Bluten für die 'kranken Häuser'

Zu viele Akutbetten und zu wenig Planung, zu viele kleine Krankenhäuser, zu wenig Effizienz und ein Einsparungspotenzial von 2,9 Milliarden Euro: Die Diagnose liegt auf dem Tisch, doch Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky hat keine Rezepte.

Landesrätin Zanon hat geglaubt, dass sie die Strukturprobleme des Landes Tirol löst, indem sie uns zusperrt. Aber Kitzbühel darf nicht Bauernopfer werden.“ Klaus Winkler, Bürgermeister der Promi-Hauptstadt Kitzbühel, kann nach den Landtagswahlen vom 8. Juni wieder hoffen. Aus dem Stand schaffte die Liste des „Alpenrebellen“ Fritz Dinkhauser dort Platz eins; der einzige Grund für den lokalen Umsturz von ÖVP zu „Fritz“: der Polit-Streit um das Ortskrankenhaus. Gesundheitslandesrätin Elisabeth Zanon (ÖVP) hatte verfügt, das Spital Ende 2009 endgültig zu schließen – was die stolzen Kitzbüheler zutiefst kränkte. Der Bürgermeister, ein „Parteifreund“ Zanons, ging wütend auf Distanz zur Landespolitik, Siegfried Nagl, der Primar des Krankenhauses, kandidierte trotzig für Dinkhauser – das ÖVP-Debakel war perfekt. Schlagender hätte der Beweis nicht ausfallen können: Krankenhausschließungen können politische Erdbeben auslösen. Die Lehren, die Landespolitiker aus dem lokalen Desaster ziehen werden: Gesundsparen bei Krankenhäusern? Nie mehr wieder.

Am Kitzbüheler Beispiel wird das Dilemma der österreichweit anstehenden „Operation Spitalsreform“ jedenfalls überdeutlich sichtbar. Denn während die Kitzbüheler verzweifelt um das Leben ihres Mini-Spitals kämpfen, glauben sämtliche Experten, dass es mit seinen vierundneunzig Betten viel zu klein und zu schwach ist, um überleben zu können. „Solche Krankenhäuser braucht niemand“, sagt der Spitals-Consulter Christian Bauer klipp und klar. Kitzbühel: Das fällt eindeutig unter jene 15 bis 20 Prozent der heimischen Krankenanstalten, die der Gesundheitsökonom Christian Köck dringend geschlossen sehen möchte – aus Kosten- und Qualitätsgründen.

Die Diagnose ist in Kitzbühel, aber auch bundesweit, bereits erstellt: Österreich hat im EU-Vergleich zu viele zu kleine Krankenhäuser. Es werden viel zu viele Akutbetten vorgehalten (siehe Grafik Seite 45). Es gibt, weil das Angebot so hoch und so dicht ist, zu viele Einweisungen, zu viele „stationäre“ Aufenthalte – auch im Vergleich zu Ländern, deren Gesundheitssystem anerkannt gut ist. Das alles zusammen kostet viel Geld: Der Rechnungshof errechnet für Österreichs Spitäler satte 2,9 Milliarden Euro Einsparungspotenzial. Pech für„Kitz“ ist, dass ausgerechnet hier ein erstes Spar-Exempel statuiert werden sollte; Pech auch, dass dafür das Krankenhaus im nur wenige Kilometer entfernten St. Johann ausgebaut werden soll. Zusammenarbeit der beiden Spitäler, gemeinsame Verwaltung unter einem Dach? „Alles probiert“, sagt Bürgermeister Winkler, im Privatberuf Steuerberater und deshalb mit Zahlen wohl vertraut, „aber die Nachbargemeinden haben alle einen Kitz-Komplex.“

Das heißt: Streit trennt ihn vom Bürgermeister in St. Johann. Auch die übrigen Lokalpolitiker des Bezirks gönnen dem noblen Jetset-Ort nicht einmal ein halbes Krankenhaus. Für die meisten Kitzbüheler hingegen ist es schon aus Prestigegründen ein absolutes Must: „Bei uns gibt es seit dem Jahr 1412 ein Spital. Da geht es auch nicht um die Schließung irgendwelcher Postämter, sondern um Leben und Tod“, argumentiert Winkler volksnah.

Aus bundespolitischer Sicht steht hingegen außer Zweifel, dass Doppelstrukturen wie diese dringend amputiert gehörten. Der Rechnungshof nennt immer wieder die akuten Problemfälle: die Krankenhäuser Hainburg und Kittsee etwa, die auch ganz nah beieinanderliegen, aber durch den Eisernen Vorhang zwischen Niederösterreich und dem Burgenland voneinander getrennt sind – und deshalb niemals zusammenarbeiten werden. Oder: die Häuser in Oberwart (Burgenland) und Hartberg (Steiermark). Die Milliarden strömen weiterhin ungebremst, der Steuerzahler blutet kräftig – zumindest im übertragenen Sinn. Und die Politik ist säumig. Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky versprach bereits für kommenden Herbst einen Startschuss für die Spitalsreform. Sie spricht von drei Milliarden Euro „Effizienzsteigerungspotenzial“. Beklagt die „Spitalslastigkeit“ des heimischen Gesundheitssystems sowie die Tatsache, dass es „zu viele Akut- und zu wenige Rehabilitationsbetten“ gebe. Und fordert – wohl von sich selbst – „Synergien und Schwerpunktsetzungen“.

