Danke, liebe Linkswichser

Wir waren hundsgemein zu den 68ern. Angelika Hager bittet um Entschuldigung für jahrelange Ignoranz und Arroganz.

Was haben wir nicht gelacht über die 68er, damals, als die Achtziger im Höllentempo über uns fegten. Den dünnfedrigen Nickelbrillenträgern mit den Perupullovern, die Flugblätter der Empörung verteilten, wenn ein Kopiergerät auf der Uni den Verdacht auf Rechtslastigkeit erregte, gehörte unser schmunzelndes Mitleid. Mit Feminismus assoziierte man in der „Me-Decade“ (Tom Wolfe) vorrangig borstiges Achselhaar und transusiges Lamento. Ideologie wirkte bestenfalls als Spaßverderber; Lifestyle diente als Religionsersatz. Verhaltenes Gekicher meinerseits, als ein Kollege, dessen bordeauxroter V-Pullover seinen linken Kampfgeist tarnte, bei der Redaktionskonferenz eines Radiomagazins für Studenten flammende Pamphlete gegen die Erhöhung der Mensapreise über den Äther schickte. Der Kollege hieß Alexander Wrabetz und sitzt heute in der Kommandozentrale des österreichischen Farbfernsehens. Der eins­tige "Ho-Ho-Ho-Chi-Minh"-Skandierer Bruno Aigner trägt noch immer keine Krawatte, auch nicht, wenn er heute als rechte Hand des österreichischen Bundespräsidenten Herren wie George W. Bush gegenübersitzt. So viel Luxus muss sein. Selbst wenn André Heller rückblickend noch heute nahezu peinlich berührt ist „von der Lächerlichkeit jener Demonstrationen, die damals oft von den Vätern und Müttern aufgelöst wurden – man holte die Kinder ab, damit sie endlich die Hausaufgaben machen“, muss man Abbitte leis­ten. Für die Arroganz, Ignoranz und Hybris, die man jahrelang den Damen und Herren der Arbeitsgruppe 68 zuteilwerden ließ. Schließlich tanzen wir heute alle in den Verhältnissen, die damals von denen zum Tanzen gebracht worden sind. Den „Linkswichsern“, so der damalige Terminus des ORF-Zentralbetriebsrats Heinz Fiedler für die Roy-Black-subversive Gründungscrew von Ö3, der auch Heller angehörte, haben wir das Ende der Schubladen-Diktatur zu verdanken. Kiffen und Cottage, Hochkultur und Publikumsbeschimpfungen, Frauenbewegtheit und die Liebe zum Mann, Revolution und Rotweine jenseits von Schankperlen-Niveau – all das musste langsam, aber stetig kein Widerspruch mehr sein.

Schablonendenken bekam den Nimbus des Spießigen. Und der Spießer, jener Kleingärtner der Toleranz, war der Todfeind des 68er-Spirits. Ein sozialdemokratischer Bundeskanzler aus großbourgeoisen Verhältnissen, der durchaus auch kein Hehl aus seinen Maßanzügen aus dem Hause Hantak machte, nahm sich Anfang der Siebziger diese und andere „Lausbuben“ zur Brust und verpasste mit ihrer Hilfe dem Land einen Modernisierungsschub. Von diesem Schub der Ära Kreisky werden wir noch heute geistig ernährt.

Der aktuelle Kanzler, einst ein Küsserkönig der Moskauer Erde, trägt beim Hahnenkamm-Rennen einen roten Anorak, der mit einem Logo der „Kronen Zeitung“ verziert ist. Und parliert mit Andreas Treichl, einem der bestbezahlten Manager der Republik, bei Abendessen launig über Rotweine einst, jetzt und übermorgen. Aber ja, auch der Toskana-Sozialismus ist eine drollig-charmante Nachwehe der 68er- Revolution. Basisarbeit für diesen Trend leistete Italiens Gucci-Kommunismus. Italiens Kommunisten waren dafür berühmt-berüchtigt, wesentlich besseres Schuhwerk als die Christdemokraten zu tragen. In jedem Fall ebneten die 68er das Terrain für ein Riesenchaos mit hoch produktiven Auswirkungen. Und prinzipiell sollte man das Leitmotiv des ehemaligen Marxisten und heutigen A-Dichters Robert Schindel verinnerlichen: „Was geht mich Vietnam an, ich hab Orgasmusschwierigkeiten. Prinzipiell wollte ich dazwischen sein. Keine Orgasmusschwierigkeiten, aber Solidarität mit Vietnam.“ In diesem Sinn: Happy Birthday, 68!l

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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