukturierter Finanzprodukte, die nicht einmal der Vorstand richtig durchschaut. ­Applaus den genialen Wunderknaben in den finanz­mathematischen Abteilungen der Banken.

Ich fürchte bloß, dass die Unverbindlichkeit der Political Correctness die Welt noch weniger verbessern wird als die Zehn Gebote. Als moralische Guideline für Bankmanager eignet sich jedenfalls weder das eine noch das andere. Deshalb formuliere ich hiermit ein zwölftes Gebot: Du sollst den Bankern genau auf die Finger schauen. Und du sollst sie obendrein schärfer und effizienter kontrollieren. Und wie soll das der Staat bewerkstelligen? Ganz einfach: Er muss sich einfach der gleichen Wunderwaffe bedienen wie die Banken und junge, ambitionierte, finanzmathematische Genies einstellen. Die werden rasch draufkommen, wenn ihre Gegenparts wieder neue Wege zur Umgehung unzureichender Vorschriften aushecken. Und sie werden den Kollegen bei den Banken mit einem Augenzwinkern umgehend das Handwerk legen.

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