Das neue Dubai lockt die Österreicher:
Unternehmen entdecken Aserbaidschan

Auf der verzweifelten Suche nach Wachstumsmärkten landen immer mehr österreichische Firmen im 3000 Kilometer entfernten Aserbaidschan. Der Staat am Kaspischen Meer – reich an Öl und Gas – erfindet sich mit spektakulären Museen, riesigen Skigebieten und Infrastrukturbauten derzeit neu. Doch er birgt auch erhebliche politische Risken.

Von Bernhard Ecker

Das First Couple war entzückt. „Am Ende haben sie genickt und mir sogar für meinen Entwurf gedankt“, schwärmt Franz Janz von seinem Auftritt im Präsidentenpalast von Baku. Anfang 2007 hatte der Wiener Architekt dem aserbaidschanischen Staatsoberhaupt Ilham Aliyev und seiner Gattin Mehriban Aliyeva höchstpersönlich ein Miniaturmodell seines Teppichmuseums überbracht – sein Vorschlag, für das Prestigegebäude die Form einer Teppichrolle zu wählen, fand prompt Anklang.
24 Stunden später war der Planungsvertrag unter Dach und Fach. Im Mai 2008 erfolgte der Spatenstich für das 40-Millionen-Euro-Projekt am Boulevard von Baku. 2011 wird das an der Prachtstraße der Hauptstadt gelegene Museum eröffnet. „Ich habe jetzt einen Vertrauensvorschuss im Ministerium“, wähnt sich Janz in einem orientalischen Märchen.
Der Teppich-Tüftler war ein echter Pionier in der Kaukasusrepublik. Doch mittlerweile bewerben sich immer mehr österreichische Planer, Baufirmen und Projektentwickler in Baku um Aufträge.
Soeben haben die Stararchitekten von Coop Himmelb(l)au den Wettbewerb für das neue Nationalbankgebäude von Aserbaidschan gewonnen und ziehen damit der internationalen Konkurrenz nach: Museumsgebäude von Zaha Hadid und Jean Nouvel sind bereits in Bau. Hans Peter Haselsteiners Strabag errichtet mit dem Marriott, einem 100-Millionen-Euro-Projekt, ein Prachthotel mitten in der Hauptstadt. Ende Juli wird die Vorarlberger Firma Doppelmayr die ersten Teile für insgesamt neun Seilbahnanlagen liefern, Basisinfrastruktur für ein – von Österreichern – neu geplantes Skigebiet im Nordosten des Landes. Es ist geradezu logisch, dass die einzige Eröffnung einer österreichischen Botschaft im Ausland 2010 dort stattfindet, wo augenscheinlich Dynamik herrscht – in Baku.

Wachstumsinsel. Die Wirtschaft des mit 86.000 Quadratkilometern und 8,6 Millionen Einwohnern ähnlich wie Österreich dimensionierten Landes ist 2009 um 9,3 Prozent gewachsen; rechnet man die Hauptquellen Öl und Gas heraus, bleibt noch immer ein Plus von 3,2 Prozent. Die Weltbank hat Aserbaidschan jüngst als Top-Performer unter den GUS-Staaten, den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, identifiziert: Im „Doing Business“-Ranking sprang die Aliyev-Republik von Rang 97 auf Rang 33 – und liegt damit nur mehr sechs Ränge hinter Österreich.
Was die Geschäftsleute anlockt, sind aber nicht nur die beeindruckenden Wachstumszahlen. Anziehend wirkt auch das Gründerzeit-Feeling inmitten eines schwierig gewordenen internationalen Umfelds. „Es gibt hier viele tolle Projekte und noch tollere Ideen“, schwärmt der osterprobte Maler-Unternehmer Otto Hirsch aus dem oberösterreichischen Leonding. Er hat eben einen Auftrag für das monströse Port-Baku-Projekt ergattert, das Shopping Center, Büroflächen und Wohnungen beherbergen soll. „Eine italienische Firma im Konsortium ist direkt aus Dubai gekommen“, erzählt Hirsch.
Im Kern geht es bei der Neuausrichtung des Landes – wie im Wüstenstaat – um die Frage, wovon Aserbaidschan im Nachölzeitalter leben soll. Seit 2006 fließt die kostbare Brühe aus Baku via BTC-Pipeline über Georgien und die Türkei in den Westen; die Ölproduktion hat sich seit 2004 verfünffacht. Die Vorräte reichen laut Experten rund 25 Jahre. Ein bestimmter Prozentsatz der Öleinnahmen fließt in den Fonds „Sofaz“, aus dem Sozial- und Bildungsprogramme gespeist, aber auch Investitionen getätigt werden, um von Öl und Gas wegzukommen. Aktuell sind dessen Konten mit zwölf Milliarden Euro gut gefüllt. Straßen, Spitäler, aber auch Museen und Parks schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Die Landwirtschaft – sie gilt als Hoffnungsgebiet, weil das kleine Land neun der elf Klimazonen hat – wird derzeit mit Staatshilfe modernisiert. So liefert etwa die oberösterreichische Handelsfirma Wiestrading 2010 fast 2000 Zuchtrinder an aserbaidschanische Agro-Investoren und Landwirte.

