Das Ende der Freundschaft

Der ÖGB braucht entweder einen professionellen Krisenmanager, einen neuen Chef – oder nur mehr jemanden, der das Licht abdreht.

Von allem Anfang an zeigte der Bawag-Skandal eines: Der ÖGB ging an die Bewältigung der Krise mit einer Hilflosigkeit heran, die nicht einmal die finnischen Jäger des Braunbären Bruno erkennen ließen. Die einstmals so mächtige Gewerkschaft schlug mit Argumenten und wirren Aktionen um sich, die auch der kauzige Bewohner des Bärentals – um im Revier zu bleiben – in seiner besten Zeit vermieden hätte.

Statt eine klare Strategie zu verfolgen, wurde „Hilflos in der Hohenstaufengasse“ (ehemalige Zentrale, Anm.) gespielt. Beispiele für den Chaosplot gefällig?

Gegen den einstigen Bawag-Boss Helmut Elsner wollte man eine Delogierungsklage einreichen. Um die aufgebrachten Genossen zu beruhigen, sollte er aus seinem protzigen Penthaus über der Bawag-Zentrale vertrieben werden. Dumm nur, dass eine Delogierung im Falle eines bestehenden Wohnungseigentums nicht möglich ist. Peinlich aber, dass Herrn Elsner die teure Hütte halt gehört, weil sie ihm der Bawag-Eigentümer ÖGB billig verkauft hat – und der ÖGB offensichtlich nicht weiß, dass nur Mieter per Gerichtsbeschluss delogiert werden können.

Noch ein Gustostückerl juristischen Unverstands gefällig? Der böse Ex-ÖGB-Boss Fritz Verzetnitsch wird fristlos entlassen. Das lächerliche daran ist nicht – aber irgendwie schon auch –, dass der neue Präse Hundstorfer sie ausspricht, sondern dass der oberste Gewerkschaftler das Arbeitsrecht nicht kennt. Eine „Fristlose“ kann nur sofort bei Bekanntwerden der triftigen Gründe ausgesprochen werden – bekannt waren sie aber damals bereits länger als einen Monat.

Die Liste der Hilflosigkeiten kann beliebig fortgesetzt werden: beispielsweise mit der öffentlichen Überlegung einer „Neugründung“ des ÖGB. Hat sich irgendjemand der Genossen-Bosse vor dieser Panikreaktion überlegt, dass das vereinsrechtlich in einer veritablen Katastrophe münden würde?

Nein. Seit dem Tag, an dem das Bawag-Debakel bekannt geworden ist und damit die Krise des ÖGB ihren Lauf genommen hat, hat die Arbeitnehmervertretung keine Chance ausgelassen, die absolute Unfähigkeit in der Bewältigung dieses und ihrer ureigensten Probleme erkennen zu lassen.

Das kann zwei Ursachen haben: Die Spitzenmanager des ÖGB, von Präsident Hundstorfer abwärts, sind absolut nicht in der Lage, die Situation zu bewältigen. Oder: Der ÖGB ist in seiner aktuellen Form tatsächlich ein heillos überkommener Anachronismus.

Für These eins spricht: In jedem Unternehmen ist es heutzutage üblich, dass man Ausnahmesituationen – und in einer solchen befindet sich der ÖGB wohl wirklich – versucht, mithilfe von professionellen Krisenmanagern zu bewältigen: wenn Shell zufällig wieder einmal eine Ölplattform versenken will oder ein lecker Öltanker einen ganzen Küstenstrich eines Landes verseucht.
Beim ÖGB ist das nicht der Fall. Warum? Vielleicht weil an der Spitze des ÖGB Männer sitzen, die noch immer einen ziemlich antiquierten Begriff von Macht und Männlichkeit haben? Weil an der Spitze eines Unternehmens mit 1,3 Millionen Mitgliedern Menschen stehen, die in ihrem offiziellen Lebenslauf als Ausbildung „Kanzleilehrling“ (Hundstorfer) oder Installateur (Verzetnitsch) angeben und glauben, dass es für die Führung einer Interessenvertretung ausreicht, darauf stolz zu sein?
Mag sein.

Für These zwei spricht: Ist die Vertretung von arbeitenden Menschen noch eine Aufgabe, die tatsächlich von einer im klassisch historischen Sinn sozialdemokratisch bestimmten Organisation übernommen werden soll? Hat sich nicht vielmehr das moderne Arbeitsumfeld derart gewandelt, dass der gedankliche, soziale, zeitgemäße Geist, der in der aktuellen ÖGB-Spitze mehr oder weniger hell leuchtet, mit den aktuellen Problemen von Menschen, die arbeiten, um ihr Auskommen zu erlangen – also nicht um einfach ein Einkommen zu erlangen –, immer weniger gemein hat?
Mag auch sein.

SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer hat – wenn auch aus der Not des Abwärts-Gezogenen heraus – eine Antwort gegeben. Die wütende Weigerung, Spitzengewerkschafter als SP-Abgeordnete mit in den Nationalrat zu nehmen, wurde natürlich aus der Überlegung heraus geboren, sich vor der Wahl vom Seuchenherd ÖGB keimfrei abtrennen zu wollen. Aber sie birgt trotz der Vordergründigkeit der Aktion auch ein gutes Maß an inhaltlicher, sachlicher Berechtigung: Es ist nicht mehr zeitgemäß, dass eine Interessenvertretung für arbeitende Menschen politisch so eindeutig determiniert ist wie der ÖGB. Wer heute arbeitet, egal, ob in einem Angestelltenverhältnis oder in einer Form der neuen Selbstständigkeit, braucht nicht politische Rat- und Hilfegeber wie den ÖGB. Und schon gar nicht, wenn sie in einer Krisensituation so viel Hilflosigkeit, Unbedarftheit und Mangel an juristischen Kenntnissen erkennen lassen, wie es der Gewerkschaftsbund tut. Was arbeitende Menschen in einer Interessenvertretung in Zukunft wirklich suchen, ist mehr Professionalität statt politischer Aktivität.

Also mag auch sein, dass beide Thesen stimmen.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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