Christliche Effizienz für die Spitalsreform:
Ordensspitäler können als Vorbilder dienen

Ordensspitäler schneiden in Performancevergleichen regelmäßig besser ab als öffentliche Krankenhäuser. In vielen Belangen könnten sie als Vorbild für die Reform des teuren Systems dienen. Aber die Politik mauert.

Früher, erinnert sich Schwester Josefa, gab es bei den Barmherzigen Schwestern mindestens vierzig Neueintritte pro Jahr. Heute ist der Orden schon froh, wenn sich alle drei bis vier Jahre eine junge Frau für den Weg Gottes entschließt. „Und Top-Managerinnen“, seufzt sie, „gehen schon gar nicht in den Orden.“ Trotzdem hat es die Vinzenz-Gruppe, die mittlerweile sieben Ordensspitäler umfasst und seit Jänner als Stiftung auftritt, zu Österreichs größtem privatem Spitalsbetreiber geschafft. Und zu einem der erfolgreichsten noch dazu.

Das operative Geschäft wird heute nicht mehr von Ordensfrauen wie Schwester Josefa getragen. Der strategische Kopf hinter der Gruppe, die im Vorjahr mit 5228 Mitarbeitern 388 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftete, heißt Michael Heinisch. Ein Quereinsteiger – das Berufsbild des Gesundheitsökonomen gab es noch nicht, als Heinisch 2001 zu den Schwestern wechselte. Und vielleicht war das gar nicht so schlecht. Denn Heinisch hatte eigentlich alles, was er brauchte. Berater-Altmeister Fredmund Malik hat den jungen Betriebswirt im Managementzentrum St. Gallen in strategischem Denken geschult. Mit Konzernen umzugehen, lernte er als Chefcontroller der VA Tech. Dazu gesellen sich Fingerspitzengefühl und ein gewisses soziales Interesse.
Innerhalb von neun Jahren schaffte es Heinisch, den Umsatz der Gruppe durch strategisches Wachstum und Neuzugänge – auch andere Orden vertrauten ihm ihre Spitäler an – mehr als zu verdoppeln. Und Sorgenkinder wie das schwer defizitäre Wiener Krankenhaus Göttlicher Heiland sind mittlerweile saniert.
Gewinne erwirtschaftet die gemeinnützige Gruppe nicht. So wie die öffentlichen Spitäler finanziert sich auch die Vinzenz-Gruppe durch eine Mischung aus Leistungsabgeltung und Verlustabdeckung seitens der öffentlichen Hand. Aber es geht darum, wie hoch diese Verlustabdeckung durch den Steuerzahler ausfällt. Und da schneiden die Ordensspitäler in Vergleichsstudien regelmäßig deutlich besser ab als Spitalsträger, die Ländern oder Gemeinden gehören.

Kollaps droht
Auch wenn Gesundheitsminister Alois Stöger einen solchen Vergleich unfair findet, „weil sich die privaten Träger ihr Leistungsangebot aussuchen und die Goodies herauspicken können“ – Faktum ist, dass zum Beispiel die Vinzenz-Gruppe bei vielen Parametern effizienter arbeitet als öffentliche Krankenhäuser: So sind in Letzteren die Operationssäle oft nur 25 Stunden pro Woche in Betrieb (Vinzenz: 48 Stunden). Der Unterschied im Personalaufwand pro Arzt beträgt über 20.000 Euro im Jahr.

Faktum ist auch, dass eine umfassende Spitalsreform dringend nötig ist, erst recht in einer Zeit, in der der Staat wegen der enor­men Verschuldung ein hartes Sparprogramm schnüren muss.
IHS-Spitalsexperte Thomas Czypionka rechnet vor, dass Österreich bei den Spitalskosten die höchsten Zuwachsraten in Europa hat, obwohl es schon jetzt an der Spitze liegt. „Wenn nicht etwas Dramatisches passiert, fährt dieses System gegen die Wand, weil es nicht mehr finanzierbar ist“, warnt Thomas Jozseffi, Aufsichtsratschef der steirischen Spitalsholding Kages. Er wünscht sich, etwa bei der OP-Auslastung oder den Ärzte-Dienstverträgen, Rahmenbedingungen ähnlich jenen in privaten (Ordens-)Spitälern. IHS-Mann Czypionka: „Letztlich geht es nicht um öffentlich oder privat, sondern um die Schaffung von geeigneten Anreizsystemen und Rahmenbedingungen.“ Dafür sind Gesellschaften wie die Vinzenz-Gruppe aber sehr wohl die geeignete Benchmark.
Woran das System in Österreich krankt, ist hinreichend analysiert. Es gibt den österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG), der minutiös Bedarf und Angebot an Spitalsleistungen erhoben und Vorschläge zur Optimierung gemacht hat. Doch wenn es an die Umsetzung ging, fielen vernünftige Vorschläge immer wieder parteipolitischem Hickhack zum Opfer. Jüngstes Beispiel ist die verunglückte Forderung von Finanzstaatssekretär Andreas Schieder nach der Schließung unrentabler Kleinspitäler mit weniger als 300 Betten, die bei den für die Spitäler zuständigen Landesfürsten prompt zu breiter Ablehnung führte und die SPÖ schließlich zum Rückzugsgefecht zwang. Wobei die Größe auch weniger entscheidend ist als die Frage, wie effizient der Betreiber ist. Und da sieht die öffentliche Hand bei allen Größenklassen nicht gut aus.