Und: Sie versprach auch eine Überarbeitung des „Österreichischen Strukturplans Gesundheit“, des bundesweiten Gesundheits-Rahmenplans. Doch dessen Realisierung ist in Wahrheit noch gar nicht absehbar. „Er wird kommen, es gibt aber keine Deadline. Jetzt sind einmal die Länder aufgerufen, regionale Strukturpläne zu entwickeln“, sagt Kdolskys Sprecher auf Anfrage. Für eine der profundesten Kennerinnen des heimischen Krankenhaus-(Un-)Wesens, die Gesundheitsökonomin Maria Hofmarcher vom IHS, wäre aber genau die Belebung dieses Strukturplans eine letzte große Hoffnung, den Reformprozess endlich in Gang zu bringen. „Es ist schon so viel Geld in die Entwicklung hineingeflossen, das liegt jetzt brach“, klagt sie. Nur mithilfe eines detaillierten Plans könne man Über- und auch Unterversorgungen festmachen, könne man die Länder in die Pflicht nehmen.

Genau das geschieht aber nicht. Im Ministerium denkt man gar nicht daran, mit den Ländern neue Verhandlungen über den bis 2013 paktierten Finanzausgleich anzuzetteln, in dem die Finanzierung der Landeskrankenhäuser durch den Bund fixiert wurde. Und vertreibt damit die letzte Hoffnung auf eine finanziell wirksame Gesundheitsreform. „Das Krankenhaus der Stadt Kitzbühel liegt am Fuß des Kitzbüheler Horns und damit in einer der schönsten Lagen Kitzbühels. Traumhaft der Blick zum Hahnenkamm und damit auf die Streif-Rennstrecke …“ Blumig wirbt das kleine Krankenhaus via Internet um Kundschaft. Während es im Winter der Rettungshubschrauber in Permanenz anfliegt und drinnen emsig Kreuzbänder geflickt, Oberschenkelknochen genagelt und Schulterluxationen eingerenkt werden, liegt in der warmen Jahreszeit träumerische Stille über dem kleinen Spital. Die scheinbare Idylle lässt dem kühlen Rechner freilich den kalten Schweiß auf die Stirn treten. Spitalsberater Bauer weiß, was die Vorhaltung von Personal rund um die Uhr – hier und auch anderswo – kostet, weiß, was es bedeutet, wenn teures medizinisches Gerät nur fallweise zum Einsatz kommt. Er sieht, was andere nicht sehen: dass planerisches Chaos in Österreichs Spitälern an der Tagesordnung ist. Vor allem kritisiert er die oftmals chaotischen Abläufe im Operationssaal. „Die Chefs halten sich oft nicht an vorgegebene Pläne. OP-Mannschaften müssen warten, werden umgeplant, müssen ohne dringende Notwendigkeit Überstunden machen.“

Unterstützung erhält er von IHS-Ökonomin Hofmarcher , die vor ihrer wissenschaftlichen Karriere mehrere Jahre als Krankenschwester im Wilhelminen- und St.-Anna-Kinderspital arbeitete und so das System ganz besonders gründlich kennen lernte. „Es kommt schon vor, dass die Operation um halb acht angesetzt ist, und der Chirurg kommt erst um zehn.“
Überhaupt das Personal. Sechzig bis siebzig Prozent der Spitalskosten entfallen auf das Personal; wenn wo gespart werden kann, dann hier. Christian Köck, dessen Health Care Company in Bad Gleichenberg soeben das noble Kurhaus Life Medicine Resort eröffnet, schlägt „Outsourcing“ in großem Stil vor. Was allerdings Personalabbau bedeuten würde und schon im Vorfeld erbitterten Widerstand von mächtigen Personalvertretern auslöst.

Nochmals zurück nach Kitzbühel. Primarius und Neo-Politiker Siegfried Nagl hat sich noch lange nicht mit der Schließung seines Hauses abgefunden. Ganz im Gegenteil: Er will jetzt die „Kos­tenstruktur optimieren“ und sogar einen Zweig „Plastische ­Chirurgie“ eröffnen. Von Resignation keine Spur – und das hat seinen tieferen Grund. Bürgermeister Winkler plant nämlich ein letztes, groß angelegtes Reanimationsprogramm. Er möchte sein kleines Krankenhaus in ein feines privates Sportspital verzaubern, in dem die besten Sportmediziner des Landes ihre Profi- und Promi-Klientel schneiden, nähen und therapieren können. Damit die einfachen Krankenkassa-Bürger auch etwas vom elitären Nobelklinik-Plan haben, soll eine Notfallambulanz öffentlich zugänglich bleiben. Und: Damit kein Kitzbüheler Wadenbeinbruch nach St. Johann abgeschoben werden muss, will Winkler aus der Gemeindekasse für alle Ortsbewohner die private Unfall-Zusatzversicherung bezahlen. Was in Summe mindestens 400.000 Euro pro Jahr kosten dürfte.
Noch ist völlig offen, ob der Privatisierungs-Modellversuch überhaupt gestartet werden kann – „wir brauchen vom Land noch die Genehmigung“, sagt Winkler. Health-Care-Boss Köck jedenfalls glaubt, dass das heimische Spitalswesen grundsätzlich an privaten Betreibern genesen könnte. Der Kitzbüheler Bürgermeister, der vergangenes Jahr rund vierzig Kilo abgespeckt hat und nunmehr, dank Skitouren- und Montainbike-Trainings, vor Gesundheit nur so strotzt, sieht die Überlebenschancen seines Spitals-Patienten jedenfalls optimistisch: „Wir haben vier bis fünf potente Betreiber als Interessenten an der Hand. Über den Sommer muss die Lösung stehen. Wir wollen schon kommenden Winter mit dem neuen Modell starten.“

Von Othmar Pruckner

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