Vorbild Österreich. Doch gibt es einen Nukleus, ein Profil des künftigen Aserbaidschan? „Wir wollen möglichst breit aufgestellt sein“, skizziert der aserbaidschanische Botschafter in Österreich, Fuad Ismayilov, und nennt deshalb neben Landwirtschaft und Tourismus auch den Bereich der erneuerbaren Energien als künftiges Standbein: „Insbesondere bei Windkraft und Solarenergie wollen wir auch von den Österreichern lernen.“
Im Zentrum allen Geschehens stehen dabei die Aliyevs. Die Republik Aserbaidschan ist de facto eine Autokratie. Nachdem der 48-jährige Ilham, Sohn des Staatsgründers Heydar Aliyev, 2008 mit fast 89 Prozent im Amt bestätigt worden war, ließ er die Begrenzung der Präsidentschaft auf zwei Perioden per Referendum abschaffen – nun kann er auf Lebenszeit regieren. Die wichtigsten Wirtschaftsentscheidungen trifft Aliyev persönlich, im Kulturbereich spielt auch seine Frau eine wichtige Rolle. Drehscheibe für die spektakulärsten Projekte, von Port Baku bis zum Marriott, ist der von der Präsidentenfamilie kontrollierte Projektentwickler Pasha Construction.

Öl + Gas = explosiv. Dabei gilt der Herrscher nicht nur als wirtschaftlicher Reformer, sondern auch als durchaus engagierter Sozialpolitiker: Die Armutsquote von Aserbaidschan sinkt beständig. „Man gewinnt vor Ort den Eindruck, dass Stabilität und Transparenz deutlicher gegeben sind als in vielen Nachbarrepubliken. Und Aliyev selbst ist ein weltoffener und gebildeter Mann“, urteilt Alon Shklarek, Chef der Wiener Beratungsfirma ASP, die bei Privatisierungsprojekten vor Ort mitmischt. Shklarek ist seit Kurzem Präsident der neu gegründeten österreichisch-aserbaidschanischen Handelskammer.
Die Zukunft des Landes wird in der Hauptsache davon abhängen, ob es dem Regime weiterhin so geschickt gelingt, zwischen Russland und Westeuropa, Orient und Okzident zu balancieren. Denn auch wenn das Regime relativ aufgeklärt erscheint – das Umfeld ist hochexplosiv. „Das geopolitische Risiko ist nicht wegzudiskutieren“, meint Shklarek und verweist auf die 560 Kilometer lange Grenze mit dem Iran im Süden, die verfeindeten Nachbarn Georgien und Russland im Norden und den De-facto-Kriegszustand mit Armenien wegen Nagorno-Karabach. Vor diesem Hintergrund muss Aliyev auch noch die Interessen der Weltmächte über die künftige Energieversorgung des Westens austarieren: Die viel diskutierte Gaspipeline Nabucco soll aus aserbaidschanischen Quellen gespeist werden.
Gelingt der Balanceakt, kann das Land „eine Drehscheibe für den Kaukasus und ein Tor zur ganzen Region werden, ein Singapur Zentralasiens – zweifelsohne eine der kommenden und spannendsten Regionen der nächsten Jahrzehnte“, tönt Shklarek.
Teppichmuseums-Erfinder Franz Janz will die Zeit schon jetzt nutzen. Jüngst hat er wieder einen Wettbewerb in Baku gewonnen – diesmal für ein Instrumentenmuseum. „Es soll ein schwebender, mit Perlmutt verkleideter Riegel werden“, verrät er. Aber mehr dann auch nicht – so ein Vertrauensvorschuss ist schnell wieder weg.

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