Ähnliche Leistungen
Hans Jörg Schelling, Präsident der Sozialversicherungen, sagt: „Solange die Spitäler Ländersache sind, befinden sie sich in permanenter Geiselhaft von Landtagswahlen.“ Vinzenz-Geschäftsführer Heinisch ergänzt: „Die große Falle für öffentliche Spitalsträger sind Klientelinteressen und politische Einflussnahme. Die Falle für die Privaten wiederum ist, dass sie alles nur ökonomisch sehen. Beides kann vermieden werden.“ Im Fall der Vinzenz-Gruppe versucht er, den Spagat zwischen Ökonomie und Patientenwohl durch die Implementierung christlicher Werte zu schaffen. So ist die Vinzenz-Gruppe zum Beispiel Vorreiter beim wenig lukrativen Thema Palliativmedizin (würdevolles Sterben). „Die Leistungstiefe von Ordensspitälern liegt in Österreich knapp unter jener von öffentlichen Krankenanstalten, bei den Kosten liegen sie aber um 14 Prozent besser als der Österreichschnitt“, sagt Regina Steinbiller, Geschäftsführerin der Unitas-Solidaris Wirtschaftstreuhand GmbH, die im Auftrag der Ordenshäuser jährlich die offiziellen Spitalsdaten vergleicht. Das Argument des „Rosinenpickens“ alleine trifft also nicht.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt der Rechnungshof, der im Jänner 2010 die orthopädischen Abteilungen zweier öffentlicher Wiener Spitäler mit jener der Barmherzigen Schwestern (Vinzenz- Gruppe) verglich. Bei ökonomischen Kriterien wie Kosten je Patient, Verweildauer oder Operationen je Facharzt führen die Schwestern mit Abstand. Sie sind auch die Einzigen, deren Orthopädieabteilung Gewinn abwirft.
Zwar haben die Schwestern deutlich mehr Privatpatienten. Die Wartezeit auf eine Hüftoperation ist dort doppelt so lang. Und im Leistungsspektrum gibt es Unterschiede. So bieten die öffentlichen Häuser laut Rechnungshof im Gegensatz zum Ordensspital auch kostenintensive Schwerpunkte mit geringen Fallzahlen an, z. B. die Wirbelsäulen-Kinderorthopädie im Donauspital. Einiges von dem, was die Ordenshäuser vorexerzieren, ließe sich trotzdem ohne jeden Qualitätsverlust auf öffentliche Krankenanstalten übertragen.

Am Beispiel OP
Die teuerste Ressource im Spital sind die mit medizinischen Großgeräten bestückten Operationssäle. In vielen öffentlichen Spitälern wird aber nur von 8 bis 13 Uhr operiert, weil die Ärzte dann ihren Nebengeschäften in Privatordinationen oder als Belegsärzte in Privatkliniken nachgehen. „Das ist historisch gewachsen“, erklärt Kages-Aufsichtsratschef Jozseffi, „die öffentliche Hand hat erklärt, wir zahlen wenig, dafür bieten wir euch die Möglichkeit eines Zuverdiensts.“ Das soll nun anders werden: „Sowohl Kages als auch Medizinische Universität Graz sind dabei, ein Nebenbeschäftigungsverbot durchzusetzen.“
Gleichzeitig will Jozseffi mehr Privatpatienten in die öffentlichen Spitäler holen und die Ärzte mit einem Teil der Privathonorare für den entgangenen Nebenverdienst entschädigen.
International sind solche Gepflogenheiten gang und gäbe. Axel Paeger ist Chef der vorwiegend in Deutschland tätigen privaten Ameos-Gruppe. Er übernimmt laufend Spitäler von der öffentlichen Hand, und eines der ersten Dinge, die er dort implementiert, ist die Änderung der Dienstverträge. Die Ärzte müssen dort alle Rechte auf Privathonorare an den Spitalsträger abtreten. Dafür bekommen sie Boni für qualitative Zielvorgaben, die sich an der Gesamtheit der Patienten und nicht nur an den Privatpatienten orientieren. Alles andere, so Paeger, sei unethisch und setze falsche Anreize.
Die fortschrittlicheren unter Österreichs Spitalsärzten zeigen sich solchen Modellen gegenüber durchaus aufgeschlossen. Denn Arbeitszeiten wie jetzt, wo manchmal absurde 49-Stunden-Dienste (Nacht und Wochenende) mit 6-Stunden-Diensten alternieren, drücken auch den Ärzten aufs Gemüt. Ronald Gallob, Kuriensprecher der angestellten Ärzte in der niederösterreichischen Ärztekammer: „Wir wollen Arbeitszeiten, die sinnvoll sind, und eine faire Entlohnung. Damit würde das Interesse an Nebenbeschäftigungen schlagartig sinken.“
Enorme Einsparungsmöglichkeiten ergeben sich auch durch Kooperationen und zielgerichtetes Outsourcing. So konnte die Vinzenz-Gruppe in Linz durch die Abstimmung des medizinischen Angebots mit dem benachbarten Krankenhaus der Barmherzigen Brüder fünf Millionen Euro jährlich sparen – ohne Qualitätsverlust. Und in Wien werden Tätigkeiten wie Zentrallabor oder Mikro­biologie, die nicht unbedingt vor Ort gebraucht werden, sukzessive zentralisiert. Die Zusammenfassung der Sterilisation des OP-Bestecks für alle fünf Wiener Vinzenz-Häuser war so erfolgreich, dass die Gruppe hier laut Rechnungshof nur auf ein Viertel der Kosten in öffentlichen Krankenanstalten kommt.
Solche Benchmarks werden sich aber nicht durchsetzen, solange die Verluste der öffentlichen Spitäler ganz automatisch von den Ländern oder Gemeinden abgedeckt werden.

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